Geschichten aus dem Tuff – Kappadokien 2/3

Neues aus Spargelhausen


21. November 2014
Türkei
13 Kommentare

Jakob schlendert über die hügelige Ebene. Zusammen mit seinen Glaubensbrüdern beobachtet er die Felder. Die Saat gedeiht prächtig. Jakob ist guter Dinge, dass die Ernte bald eingefahren werden kann. Vorausgesetzt es schauen nicht wieder ein paar metzelnde, raubende, brandschatzende Horden aus den benachbarten Königreichen vorbei. Die Römer waren schon hier und die Perser, die Mongolen und die Araber. Entweder versprachen sie sich auf den Handelsrouten durch die Region, wie etwa der Seidenstraße, reiche Beute oder hatten irgendetwas am noch jungen Christentum auszusetzen und jagten dessen Anhänger durch das Land. Das waren Zeiten. Die Alten erzählen heute noch grauenvolle Geschichten. Doch die Christen hier in Kappadokien sind clever. Jakob lächelt zufrieden und verschwindet in einem Spargel.

Ungefähr 1.000 Jahre später stehen wir an derselben Stelle. Jakob ist schon lange nicht mehr da, aber der Spargel reckt sich noch immer in die Höhe. Ein ganzes Spargelfeld breitet sich vor uns aus. Ganz frisch ist es nicht mehr, denn der Spargel steht hier schon sehr lange – so lange, dass bei seiner Entstehung weder an Jakob, noch an die Christen oder gar die Menschheit zu denken war.

Etwa 20 Millionen Jahre ist es her, da eruptieren die beiden Vulkane Erciyes Dağı und Hasan Dağı. Jede Menge Staub und Asche wirbelt durch die Luft und setzt sich meterdick auf der Erde ab. Die Zeit vergeht und der Druck nimmt zu. Staub und Asche verdichten sich zu weichem Tuffstein, der dann durch Erosion von Wind und Wasser wieder abgetragen wird. An den Stellen jedoch, wo sich feste Gesteinsschichten auf dem Tuff ablagern, bleibt das weiche Gestein darunter erhalten. Zack – ein paar Millionen Jahre später – stehen riesige Spargel in der Gegend herum.

Nun ja, ein paar Exhibitionisten nennen diese Gebilde Penisse, an paar Esoteriker halten sie für Feenkamine – für uns sind und bleiben die bis zu 30 Meter hohen Türme Spargelstangen.

So wie einst Jakob verschwinden auch wir im Inneren des Spargels. Mehrere Räume, aus dem weichen Gestein herausgearbeitet, befinden sich hier übereinander. Drinnen finden wir noch immer Spuren von längst erloschenem Kaminfeuer. Von außen hingegen ist nur der nackte Fels zu sehen – ein perfektes Versteck.

Doch die fleißigen Christen von damals schlagen nicht nur Löcher in Spargelstangen. Sie schlagen Löcher in jede Wand, die sie finden können. So entstehen Höhlen und Gänge, die vor allem Kirchen beherbergen. Mehr als 3.000 Stück, so heißt es, sind in Kappadokien bisher entdeckt.

Zu den bekanntesten Stätten gehören die Kirchen im Open Air Museum von Göreme. Der kleine Ort ist heute das touristische Herz der Region. Hier befinden sich die berühmtesten frühchristlichen Kirchen Kappadokiens, die mittlerweile zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Vom gemütlichen, isolierten Leben im Tuff der einstigen Siedler ist dabei kaum noch etwas zu spüren. Täglich schlendern große und kleine Touristengruppen durch den Komplex. Wie sie bestaunen auch wir das bearbeitete Gestein. Eine Höhle grenzt an die nächste, eine Auskerbung an die andere. Hinter beinahe jeder Türöffnung wartet eine Kirche. Seit Jahrhunderten von der zerstörerischen Kraft des Sonnenlichts abgeschirmt, leuchten im Inneren Fresken und Gemälde in kräftigen Farben. Die Jungfrau Maria, Jesus Christus, ein paar Heilige – die Abbilder sind so lebendig, als seien sie erst vor kurzem an die Wände gepinselt. In der beinahe fensterlosen Karanlık Kilise, der „Dunklen Kirche“, befinden sich einige der besterhaltenen Fresken der Welt. Aus dem 11. Jahrhundert stammen die biblischen Gemälde im Fels, die heute noch so intensiv scheinen, wie vor 1.000 Jahren.

Doch im kappadokischen Tuff entstehen nicht nur Kirchen und Kapellen. Zwischen den ausgewaschenen Tälern, die mal in rot, mal in weiß und mal in rosa leuchten, stehen immer wieder ausgehöhlte Wohnfelsen. Zivile Nutzung der Gesteinsschichten. Jakob lebte hier bereits und auch viele hundert Generationen nach ihm. Selbst mitten im Dorf Göreme stehen noch einige Wohnfelsen. Zahlreiche Außenfassaden sind der Erosion mittlerweile zum Opfer gefallen und der Blick in die einstigen Privatzimmer liegt frei. Doch hier und da leben noch immer Menschen in den restaurierten Höhlen. Ein paar gemauerte Wände sind neu hinzugekommen – die Wohnung im Tuff mit etwas Zement und Backsteinen erweitert.

Bei so viel kultureller und landschaftlicher Extravaganz bleibt natürlich auch der Tourismus nicht aus. Kappadokien ist längst eines der beliebtesten Urlaubsziele der Türkei. Während vor ein paar Jahrzehnten die einheimische Bevölkerung noch hauptsächlich von der Landwirtschaft und dem Tauschgeschäft lebte, reihen sich nun Reiseagenturen, Restaurants und Touranbieter aneinander. In Göremes Straßen lässt sich an jeder Ecke irgendetwas buchen oder reservieren. Seien es Ausflüge durch die skurril geformten Täler – entweder auf dem Rücken eines Pferdes oder im Sitz eines Quads – oder die Aussicht auf die Spargellandschaft aus einem Heißluftballon in schwindelerregender Höhe. Jeden Morgen steigen rund 100 Ballons zu den besten Wetterbedingungen in den kalten Himmel über Göreme und auch am Nachmittag dringt hier und da das Rauschen einer Gasflamme von oben herab.

Übernachtet wird in Kappadokien natürlich stilecht in einem der vielen Höhlenhotels. Das Leben im Tuff hat sich in den letzten Jahren jedoch stark verändert. Bescheidenheit macht Platz für moderne Standards und luxuriösen Schnickschnack. Wo früher einmal Ziegen hausten oder Wein gelagert wurde, ziehen nun jedes Jahr mehr Touristen ein. Sie sitzen im Fels und erfreuen sich an Sauna und Hamam, Breitbandinternet und Flachbildfernseher. Die Moderne hat Einzug gehalten in die Höhle und ist nun Bestandteil Kappadokiens bröseliger Landschaft.

 

Kappadokien in drei Teilen

Teil 1: Leben im Untergrund

Teil 2: Neues aus Spargelhausen

Teil 3: Mit dem Heißluftballon über Kappadokien


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

Um uns vor Spam zu schützen, bitten wir dich die markierten Felder auszufüllen. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

  • Anne Steinbach
    10. Februar 2015

    Super interessanter Bericht und verdammt gut geschrieben! Hut ab 🙂


    • nuestra america
      10. Februar 2015

      Vielen Dank für dein Lob, liebe Anne. Beste Grüße nach Amsterdam und stets spannende und sichere Reisen.


  • 12. Februar 2015

    Hallo ihr Beiden. Echt ’n schönen Blog habt ihr da! Timo hatte mich auf euch aufmerksam gemacht. Mensch, wir haben ja fast die gleiche Route, sehe ich gerade. Wie witzig! Wisst ihr schon, wann ihr es nach Pakistan schaffen werdet? Grüße aus Lahore!


    • nuestra america
      14. Februar 2015

      Hallo Daniel,
      wir werden wohl in den nächsten sieben bis zehn Tagen nach Pakistan reisen. Wir befinden uns schon fast im Grenzgebiet. Wie lange bist du in Pakistan unterwegs? Grüße aus Kerman.


      • 14. Februar 2015

        Ich bin schon seit dem 25. In Pakistan und warte gerade auf das Visum für Indien, welches hoffentlich bald kommt. Ist momentan recht schwierig, sich hier am Land frei zu bewegen. Die Polizei geht da recht restriktiv vor. Hoffe, dass sich bis Juni die Wogen etwas glätten. Wenn Ihr noch irgendwie Fragen habt oder Hilfe braucht, könnt ihr mich auch gerne Anschreiben 😉 Grüße.


        • nuestra américa
          16. Februar 2015

          Wir werden in ein paar Tagen nach Pakistan reisen. Wie ist denn die Reisesituation im Land? Kommt man ohne Polizei von A nach B? Wir melden uns bei dir, sobald wir in Pakistan sind.
          Beste Grüße


          • 22. Februar 2015

            Die Levies werden euch direkt hinter der Grenze aufsammeln und nach Quetta eskortieren. Das dauert so etwa 2 Tage. Dort angekommen, könnt ihr euch dann eine NIC besorgen und den Zug nach Lahore oder Multan nehmen. Dort könnt ihr euch dann frei bewegen und evenuell sogar trampen – Ohne die Männer mit den Waffen 😉 Viel Glück!


          • nuestra america
            26. Februar 2015

            Wir sind glücklich in Quetta angekommen. Die Levies waren super nett – haben uns Liebeslieder gesungen, literweise Tee serviert und Essen zubereitet. Von Quetta sind wir gestern 22 Stunden in einem mega verstaubten Zug bis nach Karachi gereist. Jetzt genießen wir erstmal gutes Wetter und leckeres Essen.
            Beste Grüße


  • Sandra
    23. Februar 2015

    aaaah, alles weg – ist das nur noch für Eingeweihte??

    hatte bis 18.02. gelesen und mit Spannung den nächsten Bericht erwartet und jetzt komme ich bis hierher und nicht weiter…

    SCHADE!!!

    wünsche euch aber noch viel Spaß auf Eurer Tour…


    • nuestra america
      27. Februar 2015

      Hallo Sandra,
      keine Panik, du verpasst nichts. Hier gibt es keine Sonderbehandlungen. 😉
      Die nächsten Reiseberichte kommen in Kürze.
      Beste Grüße.