Die Vielvölkerstadt und das Leben der Kurden 1/2

In Mardin zwischen kurdischem Çay und Spionagekatzen


24. Mai 2017
Türkei
Schreibe etwas

Whoosh! Zwei Kampfflugzeuge sausen über unsere Köpfe hinweg, ziehen am bewölkten Himmel Südostanatoliens weiße Kondensstreifen hinter sich her. Zu dritt sitzen wir, hoch über der Straße, auf den breiten Sitzen eines türkischen LKWs. Zu dritt beugen wir augenblicklich den Oberkörper nach vorn, um besser aus dem hohen Fahrerfenster des LKWs hinauf zum Himmel blicken zu können. Der türkische LKW-Fahrer, der uns in Urfa in sein Gefährt aufnahm, blickt ob der eindeutigen Zeichen des Krieges genauso erschrocken gen Himmel wie wir. Dort oben sind die Kampfflugzeuge jedoch ebenso schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht sind. Aber augenblicklich folgen ihnen zwei weitere Maschinen: Whoosh!

Die Kampfflugzeuge, mit ihren grimmigen, konisch geformten Nasen, erzählen vom Bürgerkrieg in Syrien, der nur einen Steinwurf von uns entfernt wütet. Sie erzählen von einem Krieg, der Städten wie Damaskus, deren Namen einst nach 1001 Nacht schmeckten, den magischen Glanz raubte. Genauso wie das zerstörte Bagdad im benachbarten Irak jetzt niemanden mehr daran erinnert, dass einst Aladdin mit seinem fliegenden Teppich durch die Gassen der Stadt glitt, schmeckt Syrien heute nicht mehr nach Datteln und Sesampaste, Minze und Kichererbsen, Granatäpfeln und Kreuzkümmel, süßem Tee und Anis. Dafür riecht es nach verbrannter Erde, Schweiß und Blut. Gewehrsalven und Explosionen erfüllen die Luft und wenn die Waffen schweigen, tönt leidvolles Wehklagen durch die Straßen.

Wir sind auf dem Weg von Urfa nach Mardin. Nur etwa 40 Kilometer südwestlich von uns liegt die umkämpfte Stadt Kobanê. Es ist Winter 2014. Seit etwa drei Jahren herrscht Krieg in Syrien. Es ist schwer zu sagen, wer die Kampfflugzeuge, die soeben über uns hinweg fegten, geschickt hat. Allein in Kobanê gibt es in der fünf Monate dauernden Schlacht um die Stadt Luftschläge durch die USA, Saudi-Arabien, Katar, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Jordanien. Während dieser Zeit flüchten 300.000 Menschen aus Kobanê über die türkische Grenze. Doch jetzt im LKW wissen wir von all dem noch sehr wenig.

Fast die gesamte Strecke bis nach Mardin, knapp 200 Kilometer, legen wir in erstaunlich schnellem Tempo zurück. Die Schnellstraße ist gut ausgebaut. Blaue Hinweisschilder weisen den Weg zur türkisch-irakischen Grenze. Doch so weit fahren wir nicht. Von Kiziltepe, wo wir uns von unserem Fahrer, einem bulligen, glatzköpfigen Türken, verabschieden, bis nach Mardin sind es nur noch knapp 50 Kilometer. Wir haben den kleinen Vorrat an Orangen noch nicht verputzt, den wir als Abschiedsgeschenk in die Hand gedrückt bekommen haben, als zwei junge Araber aus Mardin anhalten und uns in ihr flottes Gefährt winken. Auf ihrer Kleidung prangen die Logos unverschämt teurer Marken, ihre Handys sind so groß, schön und schnell wie ihre dunkle Limousine. Prompt erreichen wir Mardin.

Hitchhiking2India

unsere Mitfahrgelegenheit nach Mardin

In 1.000 Metern Höhe schmiegt sich das Bergstädtchen Mardin an einen der letzten charakteristischen Ausläufer des Kalksteingebirges Tur Abdin. Die aramäische Bezeichnung bedeutet „Berg der Knechte“ und lässt die lange und facettenreiche Geschichte der Stadt nur erahnen, die wir in den folgenden Tagen erleben, sehen, hören und schmecken werden.

Als wir unseren Zielort erreichen, ist es bereits dunkel. Wir treffen unseren Gastgeber Seyhmus vor dem kleinen Restaurant seines Vaters. Ein winziger Röhrenfernseher flimmert in einer der oberen Ecken des Wirtshauses, zeigt stummgeschaltet ein wahlloses Programm. Einige Männer sitzen allein an den kargen Tischen, wärmen sich an diesem kalten Novemberabend an heißem Çay aus kleinen Gläsern. Sie tragen dicke Wollmützen und bauschige Schnurrbärte. Auch wir setzen uns und Seyhmus steht bald darauf mit drei großen Bergen Reis und saftigen Kebabs vor uns.

Gemeinsam langen wir kräftig zu. Hinter Seyhmus liegt ein langer Tag an der Universität von Mardin, wo der 24-jährige Betriebswirtschaftslehre studiert. Mit seinen zur Seite gegelten braunen Haaren, der randlosen Brille, seinem eng anliegenden Wollpullover und dem weißen Hemdkragen, der sich um seinen Hals legt, wirkt unser Gastgeber jedoch, als sei er 20 Jahre älter. Ein dunkelgrauer Dreitagebart bedeckt große Teile seines Gesichtes. Seine Sätze klingen ernst und bestimmt, auch wenn sein Englisch eher gebrochen ist. Seyhmus fehlt die Entspanntheit, doch er scheint sich in der Rolle des ernsthaften Redners zu gefallen, so als sei er ein junger Geschäftsmann. Eigentlich wohnt Seyhmus gemeinsam mit seinen Eltern und den elf Geschwistern in einem kleinen kurdischen Dorf wenige hundert Kilometer von Mardin entfernt, erklärt er zwischen zwei großen Stücken Kebab. Doch er, sein Vater, ein Bruder und eine ältere Schwester leben seit geraumer Zeit in Mardin. Hier studieren die beiden Brüder, während ihr Vater das Restaurant betreibt, in dem wir nun sitzen. Seyhmus` Schwester studiert weder, noch geht sie einer bezahlten Arbeit nach. Ihre Aufgabe ist es, sich um den Haushalt und um das leibliches Wohl der drei Männer zu kümmern. Seine Mutter wohnt mit den neun weiteren Geschwistern noch immer in ihrem Heimatdorf.

Mardin, Türkei

Mardin am Hang des Tur Abdin

Nachdem der letzte Gast das Restaurant verlassen hat, spazieren wir gemeinsam mit Seyhmus und seinem Vater bis zu ihrer nahe gelegenen Wohnung und werden direkt ins geräumige Wohnzimmer geführt. Seyhmus` Schwester trägt unseretwegen ihr Kopftuch auch in der kleinen Küche, in der sie unentwegt hantiert und aus der sie uns schüchtern, aus der Distanz, begrüßt.

Der Fernseher wird eingeschaltet und Seyhmus` wortkarger Vater, der einen stolzen Bauch und einen noch stolzeren Schnurrbart trägt, lässt sich auf einem breiten, bequemen Sessel nieder – der Stammplatz des Hausherrn. Er ist Teil des Arrangements aus weichen Polstermöbeln, die ringsum im großen Raum aufgereiht stehen.

Es laufen ausschließlich kurdische Sender und Seyhmus kommentiert für uns das laufende Programm, während seine Schwester die erste Runde Çay in kleinen Gläsern serviert. Dampfend steht das dunkle Getränk vor uns. Kurdischer Çay, so erklärt uns Seyhmus, sei viel besser als sein türkisches Pendant, viel stärker, viel intensiver. Der Tee stammt nicht von den einheimischen, türkischen Plantagen am Schwarzen Meer, sondern von den östlich gelegenen Anbaugebieten im Iran und Irak. Weil die Blätter für den kurdischen Tee meist illegal über die Grenze ins Land geschafft werden, nennen die Türken im Rest des Landes den kurdischen Tee auch „kaçak Çay“, geschmuggelten Tee. Für uns Laien ist jedoch weder geschmacklich noch farblich ein Unterschied auszumachen. Wir haben schon nach kurzer Zeit in der Türkei eine enorme Vorliebe für das süße Heißgetränk entwickelt und schlürfen es, wann immer wir können. Wenn wir mal eine kleine Pause brauchen, nach Mahlzeiten, um Wartezeit zu überbrücken, sobald wir uns in Gesellschaft befinden und dazwischen auch. Dabei ist uns die ethnische Zuordnung des Çays ziemlich gleich. Hauptsache er ist heiß, und das ist in den kleinen, bauchigen Teegläsern garantiert.

Mardin, Türkei

ein älterer Herr schlendert durch die Gassen in Mardin

Mardin, Türkei

Seyhmus` Vater, der Herr des Hauses, genießt inzwischen seinen Feierabend in vollen Zügen und zappt zwischen zwei kurdischen Sendern hin und her. Das eine Programm zeigt fortlaufend Videos kurdischer Hochzeiten. In Dauerschleife. Kurdische Hochzeiten sind riesige Feste mit viel Tanz und Musik. Beim traditionellen Govend, einem offenen Kreistanz, halten sich dutzende, manchmal hunderte Menschen mit umschlungenen Armen an den Händen. In den großen Hochzeitssälen tanzen sie in langen Reihen und federn, wenn es wild zugeht, ihre Arme aus den Ellenbogen heraus im Takt der Musik leicht auf und ab. Die Füße bewegen sich in kleinen Schritten vor und zurück. Um die Menschenkette in Bewegung zu versetzen, werden die Schritte nach vorn leicht diagonal gesetzt und so zieht die tanzende Reihe langsam durch den Saal. Angeführt wird sie von einem Tänzer, der ein kleines farbiges oder weißes Tuch aus dem Handgelenk heraus zum Takt der Musik kreisen lässt.

Geht es weniger wild zu, halten sich die Tanzenden nur mit nach unten ausgestreckten Armen eng an den Händen und federn permanent mit ihren Körpern zum Takt der Musik minimal nach oben und unten, so als stünden sie kurz auf den Zehenspitzen. Wenn das Tempo der Musik zunimmt, seinen Höhepunkt erreicht, gleicht das einem Hochleistungssport. Begleitet werden die Tänzer in den meisten Fällen von einer Live-Band, die traditionelle Instrumente spielen wie die Bağlama, ein gitarrenähnliches Zupfinstrument mit langem Hals, die Davul, eine große, doppelseitige Trommel und die Surna, eine Spielart der Kegeloboe, die der Musik seine typisch quietschende Note verleiht.

So ein kurdischer Hochzeitstanz dauert, ist er erst einmal in Gang gesetzt, stundenlang und wirkt, allein durch die Masse der involvierten Menschen, imposant. Diese Daueranstrengung fordert nicht nur die Unermüdlichkeit der Hochzeitsgäste, es erklärt auch die ausdruckslosen Gesichter der Tanzenden. Es scheint, als seien sie in tiefer Meditation, in einer Art Trance-Zustand, hervorgerufen durch die Monotonie des Tanzes, der auch wir als Zuschauer vor dem Fernseher erliegen.

Mardin, Türkei

Mardin am Rand des Gebirges

Mardin, Türkei

in der historischen Altstadt Mardins

Unsere Gespräche sind angesichts des meditativen Hochzeitstanzes der Kurden abgeebbt. Aber auch Seyhmus trägt seinen Teil dazu bei. Seit einiger Zeit haben wir das dumpfe Gefühl, dass er kaum ein Wort von dem versteht, was wir sagen. Denn seine Reaktion ist immer die gleiche, egal ob wir etwas kommentieren, erzählen oder fragen. Er guckt uns mit großen Augen an, nickt eifrig, lacht und sagt lauthals: „Ahhh….verrry good!“ Immer und immer wieder „Ahhh….verrry good!“ Ganz ungewollt sinkt unsere Konversation so auf ein Minimum und wir lassen uns nur allzu gern weiter von den monotonen Bewegungen der kurdischen Hochzeitsgäste einlullen.

Seyhmus ältere Schwester holt uns in die Realität zurück. Sie serviert die zweite Runde Tee. Für einen kurzen Moment setzt sie sich auf die äußerste Lehne des Sofas, das am nächsten zur Tür steht. Hastig trinkt sie einige Schlucke Tee, schaut wie wir den tanzenden Hochzeitsgästen beim Gruppenwippen zu. Dann huscht sie zurück in die Küche. Als sie wieder ins Wohnzimmer tritt, bringt sie jedem zwei Schälchen – eines gefüllt mit Pistazien und eines für die Pistazien-Schalen – und räumt die leeren Teegläser wieder ab. Ihr Vater und ihr jüngerer Bruder nehmen dies kommentar- und gestenlos hin. Am nächsten Tag wird Seyhmus uns erzählen, dass seine Schwester, die ungefähr in unserem Alter ist, so gut wie nie das Haus verlässt.

Wir knabbern noch an den leicht säuerlichen Pistazien mit feinem Buttergeschmack, da schaltet der Vater nach einem merklichen Schnarcher auf sein zweites Lieblingsprogramm um. Kurdische Freiheitskämpfer geben Interviews. Sie tragen ihre olivgrünen Uniformen, die AK-47 locker über die Schulter geschwungen. Das Sturmgewehr ist ein beliebter Klassiker. Der Urtyp ist bis heute zuverlässig und wurde einst von rund 60 Nationen zur Bewaffnung ihrer Armeen eingesetzt. Auch die Milizen in den Bergen Südostanatoliens schwören darauf. Was die Interviewten sagen, verstehen wir nicht, doch ihre Botschaft ist eindeutig, der Ton kämpferisch.

Im Hintergrund liegen Kämpfer und Kämpferinnen bäuchlings im Sand, die Gesichter mit Tüchern vor dem aufwirbelnden Staub geschützt. Sie schießen auf ein Ziel, das dem Zuschauer verborgen bleibt. Auch der Ort der Filmaufnahmen kann nicht eindeutig ausgemacht werden, bleibt geheim. Zu gleichförmig und nichtssagend sind der Sand und das Geröll, zu unwegsam und unentdeckt die Berge und die Heimat des kurdischen Volkes. Immer wieder werden Fotos von verstümmelten Leichen, toten und verletzten Frauen, Kindern und Männern gezeigt. Bildhübsche kurdische Frauen marschieren kämpferisch mit Kalaschnikow und Kampfuniform durch das Bild. Im Hintergrund weht die Trikolore in Rot, Weiß und Grün, versehen mit einer strahlend-gelben Sonne im Zentrum – die Flagge des kurdischen Volkes.

Mardin, Türkei

Mardin und die weite Ebene

Mardin, Türkei

Mardin am Hang des Tur Abdin

Die Kurden sind mit fast 20 Prozent Bevölkerungsanteil die größte ethnische Minderheit im Land. Seit ihrer Gründung 1923 und unter Berufung des Vertrages von Lausanne, erkennt die Türkei die Kurden jedoch nicht als eigenständiges Volk mit eigener Kultur an. Vielmehr werden sie unter der Herrschaft Atatürks, dem Staatsgründer der Türkei, gewaltsam assimiliert, der Gebrauch der kurdischen Sprache und Kultur verboten. Im türkischen Sprachgebrauch gelten die Kurden von nun an als „Bergtürken“, womit einerseits auf die gebirgige Heimat der Kurden referiert, andererseits aber auch die ethnische Zugehörigkeit zu den Türken impliziert wird. Die Forderung nach einem unabhängigen kurdischen Staat oder einem autonomen kurdischen Gebiet mit eigener Administration, wie es die PKK seit etwa 40 Jahren fordert, hat daher eine lange Tradition. Dass wir hier zusammen Fernsehprogramme in kurdischer Sprache gucken können, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Recht, das den Kurden in der Türkei erst 1991 zugesprochen wurde.

Während im Propagandafilm auf dem Bildschirm Frauen und Männer gemeinsam in den Krieg ziehen, betritt Seyhmus` Schwester ein letztes Mal das Wohnzimmer. Sie bringt einen göttlichen kurdischen Kaffee, der dem türkischen diesmal wirklich verdächtig ähnlich ist. Dann verabschieden wir uns ins Nebenzimmer, wo bereits mehrere weiche Matratzen für uns auf dem Boden bereit liegen.

Bevor Seyhmus am nächsten Morgen zur Uni geht und wir die Altstadt erkunden, frühstücken wir gemeinsam in der Küche. Auf dem Boden sitzen wir auf gemütlichen Polstern mit Blumenmuster, die entlang der Wand aufgereiht sind. Auf einer auf dem Boden ausgebreiteten Plastikplane hat seine Schwester schon frische, luftige Fladenbrote, Frischkäse, schwarze Oliven, Tomaten, Marmelade und Spiegeleier bereit gestellt und sich zurückgezogen, noch bevor wir die Küche betreten haben. Es ist eines dieser typischen türkischen Frühstücke, von denen wir noch lange nachdem wir die Türkei verlassen haben, sprechen werden. Zum Abschluss trinken wir dampfenden Çay mit Zuckerwürfeln. Auch Muhammed, ein Kommilitone Seyhmusˋ, sitzt mit uns auf dem Küchenboden. Verglichen mit unserem Gastgeber ist Muhammed wesentlich entspannter, sein Gemüt ist angenehm und liebenswert. Mit ihm kommt wieder etwas mehr Schwung in unsere Kommunikation mit Seyhmus, die seit dem Vorabend doch etwas dröge geworden war.

Mardin, Türkei

mit Seyhmus und Muhammed beim Frühstück

Etwas hastig verlassen wir schließlich das Haus. Draußen in der Kälte des Winters wärmt uns noch immer der kurdische Çay. Seyhmus und Muhammed eilen in die Uni, wir nehmen den Bus in die Altstadt.

Die Altstadt ist ein ockerfarbenes Labyrinth, durch dessen schmale Gassen wir behutsam wandern. Es ist ein klarer Novembertag und während in den Schatten noch immer klirrende Kälte hockt, fallen wärmende Sonnenstrahlen auf die Dächer der Gebäude. Außer uns ist kaum jemand unterwegs. Wir haben die gewundenen Gassen der Altstadt für uns alleine. Ganz im Gegensatz zu den Sommermonaten, wenn Mardin vor einheimischen Touristen überquillt, herrscht hier nun die natürliche, zurückgezogene Unaufgeregtheit eines kleinen, unbefleckten Bergstädtchens. Mardin kann es sich erlauben: In der Vergangenheit hat die Stadt so viel erlebt, dass sie heute nichts mehr aus der Ruhe bringt. In ihrer umtriebigen, 15 Jahrhunderte alten Geschichte, fallen nacheinander die Perser, die Römer, die Araber, die Seldschuken aber auch die Kurden, Mongolen und Osmanen ein und ergreifen die Macht.

Die Stadt ist nicht umsonst hart umkämpft. An der historischen Seidenstraße gelegen ist sie ein Knotenpunkt für den Handel. Hier kreuzen sich die Handelsstraßen vom Mittelmeer und aus Mesopotamien, hier halten die Karawanen vom Schwarzen Meer auf dem Weg nach Syrien. Mardin ist entlang der Seidenstraße berühmt für seine saftig-süßen Pflaumen, Galläpfel und Edelsteine, die von hier gen Osten bis nach China und gen Westen bis nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, gelangen. Gegründet wurde die Stadt im 5. Jahrhundert von syrisch-orthodoxen Christen, den Aramäern, einer Volksgruppe, die bereits seit etwa 800 Jahren vor unserer Zeitrechnung in diesem Gebiet lebt. Mardin ist über Jahrhunderte hinweg bekannt für seine ethnische und religiöse Vielfalt. Noch im 19. Jahrhundert besteht die Bevölkerung hauptsächlich aus Muslimen und syrisch-orthodoxen Christen, aber auch Juden sind hier zuhause. Sie alle leben friedlich miteinander. Doch das ändert sich nach dem 1. Weltkrieg. Noch in den ersten Stunden der neu gegründeten türkischen Republik werden die Aramäer, zusammen mit den ebenfalls christlichen Armeniern, gewaltsam aus der Türkei vertrieben und auch die Juden verschwinden in der Folgezeit.

Die Aramäer, die ersten Siedler in der Region, fliehen aus ihrer Heimat und finden Zuflucht im benachbarten Syrien, wo sie bis zum Ausbruch des heute wütenden Bürgerkrieges unbehelligt leben.

Mardin, Türkei

verwinkelte Gassen in Mardins Altstadt

Mardin, Türkei

Mardin hat viele Völker kommen und gehen sehen und noch heute, wenn man über die Treppen der Altstadt, die sich an den Berg der Knechte schmiegt, auf- und absteigt, sieht man zwischen den am Hang gebauten Häuschen, hier und da einen Kirchturm aufragen oder sich die Kuppel, oder das Minarett einer Moschee erheben. Die Stadt ist als architektonisches Kleinod bekannt. Komplexe Ornamente zieren die Torbögen der Häuser. Ihre Wände, aus mächtigen honigfarbenen Steinblöcken gebaut, sind mit geometrischen Figuren versehen. Keramikkacheln mit arabischen Schriftzügen hängen über den Haustüren. Kleine Fenster liegen tief in den Steinwänden, umrandet von aufwendigen Schnitzereien, floralen Motiven, die in den Stein gemeißelt sind, und einer Handvoll Bögen, die sich um die Fensternischen legen.

Die Gassen bestehen, wie auch die Häuser, Treppen und die schmale Verbindungsgängen und Passagen – die sogenannten Abbaras – aus großen, quadratischen Steinblöcken. Manche von ihnen sind uneben, andere vom ewigen Gebrauch bereits rund getreten. Es fühlt sich an, als laufe man über Kopfsteinpflaster. Viele Hauseingänge sind mit Bögen, Kuppeln und Nischen dekoriert. Ich fahre im Vorbeigehen mit den Fingerspitzen über die Wände. Ihre Steinquader sind mal grob, unförmig, ragen aus der Wand heraus. An anderer Stelle sind sie glatt geschmirgelt, bilden eine ebenmäßige Fläche. Manchmal sind die Gassen so eng, dass wir mit ausgestreckten Armen die gegenüberliegenden Häuser berühren können. Hier geht es nur zu Fuß voran. Zwischen den Häusern gibt es keinen motorisierten Verkehr. Dafür ist es viel zu eng. Nur gelegentlich traut sich ein geübter Fahrer mit seinem Motorrad durch die schmalen Gassen. Ab und an tauchen steile Treppen vor uns auf, ohne die das Leben am Hang kaum möglich wäre. Ein Huhn flattert an uns vorbei, dicht gefolgt von einem Jungen, der ihm eilig hinterher rennt.

Hier und da hängen Blumenkübel an metallenen Ketten von kleinen Überhängen an Häuserdecken. Auch jetzt im Winter schummeln sie bunte Farbtupfer ins allgegenwärtige Honigfarbene der Stadt. Man muss aufpassen, dass man sich nicht den Kopf schlägt. Die einstöckigen Häuser sind so gebaut, dass kaum ein Sonnenstrahl in sie eindringt. Die dicken Steinwände isolieren die Wohnungen, sorgen für eine angenehme Innentemperatur. Im Winter bleibt es relativ warm und im Sommer kühl. Dicht an dicht hangeln sich die quaderförmigen Gebäude den Berg hinauf. Jedes von ihnen besitzt einen eigenen Brunnen.

Mardin, Türkei

Mardins Altstadt

Mardin, Türkei

schmale Treppen führen durch die Altstadt

Auf den Flachdächern hängen Teppiche und Decken in der Sonne, Wäsche flattert an langen Leinen im Wind. Auf einer Dachterrasse steht eine stämmige Frau und klopft mit starken Bewegungen einen alten Teppich aus. Im langen weiten Rock und loser Bluse steht sie dort oben. Ihr buntes, geblümtes Kopftuch locker im Nacken gebunden. Die Enden des Tuches hängen ihr rechts und links auf den Schultern und hüpfen mit den kräftigen Armbewegungen stetig auf und ab. Staub wirbelt in großen Wolken empor. Immer wieder schlägt sie das gewundene Ende ihres Teppichklopfers gegen das geknüpfte Schmuckstück. Auf dem Teppich setzen sich dutzende kleine Rauten zu einem großen Ganzen zusammen. Die Farben Rot, Braun, Blau und Orange dominieren. Von Muhammed werden wir erfahren, dass es sich um einen alten kurdischen Nomadenteppich handelt, so wie er noch in vielen der traditionellen Häuser in der Altstadt Mardins gefunden werden kann.

Uns kommt etwas der Sinn für die Zeit abhanden, doch wir verlieren uns nur allzu gerne in Mardins Altstadt. Entlang der schattigen Gassen führen geflügelte Eisentore in private Innenhöfe. Sie sind hellblau oder beigefarben gestrichen, fallen entweder auf oder passen sich der Umgebung an. Schmale Gänge biegen von den Gassen ab. Sie sind so verwinkelt, dass man oft nicht sehen kann, was einen hinter der nächsten Kurve erwartet. Stetig gehen wir voran, folgen den gewundenen Gassen, erklimmen weitläufige, langgezogene Steintreppen auf denen wir zwei bis drei Schritte für jede Stufe benötigen. Katzen sonnen sich in Hauseingängen, beobachten uns aus Nischen heraus. Verräterisch schauen sie um Häuserecken, so als seien sie Spione.

Noch immer ist die ethnische und religiöse Vielfalt in Mardin enorm. Hier leben Kurden, wie unser Gastgeber Seyhmus, Aramäer, Syrer, Türken und Araber, wie die beiden jungen Männer, die uns nach Mardin gefahren haben. So bunt wie die Einwohner der Stadt, sind auch ihre Katzen. Teilen sie sich in Gruppen? Ist die schwarze Katze auf der flachen Türschwelle nun kurdisch oder arabisch? Die gefleckte Katze auf dem Fenstersims Muslim oder Christ? Die gestreifte, mit dem explodierten Fell, Türke oder Syrer? Oder ist es ihnen vielleicht alles schnurzpiepegal?

Mardin, Türkei

Blick auf Mardin und die Mesopotamische Tiefebene

Mardin, Türkei

Spionagekatze in Mardin

Ein alter Mann kreuzt unseren Weg. Gemächlich schreitet er eine Treppen runter. Stufe für Stufe, mit auf dem Rücken verschränkten Händen, so wie es alte Männer hier in der Türkei am liebsten tun. Er trägt die weiten Pumphosen der Kurden und einen Hut. Ein anderer, der in dieselbe Richtung unterwegs ist, trägt Anzughose und Jackett, die bevorzugte Freizeitkleidung älterer Herren im Land. Er sieht aus, als gehe er zu einem Treffen anatolischer Opas, die in großer Runde den Tag damit verbringen über Politik zu diskutieren, Çay zu trinken und wahlweise an ihrer Gebetskette oder ihrem ehrwürdigen Schnurrbart zu hantieren.

Je höher wir in der Stadt hinauf steigen, desto öfter geben die sandsteinfarbenen Gebäude den Blick in die Ferne frei. Und in die Ferne gucken heißt hier in Mardin in die Unendlichkeit zu schauen. Der Blick nach Süden verliert sich in der weiten Tiefebene Mesopotamiens. Das historische Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris erstreckt sich über endlose Kilometer vor uns. Schon vor mehr als 7.000 Jahren pflanzten die Bauern ihre Saat in die fruchtbare Erde der Region. Daran hat sich wenig geändert. Das Umland Mardins gilt auch heute noch als die Kornkammer des Landes. Weit vor uns liegen die Felder in verschiedene Grün- und Brauntönen in der Ebene. Dahinter verschleiert die diesige Luft den Blick.

Wir steigen weiter und weiter, bis es nicht mehr weiter geht. Das Gässchen, dem wir hierher folgten, endet zwischen einigen Häusern, die, am oberen Stadtrand gelegen, nur noch dürftig repariert und in Stand gehalten werden. Die kaputten Mauerstellen werden mit grauem Beton geflickt. Das sieht nicht schön aus, ist aber funktional. Verrostete Satellitenschüsseln befinden sich auf den Dächern. Ein Hahn kräht hinter Maschendraht. Als wir wieder absteigen sehen wir Wände, die mit Backsteinen hochgezogen wurden. Sie sind in sandigem Gelb eingefärbt: Ein Versuch das Erscheinungsbild der Altstadt stimmig zu halten. Immerhin läuft die Bewerbung für eine Aufnahme in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes.

Mardin, Türkei

in den Gassen Mardins

Mardin, Türkei

reich verziertes Eingangsportal der Latifiye Moschee

Auf einem kleinen Mauersims unterbrechen wir unseren Stadtspaziergang, schauen gen Süden und lassen unseren Blick weit über die Felder Mesopotamiens schweifen. Die fruchtbare Tiefebene zwischen Euphrat und Tigris gilt als eines der kulturellen Entwicklungszentren des alten Orients, als Wiege der Zivilisation. Der Garten Eden soll sich hier befunden haben. Mesopotamien ist ein attraktives Land. Hier lassen sich die Menschen erstmals dauerhaft nieder, geben ihr bisheriges Nomadenleben auf. Hier entwickeln sich erste Stadtstaaten und Königreiche. Bier gilt als Grundnahrungsmittel. Hier steigen die Sumerer 5.500 vor Christus zur ersten Hochkultur der Menschheit auf. Ihre Keilschrift ist eine der ersten Schriftsysteme der Welt. Auf die Sumerer folgen die Assyrer und die Babylonier. Sie allen tragen in der fruchtbaren Ebene zur kulturellen Entwicklung der Menschheit bei. In Mesopotamien wird unter anderem die Sieben-Tage-Woche eingeführt, Tongefäße erstmals für den Alltagsgebrauch als Massenware produziert, der Kreis mit 360 Grad definiert und das erste Mal ein Maßsystem bestimmt. Meilensteine in der Menschheitsgeschichte.

Wenn wir heute unseren Blick schweifen lassen, könnte er uns bei guter Sicht bis nach Syrien führen. Dort schneidet man sich momentan die Köpfe ab und wirft Bomben aufeinander. Es ist nicht viel, was uns von den Kämpfen trennt. Nur einige wenige winterdürre Weizenfelder liegen zwischen uns und den Sperranlagen. Das einzige, was die Menschen in Mardin vor dem Krieg bewahrt, ist das Glück, zufällig auf der richtigen Seite der Grenze zu leben.

Mardin, Türkei

Felder auf der Mesopotamischen Tiefebene

 

Die Vielvölkerstadt Mardin und das Leben der Kurden

Teil 1: Zwischen kurdischem Çay und Spionagekatzen

Teil 2: Historische Beschaulichkeit und moderne Krisenstimmung


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

Um uns vor Spam zu schützen, bitten wir dich die markierten Felder auszufüllen. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.