Unfreiwillig in der persischen Provinz: unterwegs in der Dasht-e Kavir 1/2

Mehriz und die Schätze der iranischen Wüste


26. Dezember 2016
Iran
Schreibe etwas

Ich hab einmal versucht mir mein Leben in der Wüste vorzustellen – erfolglos! Zu herausfordernd und entbehrungsreich ist es. Meine Vorstellungskraft reicht nicht über das Brandungsrauschen des Meeres und grüne Wälder hinaus. Dennoch fasziniert mich die Wüste und der Überlebenskampf des Menschen in dieser unwirtlichen Natur.

Nun ist es im Iran nicht schwer Wüsten zu finden, denn das halbe Land besteht aus nichts anderem. Bereits südlich des Elbrus-Gebirges im Norden des Iran beginnt die Dasht-e Kavir, die große Salzwüste. Hier befand sich einst ein urzeitliches Binnenmeer, das von herabfließenden Mineralen aus den Bergen versalzen wurde und im Laufe der Jahrtausende versiegte. Übrig blieben unzählige Salzschichten auf felsigem Untergrund. Auf einer Fläche von 77.600 km², die ganz Schottland Platz bieten könnte, reichen sie weit in das iranische Hochplateau hinein. Im Süden geht die Dasht-e Kavir fließend in die Dasht-e Lut über. Mit 166.000 km² ist sie Irans größte Wüste. Auch in der Dasht-e Lut verkrusten ein paar Salzschichten den Boden, aber vor allem liegt hier Kies und Kiesel herum. Beide Wüsten eint ihre Unwirtlichkeit und so überrascht es nicht, dass sie weitestgehend unbesiedelt sind. Zu lebensfeindlich sind sie. Abgeschirmt durch das Elbrus-Gebirge im Norden und das Zāgros-Gebirge im Westen, fällt in der Dasht-e Kavir kaum Niederschlag. Auch in der Dasht-e Lut regnet es eigentlich nie – pro Jahr etwa so viel wie im Monat Mai in Berlin.

Zwischen diesen beiden unwirtlichen Wüsten befindet sich die Stadt Yazd im Herzen des Irans mit ihren mehr als 400.000 Einwohnern. Eingebettet in die Brauntöne der Dasht-e Kavir und Dasht-e Lut ist sie eine der ältesten Städte des Landes. Ihre Siedlungsgeschichte geht 5.000 Jahre zurück in die Zeit. Hier kennt man sich aus mit dem Leben in der Wüste.

Rund um Yazd scheint die Weite zwischen Himmel und Erde endlos zu sein. Sie erstreckt sich bis zum Horizont und weit darüber hinaus. Nichts irritiert das Blickfeld. Wenn das Auge keinen festen Punkt fixiert, weil es keinen festen Punkt gibt, dann fällt das Urteil schnell vernichtend aus: Ödnis! Dabei denken die Kritiker an Eigenschaften wie einsam, verlassen, kahl und karg und meinen etwas Negatives.

Mich hingegen fasziniert genau das – die große Weite, die enorme Leere. In ihr bin ich demütig. Hier fühle ich meinen Geist gereinigt und meine Gedanken geschärft. Ähnlich gut geht es mir nur am Meer – natürlich aus demselben Grund.

Schon der Weg nach Yazd kitzelt einige Endorphine aus meinem Hypothalamus. Wir erreichen die Stadt aus dem rund 300 Kilometer östlich gelegenen Isfahan kommend. Bereits hinter Isfahan ist die Landschaft karg, denn hier beginnt die iranische Hochebene und mit ihr die Wüste. Grau- und Brauntöne kleiden die Umgebung unter einem wolkenverschleierten Himmel. Die Vegetation reicht mir bis zum Knie und an der Schnellstraße sind wir mit unseren Rucksäcken die einzigen Reisenden. Nur ein Bus donnert mörderisch hupend an uns vorbei. Dann ist es vollkommen still – der Vorgeschmack auf die Wüste.

Erst am späten Nachmittag hält ein gut gelaunter junger Mann, der uns bis nach Nā’in bringt. Immer geradeaus, immer in Richtung Osten. Mahan, auf dem Weg in seine Heimatstadt, kommt wie wir gerade aus Isfahan. Zusammen rollen wir durch die Weite, die unaufhörlich am Beifahrerfenster vorbei zieht. Mahan kommt gerade aus einer Druckerei, die seinen allerersten Poesieband veröffentlichte. In diesem Augenblick stapeln sich in seinem Kofferraum mehrere Kisten mit den druckfrischen Exemplaren. Zwischen den Buchdeckeln stecken Gedichte über das Leben, die Liebe, Religion und alles, was dazwischen liegt. Auch wir halten schnell einen Band in unseren Händen, welchen uns Mahan als Geschenk überreicht. Dass wir gar kein Farsi lesen können, spielt dabei keine Rolle.

Hitchhhiking2India

unterwegs mit dem Poeten Mahan

In den Abendstunden erreichen wir Nā’in und verabschieden uns vom Poeten an einer Polizeistation auf der Schnellstraße nach Yazd. Eine flackerige Straßenlaterne beleuchtet in der beginnenden Nacht den Eingang der kleinen Hütte.

Es dauert nicht mehr lange und die Sonne sinkt vollständig hinter den Horizont. Wir stehen im Lichtkegel der Laterne, ringsum herrscht Dunkelheit. Langsam zieht die nächtliche Kälte der Wüste unter unsere Kleider. Wir sind schon versucht verzweifelt auszusehen, als Eddin uns in seinen PKW einlädt. Noch liegen 170 Wüstenkilometer vor uns, von denen wir im Dunkel der Nacht nichts zu sehen bekommen. Im Auto sind wir schweigsam. Auch Eddin, am Ende seiner Zwanziger angelangt, bringt nur ein paar kurze Sätze heraus, doch teilt er ein Packet leckerer Dattelkekse mit uns.

Hitchhiking2India

trampen mit Eddin

Nach zwei Stunden gemeinsamer Fahrt erreichen wir Yazd und verabschieden uns wieder voneinander. Kurze Zeit später treffen wir Mehdi, unseren Gastgeber für die nächsten Tage. Der Zwanzigjährige Medizinstudent hält gleich mehrere Überraschungen für uns bereit. Erstens wohnt er, anders als verkündet, gar nicht in Yazd, sondern in der 50 Kilometer entfernten Kleinstadt Mehriz, mitten in der Provinz. Zweitens wird er nicht unser Gastgeber sein. Stattdessen kommen wir bei seinem besten Freund Milad unter.

Als wir Milads Elternhaus in Mehriz erreichen, wirkt dieser sichtlich aufgeregt. Er hat sturmfrei und wir sind die ersten Fremden, die er ohne Beisein seiner Eltern Willkommen heißt. Ganz geheuer scheint ihm die Situation als alleiniger Gastgeber jedoch nicht zu sein. Unruhig leckt er sich mit der Zunge immer wieder über die Oberlippe. Trotz seiner Anspannung begrüßt er uns mit einer Kanne heißem Chai und öffnet ein paar Granatäpfel so geschickt, dass er nicht einen Tropfen auf den dicken, teuren Perserteppich vergießt. Ein Kunststück, dessen ich nicht fähig bin. Währenddessen berichtet Mehdi, dass er seine Schlafanzughose zuhause vergessen habe. Eindringlich beschwört er Milad, ihm für den heutigen Abend aus Gründen der Bequemlichkeit eine seiner Pyjamahosen zu leihen. Gesagt, getan. Im Iran mag man es gemütlich und es gibt wohl kaum ein angenehmeres Kleidungsstück als die Schlafanzughose.

Milads Familie lebt in einem bürgerlichen Reihenhaus mitten in Mehriz. Die Haustür öffnet sich und führt ohne Umweg direkt ins Wohnzimmer. Wie überall im Iran ist dies der wichtigste Raum des Hauses. In dicken, roten Perserteppichen versinken unsere Füße. Möbel gibt es nur wenige in dem großen Raum. Drei Sofas sind entlang der Zimmerwände verteilt. Ein gläserner Abstelltisch mit einer Obstschale und einem Teller iranischen Gebäcks steht zwischen ihnen. Ein paar gerahmte Koranverse hängen an der Wand. Wir machen es uns auf dem weich gepolsterten Boden bequem.

Milad und Mehdi rollen dagegen einen Gebetsteppich in einer Ecke des Raumes aus und beten nacheinander. Damit gehören sie zu den wenigen tatsächlich religiösen Jugendlichen im Land, denen wir begegnen.

Nach dem Gebet essen wir gemeinsam Burger aus einem nahen Imbiss und Milads Nerven entspannen sich endlich etwas. Wie Mehdi ist auch Milad 20 Jahre alt, doch anders als sein Freund studiert er nicht Medizin, sondern Wirtschaftslehre. Stolz trägt er seinen beginnenden Bartwuchs zur Schau, der um Kinn und Oberlippe herum sprießt. Die Gesichtsbehaarung verleiht Milad Charakter. Auch die eng beieinander stehenden Augenbrauen und das ungekämmte Haar tragen dazu bei. Mehdi ist hingegen glatt. Kein Haar irritiert sein Gesicht, die Frisur sitzt perfekt, das Lächeln leicht überlegen. Wenn die beiden miteinander reden, können wir uns selten ein Grinsen verkneifen. Der Dialekt, der hier in der Wüste gesprochen wird, klingt selbst für unsere Ohren lustig. Verglichen zu anderen Ort im Iran, plaudert man hier in einem melodischen Singsang, der alles ein bisschen niedlicher klingen lässt.

Couchsurfing, Iran

unsere Gastgeber in Mehriz (l-r), Milad, Sosha, ein weiterer Freund, und Mehdi

Wir vertreiben uns die Zeit mit Scharade. Milad ist ganz aus dem Häuschen, als ich ihm Ali Daei, Irans berühmtesten Fußballer, allein mit Körperbewegungen erklären kann. Fußball ist Milads Leidenschaft und er beginnt minutenlang von großen Fußballhelden und spektakulären Spielen zu schwärmen. Im Flüsterton verrät er uns sogar, dass er den Sport in jedes seiner Gebete einschließt und besonders vor Spielen der iranischen Nationalmannschaft den Allmächtigen um einen Sieg bittet.

Unsere Gespräche mit den Jungs bieten ansonsten jede Menge Kontroversen. So sind Milad und Mehdi etwa davon überzeugt, dass eine Ehefrau ihrem Gatten unterstellt ist. Zu ihren Aufgaben zähle vor allem den Mann entsprechend seiner Vorlieben zu bekochen. Schmeckt es dem Mann nicht, ist es ein Skandal, der allein der Frau zuzuschreiben sei. Dass der Mann selber kochen könnte, kommt ihnen überhaupt nicht in den Sinn.  Auch die Ehe verstehen die beiden völlig falsch. Im Islam gilt die Ehe als Vertrag und so wird sie auch geschlossen. Im Ehevertrag werden Pflichten und Aufgaben beider Ehepartner aufgenommen. Dazu zählt die Festlegung einer sogenannten Morgengabe, eine Geldsumme, die vom Ehemann hinterlegt wird und im Scheidungsfall an die Frau ausgezahlt wird. Die Morgengabe ist als finanzielle Unterstützung gedacht und so etwas wie die Lebensversicherung einer geschiedenen Frau.

Traditionell wird die Morgengabe an den Vater der Braut übergeben, heute existiert sie jedoch nur noch formal. Nichtsdestotrotz interpretieren Milad und Mehdi die Morgengabe als Kaufpreis und sehen es daher als selbstverständlich an, dass die Frau dem Mann unterstellt ist. Man habe ja schließlich eine stattliche Summe bezahlt. Dass dies nur theoretisch passiert, stört die beiden in ihrer Argumentation wenig. So konservativ das Gedankengut der Jungs auch ist, spiegelt es doch die Mentalität der Region wider. Hier in der Wüste, rund um Mehriz und Yazd, gelten die Menschen als besonders althergebracht und traditionsgebunden.

Später am Abend kehren Milads Eltern zurück. Der Vater ist dickbäuchig vergnügt, mit buschigem Schnurrbart und lockigem Haar. Milads Mutter hingegen fixiert uns distanziert, abwartend. Sie trägt ihren langen Tschador, das islamische Frauengewand, das den Körper vom Kopf bis zu den Füßen bedeckt, auch vor uns im Haus und mustert uns eingehend. Zusammen sitzen wir nun auf den Sofas im Wohnzimmer und wir erzählen unsere Geschichte, die Milad fleißig übersetzend an seine Eltern weiter gibt. Der Vater wirkt an unseren Worten interessiert, während die Mutter in ihrem Tschador noch immer stumm unser Aussehen bewertet. Irgendwann beugt sie sich zu Milad und fragt missbilligend, ob die junge Frau, die ihr da gegenüber sitzt etwa Make-Up benutzen würden. Milad grinst achselzuckend.

Die Wüste rund um Mehriz ist reich. Historisch-archäologische Schätze sprudeln wie Oasenquellen aus dem staubigen, trockenen Boden. Mit Mehdi, Milad und Sosha, einem Freund unserer Gastgeber, erkunden wir Saryazd, ein kleines Dorf ganz in der Nähe. Hier, umgeben von feinem Wüstensand, befindet sich eine ehemalige Karawanserei. Zur Zeit der Safawiden, irgendwann im 16. Jahrhundert, waren Karawansereien so etwas wie antike Motels. Damals, als Pferde, Esel, Maultiere und Dromedare noch regelmäßig schwer beladen mit allerlei Handelsgütern durch die Wüste zogen, konnten Kaufleute und Reisende hier mit ihren Karawanen einkehren, um sich von den Strapazen des Weges zu erholen. Im riesigen Innenhof saßen die Herren dann unter schattenspendenden Baldachinen zusammen und schlürften Chai. Oder sie zogen sich in ihre Zimmer zurück, wo sie von Sand und Sonne geschützt vor sich hin dösten. Ihre Tiere versorgte das Personal der Karawanserei währenddessen mit Stroh, Heu und Wasser.

Saryazd, Iran

Karawanserei in Saryazd

Es heißt, dass unter Shah Abbas I, dem berühmtesten der Safawiden-Könige, eine Netzwerk aus 999 Karawansereien entlang der Handelsrouten des Persischen Reiches erbaut wurde. Etwa 30 bis 40 Kilometer trennen die Rasthöfe voneinander. Von Süden kommend befand sich in Saryazd die letzte Karawanserei auf dem Weg nach Yazd. Vor etwa 400 Jahren benötigten die Händler für die ausstehenden 40 Kilometer eine weitere Tagesreise mit ihren Kamelen, um endlich auf dem Markt von Yazd ihre Waren anzubieten oder gegen andere Güter einzutauschen.

Heute ist die Karawanserei verlassen. Durch ein riesiges hölzernes Tor, das wir nicht nur mit Pferden, sondern wohl auch bequem auf dem Rücken eines Elefanten hätten durchqueren können, gelangen wir in den Innenhof. Wir schlendern durch die einstige Raststätte. Gebaut aus getrockneten Lehmziegeln passt sie farblich perfekt in die hellbraune Umgebung. Wie mag es damals gewesen sein, als erschöpfte Reisende nach tagelanger Wanderung durch die Wüste hier ankamen? Möglicherweise halb verhungert und verdurstet. Am Ende ihrer Kräfte erblicken sie die Karawanserei von Saryazd am Horizont. Nicht wissend, ob es sich um die Wirklichkeit oder eine Luftspiegelung, einen Trick des Geistes, handelt. Mit letztem Willen schleppen sie sich auf das Gebäude zu, das mit jedem Schritt, den sie näher kommen, in die Höhe wächst. Dann endlich die Gewissheit; die Karawanserei ist real. Wasser und Nahrung sind greifbar. Das Überleben ist gesichert! – Der Gedanke an derart dramatische Szenen macht mir Spaß.

Saryazd, Iran

in der Karawanserei

Vom Dach der Karawanserei, das wir über eine gemauerte Treppe erreichen, genießen wir einen fantastischen Blick. Im Westen liegt das Dorf Saryazd mit seinen schmalen Gassen und den traditionellen, braun- und beigefarbenen Lehmhütten mit ihren typischen Flachdächern. Etwa 140 Familien leben hier von Viehzucht und Landwirtschaft. Felder schmiegen sich um den Ort auf denen je nach Jahreszeit Melonen und Pistazien, aber auch Weizen, Gerste und Gemüse angebaut wird. Dahinter erheben sich die ersten schneebedeckten Ausläufer des Zāgros-Gebirges, des höchsten Gebirges im Iran. Es gehört zum Alpidischen Gebirgssystem, das sich von Nordwestafrika über Europa und Asien bis nach Malaysia erstreckt.

In allen anderen Himmelsrichtungen blicken wir hinaus in die Wüste, die Weite, die Leere. Das Thermometer kratzt von unten an der 10°C-Grenze, ohne sie jedoch zu überschreiten. Bei herrlichem Sonnenschein und blauem Himmel ist es jetzt im Januar auch in der Wüste kalt. Nachts sinkt die Temperatur bis auf den Gefrierpunkt, manchmal auch darunter. Wieder kommen mir die Reisenden von einst in den Sinn und die Strapazen, die sie auf ihrem Weg ertragen mussten.

Saryazd, Iran

Saryazd und die Berge

Saryazd, Iran

die Wüste hinter Saryazd

Wir verlassen die Karawanserei und besichtigen eine nahe Festung, die ebenfalls noch zu Saryazd gehört. Erbaut im zweiten persischen Großreich von den Sassaniden, zwischen dem dritten und sechsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, ist die Festung ein Abenteuerspielplatz, der mir ein breites Grinsen unter die Nase zaubert. Herrlich heruntergekommen! Der heiße Wüstenwind längst vergangener Dekaden hat dem Lehmsteinkomplex heftig zugesetzt. Staub und Sand schmirgelt noch heute wie Schleifpapier an den Mauern; liegt zentimeterdick in den Gängen, Lagerhallen und Ställen innerhalb der Festung. Die Wände, braun und beige, tragen die gleiche Farbe wie die Wüste in der sie stehen. Alles hier ist sandfarben. Mit den Fingern kratze ich über die Außenwand. Rauer, spröder Lehm bröckelt in winzigen Krümeln zur Erde.

Ein schweres, eisenbeschlagenes Tor hängt halb geöffnet im Eingang. Niemand ist da, der uns den Einlass verwehren könnte. Keine grimmigen Wachen und auch kein verschmitzter Ticketverkäufer. Staub fegt durch den Spalt im Eingang, wirbelt um unsere Beine. Damals, als die Festung erbaut wurde, diente sie als Zufluchtsort für die nahe Bevölkerung in Zeiten des Krieges – ein abgeriegeltes Dorf hinter massiv gemauerten Barrikaden und Wachtürmen.

Rohe Ziegelbauten stehen im Inneren der Festung eng aneinander gedrückt. Lückenlos teilen sich benachbarte Gebäude die tragenden Mauern. Lediglich die schmalen Gassen der Festungsanlage trennen sie hier und da voneinander und erlauben einen Durchlass. Bis zu fünf Meter ragen die Häuserwände in die Höhe. Sonnenlicht fällt nur in das obere der zwei Stockwerke. Allein in den Mittagsstunden, wenn die Sonne am höchsten steht, verschwinden auch in der unteren Etage die Schatten. Sand, Staub und lose Steine fügen sich zu einer unebenen Straße. Zu beiden Seiten führen Türöffnungen in dunkle Räume. Zerbrochene Krüge und Tonscherben in ihrem Inneren sind die stummen Zeugen längst vergangener Geschichte.

Saryazd, Iran

Festung von Saryazd

Saryazd, Iran

Einige Häuser hat die Zeit in einen erbärmlichen Zustand genagt. Ganze Wände sind verloren und die, die noch aufrecht stehen, durchziehen riesige Risse. Schutt versperrt uns den Weg, doch führen verwitterte Treppen in die höher gelegene Etage. Genau genommen führen sie nur zur Hälfte ins nächste Stockwerk, danach sind die Stufen nur noch sporadisch vorhanden und machen ob ihrer Tragfähigkeit einen eher fragwürdigen Eindruck.

Dennoch finden wir einen Weg. Oben angekommen lecken gleißende Sonnenstrahlen über die Terrassen und Kuppeldächer. Wir springen von Dach zu Dach, zwängen uns zwischen Mauerresten hindurch oder balancieren auf den erodierten Resten der Mauerkronen. Ab und an versperren uns Krater den Weg. Es sind eingestürzte Kuppeln, die den Blick in die darunter liegenden Räume freigeben.

Wir turnen in der Festung umher, erkunden Wohnräume mit dicken Staubschichten auf dem Boden, erklimmen Häuserfronten, bis wir über die gewaltigen Verteidigungsmauern schauen können. Die weite Wüste liegt vor uns, die schneebedeckten Berggipfel des Zāgros-Gebirges befinden sich in unserem Rücken.

Saryazd, Iran

in den Festungsmauern

Saryazd, Iran

Saryazd, Iran

zerklüftete Ruinen

Saryazd, Iran

Saryazd, Iran

in der Festung

Mein Spieltrieb ist noch lange nicht ausgereizt, als wir die Festung wieder verlassen. Noch immer gibt es ein paar Ecken und Winkel, die ich nicht gesehen habe. Doch auch mein Magen stellt knurrend Ansprüche. So geht es uns allen und wir beschließen in Milads Garten zu fahren.

Dort angekommen betreten wir ein bisschen Schrebergartenkultur im Iran. Da in Mehriz für private, grüne Grundstücke kein Platz vorgesehen ist, verlagern die Einwohner ihre Gärten an den Rand der Stadt. Doch sind die Gartenparzellen hier nicht so mickrig wie in deutschen Kleingartenanlagen. Iranische Schrebergärten imponieren mit riesigen Anwesen, weit ausladenden Gemüsebeeten und prächtigen Obstbäumen. Häufig gehört ein Pool zur Ausstattung der Gärten, der im heißen Wüstensommer als Wasserreservoir für die Pflanzen genutzt wird oder mit einem gezielten Sprung auch schnelle Abkühlung verspricht. Das dazugehörige Gartenhaus ist als solches eigentlich nicht zu bezeichnen. Zu massiv steht es da. Zu gewaltig in seinen Dimensionen. In Milads Anwesen bildet ein riesiger, mit dicken Teppichen und Polstern ausgestatteter Raum das Herzstück des Gebäudes. Ein paar Holzscheite prasseln im Kamin vor sich hin und geben gemütliche Wärme. Eine Küche, mit deren Ausstattung wir locker eine Hochzeitsgesellschaft bewirten könnten, schließt sich an. Der erste Stock ist verschwenderisch groß und absolut leer. In seiner Mitte steht eine Tischtennisplatte, an der wir packende Duelle spielen. Von der Dachterrasse schweift unser Blick dann endlich über die umliegenden Obstbäume und Gemüsebeete, und verliert sich irgendwo dahinter in der Wüste.

Zurück im Garten sitzen wir zwischen Granatapfelbäumen und bereiten mit Sosha Schisch-Kebab zu – marinierte Geflügelteile, die auf Spießen über offenem Feuer gegrillt werden. Milad und Mehdi sind im Gartenhaus verschwunden. Es ist Zeit für das Gebet. In wenigen Minuten beginnt das Viertelfinale der Asienmeisterschaft: Iran gegen Irak. Milad betet inständig um Beistand.

Mehriz, Iran

grillen im Garten

Mehriz, Iran

Kebab auf der Gartenterrasse

Auf einem Teppich, der auf der Terrasse vor dem Haus ausgebreitet ist, lassen wir uns den Kebab schmecken. Mit großen Stücken Lavash, einem hauchdünnen Papierbrot, ziehen wir die saftigen Fleischstücke vom Spieß. Dann richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf ein kleines, knackendes Kofferradio, aus dem ein Moderator gerade den Anpfiff der KO-Runde kommentiert. Die Spielberichterstattung dauert an, als wir mit vollen Bäuchen in der Nachmittagssonne liegen. Nach 120 Minuten steht es 3:3 – Elfmeterschießen. Milad hält die Spannung kaum noch aus. Aufgeregt tigert er hin und her, ohne sich jedoch zu weit vom Radio zu entfernen. Zwei Minuten später sitzt er tief traurig in sich zusammengesunken. Iran scheidet unglücklich aus dem Turnier aus und Milads Laune ist ruiniert.

Als sich das Kebab im Bauch in Energie umwandelt und diese munter durch unsere Körper strömt, wird der Garten plötzlich zu klein für uns. Voller Tatendrang schmieden wir Pläne und einigen uns auf den Aufstieg einer nahen Gesteinsformation. Sie gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen in Mehriz. Als wir am Fuß der Felsen, die bereits zu den Ausläufern des Zāgros-Gebirges gehören, ankommen, sind mehrere Familien vor Ort. Eine hohe Düne schmiegt sich an den Fels, die dutzenden Kindern und Jugendlichen der Umgebung einen hervorragenden Spielplatz bietet.

Nur mit Socken an den Füßen stürmen die Jungen und Mädchen die Düne, die etwa 100 Meter in die Höhe ragt. Mit lautem Gekreische versuchen sie sich gegenseitig im tiefen Sand zu fangen oder rollen den steilen Hang purzelbaumschlagend hinab. Während die Eltern weiter unten picknicken und Familientratsch betreiben, tobt sich der Nachwuchs hier ordentlich aus.

Zusammen mit Sosha und Milad erklimmen wir die Düne, bis der weiche Sand hartem Fels weicht. Von hier geht es noch ein gutes Stück weiter steil bergauf. Über loses Geröll und leichte Felsvorsprünge suchen wir uns einen Weg bis auf die Spitze des Massivs. Gut 20 Minuten kraxeln wir in die Höhe. Mehdi, der unten an der Düne auf uns wartet, verschwindet bald aus unserem Blickfeld. Dafür erleben wir eine fantastische 360°-Aussicht auf die Ausläufer der nahen Gebirgskette mit der untergehenden Sonne, die Wüste und natürlich Mehriz, das sich farblich kaum von seiner Umgebung abhebt.

Mehriz, Iran

hoch über Mehriz

Mehriz, Iran

Mehriz und die Wüste

Der Abstieg ist dann etwas umständlicher. Noch immer nur mit Socken an den Füßen ist es schwierig auf dem lösen Geröll einen festen Stand zu halten. Immer wieder verrutschen die Steine auf denen wir uns bewegen, bringen uns aus dem Gleichgewicht.

Unten angekommen wirkt Mehdi mürrisch. Schnell macht er uns auf den schlecht sitzenden Hidschab aufmerksam, mit dem wir vermeintliche Blicke auf uns ziehen. Artig richten wir die Kleinigkeiten an unserer Kleidung und fühlen uns von dem konservativen jungen Mann, der zehn Jahre jünger ist als wir, unangenehm bevormundet.

Am nächsten Morgen nähern wir uns endlich Yazd, nicht jedoch ohne uns vor den Toren der Stadt eine weitere Wüstenstätte anzuschauen. Die Dakhmeh-ye Zartoshtiyun, ist eine alte, spätestens seit den 1960er Jahren verlassene zoroastrische Siedlung. Die Zoroastrier ließen sich irgendwann zwischen dem siebten und vierten Jahrhundert vor Christus im heutigen Iran nieder. Sie bilden eine der ersten Religionsgemeinschaften überhaupt, die einen allgegenwärtigen, unsichtbaren Gott voraussetzt. Der Zoroastrismus war lange Zeit die Hauptreligion in dieser Gegend, bevor die Araber den Islam einführten. Heute gilt sie als die älteste noch aktive Religionslehre des Landes. In Yazd, nach Teheran die zweitgrößte zoroastrische Niederlassung im Iran, zählt die Religionsgemeinschaft noch etwa 4.000 Mitglieder.

Die Zoroastrier glauben an einen Dualismus von Gut und Böse, an den immer fortwährenden Kampf zwischen diesen beiden Kräften und sind vielleicht die erste grüne Religion der Menschheitsgeschichte. Neben ihrem Gott Ahura Mazda und dem Propheten Zarathustra werden auch die vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft heiliggesprochen. Eine Umweltreligion, die großen Wert auf die Reinheit der Natur legt.

Berühmt sind die Zoroastrier deshalb auch für ihre Bestattungszeremonien. Ihrem Glauben entsprechend würde das Begraben oder Verbrennen ihrer Toten sowohl die Erde, als auch die Luft verunreinigen. Stattdessen werden die Verstorbenen in sogenannten Türmen der Stille aufgebahrt.

Yazd, Iran

Turm der Stille und die Ruinen der Zoroastrier

Einer dieser Türme erhebt sich nun vor uns. Auf einem staubigen, steinigen Wüstenhügel ragt eine mächtige, kreisförmig angelegte Mauer in die Höhe. Der Aufstieg über eine steile Rampe ist schwierig und es dauert, bis wir endlich vor den dicken Lehmmauern stehen. Ein kleiner Durchbruch führt uns in das Innere des Turmes, dessen Grundfläche etwa 25 Meter im Durchmesser misst. Eine Grube befindet sich in der Mitte des nach oben offenen Raumes. Hier legten die Zoroastrier ihre Toten ab und überließen sie den Geiern und anderen Aasvögeln, welche die Körper bis auf die blanken Knochen abfraßen. Anschließend wurden die Knochen in speziellen Gefäßen gesammelt und begraben. Heute wird diese Tradition aus hygienischen Gründen nicht mehr zugelassen. Um ihren religiösen Grundsätzen dennoch treu zu bleiben, beerdigen die Zoroastrier ihre Toten nun in zementierten Gräbern.

Außerhalb der Türme der Stille blicken wir weit über die Wüste und in die nahe gelegene Stadt Yazd, mit ihren wenigen grauen Hochhäuser und breiten Straßen. Zu unseren Füßen, unterhalb des Turmes der Stille, kontrastieren die verfallenen Ruinen der zoroastrischen Gebäude die moderne Wüstenstadt. Sandfarbend erheben sich die kuppelbedeckten Überreste aus dem staubigen Boden.

Yazd, Iran

im Turm der Stille

Yazd, Iran

zoroastrische Ruinen vor der Wüstenstadt Yazd

Mit Mehdi und Milad schlendern wir durch die zoroastrische Anlage. Die jungen Männer sind jedoch wenig interessiert. Die Niederlage im Nationenturnier hat Milad noch immer nicht verkraftet und auch Mehdi trauert weiterhin um die vergebene Chance. Wir lassen die beiden in ihrer Melancholie zurück und erkunden die Überreste der religiösen Stätte.

Im Zoroastrismus verschmelzen Einflüsse der antiken griechischen Kultur mit animistischen, naturreligiösen Ritualen lokaler Glaubensrichtungen. Feuer wurde zum göttlichen Symbol, weshalb die Zoroastrier häufig auch als Feuertempler bezeichnet werden.

In Yazd befindet sich ein solcher Feuertempel – ein Atashkadeh. In seinem Inneren züngeln Flammen hinter Glasscheiben in einem schweren, metallenen Kelch. Es heißt, dass heilige Feuer brenne hier seit etwa 1.600 Jahren ununterbrochen. Der Tempel an sich ist wenig beeindruckend. Ein modernes Gebäude aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Über dem Eingang prangt das uralte Zeichen der Zoroastrier, der Beschützergeist Fravashi. Er versinnbildlicht die Seele, die Ahura Mazda nach dem Tod erreicht. Zu sehen ist eine menschliche Figur über einem geflügelten Ring. Der Kopf der Figur symbolisiert Erfahrung und Weisheit, die rechte, nach oben gerichtete Hand wird als Anbetung zu Gott interpretiert, während der Ring in der linken Hand die universelle Einheit darstellt. Der große Ring, der Teile der Figur umschließt steht für Unendlichkeit. Die Flügel symbolisieren die Reinheit der Gedanken, Worte und Taten, während der gefiederte Schwanz darunter schlechte Gedanken, Worte und Taten darstellt. Die beiden Bänder, die sich links und rechts unter den Flügeln befinden, repräsentieren das Gute sowie das Dunkle und Böse.

Yazd, Iran

Feuertempel der Zoroastrier in Yazd

Yazd, Iran

zoroastrischer Beschützergeist Fravashi

Außerhalb des Feuertempels tauchen wir in das Yazd der Gegenwart ein. Der konservative Ruf der Stadt spiegelt sich auch im Straßenbild wider. Hier hüllt sich beinahe jede Frau in ihren dunklen Tschador. Von Kopf bis Fuß schlingen sie sich in das religiöse Gewand, das lediglich das Gesicht unbedeckt lässt. So viele, in wallende Tücher gewickelte Frauen haben wir bisher nur in Ghom gesehen, und wie hier war auch dort für den liberalen Geist kein Platz. Doch anders als in Ghom erscheinen die Einwohner Yazds gelassener. Hier lässt man uns einfach sein. Die Weite der Wüste prägt auch die Atmosphäre der Stadt: Es gibt Platz für Jedermann.

 

Unterwegs in der Dasht-e Kavir in zwei Teilen

Teil 1: Mehriz und die Schätze der Wüste

Teil 2: Yazd und ein Hauch von 1001 Nacht


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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