500 km zwischen Fethiye und Antalya – Trekking auf dem beliebtesten Fernwanderweg der Türkei 2/3

Auf dem Lykischen Weg von Kalkan nach Demre


5. November 2014
Türkei
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Die zweite Etappe unserer Wanderung auf dem Lykischen Weg ist gleichzeitig auch die längste. 6 Tage werden wir unterwegs sein, Begegnungen mit Wildschweinen, Schlangen, Skorpionen und Schildkröten, sowie ernsthaften Wassermangel erleben, die Sonne über dem Meer aufgehen sehen und uns dabei unseren Morgen-Kaffee auf dem Gaskocher zubereiten. In völliger Abgeschiedenheit werden wir in kristallklares Wasser springen und uns tagelang nach einer Dusche sehnen. Und das alles mitten in wilder, beinahe unberührter Natur.

Doch kaum haben wir beschlossen, nach einigen Tagen des Nichtstuns in Kalkan, die zweite Etappe des Lykischen Weges zu begehen, liegen wir auch schon wieder faul am Strand. Auf der kurzen asphaltierten Strecke von Kalkan nach Kaş, wo der Wanderweg für uns weitergeht, passiert es. Wie eine türkis leuchtende Perle, umgeben von schroffen, karg in die Höhe wachsenden Felsen, liegt sie wie ein Schmuckstück vor uns: die Kaputaş Bucht.

Kaputaş-Bucht

Kaputaş Bucht

Wir steigen die unansehnliche Betontreppe hinunter und aalen uns mit den wenigen Touristen am kleinen Strand, die jetzt noch, in der letzten Oktoberwoche, hier anzutreffen sind. Ein ums andere mal stürzen wir uns, nach kurzer Überwindungsphase, in die kalten Fluten, um uns wenige Augenblicke später in der warmen Mittagssonne wieder aufzuwärmen. So gehen die Stunden dahin, bis wir nach wenigen Minuten an der Straße eine Mitfahrgelegenheit nach Kaş finden. Mittlerweile sind wir es schon gewöhnt, in die Smartphones hilfsbereiter Türken zu sprechen, die dann blechern das Gesagte übersetzen. Dies erleichtert nicht nur die Kommunikation, sondern gibt ihr, obgleich nicht fließend, auch immer eine amüsante Note.

Lykischer Weg

unsere Mitfahrgelegenheit nach Kaş

In Kaş zelten wir auf einem Campingplatz direkt am Yachthafen. Vor der Küste des ehemaligen Fischerortes liegt schon Meis, die östlichste Insel Griechenlands und auch der Altstadtkern des 7.000 Einwohner Städtchens mutet mit seinen weiß getünchten Häuschen und groben, roten Dachziegeln griechisch an. Die Fenster haben schwere, hölzerne Fensterläden, über den überdachten hölzernen Balkonen, an denen häufig die türkische Flagge oder das Gesichts Atatürks flattert, wuchern Zierpflanzen, die beinahe die schmalen Gässchen in ihrer Breite überwinden.

Katzen flanieren umher. Die vielen kleinen Lädchen mit ihren hölzernen Markisen verkaufen selbst gepresstes Olivenöl, Teppiche, türkische Süßigkeiten, Kunsthandwerk, Kleidung und Gewürze. Und jede der alten, massiven Doppeltüren ist ein Augenschmaus. Auf dem Hauptplatz spielen Kinder mit Maschinengewehren aus Plastik, mobile Verkäufer preisen in ihren kleinen rollenden Verkaufsständen Mandeln an, die auf Eisblöcken gekühlt werden, daneben wird Dondurma aus Maraş angeboten, Speiseeis aus Kuh- oder Ziegenmilch. In der Mitte der Plaza wacht der Vater der Türken, Atatürk, auf einer Säule stehend über das Geschehen, während hinter ihm die grünen Berge in den Himmel ragen und Touristen sich in den Cafés und Restaurants deftige Kebab-Gerichte oder einen türkischen Kaffee schmecken lassen.

Am gegenüberliegenden Hafen angeln Männer und vor den zahllosen Schiffen werden Ausflüge auf einige griechische Inseln oder an naheliegende Strände angeboten. Bis hinein in die 1970er Jahre war Kaş nur auf Eselpfaden erreichbar. Der Massentourismus der anderen Strandorte entlang der Türkischen Riviera hat hier deswegen noch keinen Einzug erhalten. Auch die britische Schickeria, die in Kalkan bei einem Weißwein in einer Lounge sitzend den Blick auf den Hafen genießt, scheint sich hier, im einfachen Kaş, nicht besonders wohl zu fühlen. Es sind vor allem deutsche Urlauber, die jetzt in der Nebensaison, durch die Gassen streifen. Und auch wir genießen das letzte Mal die Annehmlichkeiten sanitärer Anlagen, bevor es uns weiter zieht entlang der lykischen Küste.

Tag 5: Start: Kaş • Laufzeit: 3,5 h • Distanz: 8 Kilometer

Die Suche nach einer Kartusche Gas in dem kleinen Ort stellt sich als komplizierter heraus, als wir es erwarten. Wir werden von einem Ende der Stadt an das andere Ende geschickt, von dort verweist man uns weiter an einen Laden außerhalb der Stadt, nur um letzten Endes dort fündig zu werden, wo wir unsere Suche starteten. Nach einer zeitraubenden Odyssee kaufen wir, allen Ernstes, in dem Geschäft Gas, das sich genau gegenüber des Ladens befindet, in dem wir als erstes nachgefragt haben.

Als wir schließlich, um 12 Uhr mittags, den Ausgang des Ortes erreichen, dort wo der Lykische Weg weiterführt, sind wir schon so verschwitzt, dass wir nur mit Mühe der Idee widerstehen können, uns direkt schon hier in der kleinen Bucht vor Kaş abzukühlen. Nach wenigen Augenblicken verschwindet Kaş aus unserem Blickfeld, als wir in schnellen Schritten den einfachen Schotterweg entlanggehen. Nach einiger Zeit sehen wir ein älteres Ehepaar, das hier die Früchte der wild wachsenden Olivenbäume aberntet. Dann wird der Weg rauer. Wir sind umringt von dutzenden Olivenbäumen, doch der Weg hierher ist so unzugänglich, dass sich niemand um die reifen Früchte der niedrigen Bäume schert.

Helle, grobe Felsen begrenzen nun den schmalen Weg. Das Geröll unter unseren Füßen ist von den Schuhen anderer Wanderer mit Lehm bedeckt. Niedrige Sträucher und struppiges Macchiagebüsch, an denen sich unsere Kleidung immer wieder verhakt, ragen weit in den Pfad hinein. Nach etwa einer Stunde sehen wir hinunter zur Bucht von Liman Ağazi. Das zweifarbige Wasser verspricht endlich die gewünschte Abkühlung, doch eine 30-minütige anspruchsvolle Kletterpartie steht uns noch bevor. An Seilen überwinden wir die steilsten und schmalsten Abschnitte, schlängeln uns vorbei an alten Felsengräbern der Lykier, einer vorchristlichen Kultur, die dem Wanderweg und dem Küstenabschnitt seinen Namen verlieh.

Unten am kleinen Hafen liegen Urlauber auf den dick gepolsterten Liegen oder paddeln in kleinen Kayaks im Wasser umher. Sie alle haben diesen Ort mit dem Schiff erreicht. Wir bestaunen die steil hinaufragenden Felsen, von denen wir vor Kurzem noch den Blick auf die Bucht genossen. Endlich springen wir einige Male ins erfrischende Wasser. Noch schnell einen überteuerten türkischen Kaffee an der Strandbar, dann füllen wir unsere Wasserflaschen an der Stranddusche wieder auf und ziehen weiter.

Der Weg führt einige Zeit einfach geradeaus, bis wir bald ganz nah an der Küste entlangwandern. Geröll und große Felsen erschweren das Vorankommen. Bald ist alles in das warme Licht der Abendstunden getaucht. Jetzt, nach der Zeitverschiebung, geht die Sonne schon um 17 Uhr unter. Doch der schmale Pfad, rechts begrenzt vom Meer, links von nacktem Fels, macht das Aufstellen des Zeltes unmöglich.

Und noch einen Fehler haben wir begangen. Das Wasser aus der Stranddusche, gemacht, um sich das Meersalz von der Haut zu waschen, war Salzwasser aus dem Meer. Wir schleppen nun tatsächlich vier Liter Salzwasser mit uns herum. Wovon wir eine Flasche, halb Salzwasser, halb Leitungswasser, wenigstens noch zum Kochen benutzen können. Schnell macht sich Durst und Frust bemerkbar. In sanften Kurven laufen wir nun entlang der Küste, können trotz Wassermangels und drängender Zeit noch den farbenfrohen Sonnenuntergang genießen. Bald schon sehen wir einen kleinen Strand in der Ferne. Unser Ziel für den heutigen Tag. Ein ganzes Stück noch balancieren wir über bloßen Fels, doch noch bevor das Licht des Tages völlig erlischt, können wir gegen 17.45 Uhr das Zelt aufbauen.

Wir essen die Reste unseres heutigen Frühstücks. Brot, Käse, Oliven und eines von 9 hartgekochten Eiern aus unserem Gepäck.

Tag 6: Laufzeit: etwa 4.5 h • Distanz: 12 Kilometer

Der Tag beginnt um 6.30 Uhr. Die Sonne schiebt sich gerade über die uns umgebenden Berge. Wir sind durstig. Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir unsere Flaschen gestern mit Salzwasser aufgefüllt haben. Wir laben uns an der einen Tomate und den zwei Mandarinen, die wir haben. Wir brauchen Flüssigkeit. Eilig bauen wir das Zelt ab, damit wir schnell weiter können. Ein anstrengendes Stück geht es landeinwärts über Steine und Gestrüpp, bis wir wieder nahe der Küste laufen.

Nach etwa einer Stunde kommt uns eine ukrainische Familie mit zwei Kindern und zwei Hunden entgegen. Die Eltern tragen riesige Rucksäcke, die Kinder hantieren mit den Trekking-Stöcken. Auch ihre Wasservorräte scheinen knapp bemessen, wird sich doch als erstes erkundet, wo die nächste Wasserstelle käme. Wir verweisen auf den Liman Ağazi, doch raten von den Duschen ab. Noch eine Stunde müssen wir leiden, dann erreichen wir eine verlassene Ansammlung von Häusern am Strand. Doch wir haben Glück. Aus einer Häuserwand ragt ein Wasserhahn. Seit fast 20 Stunden haben wir nichts getrunken. Wir machen glücklich Pause, trinken so viel wir können, um unseren Wasserhaushalt wieder auf Vordermann zu bringen, füllen unsere Wasserflaschen wieder auf und ziehen weiter.

Ein breiter Schotterweg führt uns wieder weg von der Küste, eine Stunde laufen wir bergauf, um danach wieder eine Stunde bergab zu gehen. Wir begegnen keiner Menschenseele mehr. Gegen Mittag erreichen wir eine winzige, steinige Bucht. Sofort springen wir hinein, kochen uns danach Instantnudeln, noch ein paar türkische Süßigkeiten als Energielieferant. Gegen 15 Uhr laufen wir weiter.

Noch zwei Stunden geht es entlang der Küste. Mal auf blankem Fels, mal auf einem schmalen Pfad, der mit Geröll übersät ist, mal verengt sich der Weg zwischen den scharfkantigen Felsen so sehr, dass unsere Wanderschuhe stecken bleiben, unsere Rucksäcke leiden, unsere Kleidung leidet und auch wir leiden ein bisschen, bis wir endlich, pünktlich zum Sonnenuntergang, eine ebene Fläche am Meer finden. Vorherige Wanderer haben hier schon auf einem kleinen Bereich, groß genug für ein Zelt, das viele Geröll beiseite geräumt. Um 18 Uhr liegen wir schon in den Schlafsäcken.

Tag 7: Gehzeit 6.45 h • Distanz: 14 Kilometer

Kurz vor Sonnenaufgang wachen wir auf. Zwölf Stunden komatöser Schlaf liegen hinter uns. Die Selbstheilungskräfte des menschlichen Körpers lassen mich staunen. War ich mir gestern Abend noch sicher, mich heute vor Muskelkater, sowie schmerzenden Füßen und Beinen kaum bewegen zu können, fühle ich mich jetzt wie neugeboren. Wir schauen der Sonne zu, wie sie langsam über den Horizont steigt und auch wir machen uns startklar für einen weiteren langen Tag, frühstücken Schokoladenkuchen und Kaffee, ziehen wieder los.

1,5 Stunden Aufstieg über Geröll und Felsen. Wir kriechen keuchend nach oben, immer weiter weg vom Meer. 24 Stunden nachdem wir unsere Wasservorräte wieder aufgefüllt haben, ist nicht mehr viel übrig. In der alten Zisterne, die wir auf dem Weg entdecken, befindet sich lediglich verschlammtes Wasser. Wir laufen weiter. Dann treffen wir auf eine breite Schotterstraße. Sie ist eben und unter den vielen Steinen erkennen wir sogar ein bisschen den Asphalt. Wie im Traum gehen wir die Straße entlang, schaffen 3 Kilometer in nur 30 Minuten. Nach all dem Geröll und Fels fühlt es sich an, als würden wir fliegen. Vor einem einfachen Haus versucht gerade eine gesamte Familie ihre blökenden Ziegen hinter eine Absperrung zu treiben. Nach der ukrainischen Familie, die ersten Menschen, die wir sehen. Wir dürfen unsere Flaschen an dem Waschbecken vor ihrem Haus auffüllen.

Bald sehen wir in einiger Entfernung eine Ansammlung von Häusern, das Dorf Kiliçli. Doch der Wanderweg biegt vorher ab. Der Weg bleibt vergleichsweise einfach. Wir sehen viele Ziegen und viel Geröll. Wir sind jetzt weit im Landesinneren. Der Weg führt bald in einen kleinen Wald und wird steiniger. Als wir gerade Instantnudeln kochen, fängt es an zu nieseln. Wir kochen einen Liter Wasser, wollen jeder zwei Pakete essen. 700 Kalorien, die wir mehr als benötigen. Dann ein kleiner Moment der Unachtsamkeit und der Topf auf dem kleinen Gaskocher kippt um. Ungläubig starren wir auf die Pfütze; können unser Unglück kaum fassen.

Ein Großteil unserer Wasservorräte ist dahin. Langsam fassen wir uns wieder, essen jetzt jeder nur ein Paket (mehr Wasser haben wir nicht) und ziehen weiter. Nach etwas weniger als einer Stunde sehen wir unter uns eine schmale Meerzunge. Lykische Steingräber säumen den Pfad, eine Schildkröte passiert seelenruhig unseren Weg. Unten ist der Strand steinig, einige weitere Gräber stehen am und im Wasser. Wir springen kurz ins kühle Nass.

Der Weg wird wieder einfacher. Lange laufen wir über eine weite, lehmige Ebene, in die entgegengesetzte Richtung des Meeres. Dann wird es wieder eng, wieder steinig, wieder steil. Gegen 17 Uhr bauen wir, etwas abseits des Weges völlig erschöpft und durstig unser Zelt auf.

Gerade möchten wir wohlig in unseren komatösen Schlaf fallen, da hören wir ein Scharren und immer wieder ein lautes Rumsen aus einiger Entfernung. Dann sind wir plötzlich hellwach. Ein lautes, ein deutliches Grunzen neben unserem Zelt. Seit fast einem Tag haben wir keine Menschenseele getroffen, kein Haus gesehen und nun ein Wildschwein neben unserem Zelt. Ängstlich liegen wir wach. Unsere Sinne sind geschärft, doch immer wieder übermannt uns der Schlaf. Immer wieder weckt uns deutliches Grunzen und ein seltsames Scharren. Doch auch diese Nacht vergeht.

Tag 8: Wir laufen durch die Natur

Die Nacht war unruhig. Wir sind durstig. Ein paar Feuchttücher zur Körperreinigung. Ich rieche nach Babypopo. Um 8 Uhr brechen wir auf. Lehm sammelt sich in dicken Schichten unter unseren Schuhen, macht unsere Sohlen rund. Etwa zwei Stunden laufen wir ganz nah am Wasser und sind durstig wie eh und je. Um 9 Uhr brennt die Sonne bereits auf uns herab. Der schmale Weg, auf bloßem Fels, ist jetzt nur noch an der lehmigen Farbe erkennbar. Immer wieder bleiben wir stecken.

Noch eine Stunde. Wie im Taumel erreichen wir Üçagiz. Ein winziges Dorf, ein paar Touristen. Ein kleiner Supermarkt. Wir können nicht mehr aufhören zu trinken. Kaltes Wasser, kalter Apfelsaft. Mandarinen. Völlig erschöpft sitzen wir auf einer Holzbank am Wasser. Zwei Stunden lang trinken und essen wir. Irgendwo putzen wir Zähne, machen uns dann weiter ins nahegelegene Kaleköy. Dort wollen wir den heutigen Tag verbringen.

Das kleine Dorf ist direkt in einen Hang gebaut, auf dessen Spitze eine Burg thront. Von überall blickt man auf die schöne, geschwungene Bucht. Die Häuschen stapeln sich, die Gassen sind eng. Die untersten Häuser haben lange breite Stege und einladende Steinterrassen. Von hier kann man sich direkt ins kristallklare Wasser plumpsen lassen und mit Hilfe kleiner Leitern wieder hinaussteigen. Wir brauchen eine Weile, um zu verstehen, dass es hier keinen Strand gibt. Die breiten Steinterrassen und die langen Stege sind öffentlich.

Wir legen uns kurzerhand auf eine Terrasse, strecken den ganzen lieben Tag unsere müden Glieder von uns, planschen im Wasser. Tun absolut gar nicht. Wir sind komplett alleine. Es ist Anfang November. Seit einigen Tagen ist die Saison offiziell beendet. Eine Dusche am Strand – diesmal mit Süßwasser. Völlig öffentlich betreiben wir gründliche Körperreinigung. Versuchen wenigstens einen Moment abzupassen, in dem keine Schiffe, deren Passagiere den Blick auf Kaleköy vom Wasser aus genießen, vorbeifahren. Abends steigen wir dann hoch auf die Burg, sehen die Sonne untergehen und campen abends auf dem Fußballplatz unten im Dorf.

Tag 9: Gehzeit: 5.45 h • Distanz: 14 Kilometer

Völlig ausgeruht laufen wir am nächsten Morgen gegen 7 Uhr los. Unsere Körper sind nun völlig dem Rhythmus der Sonne angepasst. Eine Stunde laufen wir beschwingt über einen breiten Schotterweg, der immer enger wird, bevor wir an einer Bucht ankommen und frühstücken. Dann geht es wieder bergauf. Die Steine häufen sich. Ein singender Ziegenhirte begegnet uns. Wir steigen wieder hinunter und erreichen eine flache Ebene. Die Landschaft gleicht einem Steingarten, ja vielleicht einem Steinlabyrinth. Der kurvige Weg entsteht dort, wo die kantigen Felsen Platz gemacht haben. Irgendwo sitzen wir unbequem und kochen mitten auf dem Weg Instantnudeln.

Hier und da stopfen wir uns türkische Süßigkeiten in den Mund. 100% Zucker. Mehr Energie geht nicht. Wieder begegnen wir niemandem. Dann irgendwann ein Strand aus weißen Steinen. Wie immer springen wir mindestens zwei Mal kurz hinein, bevor es weiter geht. Der Weg windet sich schmal an der Küste vorbei. Links der Fels und die Büsche, rechts das Meer. Plötzlich raschelt es ungewohnt neben meinem Ohr. Eine dünne, grüne Schlange schlängelt sich den Fels entlang und verschwindet irgendwo. Bis sie weg ist, dauert es – so lang ist sie.

Der Weg wird breiter, wird zu einer Ebene, doch ist sie über und über mit Steinen gesprenkelt. Es dämmert. Wir finden keinen Platz für das Zelt. Hinter einer Kurve, einige Meter entfernt vom Weg, endlich ein geeigneter Platz. Wir müssen ein paar Steine zur Seite räumen und legen einen waschechten Skorpion frei. Wir erschrecken uns beide, beschließen etwas umsichtiger zu sein. Hier mitten in der Einsamkeit kommt uns ein Skorpionstich dann doch ungelegen. Alles schmerzt von dem langen Tag. Als die Sonne untergeht, fallen wir wieder ins Koma.

Tag 10: Demre

Nur etwa 2,5 Stunden liegen am Morgen noch vor uns. Über eine breite, flache Ebene und nach einem weiteren anstrengenden Aufstieg erreichen wir die Straße. Äste und Sträucher ragen weit in den Weg hinein. Immer wieder bleiben wir hängen, müssen uns gegenseitig befreien. Dieser Abschnitt des Lykischen Weges scheint, so haben wir in den letzten Tagen festgestellt, wenig belaufen zu sein. Außer der ukrainischen Familie gleich zu Beginn haben wir keine anderen Wanderer mehr gesehen. Wir erreichen die Straße, trampen 10 km bis nach Demre.

Demre ist eine staubige kleine Stadt, in der Hühner auf der Straße laufen. Es gibt gefühlt mehr Gewächshäuser als Wohnhäuser, ein paar Traktoren und Motorräder wirbeln Staub auf. Viel gibt es hier nicht zu tun. Wir finden keinen Campingplatz, dürfen aber neben einer Strandbar am ewig langen, schönen Strand am Ort unser Zelt aufschlagen. Der junge Mann, der dort arbeitet, scheint gerade aufgestanden zu sein, erlaubt uns aber das Toilettenhäuschen und die freistehende Dusche neben der Bar zu benutzen.

Wieder können wir duschen. Was für ein Luxus. Wir besichtigen die zwei Sehenswürdigkeiten im Ort. Nikolaus, der Mann, der uns am 6. Dezember immer so viel Süßes in die sauberen Stiefel steckt, war hier Bischof. Seine Kirche, eine verdammt alte Kirchenruine (4. Jahrhundert n. Chr.) kann nun besichtigt werden. Wir haben das Gebäude ganz für uns alleine. Im Sommer drängen sich hier die russischen Touristen, die Nikolaus, als Schutzpatron Russlands, besonders verehren. Wir huschen noch schnell durch die Ruinen der antiken Stadt Myra und bewundern vor allem die große Anzahl an lykischen Felsgräbern, die hier bis hoch über unseren Köpfen aus der Bergwand ragen.

Als wir auf dem Weg zurück zum Zelt sind, laufen uns mittlerweile alle Straßenhunde Demres hinterher. Unauffällig, weil von drei Hunden eskortiert, schlendern wir durch den Ort. Nicht, dass wir als einzige Besucher schon genug Aufmerksamkeit auf uns ziehen würden. Ohne, dass wir auch nur einen der Hunde füttern, weichen sie nicht mehr von unserer Seite. Nachts schlafen sie neben unserem Zelt, morgens springen sie mit uns ins Meer, laufen mit zum Supermarkt und wieder zurück. Wir tun nichts, hängen am Strand rum, erholen uns. Eine weitere Nacht vergeht. Das ganze Rudel begleitet uns dann am nächsten Tag an die Straße. Wir wollen nach Finike trampen, schätzen unsere Chancen aber als gering ein. Wer hat schon Platz für zwei Personen und ein Rudel Hunde? Wir stehen an der Tankstelle. Fünf Augenpaare sind auf die Straße gerichtet, als gewohnt türkisch, gewohnt schnell ein Auto hält.

Die dritte Etappe auf dem Lykischen Weg steht uns bevor.

 

Die Wanderung auf dem Lykischen Weg in drei Teilen

Teil 1: Von Fethiye nach Kalkan

Teil 2: Von Kalkan nach Demre

Teil 3: Von Demre nach Olympos

 


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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