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500 km zwischen Fethiye und Antalya – Trekking auf dem beliebtesten Fernwanderweg der Türkei

Auf dem Lykischen Weg von Fethiye nach Kalkan


27. Oktober 2014
Türkei
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Das blau schimmernde Mittelmeer zur rechten Hand, die Gipfel des Taurusgebirges über unseren Köpfen, dichte Wälder und blökende Ziegen, alte Trampelpfade, die die Dörfer der Teke-Halbinsel verbinden, Ruinen vergangener Kulturen, einsame Nächte im Zelt und jede Mittagspause an einem anderen Strand ins kühle Nass hüpfen – der Lykische Weg vereint auf über 500 Kilometern entlang der türkischen Mittelmeerküste alles, was eine mehrwöchige Wanderung braucht, um zu einem unvergesslichen Abenteuer zu werden.

Und auch wir schnüren nach entspannenden, aber ereignisarmen Tagen an den Stränden in und um Ölüdeniz das erste Mal auf dieser Reise unsere Wanderschuhe, um einige Etappen des beliebtesten Fernwanderweges der Türkei zu begehen. Unser Ziel ist die 500 Kilometer entfernte Hafenstadt Antalya.

Tag 1: Start: Ovacık • Ziel: Kirme • Laufzeit 4,5 Stunden • Distanz: 10 Kilometer

Pünktlich um 12 Uhr mittags stehen wir dort, wo wir um diese Zeit eigentlich nicht stehen sollten: In Ovacık, am Beginn des Lykischen Weges, der Fethiye mit Antalya verbindet. Auf unseren Rücken das volle Programm. Zu den üblichen 12 und 18 Kilo Reisegepäck gesellen sich 3 Liter Wasser, 1 Kilo Lokum, die berühmte türkische Süßigkeit, eine Handvoll Pakete Kekse, Trockenfrüchte, Kuchen, etliche Portionen Instantnudeln, Brot, Käse, Oliven und noch mehr Nudeln, Tomatensoße und zwei Zwiebeln. Der einfache Schotterweg und die Aussicht auf die Blaue Lagune von Ölüdeniz versüßen uns zwar den Beginn unserer Wanderung, doch spätestens nachdem uns eine Gruppe Tageswanderer beschwingt überholt und mit riesigen Augen ungläubig auf unser Gepäck starrt, das sich bis hoch über unseren Köpfen türmt, wünschen wir uns einen Esel herbei.

Die Mittagssonne brennt erbarmungslos herab. Der Weg wird schnell anspruchsvoller. Mittlerweile klettern wir schnaufend, aber stetig einen steinigen und schmalen Pfad hinauf. Bald helfen auch die schönen Ausblicke auf das blaue Meer und die Bucht bei Ölüdeniz nicht mehr. Die seltenen, 10 Meter langen Abschnitte, die eben und frei von riesigen Steinbrocken sind, genieße ich, wie einen langersehnten Urlaub. Dennoch: Nach jeder vollen Stunde gönnen wir uns eine kleine Verschnaufpause, recken und strecken uns, bevor wir wieder unsere Rücksäcke hochhieven und weiter marschieren.

Die lange Hose wurde schon längst gegen die Kurze getauscht, als wir gegen 16 Uhr ein kleines Dorf, etwa 3 Kilometer vor Kirme, erreichen. An einem Wasserbecken verschnaufen wir gemeinsam mit einer älteren Dorfbewohnerin, die ebenfalls ihren Wasservorrat an diesem Brunnen auffrischt. Wir füllen unsere Trinkflaschen wieder auf, machen uns über unsere Kekse her und ziehen wieder los. Der Schotterweg ist nun breit und einfach. Das laute Brummen unzähliger Bienen dringt zu uns herüber. In den Wäldern auf beiden Seiten des Weges wird der ausgezeichnete türkische Honig produziert. In langen Zweierreihen stehen hier die Bienenkästen auf dem Waldboden, aus denen es unaufhörlich summt.

Wir durchqueren Kirme, pflücken auf dem Weg noch zwei Granatäpfel, die nun überall reif und schwer an den Bäumen hängen. Hinter dem kleinen Ort beginnt der lange Abstieg, der bis nach Faralya und die Bucht des Butterfly Valleys führt. Etwas abseits des Weges finden wir schnell eine ebene Fläche. Die uns umgebenden Berge färben sich schon im Licht der sinkenden Sonne, als wir gegen 17.30 unser Zelt aufbauen. Schnell räume ich noch einige wenige Steine zur Seite. „Gibt es hier eigentlich schon Skorpione?“ – „Bestimmt“, grummelt es gedankenverloren hinter dem Gaskocher hervor. Als der Muezzin in Kirme das letzte Mal an diesem Tag zum Gebet ruft, liegen wir schon lange in unseren Schlafsäcken.

Tag 2: Start: Kirme • Ziel: Faralya • Laufzeit: 2 Stunden • Distanz: 5 Kilometer

Die erste Nacht auf dem Lykischen Weg war lang und erholsam. Zum Frühstück schmeißen wir den Gaskocher noch einmal an. Es gibt Schwarztee und Schokoladenkuchen. Wir genießen die morgendliche Stille. Von irgendwoher tönt das Summen der Bienen zu uns herüber. Sicherheitshalber machen wir noch einen kleinen Abstecher zurück nach Kirme und füllen unsere Wasservorräte nach, bevor wir uns erst gegen 10 Uhr an den steilen Abstieg machen. Schon nach kurzer Zeit sehen wir das Meer aus der Ferne. Wir steigen steinige Terrassen und spärlich bewachsene Felder hinunter. Nach einer knappen Stunde erreichen wir den kleinen Ort Faralya. Ein paar Häuser am Wegrand, einige Pensionen und ein Restaurant – mehr nicht. Der Weg hinunter zum geschützt gelegenen Butterfly Valley soll mühsam sein und so geben wir unsere Rucksäcke für ein paar Stunden in einem Hotel im Ort ab.

Den Tag wollen wir am Strand verbringen. Das Wasser leuchtet türkis und verlockend weit unten zu unseren Füßen. Der kleine Strand liegt umgeben von karg bewachsenen, steil aufragenden Granitfelsen. Der Abstieg ist mühsam, beschwerlich und nicht ungefährlich. Mit den großen Rucksäcken wäre das ein schier unmögliches Unterfangen. Drei Mal müssen wir, an langen Sicherheitsseilen hangelnd, senkrechte Felspassagen hinabklettern. Unten angekommen ist mein Gesicht komplett von Angstschweiß bedeckt und meine Jeans hat den ersten Riss. Doch es ist geschafft. Nach einer anderthalbstündigen, unerwartet kräfte- und nervenzehrenden Kletterpartie springen wir am einsamen Strand wohlverdient in die kühlen Wellen. Einige Kanufahrer haben sich den Abstieg erspart und sind über das Wasser zu diesem entspannten Örtchen gepaddelt. Nun schaukeln sie in den Hängematten zwischen den Palmen.

Zur Hochsaison laden zahllose Ausflugsschiffe ihre Passagiere stundenweise hier ab. Doch nun ist alles ruhig und friedlich. Zu schnell können wir uns von diesem Ort nicht trennen, doch auch der Gedanke an den Aufstieg hält uns länger am Strand, als geplant. Am späten Nachmittag wagen wir dennoch eine weitere Kletterpartie entlang der Steilwand, sehen wir doch keine andere Möglichkeit, diesem Paradies wieder zu entkommen. Überraschend schnell sitzen wir jedoch bei einem heißen Çay und mit Spinat und Käse gefüllten Gözleme (eine Art Pfannkuchen) auf einer sonnigen Terrasse in Faralya.

Weit werden wir es heute nicht mehr schaffen. Hinter dem kleinen Ort suchen wir uns einen geeigneten Schlafplatz. Der schmale, steinige Weg führt jetzt in engen Windungen ein Waldstück hinauf. Wir befürchten Schlimmes und stellen uns schon auf eine Nachtwanderung ein, als nach einer knappen Stunde wie aus dem Nichts eine riesige flache Ebene vor uns auftaucht. Diese Einladung können wir nicht abschlagen und errichten unser Nachtlager. Von einer kleinen Anhöhe hinter unserem Zelt bestaunen wir noch den farbenprächtigen Sonnenuntergang, von irgendwo schallt der Gesang des Muezzins herbei, bevor uns die zweite Nacht in unser Zelt ruft.

Tag 3: Start: Faralya • Ziel: beinahe Alinca • Laufzeit: 4,5 Stunden • Distanz: 10 Kilometer

Der Tag beginnt um 8 Uhr morgens mit einem Tausendfüßler im Schuh und Granatäpfeln und Kuchen zum Frühstück. Der Weg windet sich noch einige Meter nach oben, bevor wir den ungetrübten Blick über das in der Morgensonne glitzernde Meer genießen können.

Bald biegen wir auf eine breite Schotterstraße ab und verlieren das erste Mal seit Aufbruch die rot-weißen Wegmarkierungen aus den Augen. Hier leuchten uns nur noch die hellgrünen Nadelbäume vor dem kräftigen Blau des Meeres entgegen. Doch finden wir auch ohne Markierungen und Wanderkarte unser Mittagsziel. Die kleine Bucht von Kabak ist nicht zu übersehen, liegt sie doch kristallklar zwischen grün bewachsenen Hügeln wie im Bilderbuch zu unseren Füßen. Trotzdem beschleicht uns das ungute Gefühl vom Weg abgekommen zu sein. Statt herrlicher Wanderwege laufen wir in der beginnenden Mittagshitze über staubige, trockene Pisten, können uns weder entschließen vor noch zurück zu gehen und verlieren einige Zeit bevor wir endlich den steilen Abstieg zur Bucht erreichen. Drei Stunden aalen wie uns mit einigen wenigen am schönen Strand, tauschen Wanderstiefel gegen Flip-Flops, kochen Instantnudeln, tauchen immer wieder ab in das kühle Wasser.

Am frühen Nachmittag steigen wir den steilen, felsigen Weg auf der anderen Seite der Bucht hinauf. Wir quälen uns, doch scheint ein Ende des Aufstiegs nicht in Sicht. Mittlerweile haben wir das Terrain von Bergziegen betreten. Beschwingt hüpfen und springen sie über das lose Geröll und die großen Felsbrocken. Immer wieder rauschen kleine Steinlawinen in die Tiefe. Und auch wir treten hier und da etwas Geröll los, ohne jedoch der Eleganz der Ziegen vergleichsweise nahe zu kommen. Ab 17 Uhr suchen wir händeringend einen Platz für unser Zelt. Doch der Boden ist über und über mit großen Steinbrocken gesprenkelt.

Bald schon gehen wir nur noch wenige Zentimeter entlang der mächtigen Felswände des Taurusgebirges. Keine Chance, die Heringe in den steinigen Boden zu schlagen. Wir suchen weiter, beschließen verzweifelt und müde unser Zelt auf einer schrägen, kleine Fläche direkt am Hang aufzubauen, sehen aber bald die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens ein und suchen bedrückt und erschöpft weiter. Die Sonne ist bereits untergegangen, doch finden wir nur wenige Minuten nach unserem zeitaufreibenden und erfolglosen Versuch einige terrassenförmig angelegte Flächen, auf denen es sich relativ problemfrei zelten lässt. Im Dunkel kochen wir Penne, kippen die billigen, passierten Tomaten aus dem Tetra Pak und eine kleingeschnittene rohe Zwiebeln in einen Topf und zelebrieren diese Pampe wie das reinste Festmahl – so ausgehungert sind wir.

Nachts bricht völlig unerwartet ein heftiges Gewitter über uns herein. Das flatternde Zelt, das unaufhörliche Donnern und die Angst, unsere vier Wände könnten uns bald um die Ohren fliegen, lassen trotz unserer Erschöpfung nur wenig Schlaf zu. Unaufhörlich prasselt der Regen auf uns herab. Grelle Blitze und kanonenschlagartiger Donner lassen uns immer wieder aufschrecken.

Tag 4: Start: beinahe Alinca • Ziel: Kalkan • Laufzeit: 2 Stunden • Distanz: 5 Kilometer

Am Morgen gleicht unser Zeltplatz einer Schlammgrube. Der Boden ist vom nächtlichen Regenguss derart aufgeweicht, dass auch wir nicht lange vom Matsch verschont bleiben. Schuhe, Hosen, Rucksäcke, Zelt – alles ist mit unzähligen erdig-braunen Flecken übersät. Doch anerkennend und zufrieden mustern wir unser Zelt, das das Unwetter ohne Probleme wegstecken konnte.

Noch immer erschöpft und vom unzureichenden Schlaf gezeichnet machen wir uns auf den Weg. Der Kuchen zum Frühstück kann nur kurzzeitig darüber hinwegtrösten, dass unsere Wasservorräte aufgebraucht sind. Durstig schleppen wir uns durch den Wald, immer weiter bergauf. Auf dem holprigen, unebenen Weg begegnen wir immer wieder Bergziegen. Auch ihr zotteliges, dichtes Feld trägt die Spuren der vergangenen Nacht. Es ist klatschnass.

Aus der grauen Wolkendecke über uns fallen immer mal wieder ein paar Regentropfen auf uns herab, was unsere ohnehin schon schmutzige Erscheinung nicht gerade aufwertet. Wir treffen ein paar Bauern auf dem Weg, die uns herzlich willkommen heißen und erreichen endlich, nach etwa zweieinhalb Stunden, die kleine Siedlung Alinca. Hier geht der Lykische Wanderweg für einige Kilometer in eine asphaltierte Straße über und wir beschließen die übrigen Kilometer bis nach Kalkan zu trampen.

Dass es hier kaum Verkehr gibt, hatten wir erwartet – dass die Straße aber gänzlich leer bleiben würde, überrascht uns dann doch. Ohne Wasser und Lebensmittel stehen wir ziemlich verloren am Straßenrand. Bis Kalkan sind es noch 45km. Doch wir haben Glück. Das erste und vermutlich einzige Auto, das Alinca an diesem Tag durchquert, hält für uns. Etwas beschämt, weil sehr verschmutzt, steigen wir ein.

Zwei Stunden und drei Mitfahrgelegenheiten später sitzen wir am frühen Nachmittag an einer Tankstelle in Kalkan und warten auf Gernot. Bereits vor unserer Abreise hatten wir eine Einladung vom 70-Jährigen erhalten, die wir gerne annehmen wollten.

Es dauert auch nicht lange und der kleine Mann mit den freundlichen Augen und dem weißen Vollbart steht vor uns. Im Gepäck hat er eine Überraschung für uns und so sitzen wir binnen weniger Minuten in seinem Wohnmobil und machen uns auf den Weg nach Gelemiş, genauer gesagt zu einer Vernissage eines Bildhauerworkshops. Unter professioneller Anleitung meißelte eine Gruppe deutscher Hobbykünstler vier Tage lang an lykischem Gestein, um die entstandenen Skulpturen eben jetzt vorzustellen. Kommunenartige Hippieatmosphäre zwischen Olivenbäumen. Etwas unwohl, weil immer noch schmutzig und uns unserer Körpergerüche unsicher, stehen wir zwischen herausgeputzten, ergrauten Akademikern und fragen uns, wie wir es schaffen immer wieder in solche Situationen zu geraten.

Bildhauergruppe in Gelemiş

Bildhauergruppe in Gelemiş

Hier lernen wir auch Klaus und Claudia kennen, die ebenfalls über ein Haus in Kalkan verfügen. Überhaupt scheint der Ort eine Enklave britischer und deutscher (Teilzeit-)Auswanderer zu sein. In Gernots Nachbarschaft hören wir viel Englisch, ab und an Deutsch, aber kaum ein türkisches Wort. Die wenigen Einheimischen im Ort betreiben Restaurants, Hotels, Reiseagenturen, Bars und Cafés. Aber wo sie wohnen, bleibt uns ein Rätsel. Die Altstadt Kalkans gleicht einer großen, verwinkelten Lounge. Große Sitzflächen mit Blick auf den Hafen, entspannte elektronische Klänge im Hintergrund, Meersfrüchte, Wein. Kalkan erscheint uns als Urlaubsort für die gehobene Klasse.

Unsere Zeit hier ist angenehm ereignislos. Eine Erholungspause nach den letzten Tagen auf dem Lykischen Weg. Nur einmal machen wir uns auf den Weg und schlendern entlang des nahegelegenen Strandes von Patara. Der feine Sandstrand mit seinen hoch aufragenden Dünen misst 12 km und ist damit der längste Strand der Türkei. Stürmischer Wind treibt das Wasser an das Ufer. Rauschend brechen sich die Wellen. Wir drücken unsere Fußspuren in den nassen Sand und betrachten gedankenverloren die Brandung, wie sie unsere Fährte immer wieder auslöscht.

Nur ein paar Minuten hinter dem Strand befinden sich die Ruinen der antiken lykischen Stadt Patara. Die Überreste eines Theaters, ein restauriertes und teilweise wieder hergestelltes Versammlungsgebäude, ein paar Säulen entlang der einstigen Prachtstraße, der Triumphbogen am Eingang. Dazwischen eine grasende und blökende Schafsherde.

Am Abend sind wir zusammen mit Gernot bei Klaus und Claudia zum Essen eingeladen. Fangfrischer Fisch aus den Gewässern vor Kalkan und ein paar kühle Bier stärken uns für die kommenden Tage. Unsere zweite Etappe des Lykischen Weges wird uns über Kalkan und Kaş bis zu den Ruinen der antiken Stadt Myra führen.

 

Das war die erste von drei Etappe unserer Wanderung auf dem Lykischen Weg. Hier findest du die übrigen beiden Artikel:

Lykischer Weg Teil 2: Von Kalkan nach Demre

Lykischer Weg Teil 3: Von Demre nach Olympos


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