Zwischen mystischen Sufis, konservativem Bürgertum und Kaffee schlürfenden Studenten

Konya und die Derwische


17. November 2014
Türkei
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„Glaubst du, ich weiß, was ich tue?

   Dass ich einen Atemzug lang oder einen halben mir selber angehöre?

   Nicht mehr, als eine Feder weiß, was sie schreibt,

   oder der Ball vermuten kann, wohin er gleich fliegt.“

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi

 

Muhammad Rumi ist gläubig, tief gläubig sogar. Dass er auch noch Moslem ist, würden ihm PEGIDA und ein paar besoffene Hooligans wahrscheinlich als böse Absicht auslegen, aber hier in Konya wird er gefeiert.

Er ist einer, der es versteht die Menschen zu bewegen, sich selbst und anderen Ehre zu erweisen. Ein großer Gelehrter seiner Zeit. Schon in frühen Jahren pilgert Muhammad Rumi mit seiner Familie nach Mekka, studiert später Islamwissenschaften und lässt sich in den Sufismus einführen – eine Glaubensvariante des Islams, die sich der Mystik und der göttlichen Erkenntnis durch Meditation verschreibt. Ab jetzt ist Muhammad Rumi ein Sufi, ein Derwisch.

Alles ist gut. Muhammad Rumi lehrt die Liebe als universelle Kraft und Weg zu Gott, lebt bescheiden und geachtet, schreibt viel gelobte Verse und Lebensweisheiten. Doch dann taucht ein Fremder in Konya auf. Es ist Muhammed Shemseddin aus Tabriz, einer Stadt im heutigen Iran, ebenfalls ein Sufi, ein Meister der Mystik. Muhammed Rumi ist sehr angetan von dem Neuankömmling, fühlt sich auf einer höheren Ebene mit ihm verbunden und verschließt sich völlig seiner Umwelt, um so viel Zeit wie möglich mit seinem neuen Freund und spirituellen Begleiter zu verbringen.

Währenddessen scheinen seine Lehren der Liebe in Konya auf taube Ohren gestoßen zu sein, denn es regt sich Neid und Missgunst in den erlauchten gesellschaftlichen Kreisen der Stadt. „Wer ist dieser Neue, der uns unseren Rumi abspenstig macht?“, ist eine oft gestellte Frage. Neid wird zu Hass und plötzlich ist Muhammed Shemseddin ohne ein Wort des Abschieds verschwunden. Vielleicht den überhandnehmenden Anfeindungen entflohen, vielleicht ermordet.

Muhammad Rumi, ohnehin eine sensible Seele, verfällt in tiefe Trauer, in welcher er 25.000 Verse für seinen verschwundenen Freund verfasst, die noch heute als ein Meisterwerk des Sufismus gelten. Außerdem entwickelt er eine neue Form der Meditation, einen Tanz, eine sich ständig wiederholende Bewegung um die eigene Achse, die, bis zur Ekstase betrieben, eine Verbindung mit Gott herstellen soll.

Danach beginnt die Instrumentalisierung. Muhammad Rumi stirbt. Sein Sohn gründet den, nach den Lehren seines Vaters ausgelegten, Mevlevi-Orden in Konya, der schon bald an Bedeutung zunimmt und sich weit über die Grenzen Anatoliens hinaus ausbreitet. Noch heute sind seine Anhänger als Drehende Derwische, als Whirling Derwishes, bekannt.

Mohammad Rumis Mausoleum wird zum Zentrum des Mevlevi-Ordens und zur Pilgerstätte vieler gläubiger Muslime. Auch heute, mehr als 700 Jahre nach diesen Ereignissen, ist es noch immer das Wahrzeichen Konyas.

Nicht von ungefähr gilt Konya in der Gegenwart als religiöseste, als konservativste Stadt der Türkei. Die Menschen hier seien voreingenommen und wenig offen für Neues, heißt es. Doch wie so oft gehören die meisten Geschichten, die uns zugetragen werden, eher ins Reich der Legenden.

Wir überbrücken die 340 km zwischen Antalya und Konya mit einigen Verrückten. Zunächst sitzen wir im Auto der Organisatoren des Tree of Life Festivals, die gerade auf der Suche nach einem geeigneten Ort für den nächsten psychodelischen Event sind. Später werden wir von einer weiteren Mitfahrgelegenheit mit Mandarinen beschenkt, bevor wir in den klapprigen Transporter zweier Kameldompteure steigen, die uns mit einer Wassermelone an der Abzweigung nach Konya zurücklassen. Ein junger Mann bringt uns einige Kilometer weiter, nicht ohne uns mit ausreichend Cola von der Tankstelle zu versorgen. Die letzte Etappe legen wir mit Murat zurück, der uns in Beyşehir, kurz vor unserem Ziel, zum Abendessen einlädt. Trampen in der Türkei ist wirklich einmalig.

Konya erleben wir vor allem als Café-Stadt – und das nicht nur, weil unsere Couchsurfing-Gastgeber ein eigenes Lokal besitzen. Überall öffnen Franchise-Filialen ihre Türen. Sie tragen amerikanisch anmutende Namen und bieten westliches Interieur. Daneben finden wir aber auch viele kleine, liebevoll gestaltete und von studentischer Hand geleitete Cafés. Die Kaffeehauskultur in Konya ist ausgeprägt und ein gutes Geschäft für alle, die es zu führen wissen. Grund dafür sind die vielen Studenten, denn Konya ist nicht nur bekannt für seine streng altmodischen Bürger, sondern auch für die größte Universität der Türkei. 85.000 junge Akademiker spazieren durch die Stadt und sie alle sitzen früher oder später in einem der vielen Cafés.

Auch uns verschlägt es immer wieder in ein solches Lokal. Verbrachten wir vor kurzem noch angenehm milde, da mediterrane Tage, so befinden wir uns nun auf einer Hochebene im Herzen Anatoliens. 1.000 Meter über dem Meeresspiegel ist es mitten im November empfindlich kalt und wir suchen immer wieder einen Ort, um unsere steifen Glieder zu wärmen.

So treffen wir Faruk. Der junge Kommunikationsstudent mit einem Faible für koreanische Sprache spricht uns eines Abends in einem Café nahe der Universität an und da wir uns auf Anhieb gut verstehen, verbringen wir auch den nächsten Tag zusammen. Von ihm erfahren wir viel über die Befindlichkeiten der Stadt, die so konservativ daher kommt, dass wir außerhalb der studentischen Cafés kaum einer Frau ohne Kopftuch begegnen. Dem gegenüber stehen die vielen weltoffenen, aufgeschlossenen Hochschüler, die aus allen Teilen des Landes hierher kommen. Doch in der von Religion geprägten Stadt, langweilen sich viele zu Tode.

Es gibt nicht einen Nachtclub, keine Partyszene. Allein die vielen Cafés, oft in überdachten, mit Holzöfen geheizten Hinterhöfen untergebracht, bieten einen lebendigen, studentischen Raum. Hier wird zu Çay, türkischem Kaffee und Wasserpfeife diskutiert und philosophiert was das Zeug hält – Unterbrochen nur von dem einen oder anderen Live-Konzert auf der kleinen Bühne in der Mitte des Raumes.

Doch zurück zu Muhammad Rumi und seinem Sufismus. Anders als bei anderen religiösen Praktiken, die meist auf eine Erlösung im Jenseits hoffen, streben die Sufis, die Derwische, nach einer göttlichen Erkenntnis noch während des irdischen Lebens. So propagieren sie den Tod vor dem Tod und meinen damit das Aufgeben sinnlicher Wahrnehmungen, das Ablegen individueller Eigenschaften und das Auslöschen des Egos. Am Ende steht weder ein Ich, Du oder Wir, sondern nur noch Gott, dem alles Existierende angehört.

Muhammad Rumis Meditation, das fortwährende Drehen um die eigene Achse, beschreibt diese Auslöschung der niederen Seele, also der Wahrnehmung und Emotion – das Abstreifen alles Irdischen. Es ist die Aufgabe der eigenen Selbstbestimmtheit hin zu einer göttlichen Fügung. Seit 2005 gehört die Meditation, Sema genannt, zur UNESCO-Liste des mündlichen und immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Jeden Samstag veranstalten Konyas Derwische eine öffentliche Vorführung in ihrem Kulturzentrum und so wirbeln unter den staunenden Blicken der Zuschauer jede Menge weiße Röcke über das Parkett.

Doch die Sema ist weit mehr. Es ist ein Ritual mit festen Regeln, in dem die Kreisbewegungen nur einen kleinen Teil ausmachen. Es wird gebetet, gesungen, musiziert. Jede Geste steckt voller Symbolik: So betreten die Derwische das Parkett in einem schwarzen Umhang gehüllt, der ihr eigenes Grab versinnbildlicht. Der hohe Filzhut ist ihr Grabstein. Sie sind gestorben, von der irdischen Welt entschwunden, um zu göttlicher Wahrheit und Erkenntnis zu gelangen. Unter dem schwarzen Umhang dann ein weißes Gewand. Die Derwische steigen aus dem Grab – auferstanden und bereit, die göttliche Botschaft zu empfangen.

Am Abend sitzen wir mit Faruk und Ferhan, einer Freundin Faruks, zusammen bei einer Wasserpfeife. Es ist das erste Mal, dass wir uns in der Türkei ernsthaft über die problematischen Auswirkungen konservativer Lebenseinstellungen austauschen können. Die beiden machen es uns nicht leicht, aber hier und da bekommen wir doch einen Hinweis. Da gibt es verbotene Liebschaften, unterdrückte Gefühle, Lügen und Verheimlichungen. Der oberste Grundsatz: Solange der Vater nichts weiß, ist alles in Ordnung. Das klingt alles nach Seifenoper und hat tatsächlich etwas Tragikomisches. Ein verkompliziertes Leben für den trügerischen Schein einer heilen Welt.

Wir verlassen Konya an einem sonnigen Vormittag. Neben dem Gewicht unserer Rucksäcke tragen wir noch ein paar schwere Gedanken mit uns herum. Das Gespräch mit Faruk und Ferhan wirkt noch immer nach. Ich erinnere mich an meine heimatliche Provinz. Zwischen Küste und Kartoffelacker musste auch ich stets miterleben, wie man sich bemühte den Schein zu wahren. Die Dinge sollten glänzen, auch wenn sie nach Scheiße stanken. Genau in diesem Moment bin ich froh mit ausgestrecktem Daumen an der Straße zu stehen. Rechenschaft schulden wir nur uns selbst.


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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