Paris im Januar

Die Rückkehr auf den alten Kontinent


17. Januar 2014
Frankreich
3 Kommentare

Paris. Paris. Graue Wolken begrüßen uns an diesem Januarmorgen über dem Flughafen Orly. Unsere Maschine einer karibischen Fluggesellschaft steckt mitten in einem schmutzig-grauen Bausch, dringt aus ihm hervor und befindet sich schließlich nur noch wenige Meter über der Landebahn. Die letzten neun Stunden haben wir in dieser fliegenden Sardinenbüchse verbracht. Neun Stunden, in denen wir eigentlich schlafen wollten, aber es dann doch nicht konnten. Zu kalt, zu unbequem, zu wenig Platz. Mit steifem Hals und dunklen Augenringen verlassen wir das Flugzeug. Ein Schauer durchzieht meinen Körper. Europa im Winter. Darauf sind wir dann doch nur bedingt eingestellt. Während der letzten Monate in der Karibik hatte sich unsere innere Wohlfühltemperatur merklich nach oben verschoben. Jetzt müssen wir mit einem Gefälle von mehr als 30°C zurechtkommen. Der erste Schock zurück auf dem alten Kontinent ist ein Temperaturschock.

In den Straßen der Stadt fällt leichter aber unablässiger Nieselregen. Kalte Tropfen treffen unsere Gesichter. Die Feuchtigkeit zieht bis unter die Kleidung. Wasser sammelt sich zu Pfützen.

in den Straßen von Paris

in den Straßen von Paris

in den Straßen von Paris Hinterhof in Paris

Vor ein paar Stunden schlenderten wir an meterhohen Palmen vorbei und krochen durch die üppige Vegetation des südamerikanischen Dschungels rings um Cayenne. Wenn wir überhaupt Schuhe trugen, dann höchstens Flip Flops. Nun stecken meine Füße in nassen, vom Regen aufgeweichten Halbschuhen, deren Sohlen hauptsächlich aus Löchern verschiedener Größen bestehen. Zwei Jahre erwiesen sie mir gute Dienste, doch schon seit einigen Monaten klaffen überall im Material nicht zu übersehende Risse. Das, was da unten meine Füße umgibt, ist als Schuh nur noch durch die Form, aber keinesfalls durch die Funktionalität zu erkennen. Nur weil ich mich irgendwann einmal dunkel erinnerte, in Europa nicht ständig in Flip Flops unterwegs gewesen zu sein, trage ich die Fetzen überhaupt noch bei mir.

Tatsächlich macht es im Moment aber gar keinen Unterschied. Meine Füße sind eiskalt und klatschnass. Aus Ermangelung an winterfester Kleidung trage ich vier T-Shirts übereinander. Dazu eine Regenjacke. Doch gegen die Kälte komme ich damit kaum an.

Seine - Paris

die Seine

Wir treffen unseren Gastgeber Fabién in seiner Wohnung etwas außerhalb des Stadtzentrums. Natürlich hätten wir auch gleich die Weiterfahrt nach Deutschland antreten können. Nach über zwei Jahren in Südamerika gäbe es genügend Gründe dafür. Doch da wir schon einmal in Paris landen, bleiben wir auch ein paar Tage. In gewisser Weise ist das nur konsequent, denn als Hauptstadt Frankreichs ist Paris auch die Hauptstadt sämtlicher Übersee-Departements zu denen auch Französisch-Guayana zählt. Paris ist somit irgendwie auch ein kleines bisschen südamerikanisch.

So spazieren wir durch die Stadt, entlang der Seine, unter dem Eiffelturm hindurch und über die berühmte Pont Neuf. Wir stehen vor dem Triumphbogen, besuchen den Louvre, fotografieren die Menschenmasse vor der Mona Lisa (vermutlich die einzige Menschenmasse vor einem historisch bedeutsamen Gemälde weltweit), essen Käse und Baguette und machen all die touristischen Dinge, die man unbedingt in Paris machen sollte.

Paris

Notre Dame hat es uns dabei besonders angetan. Die altehrwürdige Kathedrale auf der Île de la Cité, dem Gründungsort der Stadt, besuchen wir beinahe täglich. Dass das überhaupt möglich ist, so erzählt der Volksmund, verdanken wir ganz allein Victor Hugo und seinem buckligen Romanhelden Quasimodo.

Es heißt, dass die gotischen Mauern von Notre Dame nach der Französischen Revolution so sehr verhasst sind, dass die Kathedrale dem Erdboden gleichgemacht werden soll. Die Mutterkirche des Erzbistums Paris gilt vielen Franzosen als Symbol der alten Macht. Eigentlich ist der Abriss schon so gut wie beschlossen, doch dann erscheint Hugos Der Glöckner von Notre Dame. Das Buch wird ein grandioser Erfolg und die Kathedrale, als zentraler Ort der Geschichte, ist plötzlich wieder beliebt.

Es wäre auch zu schade gewesen, wenn wir die vielen Reliefs, biblischen Darstellungen, Exzesse, Orgien, Monster und Dämonen, die die Fassade des Gotteshauses schmücken, nicht zu Gesicht bekommen hätten. Rund um das gewaltige Eingangstor der Kirche sind so viele Geschichten im Stein verewigt, dass sie problemlos Stoff für dutzende weitere Romane liefern könnten.

Von den Legenden über die Wasserspeier, den Gargoyles und Chimären oben auf dem Dach und den Erkern ganz zu schweigen. In schwindelerregender Höhe schauen die fantastischen Wesen auf die Erde hinab. Sie sind die Hüter Notre Dames. Erbaut als Abflusssystem für das Regenwasser, sagt man ihnen auch eine Schutzwirkung vor bösen Geistern nach.

Dass diese Geister tatsächlich existieren, zeigt eine kleine Geschichte aus der unmittelbaren Umgebung des Gotteshauses. Im 14. Jahrhundert grenzt ein Viertel an die Kathedrale. Klein und fein ist es. Zugang erhalten nur der Adel und Mitglieder der Kirchengemeinschaft. Frauen sind offiziell nicht erlaubt.

Das Viertel wird allgemein als die verbotene Stadt bezeichnet. Und was in der verbotenen Stadt passiert, bleibt in der verbotenen Stadt. Das denkt sich damals auch der Barbier, der ein Hinterzimmer seines Hauses in der verbotenen Stadt an Klosterschüler verpachtet. Auch sein Nachbar, der Bäcker, hat ganz offensichtlich das gleiche Gedankengut.

Das nun ab und an Klosterschüler spurlos aus der Obhut des Barbiers verschwinden, bringt zunächst niemand in einen Zusammenhang. Doch dann platzt die Bombe. Die Klosterschüler verschwinden nicht einfach – sie werden zu Pastete. Menschenfleisch in kleinen Kuchen. Der Skandal ist groß und die Täter schnell bestraft. Barbier und Bäcker werden für ihre schaurig-schrecklichen Machenschaften lebendig vor ihren Geschäften verbrannt.

Heute erinnert die englische Legende von Sweeney Todd noch immer an die Ereignisse aus der verbotenen Stadt.

in der verbotenen Stadt - Paris

in der verbotenen Stadt

Notre Dame und die Seine

Notre Dame und die Seine

Dass das Papier auf dem Frankreichs Geschichte geschrieben steht mit einigen Blutspritzern versehen ist, ist nun nicht gerade neu. Der gepflegte Widerstand hat eine lange Tradition. Die Menschen besingen es in ihrer Hymne und wenn es dann mal ein bisschen gewalttätig wird, dann gehört das halt dazu. Ein Mahnmal für diesen urfranzösischen Esprit befindet auf dem Hügel Montmartre im Norden der Stadt: Die Kirche Sacré-Cœur.

Was war geschehen? Da kämpfen also die Preußen gegen die Franzosen und erobern das Land. Ganz Frankreich ergibt sich. Ganz Frankreich? Nein. Eine kleine Stadt, namentlich Paris, mit widerspenstigen Bürgern kämpft einfach weiter. Ausgehend von Montmartre, dem höchstgelegenen Punkt in der Umgebung, verteidigen sie Paris gegen die eigenen Truppen der französischen Zentralregierung.

Dass so ein Kampf verloren gehen muss, ist beinahe selbstverständlich. Als Reaktion auf den Widerstand errichten die konservativen Kräfte des Landes nach der Zerschlagung des Aufstandes Sacré-Cœur. Mitten im Herzen der Revolution. Für viele Pariser ist die Kirche bis heute so etwas wie die Brandnarbe – eine schmerzhafte Erinnerung an erlittenes Leid und Unterdrückung.

Sacré-Cœur

Sacré-Cœur

Montmartre - Paris

Montmartre: Blick auf Paris

Doch Montmartre ist mehr als ein verlorener Kampf. Im 19. Jahrhundert tummelt sich im Dorf, noch vor seiner Eingemeindung in die Hauptstadt, die künstlerische und literarische Elite Europas. Das Leben hier ist gut und günstig, was Renoir, van Gogh, Picasso und viele andere zu schätzen wissen. Kabaretts und Tanzlokale wie das berühmte Le Chat Noir oder Le Moulin Rouge tragen wesentlich zum liberalen Ruf Montmartres bei.

Le Moulin Rouge

Le Moulin Rouge

Mittlerweile ist Montmartre für Paris so etwas wie der Prenzlauer Berg für Berlin. Das Viertel ist vor allem bei der jungen urbanen Mittelschicht beliebt. Bobos sind das Pariser Pendant der Berliner Hipster – Menschen die in Cafés und Restaurants sitzen und so tun, als wären sie individuell.

Montmartre ist geradezu übersät mit Bobos. Sie spazieren durch die kopfsteingepflasterten Gassen des Hügels, entlang der alten Gemäuer des ehemaligen Dorfes. Sie schlürfen Bio-Karamell-Cappuccino in kleinen Cafés, vor denen selbst im Winter Stühle und Tische stehen, und knabbern an veganen Rote Beete-Cupcakes. Alles für die Selbstdarstellung.

Natürlich lassen sich die Bobos auch exklusiven Rotwein schmecken. Dem Zeitgeist entsprechend am liebsten aus biologisch einwandfreier Produktion und direkt aus der Nachbarschaft. Wie gut, dass zwischen all den Bobos eine kleine Künstlerkommune in Montmartre Paris‘ einzigen innerstädtischen Weinberg betreibt. Die Produktion der Commanderie du Clos Montmartre ist klein und exquisit. Der Wein, nun ja – was ihn besonders auszeichnet ist sein Anbaugebiet.

Gleich nebenan, auf der Place du Tertre unterhalb Sacré-Cœurs, sitzen tagtäglich die Künstler der Neuzeit. Maler und Karikaturisten. Einen Picasso sucht man vergebens. Dafür sind die Persönlichkeiten auf ihren Klappstühlen häufig schlecht gelaunt, verschanzen sich hinter ihren Staffeleien und wünschen all diejenigen zum Teufel, die ihre Arbeiten nur anschauen, aber nicht kaufen wollen.

Damit wirken sie ähnlich sympathisch wie die Kellner im Café les deux moulins am Fuße Montmartres. Das Lokal, berühmt durch den Film Die fabelhafte Welt der Amélie, ist bei Touristen sehr beliebt und bei Einheimischen sehr berüchtigt. Die einen fühlen sich wie im Film, die anderen rügen den unfreundlichsten Service der ganzen Stadt.

Ein paar Tage erkunden wir die Stadt, in die man sich selbst an kalten verregneten Januartagen verlieben kann. Plätze, Straßen, Gebäude – alles strahlt eine gewisse Eleganz aus. Paris ist schick, durch und durch, und bleibt dennoch stets atmosphärisch. Egal ob vor den großen Sehenswürdigkeiten, auf einer Parkbank zwischen Wohnhäusern oder im jüdischen Viertel in Marais.

So ergibt es sich, dass wir langsam auch mit dem Kopf wieder in Europa ankommen. Plötzlich werden Fahrpläne minutengenau eingehalten – Wie verrückt ist das? Im Verkehr wird halbwegs Rücksicht auf Fußgänger genommen – Völlig abgefahren! Und die Menschen wirken wieder etwas gehetzter, abgespannter, sorgenvoller – Schade eigentlich.

Unser gedankenloses Treiben durch die Stadt nimmt ein Ende. Wir sind wieder fokussiert und verabschieden uns von unserem Gastgeber Fabién. Endlich, endlich machen wir uns auf den Weg nach Deutschland.

Per Anhalter nach Köln

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  • Tabea
    21. September 2014

    Hey,
    erstmal: Respekt für eure Tour durch Südamerika… der Hammer 🙂
    Aber wo sind denn jetzt die ganzen alten Reiseberichte?
    Da ich ab Oktober ebenfalls in Südamerika unterwegs bin, wollte ich die Berichte ein wenig als Inspiration verwenden…
    Liebe Grüße und ganz viele tolle Erlebnisse auf dem Weg nach Indien!! 🙂


    • nuestra america
      24. September 2014

      Unsere Südamerikaberichte werden im März 2015 als Buch veröffentlicht. Dann gibt es unsere Abenteuer endlich auf Papier. 🙂