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Istanbuls historische Altstadt

İstanbul’a hoş geldiniz


3. Oktober 2014
Türkei
6 Kommentare

Wir stehen schweigend an einer Tankstelle irgendwo mitten in Bulgarien. Ein blauer Himmel überspannt uns, doch in unseren Köpfen ist es düster. Zu lange stehen wir bereits in dieser Einöde, die lediglich von einer riesigen Portion Pommes unterbrochen wird. Vor Stunden haben wir Sofia auf der Rückbank eines in die Jahre gekommenen Wagens verlassen. Doch seitdem wir uns von unserer Mitfahrgelegenheit, einem jungen Paar aus der Hauptstadt, an dieser Tankstelle kurz vor Plovdiv verabschiedeten, versagt uns das Glück jede weitere Unterstützung. Schon kreisen die ersten Gedanken um unseren nächtlichen Schlafplatz und unwillkürlich suchen die Augen die nähere Umgebung nach einer passenden Stelle für unser Zelt ab. Es gibt nicht besonders viel Verkehr – weder an der Tankstelle, noch auf der Schnellstraße nebenan.

Doch dann blitzt ein schneeweißes Auto am Horizont auf, setzt den Blinker und parkt an einer der vor uns stehenden Zapfsäulen. Drinnen sitzen Deniz und Gilbert, Plug-In-Entwickler aus Albanien. Sie sind auf dem Weg nach Istanbul und gerne bereit, uns die noch ausstehenden 400 Kilometer mitzunehmen.

So reisen wir durch den bulgarischen Südosten, folgen dem Navigationsgerät, das uns über verschiedene Abkürzungen schickt und sind mehrfach überzeugt, uns ganz furchtbar verfahren zu haben. Doch irgendwann stehen wir vor der türkischen Grenze. Eine riesige rote Flagge mit weißem Halbmond und Stern grüßt uns schon aus weiter Ferne. Wir schütteln freundlich Hände mit einem Grenzbeamten und setzen unseren Weg gen Osten fort.

Es dauert nicht lange, bis wir in die Geheimnisse des türkischen Straßenverkehrs eingewiesen werden. Es gibt keine Regeln, lediglich Richtlinien. Auf einer zweispurigen Straße haben auch drei Autos nebeneinander Platz. Gegenverkehr ist kein Grund nicht zu überholen. Parkplätze gibt es überall. Lichtsignale sind nur optionale Ergänzungsmittel.

Deniz und Gilbert verstehen die Kunst der türkischen Fahrschule. Die albanischen Brüder finde jede Lücke (und nutzen sie) und so rasen wir unserem Ziel Istanbul entgegen.

Die Sonne ist bereits hinter dem Horizont verschwunden, als wir die Metropole am Bosporus erreichen. Millionen und Abermillionen Lichter leuchten uns entgegen. Riesige Hochhäuser ziehen an uns vorbei, Wohnviertel, Konsumtempel. Der Verkehr gleicht gigantischen rot und gelb strahlenden Würmern, die auf den asphaltierten Bahnen der Stadt hin und her kriechen.

Mehr als 40 Minuten fahren wir bereits durch Istanbul, das etwa 15 Millionen Menschen ein Zuhause bietet. Dann bricht das Häusermeer um uns herum plötzlich ab. Wir überqueren den Bosporus auf einer von zwei Brücken, die Europa und Asien verbinden. Ein kurzer Moment der Stille, dann jubelt es in meinem Kopf. Asien. Wir haben soeben einen neuen Kontinent betreten.

Wir fahren weitere 20 Minuten durch die asiatische Seite der Stadt, bis wir uns von Deniz und Gilbert verabschieden und unserem Couchsurfing-Gastgeber Osman die Hand reichen. Osman wohnt in einem Gebäudekomplex mit Sicherheitsservice, Swimmingpool, Golfanlage und Tartanbahn. Sein PKW parkt im Parklift, von seinem langgestreckten Balkon im sechsten Stock überblicken wir das gesamte Areal.

Osman, ein bisschen verschnupft vom Wetterumschwung der letzten Tage, lässt es sich nicht nehmen, uns mit einem Raki, dem türkischen Nationalgetränk, willkommen zu heißen. Wir lassen uns den Anisschnaps schmecken, während Osman unsere Vorfreude auf Istanbul mit jeder Minute unseres Gespräches wachsen lässt.

Hitchhiking2India

Raki mit Osman in Istanbul

Der Verkehr in Istanbul ist auch am nächsten Morgen chaotisch. Wir fahren von unserer Bleibe in Ümraniye zum Fähranleger nach Üsküdar und brauchen für die etwa zehn Kilometer lange Strecke 50 Minuten. Mit der Fähre überqueren wir den Bosporus und sind wieder zurück in Europa.

Unsere erste Station ist klassisch und so lernen wir Istanbul zunächst aus den Augen der unzähligen Touristen kennen, die aus allen Teilen der Welt in die einstige osmanische Hauptstadt reisen. Wir befinden uns im Sultanahmet, der historischen Altstadt Istanbuls. Zwischen Blauer Moschee und Hagia Sofia herrscht dichtes Gedränge. Schon früh am Morgen spülen Reisebusse eine Flut Pauschaltouristen aus ihrem Inneren hinaus.

Darunter mischen sich Souvenirverkäufer, private Guides suchen nach Gutgläubigen, denen sie ihre „Dienste“ anbieten können, Flötenspieler verdienen sich ein paar Lira. Çay, der stets griffbereite türkische Tee, wird in großen Mengen verkauft.

In der Blauen Moschee endet gerade eines von fünf täglichen Gebeten und sofort bildet sich eine lange Schlange Schaulustiger, die es reizt das Gotteshaus von Innen zu sehen. Auch wir stehen in der Massen. Vor uns kichern einige asiatische Frauen verlegen, als man ihnen große Tücher in die Hände drückt, damit sie ihre Haare darunter verbergen. Hinter uns warten ein paar verbrannte und verschwitzte Briten.

Hitchhiking2India

Blaue Moschee

Wie es muslimischer Brauch ist, entledigen wir uns vor dem Eintreten in die Moschee unserer Schuhe und tragen diese in kleinen Plastiktüten mit uns herum. Dicker Teppich dämpft unsere Schritte im Inneren des Gebäudes. Istanbuls Hauptmoschee ist riesig. Unter einer weiten, mit Ornamenten reich verzierten Kuppel, hängt ein ausladender Leuchter, der den hallengleichen Innenraum in ein warmes Licht hüllt.

Ein hölzernes Geländer trennt die Besucher von den Gläubigen. Hier ist der Andrang groß. Kameras werden in alle Richtungen gehalten, das monotone Klicken der Auslöser ist Teil der Erfahrung, die wir in der Blauen Moschee machen. Ein britischer Opa mopst einem türkischen Opa den Pullover, der erst verdattert dreinschaut und dann dem vermeintlichen Dieb hinterher läuft. Es kommt zu einer kleinen Diskussion, die aufgrund unterschiedlicher Sprachen zu keinem Ergebnis führt. Erst der Sohn des einen kann in dem Konflikt vermitteln und plötzlich stellt der Brite fest, dass er versehentlich den falschen Pullover gegriffen hat. Beschämt lachend und mit plötzlich knallrotem Kopf erkennt er seinen Irrtum und gibt das Diebesgut kleinlaut zurück. Doch auch der türkische Opa hat seinen Humor bereits wiedergefunden und schüttelt dem Reumütigen eifrig die Hand.

Auf der Seite der Gläubigen geht es viel entspannter zu. Das Gebet ist seit einigen Minuten beendet und noch immer liegen ein paar Männer ausgestreckt auf dem Teppich. Einen Plausch haltend, lässt sie das Treiben auf unserer Seite der Absperrung augenscheinlich völlig kalt. Ein kleiner Junge tollt in ihrer Nähe über den weichen Untergrund, schlägt einen Purzelbaum und rollt sich fröhlich über den Boden.

Draußen vor dem Gebäude wird uns wieder bewusst, wie angenehm kühl es im Inneren der Moschee war. Die Sonne steht mittlerweile in ihrem Zenit. Gleißendes Licht brennt in den Augen. Noch immer wuselt eine homogene Touristenmassen durch die Gegend. Sie erstreckt sich von der Blauen Moschee über den Sultan Ahmet Park bis zur Hagia Sofia auf der anderen Seite. Wir fügen uns in den Strom, treiben vorbei an alten, rundlichen Frauen, die uns wortlos Blumenkränze entgegenstrecken, Schleppern, die wortreich Bootstouren auf dem Bosporus anbieten und einem Sultan, der mit seinem rot-gelben Gewand und dem hohen Turban bereits aus der Ferne die meiste Aufmerksamkeit gewinnt. Er ist für jedes Foto zu haben und hat gleich die passenden Accessoires dabei, damit er nicht lange alleine wie der Sultan aussehen muss.

Dann stehen wir vor der Hagia Sofia. Einst byzantinische Kirche, später muslimische Moschee und seit 1934 ein Museum, das Spuren beider Religionen ausstellt. Minarette zieren die einstige Kirche, ein riesiges Mosaik zeigt Jesus Christus, die heilige Maria und Johannes den Täufer in der früheren Moschee. Ein riesiges Medaillon mit der Inschrift Allah hängt neben der Jungfrau Maria und dem neugeborenen Jesus.

An jeder Ecke finden sich Hinweise auf die eine oder andere Religion – meistens jedoch auf beide zugleich. Da gibt es eine muslimische Gebetsnische und das vermutlich größte christliche Taufbecken der Welt. Die byzantinische Kuppelbasilika, in ihrer Zeit als epochales Kunstwerk gefeiert, gilt als Inspirationsquelle für den Bau späterer Moscheen.

Es dauert eine Weile, bis wir begreifen, wie allumfassend hier zwei Religionen aufeinander trafen und wie verschlungen sie in diesem Gebäude miteinander sind. Der Dank dafür gehört den damals einfallenden Osmanen, die die Kirche nicht zerstörten, sondern sie einfach in ihrem Interesse nutzten.

Direkt hinter der Hagia Sofia erstreckt sich der Topkapi Palast, der einstige Herrschaftssitz des Osmanischen Reiches. Egal ob Mehmet, Murat oder Ahmet – über Jahrhunderte lebten und regierten die Sultane hinter dicken Mauern in einem eigens für sie eingerichteten kleinen Paradies aus verschiedenen Gärten, Parks und Gebäudekomplexen.

Wir wenden dem hoheitlichen Anwesen jedoch den Rücken zu und schlendern bis zum großen Basar, dem Kapalı Çarşı. Seit dem 15. Jahrhundert wird unter dem Dach der riesigen Markthalle gefeilscht, gehandelt und geschachert. Seit 600 Jahren wechseln hier Waren und Güter ihre Besitzer. Angezogen von einer so langen Händlertradition betreten wir das schattige Gebäude. Unsere Erwartungen werden aber sehr schnell enttäuscht. Statt lokaler Produkte finden wir vor allem Massenimporte aus China. Die Trikots von Messi, Ronaldo, Götze, Balotelli und vieler anderer hängen hier an den Wänden. Verkäufer orientalischer Lampen und Keramik häufen ihre Auslage vor den kleinen Geschäften. Juweliere sitzen vor bruchsicherem Glas und warten auf Kundschaft. Die Gänge sind breit, hell erleuchtet und ausschließlich von Touristen bevölkert. Istanbuls Kapalı Çarşı hat nicht mehr viel mit einem Marktplatz zu tun. Es ist nicht mehr als eine Ansammlung von Souvenirshops, die sich auf 31.000m² erstreckt.

Da wir keine Lust verspüren, überteuerte Produkte zu erstehen, die alle aus der gleichen Fabrik stammen, verlassen wir die Markthalle bereits nach kurzer Zeit wieder und verlieren uns in den umliegenden Straße und Gassen. Plötzlich stecken wir mitten drin im geschäftigen Istanbul. Hier wird alles verkauft. Nützliches, Brauchbares, Notwendiges, Leckeres. Wir quetschen uns durch die Menge und bleiben vor einem Mann stehen, der auf einem hölzernen Wagen dutzende Granatäpfel aufgeschichtet hat. Vor ihm befindet sich eine Saftpresse und für 2 Lira (etwa 70 Cent) trinken wir unseren ersten frischgepressten Granatapfelsaft. So lecker, wie man ihn wohl nur an einem kleinen Straßenstand mitten in Istanbul bekommen kann. Mit jedem Schluck saugen wir etwas mehr von dem Land auf, das für die nächste Zeit unser Zuhause sein wird. Zufrieden lächle ich den Trinkbecher in meiner rechten Hand an. Hoş geldiniz. Willkommen in der Türkei.

Granatapfelsaft in Istanbul

Granatapfelsaft in Istanbul


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  • 19. Oktober 2014

    When will you come to iran?


  • 19. Oktober 2014

    😀