500 km zwischen Fethiye und Antalya – Trekking auf dem beliebtesten Fernwanderweg der Türkei 3/3

Auf dem Lykischen Weg von Demre nach Olympos


9. November 2014
Türkei
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Unsere dritte und letzte Etappe auf dem Lykischen Weg führt uns von Mavikent bis zum Hippie-Dorf Olympos. Uns erwarten noch mehr Skorpione, viel Wald, lange Traumstrände, Baumhäuser, ewige Flammen und ein nächtlicher, angsteinflößender Besuch echter Wölfe. Dann endlich erreichen wir unser Ziel, die Hafenstadt Antalya.

Trotz tierischer Begleitung finden wir in Demre schnell eine Mitfahrt nach Finike, wo wir uns zunächst einen frisch gepressten Granatapfelsaft mit Blick auf den langgezogenen, menschenleeren Sandstrand, schmecken lassen. Hier, an der lykischen Küste – noch vor der türkischen Riviera, an der sich die Hotelburgen eng aneinander reihen – gibt es sie noch, die unbebauten, langgezogenen Sandstrände. Leider können wir nicht an jedem unser Zelt aufschlagen.

Lykischer Weg

Granatapfelsaft am Strand von Finike

Zwei weitere Mitfahrgelegenheiten bringen uns bis nach Mavikent. Wir laufen eine halbe Stunde bis zum vermeintlichen Ortsausgang und suchen eine Mitfahrt bis nach Karaöz, wo unsere dritte Etappe des Lykischen Weges beginnt. Doch niemand nimmt uns mit. Wir versüßen uns die Wartezeit und naschen von den unzähligen Mandarinen und Orangen, die neben uns schwer an den Bäumen hängen. Es gibt so viele davon, dass sich offensichtlich niemand um die leckeren Früchte schert. Ebenso wenig wie um die Granatäpfel, die bereits an den Zweigen aufplatzen.

Es vergehen fast 40 Minuten. So lange haben wir in der Türkei noch nie auf eine Mitfahrt gewartet. Etwas muss schief gelaufen sein. Wir gehen weiter und finden die Ursache. Wir stehen gar nicht am Ortsausgang. Nach der Kurve führen die Häuserreihen noch ewig weiter. Der winzige Ort zieht sich unendlich in die Länge. Dann endet der Ort tatsächlich – und zwar an einem, wie sollte es anders sein – ewig langen Sandstrand. Es dämmert bereits. Wir genießen den Sonnenuntergang am Strand und verkrümeln uns bald in unser Zelt.

Tag 11: Gehzeit: 6 h • Distanz: 14 Kilometer

Wir stehen bei Sonnenaufgang auf, der die umgebenden Berge rot verfärbt. Wir nutzen noch einmal die freistehende Dusche am Strand. Morgenhygiene ohne schlechtes Gewissen, unsere Wasservorräte zu verschwenden. So früh am Morgen rechnen wir nicht damit eine Mitfahrt zu bekommen. Die Schotterstraße ist völlig verlassen. Also laufen wir los. Immer die Deniz Caddesi entlang – die Meerstraße.

Niedrige, einfache Holzhäuser stehen hier in unmittelbarer Umgebung zum Meer, in bester Lage quasi. Doch fehlen die großen Panoramafenster, die Terrassen. Ein Angler wartet geduldig am Strand auf die Fische. Wir laufen ein Stück, werden von einem heranfahrenden Kleinbus mitsamt nettem Busfahrer jedoch bald bis nach Karaöz mitgenommen – eine kleine Siedlung, die in den gleichzeitigen Genuss von Bergpanorama und Meerblick kommt. In der Bucht kann man noch weit draußen durch das Wasser hindurch bis auf den Grund schauen. So klar ist es. Der Weg ist breit und einfach, alle paar Minuten gibt es einen öffentlichen Brunnen. Ein Traum im Vergleich zum letzten Abschnitt unserer Wanderung.

Wir frühstücken frisch gepflückte Früchte – Granatäpfel, Mandarinen und Orangen – und setzen unseren Weg durch den Nadelwald fort. Das helle Grün setzt sich kontrastreich vom dunklen Blau des Meeres ab und verzückt uns immer wieder. Der Weg bleibt einfach, wir passieren mehrere Buchten, bestaunen die steilen Felswände und auch einige Wanderer kommen uns endlich wieder entgegen. Überall glitzert das Wasser verführerisch und kristallklar. Dann ein kurzer, schweißtreibender Anstieg und wir erreichen den Gelidonya Leuchtturm.

Am Kap angekommen werden wir von drei Seiten vom Meer umspült. Kleine, unbewohnte Inseln ragen aus dem Wasser. Gleich mehrere Wanderer haben sich diesen Ort für eine längere Pause ausgesucht und auch wir erleichtern unsere Rucksäcke um Mandarinen und Granatäpfel. Nach dem Leuchtturm folgt ein steiler Aufstieg. Wir laufen wieder auf nacktem Fels und Geröll. Doch der Aufstieg lohnt sich. Die Aussicht ist jetzt phänomenal.

Dann steigen wir wieder hinab. Die Sonne senkt sich dunkelrot hinter dem Horizont und wir suchen noch immer nach einem Zeltplatz. Der Boden ist gesprenkelt mit Felsbrocken. Irgendwann, hinter einer Kurve, hinter einem Baum, hinter einer großen Ansammlung von Steinen – ein kleines Flecken, auf dem zumindest nicht sehr viele Steine liegen. Den Übrigen rücken wir mit Stöcken zu Leibe und schießen sie in weitem Bogen von unserem Zeltplatz. Völlig zu Recht. Unter einem krabbelt ein Skorpion hervor. Mit erhöhter Gewissenhaftigkeit bauen wir das Zelt auf und kochen, mal wieder, Instantnudeln. Um 18.30 liegen wir in den Schlafsäcken, um beinahe zeitgleich in einen 12-stündigen Tiefschlaf zu fallen.

Tag 12: Gehzeit: 8.45 h • Distanz: 21 Kilometer

Der 12. Wandertag beginnt um 6.30 Uhr mit Schwarztee und Kuchen. Einige Zeit laufen wir entlang der Küste. Das blaue Meer, die sanften, grünen Kurven und Hügel sowie die schroffen Felsen und Berge immer im Blick. Dann geht es landeinwärts. Nach einem 45-minütigen, steilen Abstieg folgen ein beschwerlicher, ein kräftezehrender 3,5-stündiger Aufstieg und ein weiterer steiler Abstieg. Völlig entkräftet erreichen wir die Adrasan Bucht.

Der Ort ist voller leerer Hotels und Restaurants. Die Supermärkte sind geschlossen. Vereinzelt braten sich Sonnenhungrige am Strand. Die Hotels wissen, was Wanderer jetzt brauchen. In großen Lettern preisen sie an: SAUNA, JACUZZI, MASSAGE, BAR. Ich möchte das volle Angebot nutzen, dann an der Bar versacken. Doch wir laufen weiter. Nach dem kleinen Ort geht es für weitere fünf Kilometer durch ein Waldstück unaufhörlich bergauf. Eine kurze Ebene, ein steiles Stück bergab, nur um dann alles wieder nach oben zu krakeln. Gegen 16.30 Uhr erreichen wir die höchste Stelle. Eine Herde Schafe und ihr Hirte begrüßen uns hier in der Einsamkeit. Es werden Hände geschüttelt. Der Mann lacht über unser großes Gepäck. Auch wir müssen irgendwie lachen. Natürlich war es eine törichte Idee den Lykischen Weg statt mit Marschgepäck mit unserem vollen Reisegepäck zu laufen. Und eine Herausforderung.

Wir laufen wieder bergab. Vor uns nun schroffe Felsen und zahllose Bäume. Die meisten davon verkohlt, irgendwann abgebrannt. Der Weg windet sich bald in schmalen Serpentinen. Immer wieder müssen wir über umgestürzte Bäume klettern. Um ehrlich zu sein klettern wir mehr, als dass wir wandern. Noch immer ist alles voller verbrannter Natur. Keine Möglichkeit unser Zelt aufzustellen. Eigentlich kann man hier nicht mal vernünftig langlaufen.

Bald kommen wir in ein dichtes Waldstück. Der Pfad windet sich in engen Kurven, die dem Radius einer kleinen Wendeltreppe ähneln, nach unten. Es ist beinahe 17 Uhr und die Umgebung macht nicht den Anschein, bald mit einem geeigneten Zeltplatz aufzuwarten. Schnell wird es im Wald dunkel. Das dämmrige Licht schafft es nicht bis durch das dichte Geäst. Wenige Augenblicke später laufen wir mit Taschenlampen durch die tiefe Nacht. Und nirgends auch nur eine Handbreit Platz für unser Zelt. Langsam suchen wir verzweifelt, haben Angst vor Schlangen und anderem Getier, das hier auf dem Laubboden nur schwer auszumachen wäre, hoffen nur noch endlich das Ende des Waldes zu erreichen.

Irgendwann gegen 19 Uhr, wir laufen schon seit über zwei Stunden durch den Wald, geben wir auf. Abseits des Weges finden wir eine völlig ungeeignete, weil schräge Stelle, in der wir gerade so, mit Mühe und Not, unser Zelt aufstellen können. Wir sind völlig entkräftet. Mehr als 20 Kilometer sind wir heute gelaufen. Die meiste Zeit ging es steil bergauf. Seit über vier Stunden haben wir die schweren Rücksäcke nicht mehr abgesetzt. Der nächste Ort Olympos ist über acht Kilometer entfernt. In zurückliegender Richtung sind es knapp 13 Kilometer, die uns von menschlichen Behausungen trennen.

Wir liegen gerade im Zelt, erleben unsere schmerzenden Körper in voller Intensität, da hören wir ein lautstarkes Rascheln aus Richtung des Pfades. Noch ein verirrter Wanderer, denke ich, bevor das Rascheln vom Weg abkommt und dann – ganz plötzlich – direkt neben meinem Ohr: ein deutliches Knurren.

Schlagartig höre ich auf zu atmen. Wölfe!? Sind wir hier nicht im Nationalpark Olympos Beydağları? Ist das nicht ein Schutzgebiet wilder Tiere? Tiere, die nachts von den bis zu 2.000 Meter hohen Bergen hinab in die Wälder kommen, um etwas Fressbares zu suchen? Schockiert gucken wir uns an, kommunizieren nur mit den Augen, wagen nicht zu sprechen. Stille. Nichts passiert. Trotzdem traue ich mich nicht mich zu bewegen. Dann von der anderen Seite. Rascheln an den Rücksäcken, die draußen neben dem Zelt stehen. Wir rufen laut. Ein erschrockener Sprung folgt. Dann knurrt es gar von beiden Seiten. Ich glaube es nicht. Wir sind erledigt. Mitten im Wald zu zelten. Wir sind selbst Schuld.

Lykischer Weg

zelten in der Wildnis

Noch ein Knurren: Ich höre auf zu atmen. Ein drittes Knurren: Ich kapituliere innerlich, drehe mich auf den Bauch, vergrabe das Gesicht unter meinen Händen, rechne jederzeit mit einem Angriff. Ein weiteres Knurren: Ein kalter Schauer jagt durch meinen Körper. Gleich geht es los. Ein fünftes Knurren: Mein Herz schlägt laut wummernd bis zu meinem Hals.

Trotz meiner vielschichtigen körperlichen Reaktionen, ist das, was gerade in meinem Kopf los ist, erschreckend banal. Ich denke nur: Scheiße, Scheiße, Scheiße.

Dann wieder Stille. Die Stille ist das Schlimmste. Sind die Wölfe lautlos davon geschlichen oder umrunden sie gerade im Verborgenen unser Zelt, planen einen Angriff, umkreisen uns konzentriert?

Angespannt warten wir, doch übermannt uns immer wieder Schlaf. Jedes Rascheln lässt mich aufschrecken. Irgendwann nachts wieder ein Knurren in der Nähe des Zeltes. Dann wieder Stille. Jeder Windhauch, jedes Knistern im Laubboden verängstigt mich.

Die Nacht geht vorbei.

Tag 13: Mitten in der Natur

Um 6 Uhr wachen wir gerädert auf. Wir können nicht fassen, was uns gestern Nacht widerfahren ist. Jetzt, im Licht der Morgensonne, verliert der Ort seine Bedrohlichkeit. Noch etwa 1,5 Stunden laufen wir durch den nicht enden wollenden Wald, bis wir Olympos erreichen.

Olympos – eine Straße, ein paar Häuschen, ein ewig langer Traumstrand, an dem sich die Wellen wild brechen, umringt von einer Bergkulisse – war einst ein sagenumwobener Ort auf dem berühmten Hippie-Trail. Heute hat sich der Ort zu einem der beliebtesten Partyorte in der Türkei gemausert.

Traditionell wird hier in einem der vielen Baumhäuser geschlafen, die mitverantwortlich sind für den Hippie-Mythos, den das winzige Dörfchen umgibt. Ohnehin scheint alles aus Holz zu sein. Restaurants, Kioske, Unterkünfte. Ein paar Althippies liegen noch am endlosen Strand, ein paar verwirrte junge Touristen streunen durch den Ort, auf der Suche nach einer wilden Party. Doch auch hier ist in der Nebensaison wenig los. Wir schlendern durch die vorchristlichen Ruinen der Lykier, doch dann ruft der Strand. Wir haben die letzte Station unserer Wanderung erreicht. Wir tauschen Wanderstiefel gegen Flip-Flops, legen uns auf die Liegen vor einer Bar, prosten uns mit Efes zu.

Das haben wir uns verdient.

In der Abenddämmerung machen wir dann noch einen kleinen Abstecher ins nahe gelegen Chimaira. Der Legende nach soll hier ein feuerspeiendes Mischwesen mit drei Köpfen – Ziege, Schlange und Drache – sein Unwesen getrieben haben, bis es von Bellerophon, einem Enkel des Sisyphos, erlegt worden sei.

Die Realität ist weniger angsteinflößend: Aus Rissen und Spalten des felsigen Berghanges treten seit Jahrtausenden Gase aus, die sich an der Luft entzünden und so schlagen noch immer einige Flammen aus der felsigen Landschaft – ein Naturphänomen.

Wir schlafen am einsamen Strand von Olympos und werden morgens von der tosenden Brandung geweckt. In der frühen Morgendämmerung haben wir diese Zurschaustellung der Naturgewalt ganz für uns alleine. Noch ein großes, ein großartiges, türkisches Frühstück, das allein alle Beschwerden der letzten Tage Wert war, bevor wir uns mit ausgestrecktem Daumen auf den Weg nach Antalya machen.

 

Die Wanderung auf dem Lykischen Weg in drei Teilen

Teil 1: Von Fethiye nach Kalkan

Teil 2: Von Kalkan nach Demre

Teil 3: Von Demre nach Olympos

 


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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