Zwischen den Welten am Arabischen Meer

Karatschi – Pakistans Schöne und das Biest


19. Dezember 2016
Pakistan
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Es ist zehn Uhr morgens, als wir, von der pakistanischen Polizei begleitet, den Bahnhof von Quetta erreichen. Ende Februar ist es empfindlich kalt und zusammen mit zwei Beamten kauern wir im Büro des Bahnhofsvorstehers um einen kleinen Gasofen.

Zwei Tage durften wir uns in der Hauptstadt Belutschistans aufhalten. Zwei Tage, die wir den zähneknirschenden Beamten im Polizeihauptquartier abringen konnten, als wir uns dort als Ausländer registrierten. Eigentlich wollten sie uns gar nicht in der Stadt behalten, sondern so schnell wie möglich wieder hinaus schicken. Hinaus aus Quetta und endlich auch hinaus aus Belutschistan. Hinaus aus dem Terrorgebiet und hinaus aus ihrer Zuständigkeit!

Dass wir nun im Bahnhof sitzen, hat ebenfalls mit unserer Sicherheit zu tun. Unsere nächste Station, Karatschi, ist zwar auch per Bus zu erreichen, aber die Autoritäten sehen uns lieber auf den Gleisen durchs Land rattern. So brauchen wir zwar wesentlich länger bis ans Ziel, aber immerhin patrouillieren in den Wagons der pakistanischen Eisenbahn jede Menge Polizisten, die auf uns Acht geben können.

Doch noch ist es nicht so weit. Zusammen mit dem Bahnhofsvorsteher trinken wir dampfenden Chai. Draußen rollen Züge quietschend und pfeifend in den Bahnhof ein. Bärtige Männer im Shalwar Kamiz, der traditionellen Kleidung der Region, warten in kleinen Gruppen entlang der Gleise. Mit dicken Wolldecken, die sie sich um Kopf und Schultern schlingen, schützen sie sich gegen die Kälte.

Polizisten mit Sturmgewehren patrouillieren auf den Plattformen und in den Zügen, sorgen für die Sicherheit der Passagiere. Wir sind eine derartige Präsenz der Autoritäten nicht gewohnt und all die Waffen um uns herum verunsichern uns. Das liegt auch am zweifelhaften, korrupten Ruf der pakistanischen Polizei. Wieviel Sicherheit kann eine Institution gewährleisten, wenn sie im entscheidenden Moment gegen Bezahlung wegschaut? Medial vorbelastet lassen wir den Blick schweifen. Die gleichen Personen, die uns die Tageschau in Bild- und Tonaufnahmen als Terroristen vorstellt, stehen nun neben uns und warten auf ihre Züge. Es sind die gleichen Männer mit den langen Bärten und der traditionellen Kleidung, die wir bisher nur als Komparsen islamistischer Terrorgruppen kannten. Aber hier am Bahnsteig begegnen uns weder Sprengstoffwesten, noch Selbstmordattentäter. In den weiten Gewändern stecken Menschen, die wie wir nichts mit dem Terrorismus zu tun haben wollen. Es sind Menschen, die wir aufgrund ihrer Erscheinung nur zu leicht verurteilen. Hier vor Ort in Quetta, fernab unserer Medienlandschaft, wird das Wertesystem wieder richtig justiert.

Quetta, Pakistan

das rosafarbene Bahnhofsgebäude in Quetta

Quetta, Pakistan Quetta, Pakistan

Vom Warten gelangweilt schlendere ich über den Bahnhof. Einmal vom Bahnhofsgebäude zum Ende der Plattform und wieder zurück. Plötzlich stehen zwei Typen vor mir. Über ihren Shalwar Kamiz` tragen sie saubere Jacketts. Einer der beiden trägt eine Paschtun-Mütze auf seinem Kopf; eine jener traditionellen Kopfbedeckungen aus dem Nordwesten des Landes, die auch Osama bin Laden regelmäßig in Videobotschaften zu tragen pflegte.

Etwas schüchtern lächeln wir uns an. Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Wie gefällt mir die Reise durch Pakistan? Und überhaupt: Willkommen in Belutschistan! – Bahnhofs-Smalltalk in Pakistan. Doch so alltäglich wie ich es gerne hätte, ist die Situation nicht. Schon nach kurzer Zeit nähern sich zwei Polizisten mit ihren Maschinengewehren, um meine Gesprächspartner zu überprüfen. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass es den Beamten am liebsten wäre, wenn ich mich weder bewegen noch mit irgendjemandem in Kontakt treten würde.

Dementsprechend schnell verabschieden sich meine neuen Freunde, nicht jedoch ohne ein Erinnerungsfoto zu schießen.

Quetta, Pakistan

auch die Züge werden in Belutschistan von der pakistanischen Polizei bewacht

Quetta, Pakistan

am Bahnhof in Quetta

Dann fährt endlich der Zug in den Bahnhof ein, der uns bis ans Arabische Meer nach Karatschi bringen soll. Während ein Bus von Quetta bis in die Megametropole etwa acht Stunden benötigt, werden wir mit dem Zug knapp 24 Stunden unterwegs sein. In der zuständigen Behörde in Quetta beschwichtigte man uns jedoch damit, dass wir so mehr vom Land sehen würden.

Drei Polizisten begleiten uns auf dem Weg und zusammen belegen wir ein Abteil. Blaue Polster, die sich zu jeweils drei übereinanderliegenden Betten umklappen lassen, sind nun unser zuhause. Der Blick aus dem Fenster wird von dicken Gitterstäben beeinträchtig, metallene Rollläden hängen davor wie in einem Gefängniszug. Die Fensterscheiben lassen sich nicht vollständig schließen. Fahrtwind zieht herein. Es ist bitterkalt.

Mit uns im Abteil, auf dem einzigen verbliebenen Platz, reist ein junger Mann mit langen dunklen Haaren, dichtem, struppigem Vollbart und dunkel funkelnden Augen. Wie sich schnell herausstellt ist Karatschi unser gemeinsames Ziel. Mehr noch, wir haben einen Gesprächspartner für die gesamte Strecke gefunden. Doch ob wir uns darüber freuen sollen, wissen wir selbst nicht genau. Der junge Mann, Aalim, ist streng gläubig und überzeugt davon, dass der Islam die beste aller Religionen sei. Immer wieder zitiert er den Koran, lehrt uns muslimische Gebetsformeln und unterrichtet uns in fließendem Englisch in seinem Glauben.

Quetta, Pakistan

unsere private Polizeieskorte

Aalim ist nicht von missionarischem Eifer getrieben, aber penetrant. Es gibt kein anderes Thema für ihn, als die Religion. So gerne wir auch mehr über den Islam erfahren wollen, fällt es uns von Minute zu Minute schwerer, Aalims Ausführungen zu folgen. Wir, die nicht an Gott glauben, dafür aber an Evolution und physikalische Gesetze, kommen auf keinen gemeinsamen Nenner.

Doch bleibt unsere Unterhaltung kurzweilig. Aalims Enthusiasmus ist sehr unterhaltsam, auch wenn das Thema schwierig ist. Wir sprechen nicht nur über den Islam als abstrakte Idee, sondern auch darüber wie es ist, wenn ein Mensch im islamischen Glauben den Sinn seines Lebens entdeckt. Die Liebe zu Gott steckt in Aalims Brust, doch schleicht sich Traurigkeit in sein Herz. Aalim fühlt sich als gläubiger Moslem diskriminiert. Die internationale Berichterstattung kränkt ihn. Er steckt in einer Schublade mit all den Verbrechen, die im Namen seines Gottes geschehen. „Diesen Bart“, so führt er während der langen Stunden, die wir miteinander sprechen aus, und zeigt mit dem Finger unter sein Kinn, „Diesen Bart, trage ich nicht, weil ich Terrorist bin, sondern weil ich ein Mann bin. Männer tragen Bärte! Auch Mohammed, der Prophet, trug einen Bart.“ Aalims Logik ist unbestechlich. Der Bart ist nicht nur Ausdruck seiner Männlichkeit, sondern auch seines Glaubens.

Während unserer Gespräche patrouillieren die uns begleitenden Polizisten durch den Zug. Sie sind nicht die einzigen Beamten mit Maschinengewehren, die in den Korridoren der Waggons auf und ab gehen. Doch keiner der Passagiere scheint Notiz von ihnen zu nehmen. Um uns herum wird geraucht und Tee getrunken. Dumpfe Gesprächsfetzen dringen ab und an zu uns herüber. Ein Jugendlicher läuft von Abteil zu Abteil mit einem riesigen Metallring unter seinem Arm. Dutzende Päckchen, gefüllt mit Nüssen, Pistazien und Mandeln, sind daran befestigt. Bis nach Karatschi wird der junge Verkäufer noch dutzende Male an uns vorbei laufen, jedes Mal stehen bleiben, uns mutig anlächeln und strahlend weiterziehen, sobald wir zurücklächeln.

Quetta, Pakistan

Nach etwa zwei Stunden überqueren wir den Bolan Pass. Knapp fünfzig Kilometer von Quetta entfernt, ist er das Tor nach Afghanistan. Strategisch wertvoll war der Pass für die britische Besatzungsmacht, aber auch heute noch ist er sowohl für das pakistanische Militär als auch für terroristische Gruppierungen von großer Bedeutung. Dementsprechend umkämpft ist die Region. Immer wieder kommt es hier zu Anschlägen. Draußen zieht ein weites Tal an unserem Fenster vorbei. Die Luft ist kalt und trocken. Grau- und Brauntöne zeichnen die Ebene. Steine, Felsen, Schutt, Lehmhütten, Bergketten am Horizont, vereinzelte Bäume – das sind die Zutaten einer öden Landschaft, die wir bereits auf dem Weg durch Belutschistans Wüste kennenlernen durften.

Es ist ein wahnsinniges Gefühl: In einem klapprigen Zug, umringt von schwer bewaffneten Polizisten und einem religiösen Idealisten, rattern wir durch pakistanisches Bergland. In der unterentwickeltsten und ärmsten Region eines von Terrorismus geschändeten Landes fühle ich mich wie in einem Agentenfilm.

Wenig später hält der Zug an einem winzigen Bahnhof. Drei Männer kauern in ihrer traditionellen Kleidung vor dem Gebäude. Daneben spielen eine Handvoll Kinder, die sich mit dicken Decken gegen die Kälte schützen. Der Agentenfilm in meinem Kopf reißt abrupt ab. Hier vor mir sehe ich das Leben am anderen Ende der Welt – nicht mehr und nicht weniger. Das hier ist kein Abenteuer, sondern Alltag in seiner ganzen Banalität.

Belutschistan, Pakistan

Am Nachmittag verlassen wir die Berge. Nun liegt ein weites Plateau vor uns. Ein paar Büsche wachsen entlang der Gleise, Sicherheitsposten säumen die Strecke im Abstand von wenigen Kilometern. Die drei Polizisten sind nun wieder ganz in unserer Nähe. Hier, so erzählen sie uns, sei Terrorgebiet, der gefährlichste Abschnitt auf dem Weg nach Karatschi. Wir befinden uns im Sibi Distrikt, einem Gebiet, das immer wieder von Attentaten erschüttert wird. Nicht nur die Taliban ist hier aktiv, auch andere radikale Splittergruppen verüben immer wieder politisch motivierte Anschläge. 2014 verlieren hier 17 Menschen ihr Leben, als eine Bombe in einem Eisenbahnwaggon detoniert. Tatsächlich wirken die Beamten nun ernsthafter, angespannter. Sie lassen uns nicht mehr aus den Augen.

Der Polizist neben mir trägt sein Maschinengewehr auf dem Schoß. Ich wage einen Unterhaltungsversuch und frage, wie viel Munition denn im Magazin sei. Die Reaktion des Beamten: Er legt sein Gewehr weit aus meiner Reichweite. Ich glaube in seinem Blick etwas Misstrauisches zu entdecken. Sicherheitshalber stelle ich die Kommunikation ein, schaue aus dem Fenster.

Belutschistan, Pakistan

Mit einem Reisetempo, mit dem wir auch Innerorts keine Geschwindigkeitsgrenzen überschritten, ziehen wir an kleinen Dörfern vorbei. Reisfelder brechen die Monotonie der Wüste auf. Ziegen schlendern entlang der Gleise. Kinder spielen in weiter, luftiger Kleidung. Seit wir die Berge hinter uns gelassen haben, ist es merklich wärmer.

Lehmhütten und Zeltdörfer drängen sich nah an die Schienen, Lumpen flattern im Wind. Jugendliche und junge Erwachsene treffen sich zum Cricket oder Fußball. Ich glaube sogar ein Deutschlandtrikot zu erblicken. Kinder spielen mit aufgeblähten Bäuchen und nackten Oberkörpern in Müllbergen. Ein kleiner Junge treibt einen alten Reifen mit einem Stock über die buckelige Ebene vor sich her.

Die Armut ist erschreckend. Die Unterkünfte sind allesamt hinfällig, die Kleidung der Menschen ist zerschlissen. Es gibt weder Wasserleitungen noch Elektrizität. Dafür lebt man hier im eigenen Dreck. Die pakistanische Regierung kümmert sich kaum um die Bewohner Belutschistans, die immer wieder erfolglos nach einem unabhängigen Territorium streben. Separatisten bekämpfen die pakistanischen Autoritäten und so fühlt sich die Regierung wenig motiviert, die ärmste Region des Landes mit mehr als dem Notwendigsten auszustatten. Dennoch blicken wir im Vorbeifahren in viele lachende Gesichter, Kinder winken unserem Zug freudig hinterher.

Monoton rattern wir Stunde um Stunde durch die karge Landschaft. Der Lärm bohrt sich in den Kopf, langsam, unablässig. Er schiebt die Gedanken aus dem Bewusstsein, bis sie vollständig verschwunden sind. Dann sind da nur noch die Geräusche der Fahrt, die sich schwer auf unser Gemüt legen. Unterbrochen wird die gleichförmige, meditative Melodie zwischen Zug und Gleisen lediglich vom mächtigen Nebelhorn der Lokomotive. Immer wieder dröhnt es über die Schienen, an jedem Zeltdorf, an jeder Baracke, die sich in der Nähe der Gleise befinden. Noch im letzten Moment huschen Menschen vor dem herannahenden Zug von einer Seite auf die andere.

Als sich die Sonne langsam dem Horizont neigt, erreichen wir die Grenze zwischen Belutschistan und dem Nachbarstaat Sindh, dessen Hauptstadt Karatschi wir entgegen streben. Am Bahnhof der Kleinstadt Jacobabad verabschieden wir uns von den Polizisten, mit denen wir bisher reisten, und begeben uns in die Obhut ihrer Kollegen.

Mit den neuen Beamten steigen auch einige neue Fahrgäste ein. Nun sitzen wir mit Aalim und einer pakistanischen Familie, Frauen und Kinder, zusammen. Obwohl wir bereits fünf Tage im Land sind, ist es das erste Mal, dass wir in Pakistan mit Frauen in Kontakt kommen. Ihre bunten Kleider sind uns ein willkommener Kontrast in der Ödnis der Wüste. Rot, grün, violet, blau leuchten die Farben in unserem Abteil. Blütenmuster und einfache, geometrische Motive zieren die Kurtas, lange traditionelle Oberteile. Bis hierher haben wir nur Männer am öffentlichen Leben teilnehmen sehen.

Als die Sonne untergeht, macht sich Aalim zum Gebet bereit. Im staubigen Abteil trägt der findige Mann Kunststoffsocken, die er penibel mit einem feuchten Tuch reinigt. Im schmutzigen, von Staub und Unrat gezeichneten Zug umgeht Aalim so die Waschung seiner Füße, einem traditionellen Ritual vor dem Gebet. Dann bittet er die Familie, die uns gegenüber sitzt, aufzustehen, damit er auf der Sitzbank, auf der er einen Gebetsteppich ausrollt, seiner religiösen Verpflichtung nachkommen kann. Die Familie gehorcht ohne zu zögern.

Gegen 20 Uhr klappen wir unsere Betten aus. Mit der Dunkelheit kehrt auch die Kälte wieder zurück. Durch die offenen Fenster unseres Abteils weht eisiger Wind herein. Staub und Sand legen sich im Abteil nieder. Das monotone Ruckeln des Zuges wiegt uns in den Schlaf.

Am nächsten Morgen erwachen wir unter einer dicken Staubschicht. Kleidung, Polster, Rucksäcke, Taschen, Haare, Gesichter – alles ist mit einem braunen Belag aus feinem Sand überzogen. Zigarettenstummel, Plastiktüten und Trinkbecher rollen über den Boden. Es dauert nicht mehr lange und wir erreichen Karatschi.

Karatschi, Pakistan

unser Zugabteil am Morgen

Doch die Megametropole mit ihren 23 Millionen Einwohnern empfängt uns zunächst mit ihrem hässlichsten Gesicht. Über die Gleise rattern wir von einer Armensiedlung zur nächsten. Auf Bergen von Schmutz und Abfall stehen unzählige, aus Planen und Lumpen zusammengeschusterte Zelte. Menschen wühlen im Müll nach Verwertbarem, während im Hintergrund Hochhäuser und Bürotürme in den Himmel ragen. Aus dem Zug heraus sehen wir das ganze Elend, das nur eine Großstadt hervorbringen kann.

Wir fahren bis zur Endstation Karachi City Station und sind die letzten, die den Zug verlassen. Die City Station besitzt noch immer britisch-koloniales Flair. Es gibt großzügige Wartehallen für eine längst verschwundene Upper Class und Büroräume eines aufgeblähten Verwaltungsapparates. Die Bahnhofsuhren sind schon vor langer Zeit stehen geblieben. City Station versinkt in der Bedeutungslosigkeit. Kaum ein Mensch ist zu sehen. Stattdessen fliegen Krähen durch die offenen Waggonfenster der Züge und Ziegen wandern über die Plattformen auf der Suche nach etwas Fressbarem.

Karatschi, Pakistan

In einem geräumigen Badezimmer der Upper Class machen wir uns frisch, versuchen den Staub von unserem Gepäck und unseren Körpern zu entfernen. Anschließend treffen wir Madeeha, unsere Gastgeberin in Karatschi. Noch immer gerädert von der beinahe 24-stündigen Fahrt gehen wir gemeinsam in einem Bistro der reichen Oberschicht frühstücken. Wir lassen uns Omelette und Kaffee für einen Betrag schmecken, von dem sich die meisten Pakistanis eine Woche ernähren könnten. Während nur wenige Kilometer von uns entfernt Kinder in Lumpen im Dreck der Stadt graben, wird unser Auto vom Einparkservice des Bistros in die nächstbeste Parklücke chauffiert.

Madeeha wohnt mit ihren Eltern in Cantt, dem Militärviertel Karatschis. Da ihr Vater als Kapitän eines Marineschiffes häufig unterwegs ist, lebt sie allein mit ihrer Mutter in einem großen Haus mit Garten in einer abgeschirmten Nachbarschaft. Zwei Dienstmädchen, ein Gärtner und ein Schneider wohnen mit ihnen. Selbst ein Chauffeur gehört zum Aufgebot an Hilfskräften. Mehr Luxus geht kaum. Dennoch fühlt sich die Familie lediglich als Teil der pakistanischen Mittelschicht. Doch ihr Bedarf an Dienern macht uns stutzig.

Während unsere Vorstellungskraft allein aus Gründen der Gleichheit und Gleichberechtigung nicht stark genug ist, überhaupt an einen einzigen Bediensteten zu denken, ist Madeehas Familie völlig überzeugt von der Richtigkeit dieses kolonialen Angestelltenverhältnisses. Auch wenn sie ihre Arbeitshelfer anständig behandeln und ordnungsgemäß bezahlen, werde ich das Gefühl nicht los von höheren und niederen Menschen umgeben zu sein. Die einen lassen arbeiten, die anderen haben keine Wahl. Die einen leben bequem, die anderen überleben. In einem Land, in dem Chai, britisch geprägter Milchtee, Nationalgut ist, hat Madeeha noch niemals eine Tasse Tee selbst aufbrühen müssen. Das scheint nicht nur für uns unglaublich, sondern auch für Madeeha selbst. Immer wieder bricht es aus ihr heraus, dass sie gar nicht wisse, wie man Tee und Milch zusammen aufkocht. Dramatisch wird es, als wir eines Morgens in der Küche stehen und keines der Dienstmädchen in der Nähe ist. Tee aufbrühen war noch nie so abenteuerlich.

Couchsurfing Pakistan

Madeeha und ihre Mutter sind unsere Gastgeber in Karatschi

Unsere Gastgeberin, Mitte 20, ist jedoch mehr als die verwöhnte Göre. Madeeha arbeitet als Journalistin für die älteste und auflagenstärkste englischsprachige Zeitung Pakistans: DAWN. Im Kulturresort ist sie für alles zuständig, was die Literatur-, Musik- und Filmszene des Landes auf den Markt wirft. Gleichzeitig verfolgt sie eigene Projekte und steht gerade mit einer Dokumentation über Karatschis Schiffsfriedhof auf der Shortlist eines kanadischen Filmfestivals.

Hinter ihrem Schreibtisch hängt eine riesige Pinnwand aus Kork auf der Schwarz-Weiß-Fotos US-amerikanischer Legenden des Showbusiness haften. Marilyn Monroe, Elvis Presley, Frank Sinatra, Kurt Cobain und viele, viele mehr. Daneben hängt eine Komikzeichnung mit den Protagonisten der pakistanischen Unterhaltungsbranche.

DAWNs Hauptgebäude ist klassisch journalistisch. Ein Hochhaus mit langen Gängen, unzähligen Büros, einer Cafeteria und einem Bringdienst, der Chai serviert, Unterlagen und Notizen von einem Büro ins nächste transportiert oder sich auch mal auf den Weg zum nächsten Briefkasten macht. Im Erdgeschoss befindet sich die Druckerei, in den oberen Stockwerken sitzen die Chefredakteure.

Mit Madeeha sprechen wir über das Wesen ihrer Stadt, über die Ambivalenz zwischen hauseigener Dienerschaft und dem Leben unterhalb des Existenzminimums in den Slums und Zeltsiedlungen. Wir erfahren von Gangs und Bandenkriegen, Drogenhandel und Kleinkriminalität, die zum Alltag in diesem Moloch gehört.

Als Hafenstadt ist Karatschi außerdem prädestiniert für Schmuggler. Gleich hinter dem Arabischen Meer liegen die Vereinigten Arabischen Emirate und der Oman und von dort gelangt nicht immer alles auf legalem Weg nach Pakistan. Doch haben Schmuggler oft gar keine Ahnung vom Wert ihrer Ware, berichtet Madeeha.

Auf Karatschis Schmugglermärkten werden Güter daher kiloweise verkauft. Fender-Gitarren, Boxen und Mischpulte erhalten einen Preis nach ihrem Gewicht. Ein Laptop kostet etwa zehn US-Dollar. Doch Karatschis Schmuggler liefern nicht nur Elektronik. Das Angebot ist enorm und reicht von Ersatzteilen für Motorräder und Paraflugzeuge bis hin zu voll funktionstüchtigen Hubschraubern.

Karatschi ist eine kriminelle Stadt, das erfahren wir immer wieder. Mit Freunden verabreden wir uns in einem kleinen Strandhaus an der Hawks Bay, etwas außerhalb Karatschis. Whisky, Bier und ein paar Snacks, Meeresrauschen, Sand zwischen den Zehen – wir fühlen uns wohl.

Irgendwann trudeln ein paar Nachzügler ein, die wenig emotional berichten, dass sie soeben mit der Pistole auf der Brust ausgeraubt wurden. Für uns ist die Geschichte zu unwirklich, um darauf zu reagieren. Die anderen drücken statt Entsetzen nur Erleichterung aus: Handys und Portemonnaies sind weg, aber wenigstens sind die beiden unverletzt zu uns gekommen. Niemand benachrichtigt die Polizei. Der Verlust wird hingenommen. Normalität in Karatschi.

Karatschi, Pakistan

Hawks Bay, Karatschi

Karatschi, Pakistan

Rumhängen im Strandhaus

Den ganzen Tag treiben wir uns am Strand herum, werfen eine Frisbee durch die Gegend, bis wir am Abend ein paar weitere Freunde Madeehas besuchen. In einem riesigen, mehrstöckigen Haus treffen wir Mouhsin, selbstständiger Filmemacher, Entrepreneur und Lebemann. In seinem Kühlschrank finden wir Essen und Bier, auf seinem Wohnzimmertisch Marihuana, in seinem Bett zwei Frauen – Models aus der Modebranche. Doch eigentlich schneidet Mouhsin gerade einen Werbeclip für eine Telekommunikationsfirma. Mit einem Freund sitzt er vor zwei Bildschirmen, verändert hier die Tonspur, schneidet dort etwas im Videomaterial herum. Sie lachen, diskutieren und fluchen ohne Unterlass. Zielgerichtes Chaos mit einem Hauch von Dekadenz. Auch das ist Pakistan.

Wir sind noch immer in derselben Stadt, in der verschmutzte Gesichter tief im Abfall von Millionen stecken, Partys am Strand gefeiert werden, Terrorgefahr droht und Mouhsin ein Leben im Rhythmus des Rock`n`Roll führt.

Ist Diversität noch immer das richtige Wort für eine Stadt mit derartigem Gefälle? Wir sind mitten im Crashkurs Pakistan und Madeeha lenkt uns durch den realen Wahnsinn.

Karatschi, Pakistan

Wir lassen Mouhsin in seiner Wohnung zurück und besuchen Issam, ebenfalls Journalist. Als wir an seine Tür klopfen, ist es bereits spät in der Nacht. Hinter der Tür befindet sich ein dunkles Zimmer, nur das blaue Licht des Fernsehers flackert entlang der Wände. Liverpool spielt in der Europa-League.

Issam wirkt etwas reserviert, verloren im Blues. Vielleicht ein Resultat der leeren Bierflaschen auf dem Boden, vielleicht bedingt durch den Spielverlauf im TV. Doch es ist etwas anderes, existenzieller als Bier und Fußball.

Wir erfahren die neuesten Unannehmlichkeiten für die Pressefreiheit in Pakistan. Issam erzählt von einem Freund, ebenfalls Journalist und kritischer Berichterstatter im Politresort, der auf seinem Wohnzimmertisch einen Zettel findet, auf dem zwei Worte stehen: „Watch out!“

Für Issam ist die Sache eindeutig. Pakistans Intelligence Service, der inländische Geheimdienst, hat sich Zugang zur Wohnung des Freundes verschafft. Auf diese Art, da ist sich Issam sicher, werden kritische Stimmen verfolgt. Solche Einschüchterungen seien nur der erste Schritt.

Auch am nächsten Morgen bin ich mir nicht sicher, ob ich das eine oder andere der vergangenen Nacht vielleicht doch nur geträumt habe. Wir lenken uns in den Straßen Karatschis ab. Mitten in der Stadt herrscht ein beinahe undurchschaubares Gewusel. Autos, Motorräder, Motorrikschas und Eselkarren drängen sich über den Asphalt. Bunt bemalte Busse, unter denen dicke, schwarze Abgasschwaden hervor kriechen, stottern durch die Stadt. An jeder Straßenecke quetschen sich mehr Passagiere in den vollbesetzten Innenraum. Irgendwann sitzen die ersten Reisenden auf den Dächern der Busse und auch dort wird der Platz bald knapp. Mobile Verkaufsstände verengen die Gehwege. Bärtige Männer in ihren luftigen Shalwar Kamiz` lächeln uns freundlich zu, laden uns zum Tee ein. Leuchtreklame hängt an kolonialen Gebäuden, die noch an die britische Besatzungsmacht erinnern.

Daneben ragen graue Funktionalbauten in die Höhe. Hässliche Blöcke mit sieben Etagen. Metallgitter schützen die Balkone und sperren die Hausbewohner so in rostige Käfige. Ab und an hängt eine Klimaanlage an der Fassade und zeugt von ein bisschen Luxus im schnöden Einerlei der Wohnsiedlung. Unten auf dem Gehweg qualmt es aus den Garküchen. Chai köchelt in großen Kesseln. Fladenbrot, Roti genannt, wird von flinken Bäckerhänden an die Innenwände massiver Lehmöfen geworfen, wo der klebrige Teig vom züngelnden Feuer gebacken wird. Linsen und Gemüse, Ziegenfleisch und Hühnerschenkel werden zu den frischen Rotis gereicht. Der deftige Geruch des Essens vermischt sich mit den Abgasen vorbeikommender Fahrzeuge zum Duft Karatschis. Am Straßenrand parken hunderte Motorräder in langen Reihen nebeneinander und trennen so Verkehr und Passanten.

Karatschi, Pakistan

Straßenszene in Karatschi

Karatschi, Pakistan

Karatschi, Pakistan

Obstverkäufer in Karatschi

Karatschi, Pakistan

Mehrere Juweliergeschäfte vor denen jeweils ein Wachmann mit einer Pumpgun steht, folgen aufeinander. Daneben trotten Ziegen über die Straße. Karatschi fesselt uns, ganz wortwörtlich. Es passiert mehr als einmal, dass wir von Polizei oder Militär festgenommen und verhört werden, weil wir angeblich das falsche Motiv abgelichtet oder zumindest in der Nähe des falschen Gebäudes mit unserer Kamera agiert haben. Die arrogante Einstellung der Staatsdiener ist dabei besonders irritierend. Unhöflich und grob führen sie sich auf, als ob die Uniform ihnen irgendwelche Superkräfte verleihen würde. Tatsächlich ist allein die Tatsache, dass Polizei und Militär in Pakistan über ein Machtmonopol verfügen Grund genug, um Zivilpersonen als Menschen zweiter Klasse zu behandeln. Die Autoritäten wissen um ihren Sonderstatus. Ihre Arbeit in Frage zu stellen, fassen sie als persönliche Beleidigung auf, was unsere Situation nicht besser macht.

Wir verstehen wenig von dem, was man uns vorhält, sind uns keiner Schuld bewusst und finden auch keine Hinweise darauf in welchem Teil der Stadt das Fotografieren nun erlaubt ist und wo eher nicht. So dauert es nicht lange, bis wir wieder in irgendeinem Büro, in irgendeiner Polizeiwache sitzen und uns erklären müssen.

Nicht ein einziger Beamter mag ernsthaft glauben, dass wir aus freien Stück und als Touristen in Pakistan sind. Stattdessen hält man uns ganz offen für Spione auf irgendeiner Mission. Der Agentenfilm in meinem Kopf läuft wieder auf Hochtouren. Selbst eine handgezeichnete Karte, die wir aus Mangel an verfügbaren Alternativen selbst anfertigten, macht uns potenziell verdächtig und erregt sehr viel Aufregung. Dass ich die Hauptstadt Islamabad mit einem Stern markiert habe, ist für die Polizisten ein ausreichendes Indiz, um mir zukünftige Terrorattacken vorzuwerfen.

Karatschi, Pakistan

Straßenstand

Karatschi, Pakistan

Mausoleum von Muhammad Ali Jinnah, dem Staatsgründer Pakistans

Karatschi, Pakistan

Teen Talwar Monument mit dem National-Slogan „Einheit, Glauben, Disziplin“

Karatschi, Pakistan

Während unserer vielen Stadtspaziergänge gelangen wir in die Botal Gali, die Flaschengasse. Eine staubige, heruntergekommene Straße im Herzen Karatschis, die einem zwielichtigen Milieu als erstaunlich authentische Kulisse dienen könnte. Als wir am frühen Abend hierher kommen, sind unsere Nerven bereits von mehreren Verhören strapaziert. Doch die Botal Gali empfängt uns versöhnlich. Nostalgie umringt uns. Dutzende Geschäfte präsentieren hinter großen Glasfronten hunderte Apothekerfläschchen, gefüllt mit den Düften der Welt. Eine Straße voller Parfum und Leuchtreklame. Lust auf die „Eternity Woman“ mit „Blue Eyes“ an einem „Casual Friday“ oder doch lieber eine „Cigar“ mit „Charly“? Die Regale sind voller Möglichkeiten.

Karatschi, Pakistan

Botal Gali

Karatschi, Pakistan

Karatschi presst mehr Eindrücke in unsere Köpfe, als wir verarbeiten können. Selbst an ruhigen Orten, werden wir von einer faszinierenden Wirklichkeit überschwemmt. Der stadteigene Strand Clifton Beach ist ein Drecksloch vor den Hochhauswohnungen der Schönen und Reichen und dem größten Einkaufszentrum des Landes, der Dolmen City Mall.

Im feuchten Sand liegt Plastikmüll jeglicher Art, Tüten, Verpackungen, Flaschen; alles fliegt unkontrolliert durch die Gegend. Einheimische sitzen auf Plastikstühlen und versuchen ihre Füße am Abfall vorbei in den Sand zu schieben. Bunt herausgeputzte Kamele traben mit ihren Besitzern entlang des Arabischen Meeres. Für ein paar Rupien schaukeln Passanten auf ihren Rücken. Buggys knattern über den Strand. Fünf Jugendliche, allesamt gekleidet in den traditionellen Shalwar Kamiz`, ziehen lachend an uns vorbei. Wie schon in Belutschistan tragen selbst hier in Karatschi, einer der modernsten Städte des Landes, die Menschen ausschließlich ihre traditionellen Gewänder. Jeans, Hemden oder T-Shirts erblicken wir kaum. Auch die Frauen kleiden sich nach islamischer Vorschrift. Nicht Jede bedeckt ihr Haar, doch tragen sie alle die konservativen Kurtas – lange, luftige Oberteile, die bis weit unter das Gesäß reichen.

Karatschi, Pakistan

Karatschis Hausstrand: Clifton Beach

Karatschi, Pakistan

Karatschi, Pakistan

Maisverkäufer am Strand

Karatschi, Pakistan

Wir verlassen den Strand und treffen uns erneut mit Madeeha irgendwo in Zentrum der Megametropole. Ich glaube nicht, dass mich Karatschi noch irgendwie überraschen kann und trotzdem passiert es immer wieder. Diesmal ist es ein hervorragende Vintage Car Ausstellung, die mich verblüfft. Wir befinden uns zwischen Rolls Royce, Ferrari, Lamborghini, MG und Pontiac. Selbst eine Reihe alter VW-Käfer erfreut sich einiger Bewunderer. Prinzipiell habe ich keine Ahnung von Autos, aber ich schätze die Ästhetik der alten Karossen. Damals, als es noch Platz auf der Straße gab und die Vordersitze aus einer durchgehenden Sitzbank bestanden, ging es den Autobauern um nichts anderes als Schönheit und Komfort. Diese Weisheit gebe ich auch gleich an ein Kamerateam des pakistanischen Fernsehens weiter, das mir völlig unvorbereitet ein Mikrofon vors Gesicht hält.

An einem unserer letzten Tage treffen wir Omayr. Als Sohn einer Diplomatin bedarf er offenbar andauernd Schutz, denn Omayr ist immer in Begleitung eines Bodyguards. Schwer bewaffnet, mit tief liegenden Augen und wettergegerbter Haut erinnert uns der Beschützer stark an die Levies in Belutschistan. Ein Mann der Tat – kein Mann der Worte. Entsprechend schweigsam ist er.

Über breite, von Palmen gesäumte Straßen verlassen wir Karatschi und machen uns zusammen auf den Weg in das rund 100 Kilometer von Karatschi entfernte Makli. Auf einem Hügel liegt hier die größte Nekropolis, die größte Totenstadt, der Welt. Auf einer Fläche von zehn Quadratkilometern reiht sich ein Grabmonument an das nächste. Hunderte Herrscher und Könige sind hier begraben, verdiente Militärs und etwa 125.000 Heilige und Anhänger des Sufismus zu denen auch die Derwische gehören. Die Sand- und Backsteinbauten – Gräber, Monumente und Gedenkstätten – geben die soziale und politische Geschichte der Region zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert wieder.

Seit 1981 gehört die Nekropolis zu den Weltkulturerbestätten der UNESCO. Viele Gräber sind inzwischen heruntergekommen, gezeichnet von der Zeit. Doch noch immer ist das beeindruckende islamische Kunsthandwerk zu erkennen. Hohe Kuppeln, Torbögen, Kalligraphie – auch nach Jahrhunderten noch immer ästhetisch anzusehen.

Ein Wächter führt uns durch die Anlage, nennt uns Namen von Königen, zeigt uns Monumente und erzählt Geschichten aus der Vergangenheit. Wir befinden uns an einem schaurig schönen Ort. Die Sonne sinkt langsam hinter den Horizont und taucht die Ruinen in feurig rotes Licht. Dann ist es dunkel und wir verlassen die tote Stadt, kehren zurück ins Leben, dorthin, wo die Wirklichkeit die seltsamsten Blüten treibt: Karatschi.

Auf dem Rückweg machen wir Halt an einem Dhaba, einem der vielen Straßenrestaurants, die überall im Land das leibliche Wohl der Lastwagenfahrer und anderer Reisender gewährleisten. Das Lokal ist nichts weiter als ein offener Raum mit dünnen Außenwänden und einem Dach aus Palmenblättern. Auf dem erdigen Boden stehen mehrere hölzerne Plattformen auf denen Männer in ihren traditionellen Gewändern sitzen, rauchen, essen, erzählen. Im hinteren Teil des Gebäudes, dort wo fette Fliegen um verkrustete Kochtöpfe schwirren, befindet sich die Küche.

Wir lassen uns auf einer freien Plattform nieder, sitzen uns im Schneidersitz gegenüber. Madeeha wirkt angespannt, ihr ist das Restaurant nicht geheuer. Zu viele hygienische Bedenken sausen durch ihren Kopf. Dass mindestens ein Dutzend Männer ihr Abendessen hier einnehmen, lässt sie unbeeindruckt. Sie verzichtet auf das Wasser, das uns in metallenen Krügen gereicht wird, da es ihr nicht sauber genug erscheint. Stattdessen zieht sie einen koffeinhaltigen Softdrink durch einen Strohhalm. Dann lassen wir uns Hühnchen in einer würzigen Soße schmecken. Zwiebeln, Tomaten und Roti ergänzen unsere Mahlzeit. Nur Madeeha, obwohl auch ihr vor Hunger der Magen knurrt, ist noch immer skeptisch. Erst als Omayr mehrere Bissen zu sich genommen hat, ihr anschließend überzeugend versichert, dass das Essen ausgezeichnet schmeckt und sie nicht daran erkränke, isst auch Madeeha ein klitzekleines Bisschen.

Es ist unser erstes Dhaba in Pakistan und anders als Madeeha kommen wir auf den Geschmack. Die einfachen Gaststätten des Landes werden Fixpunkte unserer Reise. Immer wieder kehren wir hier ein – in Karatschi, auf der Landstraße, in Rawalpindi und Islamabad, im eisigen Gebirge. Die Dhabas gehören zu unserer Pakistanerfahrung, wie die geschmückten Kamele zum Clifton Beach oder die Chai Wallahs in die Gassen Karatschis. Ohne sie wäre das Erlebnis nicht vollständig.


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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  • 29. Dezember 2016

    freu mich immer sehr über eure berichte, bewundere euren mut und reise in gedanken mit.


    • 29. Dezember 2016

      Vielen Dank für dein Lob! Zu unserer Verteidigung müssen wir aber sagen, dass unser Mut manchmal auch nur aus Glück und Zufall besteht. 😉


    • 29. Dezember 2016

      aber ihr ihr geht nie auf nummer sicher und das ist für mich mutig. euch weiterhin eine gute reise.


    • 30. Dezember 2016

      Vielen lieben Dank für das Kompliment!