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Das europäische Istanbul

Frischer Fisch, Menschenmassen und Katzengejammer


9. Oktober 2014
Türkei
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Sanft wippen wir auf den Wellen des Bosporus auf und ab. Die Sitzplätze auf dem Sonnendeck der Fähre sind schnell belegt. Çay wird herumgereicht. Im blau schimmernden Wasser unter uns schwimmen ein paar Fische um den Bug. Dann dröhnen die Motoren, um das Heck herum beginnt das Wasser zu schäumen und mit gleichmäßiger Kraft schiebt sich der stählerne Körper durch die Fluten. Etwa 20 Minuten dauert die Überfahrt von der asiatischen zur europäischen Seite Istanbuls. Von Üsküdar nach Eminönü, unterhalb der Altstadt Sultanahmet.

Schon beim Verlassen des Schiffes stecken wir mitten im eifrigen Treiben des europäischen Istanbuls. Gleich mehrere Verkäufer versuchen uns mit bunten Prospekten Fahrten auf dem Bosporus oder dem Goldenen Horn anzudrehen. „Taxi, Taxi“ schallt es lautstark zu uns herüber. Selbst die Passagiere, die noch gemütlichen Schrittes die Fähre bestiegen, verlassen nun hektisch das Schiff und eilen einem unbekannten Ziel entgegen.

Verglichen mit den asiatischen Stadtteilen Kadiköy und Üsküdar schnellt die Geschwindigkeit, in der sich unsere Umgebung am europäischen Ufer des Bosporus bewegt, rasant in die Höhe. Wir folgen einer Menschentraube hinein in die Stadt und lassen uns von unseren Spürnasen durch die nahegelegenen Gassen und Straßen führen. Bereits nach kurzer Zeit haben wir uns in dem Gewimmel der Masse verlaufen. Die einzige Orientierung bietet lediglich die geografische Lage: Bergab geht es zurück zum Bosporus, bergauf weiter hinein in die Stadt. Und so folgen wir der dicht bevölkerten Straße immer weiter hinauf, weichen entgegenkommenden Motorrädern aus, machen Platz für Träger und Sackkarrenlenker.

Teppichläden flankieren unseren Weg, Lampengeschäfte und Süßwarenbäcker. Immer wieder begegnen wir mobilen Ständen, an denen frisch gepresster Orangen- und Granatapfelsaft angeboten wird. Noch häufiger sehen wir die Simit-Verkäufer am Straßenrand. In großen gläsernen Kästen türmen sich die ringförmigen, mit Sesam bestreuten Brote aus Hefeteig. Sie gehören zur Grundversorgung der Öffentlichkeit. Kaum ein anderes Lebensmittel ist so schnell erreichbar und hilft so effektiv gegen den einsetzenden Hunger.

Mit Granatapfelsaft in der einen und einem Simit in der anderen Hand wandern wir weiter den Hügel hinauf. Die Gassen werden immer schmaler und immer belebter. Das Vorwärtskommen immer schwieriger. Mittlerweile bieten die Geschäfte um uns herum vor allem Kleidung, Elektronik und Lederwaren an. Auch ein paar Goldjuweliere befinden sich darunter. Çay-Verkäufer laufen mit großen Tabletts von Geschäft zu Geschäft und versorgen die Angestellten mit dem beliebten Heißgetränk.

Auf der Kuppel des Hügels angekommen treffen wir uns mit Hidayet, unserem neuen Gastgeber. Auch er lädt uns zum gemeinsamen Çay ein und zusammen erklimmen wir die schmale Treppe eines Cafés in unmittelbarer Nähe der Süleymaniye-Moschee. Wir steigen hinauf bis zur Dachterrasse von wo sich uns ein berauschender Blick bis weit über den Bosporus bietet. Unter uns befinden sich die schmalen Gassen, durch die wir gerade noch schlenderten. Dahinter breitet sich der historische Stadtkern Istanbuls aus, die Blaue Moschee, die Hagia Sofia, der Topkapi Palast.

Zum stärkenden Çay unterhalten wir uns mit Hidayet über die jüngere türkische Geschichte. Wir sind nicht ohne Arglist, denn wir interessieren uns vor allem für eine Person. Atatürk – Kemal der Große, wie wir ihn hinterher heimlich nennen werden. Am Konterfei des Staatsgründers kommt man hier nirgendwo vorbei. Atatürk wird überall gehuldigt. In Imbissbuden, Supermärkten, Stadtbussen, auf Flaggen, Postern und Häuserwänden. Der Vater aller Türken steht auf einer Heldenstufe mit Batman, Herkules und Popeye. Jedes Kind kennt ihn und jeder liebt ihn.

Als Befehlshaber führt Mustafa Kemal, so der eigentlich Name Atatürks, einen erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg gegen die alliierten Invasionsmächte Großbritannien und Griechenland, er reformiert das Osmanische Reich, schafft Sultanat und Kalifat ab, gründet eine Republik, führt die Demokratie ein, trennt Religion und Staat, fördert die Emanzipation der Frauen und gestaltet die Rechtsprechung nach europäischem Vorbild um.

Atatürk ist weit mehr als der Gründungsvater der Türkei. Er ist das Symbol für Demokratie, Selbstbewusstsein und Fortschrittsglaube fast aller Türken. Kritik an seiner Person ist selbst auf höchster Ebene unmöglich, was vor allem dem amtierende türkischen Staatspräsidenten Erdoğan, alles andere als ein Reformer im Zeichen Atatürks, einiges diplomatisches Geschick in seinen Reden abverlangt.

Mittlerweile sind wir von der Dachterrasse wieder zurück in den Gassen Istanbuls und spazieren eher ziellos durch die abschüssigen Straßen. Mit Hidayet haben wir den richtigen Gesprächspartner gefunden und dringen noch weiter in die ereignisreiche Vergangenheit seines Landes ein. Nun plaudern wir über das große Osmanische Reich, über Sultane und Großwesire, Konkubinen und Intrigen, Legenden und Überlieferungen. Dabei klingt alles irgendwie nach Scheherazade und den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Istanbuls Straßen sind wunderbare Kulissen für derartige Erzählungen und Hidayet beweist heimlich ein gutes Gespür dafür, unsere Emotionen weiter zu schüren.

Ihm verdanken wir es, dass wir plötzlich mitten in einer kühlen Markthalle stehen. Satte Rot- und Gelbtöne leuchten um uns, es riecht nach Kardamom, Curry, Zimt und hundert anderen Gerüchen, die wir nicht zuordnen können. Ein undurchdringliches Sprachgewirr erfüllt den Raum. Wir befinden uns im historischen Gewürzmarkt Istanbuls. Ein Ort wie herausgelöst aus einem orientalischen Märchen. Curry, Chili und Safran türmen sich hier bergeweise übereinander. Zimt und Nüsse stützen sich gegenseitig. Getrocknete Feigen, Bananen und Aprikosen lassen uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Türkische Zuckerwaren, karamellisierte Nüsse und verschiedene Teesorten reihen sich in großen Mengen aneinander. Wir bestaunen traditionelle Teeservices, detailreich verzierte Kochtöpfe für den türkischen Kaffee, kunstvolle orientalische Lampen, Stoffe und Kleider.

In meiner Fantasie reibe ich bereits an einer Öllampe und befreie einen mächtigen Dschin, der mich und meinen treuen Affen mit dem lustigen Hut bis ins Wildkatzengehege des Sultans befördert. Doch statt mächtigen Brüllens erklingt nur empörtes Miauen und ich stolpere über eine kleinen flauschigen Körper zurück in die Realität.

Es ist kein Tiger, der mich nun merklich sauer anfaucht, sondern eine von wahrscheinlich tausenden Straßenkatzen in Istanbul. Überall lungern sie herum. Stets elegant und grazil. Manchmal mauzt es fürstlich aus einem Müllcontainer, manchmal herrschaftlich von einem verwinkelten Mauerabschnitt. Die Katzen streichen um Imbissbuden, schleichen von Geschäft zu Geschäft, lassen sich hier und da ein wenig streicheln und wenden sich arrogant ab, wenn sie keine Lust mehr haben. Dann spazieren sie hinunter zur Galatabrücke und stibitzen den einen oder anderen Fisch aus den Eimern der vielen Angler, die hier dicht an dicht an der Brüstung stehen.

Wir folgen den vornehmen Tieren und überqueren die Wassermasse des Goldenen Horns, einer langgestreckten Bucht des Bosporus, an dessen Ufern sich das europäische Istanbul schmiegt. Unterhalb der Angler, deren Routen zu Dutzenden über die Brücke hinaus ragen, befinden sich die Terrassen einiger Restaurants und Bars. Touristen und Einheimische lassen sich hier kleine Snacks und das eine oder andere kalte Efes schmecken. Ein Besuch lohnt sich besonders zum Sonnenuntergang. Wenn der Feuerball rot glühend hinter der Silhouette Istanbuls versinkt und die Stadt in ein goldenes Licht taucht.

Auf der anderen Seite der Galatabrücke befinden wir uns jetzt im Stadtteil Beyoğlu. Über ein paar schmale Gassen steigen wir hinauf bis zum Galataturm und erreichen die İstiklal Caddesi. Diese Straße ist vielleicht der berühmteste Boulevard Istanbuls. Gesäumt von Gebäuden aus dem Jugendstil ist sie eine der wichtigsten Einkaufsstraßen der Stadt. Jetzt am Vormittag ist die İstiklal Caddesi beinahe menschenleer und wir kommen mit schnellen Schritten voran. Doch am Nachmittag ist selbst der breite Boulevard zu schmal für all die Menschen, die er aufnehmen muss. Abertausende Besucher flanieren von Geschäft zu Geschäft, Musiker und Straßenkünstler scheren riesigen Trauben Schaulustiger um sich, eine historische Straßenbahn rollt langsam durch die Masse. Es geht kaum vorwärts, so voll ist es. Zwar versuche ich immer wieder eine Lücke in der Menge zu finden und winde mich so gut es geht zwischen Einheimischen und Touristen hindurch, doch bin ich auf diesem Weg nicht wesentlich schneller. Wir beschließen uns nur noch von der allgemeinen Geschwindigkeit treiben zu lassen. Eine Weile werden wir im Strom der Menschen dahingeschoben – ohnmächtig uns entgegen der Masse zu bewegen.

Doch dann erreichen wir das Ende der Straße und den Taksim-Platz. Stets ein Ort politischer Kundgebungen, erregt der Platz letztmalig 2013 die Weltöffentlichkeit. Von den damaligen regierungskritischen Demonstrationen gibt es heute jedoch kein Zeugnis mehr. Nur das weithin sichtbare Denkmal der Republik, das prominent auf dem Platz steht, versprüht noch etwas revolutionären Geist. Unmittelbar an den Taksim-Platz grenzt der Gezi-Park. Ausgangspunkt für die Protestbewegung im letzten Jahr, hat der Park heute sämtliche Strahlkraft verloren, wirkt unscheinbar, bedeutungslos. Ein paar Bänke stehen einsam zwischen den Bäumen. Es ist schwer vorstellbar, dass noch vor wenigen Monaten hier ein Protestcamp mit brutaler Polizeigewalt aufgelöst wurde.

Wir schlendern hinab nach Karaköy am Bosporus. Dort, wo die großen Kreuzfahrtschiffe anlegen und das Istanbul Modern, das Museum für moderne Kunst, beheimatet ist. An der Stelle, wo sich das Goldene Horn mit dem Bosporus vereint, tummeln sich die Touristen, bummeln von einem Restaurant zum anderen, werfen einen Blick hinein in die Souvenirgeschäfte und hinüber zur Galatabrücke. Daneben wirkt Karaköy jedoch ein bisschen heruntergekommen. Abgeplatzter Putz, kaputte Gehwege, graue Wände. Allein die Regenbogentreppen verschönern die abgenutzte Fassade des Hafenviertels.

Karaköy, Istanbul

am Hafen von Karaköy

Karaköy, Istanbul

Regenbogentreppe in Karaköy

Wir lassen den Bosporus zu unserer Rechten und machen uns auf den Weg nach Beşiktaş. Eigentlich treibt uns nicht sonderlich viel hierher. Weder der Dolmabahçe-Palast, der ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Topkapi-Palast als Herrschaftssitz der osmanischen Sultane ablöste, noch der bekannte Fußballverein Beşiktaş. Ausschlaggebend für unseren Besuch ist etwas anderes: Balik Ekmek – Fischbrötchen. In den Gassen nahe des Ufers, noch vor den Hochhäusern, Bankgebäuden und Wirtschaftszentren, wirkt Beşiktaş, trotz der vielen Menschen, die sich auch hier durch die Gassen schieben, recht beschaulich. Kleine Restaurants und Bars reihen sich aneinander und in der unmittelbaren Nähe eines ebenso kleinen Fischmarktes lassen wir uns recht große und sehr leckere Merlan-Fischbrötchen schmecken.

Gestärkt besteigen wir eine Fähre und schippern den Bosporus an der europäischen Seite hinauf und an der asiatischen Seite wieder hinab. Viel Prunk wirkt uns vom Ufer entgegen. Große Swimmingpools und noch größere Häuser ziehen an uns vorbei. Bunt beleuchtete Restaurants und Yachtclubs – jeder Quadratzentimeter per Videokamera überwacht.

Als die Nacht über Istanbul herein bricht, sind wir bereits wieder in Karaköy. Der Tag endet, wie er begann – mit einem gemeinsamen Çay. Dazu lassen wir uns eine Nargileh schmecken und geben uns einigen Partien Backgammon hin. Erst Stunden später, als der Rauch unserer Wasserpfeife endgültig erlischt, kehren wir langsam zurück nachhause.

Karaköy, Istanbul

Wasserpfeife, Çay und Backgammon


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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