Wandern in der Everestregion Nepals 2/3

Der Everest Base Camp Trek: Von Namche Bazaar nach Gorak Shep


23. Februar 2016
Nepal
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Im Sagarmatha Nationalpark, mitten im Himalaya im hohen Norden Nepals, sind wir auf dem Weg ins Basislager des Mount Everest. In 12 Tagen werden wir 124 km in extremer Höhe wandern, über breite Waldpfade und scharfkantige Gletscher laufen, 2.695 Höhenmeter überwinden und unsere Widerstandsfähigkeit von der eisigen Kälte auf den Prüfstand stellen lassen. Wir sind bereits seit drei Tagen in der Everestregion unterwegs und mittlerweile auf knapp 3.500 Höhenmetern angelangt. Nun passieren wir die Baumgrenze und verschwinden im vielfältigen Grau der majestätischen Gipfel.

 

Tag 4 • Start: Namche Bazaar (3.420 m NN) • Ziel: Tengboche (3.870 m NN) • Distanz: 10 km • Gehzeit: 4:00 h • Aufstieg: 750 m • Abstieg: 350 m

Als gegen kurz nach 6 der Wecker klingelt, schlüpfen wir schnellstmöglich aus dem Schlafsack in alle warmen Kleidungsschichten, die wir haben. Auf fast 3.500 Metern möchte man um diese Uhrzeit am liebsten noch lange nicht aufstehen müssen, doch wir wollen die klare Morgenluft nutzen, um das spektakuläre Bergpanorama zu genießen. Außerdem erhoffen wir uns einen kleinen Vorsprung vor der großen Menge der Wanderer, die wie wir auf dem Weg zum Basislager des Mount Everest sind.

Wir sitzen im Aufenthalts- und Essensraum in unserer Unterkunft, der gleichzeitig auch Schlafraum und Wohnzimmer einer vierköpfigen Familie ist. Die Wände sind über und über mit Fotos und Erinnerungen aus dem Familienleben bestückt: Zeugnisse und Urkunden, alte Schwarz-Weiß Fotos und viele kitschige Portraits, die die Familienmitglieder vor einer Fototapete zeigen.

Unser Frühstück wird von der Mutter in der kleinen Küche nebenan zubereitet. Dort sitzt auch der Vater und schickt mit seiner alten Stimme rhythmisch monotone und beruhigende Mantragesänge durch das ganze Haus, bis hinauf zu den Gästezimmern in der ersten Etage. Als wir im Aufenthaltsraum unsere kalten Finger endlich eng um ein Teeglas schließen, laufen im kleinen Fernseher in der Ecke indische Seifenopern. In der anderen Ecke des Raumes schläft die jugendliche Tochter unter einer schweren Wolldecke auf einer Matratze auf dem Boden.

Um 7 Uhr stehen wir in der eisigen Morgenluft mitten in Namche Bazaar und freuen uns sogar über den kurzen und anstrengenden Anstieg, der uns aus dem Ort hinausführt. Noch vor Sonnenaufgang können wir so unsere vor Kälte bibbernden Glieder ein wenig aufwärmen.

Schnell befinden wir uns wieder mitten in den Bergen. Tief unter uns fließt der Dudh Kosi. Klein und unscheinbar wirkt er im Angesicht der mächtigen, grün behangenen Felsen, die ihn auf beiden Seiten umgeben. Bald geht über dem Tal die Sonne auf, taucht die Gipfel am Horizont in warme, schwere Farben. Der Pfad schlängelt sich ebenmäßig in weichen Kurven über dem Tal entlang und wir schauen der Sonne dabei zu, wie sie langsam hinter den Bergen auftaucht.

Das farblose Schwarz der Felsen nimmt langsam Farbe an. Das dunkle Grün des Rhododendrons und der Wacholdersträucher hebt sich von den Brauntönen des Waldes und dem grau schimmernden Gestein ab. Dahinter leuchten die weißen, eindrucksvoll geformten Spitzen einer prächtigen Bergkette mit den Gipfeln des Ama Dablam (6.812 m), Lhotse (8.516 m), Thamserku (6.623 m) und Mount Everest (8.848 m). Über uns strahlt der blaue Himmel so zauberhaft, wie er es wohl nur hier in den Bergen des höchsten Gebirges der Welt vermag.

Mount Everest Base Camp Trek

Wandern im Himalaya

Mount Everest Base Camp Trek

schäumender Dudh Kosi

Immer weiter laufen wir durch den Wald auf die atemberaubende Bergkulisse zu. Der Weg ist breit und steinig. Wo der eisige Wind unablässig die Hänge peitscht, machen die Nadelbäume einen zerzausten Eindruck. Nichts trügt hier die Schönheit der Natur. Anders als in der Conservation Area rund um das Annapurnamassiv, wo jede Menge Plastikmüll entlang des Weges die Ästhetik der Landschaft besudelt, ist der Sagarmatha Nationalpark überraschend sauber. Tatsächlich begegnen uns Mitarbeiter des Nationalparks, die mit Müllsack und Greifzange ausgerüstet, die Wanderwege von jedwedem Unrat bereinigen, der von Einheimischen oder Touristen hier herauf gebracht wird. Mit öffentlichen Mitteln gefördert, funktioniert die Erhaltung der Natur im Nationalpark wesentlich besser, als in anderen Schutzgebieten Nepals.

Der Pfad führt uns ein gutes Stück bergab und bald wandern wir auf Augenhöhe zum Dudh Kosi, der eisig und schäumend durch das Tal fließt. Wenig später erreichen wir Lawichasa. Hier beginnt ein anstrengender zweistündiger Aufstieg. Im Zick-Zack erklimmen wir Meter um Meter und folgen einem Pfad, der uns durch einen Rhododendronwald bis nach Tengboche hinauf führt, unser Ziel für den heutigen Tag.

Mit jedem Schritt nähern wir uns den Himalayariesen, die nun zum Greifen nah über dem Tal hervortreten und nicht aufhören wollen zu wachsen. Eine Yak-Herde taucht vor uns auf, trottet im Minimaltempo vor sich hin.

Die massigen Tiere machen hier und da immer wieder kleine Fresspausen und beißen in appetitlich wirkendes Buschwerk am Wegrand. Der Jugendliche, der die Herde antreibt, ist selbst weit hinter die Tiere zurückgefallen und auch wir stecken irgendwie fest. Egal, wie wir es auch anstellen, wir kommen einfach nicht an den Yaks vorbei. Mit ihren mächtigen Körpern beanspruchen sie die komplette Breite des Pfades. Wir stehen im Stau. Den Yaks hilflos auf die haarigen Hinterläufe blickend, verlangsamen wir gezwungener Maßen unser Tempo, bis der vor sich hin trällernde junge Hirte die Yakherde endlich wieder zu ein wenig mehr Tempo animieren kann.

Unseren Träger Ram treffen wir immer wieder an einer der vielen Chautaaras, den kleinen Rastplätzen. Trotz des schweren Rucksacks auf seinem Rücken, steigt der drahtige Mann, der nur wenige Worte Englisch spricht, leichtfüßig den steilen und anstrengenden Weg hinauf, während wir weit hinter ihm kräftig schnaufen müssen.

Endlich erreichen wir unser Tagesziel Tengboche, die älteste nepalesische Siedlung des traditionsreichen Stammes der Sherpa. Auf fast 3.900 Metern gelegen, ist Tengboche eine klitzekleine Ansammlung von Häusern: einem Bäcker, weniger als einer Handvoll Gasthäuser und einem lilafarbenen tibetischen Kloster, in dem Mönche ihre Mantras murmeln. Es ist das größte Kloster in der Khumburegion und essenziell für Sherpa und Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel des Everest. Hier werden die Götter um Beistand für den schwierigen, viel zu oft tödlich endenden Aufstieg gebeten.

Doch das wirklich Tolle an Tengboche ist das Bergpanorama, welches den winzigen Ort um beinahe 360 Grad umschließt. Wir sind den Gipfeln nun so nah, wie nie zuvor. Man muss den Kopf nach oben werfen und sich freudig im Kreis drehen, um sie alle betrachten zu können.

Es ist noch früh, erst 12 Uhr, als wir den Ausblick auf die Spitzen von Everest und Co. bestaunen, doch die ersten Wolken in der Ferne, verkünden bereits, dass von diesem bezaubernden Bergpanorama in kurzer Zeit nichts mehr zu sehen sein wird.

Mount Everest Base Camp Trek

Tengboche mit Ama Dablam (zentral) und Mount Everest (links)

Mount Everest Base Camp Trek

Tengboche mit dem buddhistisch-tibetischen Kloster

Und so kommt es. Als wir nach dem Mittagessen auf einen nahegelegenen Hügel steigen, zieht Wind auf und in wenigen Minuten verschwindet erst der eine und dann der andere Gipfel in einem tiefen Wolkensumpf. Wir verkriechen uns unter unseren Decken in unserem spartanischen Zimmer und warten bis am frühen Abend der Ofen im Aufenthaltsraum unseres Hotels entfacht wird.

Die Unterkunft ist günstig und beliebt, das Essen einfach aber lecker und so verbreitet sich im Aufenthaltsraum schnell eine gelöste Stimmung. Ein paar junge Wanderer aus Südamerika sind auf ihrem Rückweg nach Lukla hier untergekommen. Sie feiern das baldige Ende ihrer Wanderung mit etlichen Bieren, singen zu ihrem Gitarrenspiel und unterhalten damit nicht nur die übrigen Gäste, sondern auch eine Handvoll Einheimische, die hier abwechselnd die Hände am warmen Ofen oder am heißen Tee aufwärmen.

 

Tag 5 • Start: Tengboche (3.870 m NN) • Ziel: Dingboche (4.360 m NN) • Distanz: 11 km • Gehzeit: 3:50 h • Aufstieg: 580 m • Abstieg: 70 m

In Tengboche, auf fast 3.900 Meter, ist der Komfort von fließendem Wasser Geschichte. Neben der Kloschüssel steht ein riesiger schwarzer Bottich, mit dessen Hilfe man die Toilette spült. Über dem Waschbecken hängt ein Kanister mit einem kleinen Wasserhahn, aus dem ein wenig eiskaltes Wasser tröpfelt. Um 6.30 Uhr benetzen wir so unsere müden Gesichter, um dann flink hinunter zum warmen Ofen und heißen Tee zu rennen.

Wie immer stehen wir um 7 Uhr morgens bereits vor der Tür unseres Gasthauses.

Der Tag beginnt mit der Aussicht auf das fantastische Bergpanorama, von dem wir noch immer nicht genug bekommen können. In der kalten Morgenluft leuchtet uns der Gipfel des Ama Dablam entgegen. Meterdicke Gletscher glitzern beeindruckend von den umliegenden Hängen: erst rot, im Licht der aufgehenden Sonne, dann perlenweiß unter dem eisblauen Himmel. Es ist ein verheißungsvoller Start in den Tag.

Der Weg führt zunächst durch einen kahlen Rhododendron Wald, dessen Bäume statt grüner Blätter nur weiches Moos an den Ästen tragen. Moschusshirsche und wilde Fasane sind hier beheimatet. Die morgendliche Stille im Himalaya wird nur durch das Rauschen des Imja Khola durchbrochen, der nun tief unter uns durch das schattige Tal fließt.

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bemooste Bäume hinter Tengboche

Das erste wärmende Licht der Morgensonne schweift über die Berghänge und vertreibt langsam die Kälte der Nacht. Der Pfad schlängelt sich entlang eines steilen Hanges. Um uns dominieren die Braun- und Grautöne der Felsen. Dunkles Grün und Rot der wenigen, niedrigen Büsche durchbricht die Monotonie.

Ein paar ausgefranste Zwergtannen haben es noch hier herauf geschafft. Wir befinden uns an der Baumgrenze und innerhalb weniger Meter ändert sich die Landschaft grundlegend. Je weiter wir die Schlucht hinauf steigen, desto karger ist die Vegetation. Wir befinden uns in der Tundra. Nur ein paar niedrige, trockene Sträucher, Gräser und Moose wachsen auf dem nackten, grauen Fels. Die Landschaft wird frostiger. Alles wirkt kühl und eisig.

Himalaya-Tahrs, Bergziegen, mit langem, dichten Fell, laben sich an den noch vorhandenen Gräsern. Der Pfad windet sich in leicht ansteigenden Kurven weiter am Hang entlang.

Durch ein Kani, ein traditioneller, buddhistischer Torbogen, gelangen wir ins Dorf Pangboche. Einige terrassenförmig angelegte Felder und ein paar Steinhäuser säumen den Weg. Wäsche flattert an Wäscheleinen und trocknet in der sengenden Höhensonne.

Hinter Pangboche haben auch die niedrigsten Bäume und die widerstandsfähigsten Sträucher keine Chance mehr. Trostlos und eisig erscheint die Landschaft. Ein paar beigefarbene Gräser recken noch ihre Hälse zwischen den braunen Felsen hervor, ansonsten ist nur noch das beeindruckende Spiel aus weißen Gipfeln und blauem Himmel zu sehen.

Wir wandern weiter entlang des Imja Khola, bis wir den Zusammenfluss mit dem Khumbu Khola erreichen, der trübes Gletscherwasser und Gestein von den Berggipfeln hinunter ins Tal führt. Eine weite, hügelige Ebene, ein brauner Felsenteppich übersät mit kleinen Inseln trockener, borstiger Gräser, liegt vor uns. Hier fehlt es der Landschaft an Greifbarem. Schneebedeckte Gipfel rahmen eine große Weite ein und mitten drin schimmern die grünen Wellblechdächer von Dingboche; ein Dorf gelegen auf 4.360 Höhenmetern.

Es ist noch vor 12 Uhr, als wir unser Gasthaus im kleinen Ort beziehen. Wir freuen uns, noch einige Zeit in der warmen Sonne verbringen zu können. Ein paar Stunden in angenehmer Wärme, bevor Nebel und Kälte uns wieder in unsere Schlafsäcke treiben. Doch noch liegen die Gipfel des Island Peak (6.189 m), Peak 38 (7.591 m) und Lhotse (8.501 m) unverhüllt vor uns. Der schönste Berg von allen ist jedoch Ama Dablam, dessen Spitze mit seinen extremen Steilhängen unbezwingbar scheint. Daneben ragt der Kantega (6.782 m) majestätisch und Ehrfurcht gebietend in die Höhe.

Mount Everest Base Camp Trek

Dingboche in der Tundra

Dingboche ist das letzte und höchste bewohnte Sherpa-Dorf im Khumbu Tal. Das Leben hier ist entbehrungsreich. Wasserleitungen gibt es keine – sie würden der extremen Kälte auch nicht standhalten können. Ein großes, blaues Maischefass im Flur unserer Unterkunft dient als einzige Wasserquelle im Haus. In ihm schwimmt eine zentimeterdicke Eisschicht, die jedes Mal aufs Neue durchbrochen werden muss, wenn Wasser zum Kochen, Waschen oder Reinigen benötigt wird.

Wir nutzen die Mittagssonne, um einige wenige Kleidungsstücke zu waschen. Aus dem zugefrorenen Maischefass füllen wir das Eiswasser in eine Schüssel. Dann beginnt der Kampf: Schon nach wenigen Sekunden im Eiswasser sind unsere Finger und Hände vor Schmerzen taub. Wäsche waschen im Himalaya auf fast 4.500 Metern ist ohne Übertreibung eines der mutigsten Dinge, die ich in meinem Leben gemacht habe. Mit vielen Unterbrechungen und tauben, bewegungslosen Fingern meistern wir aber auch diese Herausforderung.

Dingboche ist nicht gut zu unseren Fingern, dafür aber ein potenzielles Paradies für unsere Geschmacksnerven. Neben Dal Bhat gibt es in den verborgenen Ecken und Speisekammern der kleinen Kioske und Lodges ein ungeahntes Angebot an Leckereien aus der ganzen Welt.

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Kantega

Everest-Expeditionen sind naturgemäß auf lange Wartezeiten im Basislager eingestellt. Schlechtwetterfronten, Stürme und Lawinen lassen die Gipfelstürmer manchmal Wochenlang in ihren Zelten unterhalb des Khumbu Icefalls ausharren, bevor sie endlich mit dem Aufstieg beginnen können. Also muss eine entsprechende Ausrüstung mitgebracht werden. Im Durchschnitt schleppt eine Everest-Expedition 24 Tonnen Material mit sich; ein großer Teil davon sind Lebensmittel. Eingelegte Früchte, Sardinenbüchsen, Energieriegel – dazu lokale Spezialitäten wie französische Schnecken oder italienische Pasta. Wer den Mount Everest besteigt, will vorher noch einmal gut essen.

Dabei bleibt vieles unangetastet, weil der Aufstieg schneller als vorhergesehen möglich wird oder, der Natur geschuldet, abgesagt werden muss. Die Reste der Ausrüstung gelangen dann als Spenden in die Hände der Dorfbewohner und Sherpa aus der Umgebung – und weiter in die Lodges und Kioske entlang des Wanderweges zum Basislager.

Wir staunen nicht schlecht, als wir in der Vitrine unseres Gasthauses eine verbeulte Dose Ananas neben einem Zehnerpack Bockwürste finden. Hier oben sind solche Trivialien begehrte Schätze und auch uns läuft allein beim Gedanken an ein Stück Ananas das Wasser im Mund zusammen.

Dieses himalayaeigene Recyclingsystem funktioniert hervorragend. Alte Frauen nutzen moderne Trekkingstöcke als Gehhilfen, Vogelscheuchen tragen Gore-Tex Kleidung und Nescafé-Dosen werden zu Gebetsmühlen. Derlei Resteverwertung ist wohl der einzige Luxus auf dieser Höhe.

 

Tag 6 • Akklimatisierungstag in Dingboche (4.360 m NN) • Ziel: Aussichtspunkt Nangkartshang (5.090 m) • Distanz: 2 km • Gehzeit: 3:15 h • Aufstieg: 730 m • Abstieg: 730 m

In Dingboche legen wir unseren zweiten und letzten Akklimatisierungstag auf der Wanderung zum Basislager des Mount Everest ein. Die Nacht auf fast 4.400 Metern war wie zu erwarten sehr kalt. Doch Kälte ist nicht mehr unser einziges Problem: Wir sind mittlerweile so hoch, dass wir während der Nacht kaum vernünftig atmen können. Ein ums andere Mal schrecken wir nach Luft ringend aus unseren Träumen.

Der erste Augenaufschlag, der erste Blick am Morgen lässt uns noch ein wenig tiefer in unsere Schlafsäcke rutschen. Die Zimmerdecke über unseren Köpfen ist mit einer glitzernden Eisschicht bedeckt. Unsere Wasserflasche ist eingefroren und auch die Zahncreme ist steinhart. Ein Leben auf so einer Höhe kommt mir immer abwegiger vor. Es bleibt mir bis zum Schluss ein Rätsel, dass Dingboche auf dieser Höhe als natürliche Siedlung entstehen konnte.

Schwer atmend lassen wir es heute ruhig angehen und verlassen erst gegen 8 Uhr unsere Schlafsäcke. Gemeinsam durchbrechen wir die Eisschicht im Maischefass und klatschen uns Eiswasser in die nunmehr vor Kälte und Schmerz tauben Gesichter. Doch am Schlimmsten erwischt es erneut unsere Finger. Ein paar Mal ins Eiswasser getaucht, verkrampfen sie sich vor Kälte und tauen auch in der angenehm warmen Sonne nicht auf.

Wir frühstücken auf der Terrasse vor unserer Unterkunft und geben uns unserer neuen Sucht hin: Seit Tagen verbringen wir unsere viele Freizeit mit Kartenspielen, führen Listen über aktuelle Punktestände und fordern irgendeine Revange, die noch immer offen ist.

Erst gegen 11 Uhr machen wir uns auf den Weg. Wir wollen heute nur zu einem kleinen Kloster wandern, das 400 Meter über Dingboche liegt. Zu mehr als einem Spaziergang in der warmen Sonne steht uns heute nicht der Sinn.

Mount Everest Base Camp Trek

Bergmassiv des Kongde Ri hinter dem Aufstieg zum Nangkartshang

Schnaufend und auffällig langsam schlendern wir los, merken, wie uns die Höhe ausbremst. An einem kleinen weißen Stupa, der sich inmitten der trostlosen Tundra erhebt, umgibt uns ein wahrlich fantastisches 180 Grad Panorama. Die Gipfel von Taboche (6.542 m), Cholatse (6.440 m) und Lobuche (6.145 m) sind nur die auffälligsten in dieser Kette, die sich eindrucksvoll am Horizont erhebt.

Da weder wir noch die Dorfbewohner wissen, wo sich das Kloster genau befindet, folgen wir einem steilen Pfad, den gerade ein paar Wanderer hinunter kommen. Der geringe Sauerstoffgehalt wird zum Gradmesser. Eine Frau, die hinter uns ebenfalls den Aufstieg wagt, höre ich schon von weitem schwer röcheln. Doch auch mir bleibt die Puste immer wieder weg und wir sind zu vielen kleinen Pausen gezwungen. Es dauert ganze zwei Stunden, bis wir den Gipfel erreichen. Hoch oben bricht der Pfad abrupt ab und wir balancieren auf riesigen Felsbrocken bis zur Spitze.

Es ist fast genau 13 Uhr, als wir die auf dem Gipfel flatternden Gebetsfahnen erreichen. Unter uns ziehen bereits die ersten Wolken ins Tal. Schwer atmend stehen wir über der bauschigen Wolkendecke. Ein atemberaubendes Bergpanorama umgibt uns. Die Gipfel des Ama Dablam (6.812 m), Kantega (6.782 m), Taboche (6.542 m) und Cholatse (6.440 m) scheinen in greifbare Nähe gerückt. Wir sind so nah, dass wir jedes Detail, jeden Riss in den Felswänden, jede Unebenheit im Stein und jede Gletscherspalte an den Hängen identifizieren können. Doch von einem Kloster fehlt jede Spur.

Schwer atmend und euphorisch erklimmt nun auch ein Niederländer den Gipfel. Von ihm erfahren wir, dass wir völlig ungeplant die Spitze des 5.090 Meter hohen Nangkartshang erklommen haben. Wir haben gerade einen mehr als 700 Meter hohen Aufstieg hinter uns gebracht – Kein Wunder, dass wir so viel mehr Zeit in Anspruch genommen haben, als ursprünglich geplant.

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massige Gletscher

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Blick vom Nangkartshang auf Ama Dablam

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Gipfel des Nangkartshang und die aufziehenden Wolken

Auf dem Rückweg überrollt uns die Wolkenwand mitten im Berg. Schlagartig wird es bitterkalt. Im dicht wabernden Nebel kommen wir auf dem steilen, steinigen Pfad nur langsam voran. Wie man sich hier bewegen muss, zeigen uns zwei Fasane, die sich im dichten Nebel direkt vor uns balgen.

 

Tag 7 • Start: Dingboche (4.360 m NN) • Ziel: Lobuche (4.930 m NN) • Distanz: 12 km • Gehzeit: 3:40 h • Aufstieg: 570 m

Mit vor Kälte steifen Gliedern schälen wir uns gegen 6.30 Uhr aus unseren Schlafsäcken: Über uns glitzert die vereiste Zimmerdecke, unsere Trinkflasche ist samt Inhalt wieder steif gefroren, die Zahncreme in der Tube erneut hart wie Zement. Wir spritzen uns Eiswasser ins Gesicht und sitzen kurz darauf in voller Montur im unbeheizten Wohn- und Schlafraum der Familie, die unser Gasthaus führt. Der Vater bringt uns Haferflocken, die Tochter schläft noch auf der gepolsterten Sitzbank neben uns.

In unserem Rucksack befindet sich kein einziges Kleidungsstück mehr. Wir tragen alles am Leib, um der Kälte wenigstens für einen Moment zu widerstehen. In mehreren T-shirt- und Jackenschichten machen wir jeder Zwiebel Konkurrenz. Dazu kommen Handschuhe, Wollmützen, Schlauchtücher und natürlich unsere zerrissenen Jeans. Trotzdem umklammert uns die Kälte fest mit ihrem eisigen Griff.

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Willkommen in der Kälte

In der weiten Ebene hinter Dingboche folgen wir schmalen Pfaden. Der leichte Anstieg ist kaum sichtbar, dennoch pumpt meine Lunge hektisch, um genügend Sauerstoff in meinen Körper zu befördern. Die eiskalte Luft und die schnellen Atemzüge schmerzen in der Brust.

Die Landschaft wird immer einfarbiger, unfruchtbarer, einsamer. Die grünen flachen Gräser, die die braune Ebene bis hierher noch sprenkeln, werden immer weniger. Kleine Rinnsale sind mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Rings herum ragen zahlreiche schneebedeckte Gipfel in die Höhe, an deren Hängen imposante Gletscher bis hinab ins Tal lecken. Zu unserer Linken passieren wir Taboche und Cholatse, hinter uns leuchten noch immer die weißen Spitzen von Ama Dablam und Kantega.

Einige dicke Yaks kreuzen unseren Weg. Erst hier, auf über 4.000 Metern, scheinen sich die massigen Tiere wohl zu fühlen – endlich angenehmes Klima für das zottelige, lange Fell. Seit knapp zwei Stunden sind wir bereits unterwegs und noch immer laufen wir im Schatten der umliegenden Berge. Erst in der Ferne treffen die ersten Sonnenstrahlen auf den Wanderweg. Doch auch in der Sonne dauert es, bis mir warm genug ist, um einige meiner Jacken zu öffnen. Es ist eine Krux – noch immer zittere ich vor Kälte und gleichzeitig verbrennt mein Gesicht in der Höhensonne.

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frostige Landschaft

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Gipfel des Taboche

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Weg nach Lobuche mit Blick auf Pumori

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Taboche und Cholatse über dem Flussbett des Khumbu Khola

Wir erreichen Dughla, eine winzige Ansammlung von grünen Wellblechdächern inmitten der Einöde. Ab hier beginnt ein knapp einstündiger Aufstieg über einen mit losen Steinen und Felsbrocken übersäten Hügelkamm; eine Endmoräne, geformt und bis hierher geschoben vom dahinterliegenden Khumbugletscher.

Der Anstieg ist wesentlich anstrengender, als er zunächst aussieht. Zwar ist der Weg weder besonders steil, noch anspruchsvoll, doch unsere Muskeln sind schwer wie Blei. Jeder Schritt wird zur Überwindung. Bis auf die Spitze der Endmoräne benötigen wir viele kleine Atempausen. Es ist 9 Uhr und endlich wird uns unter den vielen Kleidungsschichten warm.

Oben angekommen flattern dutzende Gebetsfahnen in einer leichten Brise. Zahllose Gedenktafeln und Chortens, Stupas in tibetischem Stil, erinnern an die unglücklichen Bergsteiger und Sherpa, die am Mount Everest ihr Leben ließen. Ergreifende Geschichten von mutigen Gipfelstürmern und Abenteurern, die weiter und höher hinaus wollten, als viele andere.

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Dughla vor Cholatse

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Bergpanorama hinter Dughla

Besonders eindrucksvoll ist der Gedenkstein für den Sherpa Babu Chhiri, der den Mount Everest zehn Mal bezwang und beim Abstieg seiner 11. Everest-Expedition in einer Gletscherspalte den Tod fand.

Vor uns am Horizont erhebt sich eine Reihe weißer Gipfel. Der markanteste unter ihnen ist der Pumori (7.161 m), mit seiner weich geformten Spitze. Zu unserer Rechten befindet sich nun ein langgezogenes Geröllfeld – die Mörane des Khumbugletschers, der abertausende Felsbrocken aus den Gipfeln der Berge bis hier her transportierte. Eine weitere Dreiviertelstunde steigen wir langsam, Schritt für Schritt bergauf, steuern auf den breiten, und noch massiver wirkenden Lobuche zu, der über unserem gleichnamigen Tagesziel thront.

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Gedenkmonument eines verunglückten Bergsteigers (Cholatse im Hintergrund)

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viele Chorten und Gedenksteine mahnen entlang des Pfades

Die Siedlung Lobuche liegt knapp unterhalb der 5.000 Meter Grenze und wird ausschließlich zu touristischen Zwecken in Stand gehalten. Mehr als eine Handvoll Gasthäuser sind nicht zu finden. Lobuche ist kein Ort der den Tourismus als Einnahmequelle entdeckt hat. Es ist ein Ort, der entstand, um Einnahmen aus dem Tourismus zu generieren. Die Zeiten der kleinen Gasthäuser mit familiärer Atmosphäre sind nun vorbei. Die Hotelkomplexe in Lobuche sind gemessen an der Umgebung in der sie sich befinden riesig. Jede Unterkunft vermietet dutzende Zimmer – eine unfassbare Geldmaschine; lieblose und hektische Abfertigung inklusive.

Als wir Lobuche erreichen, erleben wir gerade noch, wie ein Hubschrauber über der Siedlung schwebt und schnurstracks südwärts in niedrigeres Terrain verschwindet. Es ist ein Rettungseinsatz für einen entkräfteten Wanderer, dem die Höhenkrankheit nur noch eine Option offen hielt: sofortiger, schneller Abstieg.

Den Rest des Tages spielen wir Karten und können uns nicht entscheiden, ob wir uns draußen in der Sonne das Gesicht verbrennen oder uns drinnen im unbeheizten Essensraum die Finger abfrieren möchten.

Am frühen Abend taucht das Licht der untergehenden Sonne den mächtigen Nuptse (7.861 m) in einiger Entfernung in einen rot leuchtenden Augenschmaus aus Schnee und Eis.

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Pokhalde (5806 m) nahe Lobuche

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Nuptse im Licht der untergehenden Sonne

Endlich wird der Ofen geheizt. Doch die Kälte im weitläufigen Aufenthaltsraum kann der kleine Ofen, trotz vieler Menschen, einschließlich großer Reisegruppen, nicht bekämpfen. Wir sitzen schweigend dicht gedrängt am Ofen. Mir graut es jetzt schon vor der Nacht und der Kälte am nächsten Morgen.

Ein älterer Wanderer, wie wir dicht am Ofen sitzend, nutzt die Wärme, um seine Schuhe und Socken auszuziehen und seine Füße mit Hilfe eines Feuchttuches zu reinigen. Immer wieder zieht er das Tuch, wie Zahnseide, zwischen seinen Zehen hin und her.

Mir ist klar, dass es Überwindung kostet, sich ganz gleich welcher Kleidungsstücke zu entledigen, wenn man nicht am warmen Ofen sitzt. Doch Bergsteiger-Romantik möchte beim Anblick dieser schmutzigen Füße nicht bei mir aufkommen.

Trotz aller Unannehmlichkeiten durch Kälte und Sauerstoffmangel auf 5.000 Metern gibt es doch noch ein kleines bisschen Luxus: Wi-Fi gegen entsprechende Bezahlung. Wer hätte gedacht, dass es mitten im Himalaya auf dieser Höhe möglich wäre Skype-Gespräche zu führen?

 

Tag 8 • Start: Lobuche (4.930 m NN) • Ziel: Gorak Shep (5.160 m NN) und Basislager Mount Everest (5.340 m NN) • Distanz: 15 km • Gehzeit: 7:05 h • Aufstieg: 450 m • Abstieg: 200 m

Die Nacht ist kurz. Immer wieder wache ich nach Luft japsend auf. Dann endlich, gegen halb sechs, klingelt der Wecker und auf fast 5.000 Metern schälen wir uns aus den Schlafsäcken. Der Kopf wummert, die Lungen ringen nach Sauerstoff. Das Schwindelgefühl wird heute nicht mehr vergehen. Ein bisschen gelähmt, ein bisschen lethargisch; so geht es allen hier oben.

Wir verzichten auf das morgendliche Gesichtwaschen. Es ist einfach zu kalt. Alle Wasserbottiche sind so stark vereist, dass wir die Eisschicht nicht einmal mit heftigen Schlägen zertrümmern können. Wir müssen warten bis die Sonne unsere Welt hier oben ein bisschen erwärmt.

Der heiße Tee zum Frühstück hebt meine Laune kaum. Lustlos rühre ich im Haferbrei, bekomme kaum etwas herunter. Hier im Restaurant unserer Unterkunft ist es so eisig, wie draußen vor der Tür.

Mount Everest Base Camp Trek

Kalter Wind bläst uns um die Ohren, als wir uns endlich auf den Weg machen. Ein Hund umkreist bellend ein Yak, das sich herzlich wenig für ihn und sein Gekläffe interessiert. Der Pfad ist zunächst eben und führt über eine weite Ebene. Wir bewegen uns geradewegs auf den Pumori zu, passieren den massiven Nuptse zu unserer Rechten. Meine Lungen saugen gierig nach der eisigen Luft, ohne jedoch ausreichend Sauerstoff zu bekommen. Die ungewollt tiefen und schnellen Atemzüge schmerzen bis tief hinein in meine Lunge.

Wir stapfen weiter. Die Ebene verengt sich bald und der Khumbugletscher zu unserer Rechten und die massive Bergwand zu unserer Linken rücken immer näher. Alles um uns herum ist grau: Schotter, Geröll und Eis. Weiße schneebedeckte Gipfel ragen in den eisblauen Himmel. Dicke Gletscher hängen bedrohlich von ihnen herunter.

Wir laufen nun auf der Moräne des Khumbugletschers über riesige Steine und Felsen, die einst vom Eis hierher geschoben wurden. Bis jetzt waren es vor allem Kälte und extreme Höhe, die uns zu schaffen machten. Nun wird auch der Weg, der eigentlich keiner mehr ist, zu einer Herausforderung. Wir rutschen über vereiste Stellen, setzen müde und unkonzentriert einen Schritt vor den anderen. Wie in Trance folgen wir unserem Träger Ram. Manchmal stolpern wir über loses Geröll; manchmal klettern wir über riesige Findlinge. Vereiste Finger greifen dann nach vereisten Steinen in einer vereisten Landschaft.

Die Sonne rückt über die Berggipfel. Es ist Segen und Fluch zugleich. Im Schatten frieren wir, in der Sonne können wir förmlich zusehen, wie unsere Haut verbrennt. Wir ziehen unsere Schlauchtücher bis hoch über die Nase, versuchen unsere Haut so wenig wie möglich der aggressiven Höhensonne auszusetzen.

Immer wieder benötige ich Atempausen, ringe nach Luft, reiße mir das Tuch vom Gesicht, in der Hoffnung, mehr Sauerstoff würde in meinen Körper gelangen. Ein Trugschluss. Ich komme nur wenige Dutzend Meter vorwärts, bevor ich mich erschöpft nach einer Sitzmöglichkeit umsehe. Wir bewegen uns in Zeitlupe. Die Kraft schwindet aus meinem Körper, meine Beine sind schwer wie Blei.

Nach etwa zwei Stunden erreichen wir Gorak Shep. Die Siedlung war in den 1950er Jahren noch das Basislager des Everest. Ein einziges Pferd friert hier vor einem Hauseingang und guckt bedröppelt auf den vereisten Boden. Gerade ist ein ausländischer Wanderer vor unserer Unterkunft zusammengebrochen. Der Rettungshubschrauber ist bereits im Anflug.

Wir lassen es langsam angehen: ein Tee, ein Schokoriegel. Zähne putzen, ein bisschen Wasser und Seife ins Gesicht. Dann wärmen wir uns etwas in der Sonne, flüchten aber immer wieder nach drinnen, um unsere Haut zu schützen.

Doch unser Tag ist noch nicht zu Ende. Als unsere Glieder wieder flexibel und Hunger und Durst gestillt sind, machen wir uns erneut auf den Weg. Die Sonne steht hoch am Himmel, als wir uns auf einem schmalen Geröllkamm, vom Khumbugletscher aufgetürmt, dem Mount Everest Basislager nähern. Wenn ich mir jemals ein Bild vom Himalaya gemacht habe, dann sah es vermutlich genauso aus, wie die Landschaft, die uns jetzt umgibt.

In allen vier Himmelsrichtungen ragen weiße Gipfel in den Himmel, auf Augenhöhe gibt es nur noch eine Farbe: Grau, in allen Schattierungen. Steine und Felsen überall – in jeder möglichen Form und Größe. Riesen, die aus dem Nichts auftauchend vor uns stehen, bis hin zu klitzekleinen Geröllsteinchen, die unter unseren Schritten knirschen und gelegentlich einem lockeren Stein hinterher rieseln. Schotter und Geröll. Geröll und Schotter. Einen Pfad gibt es schon lange nicht mehr.

Alles ist in Bewegung. Alles verändert sich stetig. Der riesige Khumbugletscher, der sich durch das gesamte Tal frisst, ist allgegenwärtig. Er hat weder einen Anfang, noch ein Ende. Seine gezackte Eismasse, mit grauem Schotter bedeckt, blitzt hier und da auf, reflektiert die Sonnenstrahlen. Der Gletscher formt die Landschaft noch immer. Was kein Eis ist, wird vom Eis bewegt, aufgetürmt und weggetragen. Der Khumbugletscher verschlingt alles, was in seinem Weg liegt, nur um es an anderer Stelle wieder auszuspucken. An manchen Stellen ist der Gletscher so voller Gesteinsmaterial, dass fast kein Eis mehr zu sehen ist. An anderer Stelle wiederum ist die Oberfläche ganz sauber und die weißen Hügel erheben sich wie gemalt, einer neben dem anderen.

Nach etwa einer Stunde entlang des Gletschers erreichen wie ein Monument, dass das Basislager ankündigt. Gebetsfahnen flattern im Wind. Außer uns sind nur eine Handvoll weiterer Wanderer anwesend. Sie alle blicken hinaus auf das Eisfeld des Khumbugletschers ohne jedoch den Mount Everest zu Gesicht zu bekommen. Verdeckt von seinen unmittelbaren Nachbarn ist ein Blick vom Basislager auf den höchsten aller Berge unmöglich.

Das eigentliche Basislager, so verrät uns Ram, liege aber noch ein gutes Stück weiter versteckt im Gletscher – etwa zwei Stunden über das Eis.

Wir wagen die Wanderung über den Gletscher, der auch hier fast vollständig mit einer Geröllschicht bedeckt ist. Der Weg ist anspruchsvoll. Ständig bröckelt, schmilz oder rutscht der Boden unter unseren Füßen weg. Ram ist schon bald weit in der Ferne verschwunden. Nach jedem Dutzend Schritte überlegen wir gemeinsam, wohin wir als nächstes gehen sollen. Mitten in einem riesigen Eis- und Geröllfeld sind wir schnell verloren. Wir orientieren uns lediglich an Ram, den wir weit entfernt als kleine Figur zu erkennen glauben. Mehrmals brechen wir unseren eingeschlagenen Weg ab, probieren eine andere Route. Auf dem Gletscher tröpfelt, rauscht, rieselt, bröckelt und rutscht alles hin und her.

Mount Everest Base Camp Trek

Gebetsfahnen markieren den Beginn des Basislagers am Mount Everest

Mount Everest Base Camp Trek

Wir können dem Gletscher förmlich dabei zusehen, wie er sein Gesicht verändert. Wasser gurgelt unter den dicken Eisschichten, auf denen wir uns bewegen. Oft sehen wir vom Eis geglättete Felsen auf einer gefrorenen Wassersäule ruhen. Wie Pilze ragen sie aus der Eisfläche heraus.

Mitten im Khumbugletscher ist von strahlend weißem Eis kaum etwas zu sehen, doch weiter oben, dort wo der Gletscher von den Bergen hinab ins Tal rutscht, leuchtet sein weißer Rücken.

Die folgenden zwei Stunden sind die anstrengendsten der gesamten Wanderung. Wir hören Eis unter unseren Füßen brechen, stapfen in Eiswasser, schlittern Geröllberge hinunter, krakeln sie an anderer Stelle wieder hinauf. Jetzt in der heißen Sonne schmilzt uns der Boden unter den Füßen einfach weg.

Mount Everest Base Camp Trek

Pilz aus Stein und Eis

Mount Everest Base Camp Trek

Khumbugletscher

Mount Everest Base Camp Trek

Geröllfeld auf dem Gletscher

Dann schaffen wir es endlich Ram einzuholen. Auf einem großen Felsen sitzend, deutet er lächelnd auf den Gletscher vor uns. Wir schauen uns um – und entdecken nichts. Erst bei genauerem Hinsehen bemerken wir die Reste von dem, was einmal das Basislager war. Hier auf 5.340 Höhenmetern liegt der Ort, wo Bergsteiger aus aller Welt sich akklimatisierten, warteten, Karten spielten und durch den kalten Tag kamen, bevor es irgendwann grünes Licht gab, um endlich die Spitze des höchsten Berges der Welt zu erklimmen. Doch all das lässt sich heute nur erahnen. Ein paar zerrissene Planen, Gepäckanhänger, verrostete Konservenbüchsen, verlorenes Campingmaterial sind die einzigen verbliebenen Zeugen des Basislagers.

Mount Everest Base Camp Trek

auf dem Khumbugletscher am Basislager des Mount Everest

Mount Everest Base Camp Trek

Khumbu Ice Fall vor Loh La (6.006 m)

Es ist der 25. April 2015, als in Nepal die Erde so schrecklich bebt, wie seit 80 Jahren nicht mehr. Eine humanitäre Katastrophe bricht über das Land herein, die knapp 9.000 Leben fordert und Hunderttausende über Nacht obdachlos zurück lässt. Auch am Mount Everest passiert Furchtbares: Eine Lawine löst sich in einer Höhe von 7.000 Metern und rast auf das Basislager am Fuß des Khumbu Icefalls zu. Auf ihrem Weg in die Tiefe reißt sie immer mehr Schneemassen mit sich und trifft auf einer Höhe von über 5.000 Metern auf das Basislager. In diesem Moment befinden sich etwa 1.000 Bergsteiger, Wanderer und Träger in unmittelbarer Umgebung des Zeltdorfes. Teile des Basislagers werden vom Schnee einfach weggerissen. 18 Menschen finden hier ihr eiskaltes Grab.

Es ist die zweite Katastrophe in kurzer Zeit. Bereits im Jahr zuvor sterben 16 Sherpa, als sie im Khumbu Icefall, der ersten Gefahrenzone während des Aufstiegs zum Mount Everest, von einem sich plötzlich lösenden Eisbrocken begraben werden.

Wir können nur erahnen, was sich hier während und kurz nach dem Erdbeben abgespielt haben muss; unter welchen Umständen das große Camp abgebaut wurde.

Mount Everest Base Camp Trek

Gletschereis im Khumbugletscher

Mount Everest Base Camp Trek

Khumbugletscher am Basislager des Mount Everest

Wir treten den Rückweg an. Heute Nacht werden wir in Gorak Shep bleiben. Im großen Aufenthaltsraum wärmen wir uns am Ofen, bestellen heißen Tee, spielen Karten, suchen Gründe, um noch länger am Ofen zu bleiben. Wir sind erschöpft, die Augen von der Sonne und der Anstrengung des Tages gerötet. Dennoch bleibt ein Lächeln auf unseren Gesichtern zurück. Wir waren tatsächlich dort – am Fuß des höchsten Berges der Welt, im Basislager des Mount Everest.

Mount Everest Base Camp Trek

Nuptse (7.861 m)

Im dritten Teil unserer 12-tägigen Wanderung gehen wir noch weiter hinauf. Am Morgen nach unserem Besuch im Basislager des Mount Everest besteigen wir den 5.545 Meter hohen Kala Pattar, den höchsten Punkt unseres Treks und genießen ein fantastisches Bergpanorama auf den Mount Everest und die umliegenden Gipfel.

 

Wanderung zum Basislager des Mount Everest in drei Teilen

Teil 1: Von Lukla nach Namche Bazaar

Teil 2: Von Namche Bazaar nach Gorak Shep

Teil 3: Von Gorak Shep nach Lukla

 

 

Wir bedanken uns bei Nepal Mother House für die Unterstützung. Alle dargestellten Meinungen sind unsere eigenen.


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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  • 23. Februar 2016

    Ich bin in Nepal aufgewachsen und habe diesen Trek mit 8 gemacht – eure wundervolle Beschreibung hat direkt wieder ganz viele Erinnerungen hervorgeholt und es ist genial, Bilder von diesen Orten heute zu sehen! Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüsse
    Ariana


    • nuestra america
      24. Februar 2016

      Vielen Dank für dein Lob, liebe Ariana!
      Es ist beeindruckend zu hören, dass du den Trek mit acht Jahren gelaufen bist. Wahnsinn! Der Himalaya ist ja schon für uns ein großartiger Spielplatz, wie muss das erst mit den Augen eines Kindes sein?


  • 24. Februar 2016

    „Vogelscheuchen tragen Gore-Tex Kleidung“ 😀


  • 25. Februar 2016

    Beeindruckend! 12 Tage , Leute hart sind , sicher sein und genießen!


  • 3. März 2016

    Wow, mehr kann ich momentan gar nicht sagen.
    Das Basislager des Mount Everest zu erreichen steht auf meiner Bucketliste und bis jetzt bin ich großteils dafür belächelt worden. Der Bericht spornt mich an, an diesen Traum zu glauben und irgendwann werde ich mir diesen erfüllen. Super schöne Eindrücke!
    Viele Grüße
    Dori


    • nuestra america
      4. März 2016

      Hey Dori,

      wir drücken dir die Daumen, dass du dir deinen Traum in nicht allzu ferner Zukunft erfüllen wirst. Das Wanderung zum Basislager des Everest ist eine der spektakulärsten Wanderungen, die wir bisher gelaufen sind. Du wirst es lieben – trotz Kälte und Sauerstoffmangel!