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Mit langsamen Schritten

Ab durch die Slowakei


16. September 2014
Slowakei
8 Kommentare

Unaufhörlich prasselt der Regen auf die Plane unseres Zeltes. Hier, auf dem Campingplatz in Bratislava, dröhnt jeder Tropfen wie schwerer Donner. Es ist so laut, dass wir unter dem dünnen, schützenden Dach nur noch schreiend miteinander sprechen können. Seit Stunden sind wir auf einer Grundfläche von zwei Quadratmetern gefangen. Das monotone Trommeln des Regens macht uns schläfrig, ist gleichzeitig aber auch zu laut, um wirklich träumen zu können. Also liegen wir mit halb geöffneten Augen auf unseren Schlafsäcken und sehnen das Ende des Niederschlags herbei – wohlwissend, dass wir noch einige Zeit darauf warten werden. Zu kontinuierlich, zu regelmäßig und verlässlich begleitet uns der Regen, als dass wir uns der Illusion hingeben könnten, schon bald unter einem strahlend blauen Himmel zu stehen. Stattdessen schauen wir einzig und allein auf die gelbe Innenwand unseres Zeltes.

Kurz hinter Prag trifft es uns zum ersten Mal. Unser Standort ist perfekt. Eine Autobahnraststätte, gut bestückt mit einer Tankstelle und dem Drive In einer bekannten amerikanischen Fast-Food-Kette, bietet genug Möglichkeiten, um schnell eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Doch bereits wenige Minuten nach unserer Ankunft zerplatzen abertausende Regentropfen auf dem Asphalt. Das Wasser sammelt sich zu Pfützen und fließt wenig später in kleinen Seen zusammen.

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Raststätte bei Prag – auf dem Weg nach Brno/Brünn

Bei diesem Wetter nimmt uns niemand mit. Wir sehen nur Burger mampfende Gesichter, die uns manchmal interessiert, manchmal irritiert und manchmal angewidert anstarren. Dazwischen ernten wir hier und da ein zaghaftes Lächeln, aber anhalten möchte keiner.

Marek ist es dann, der uns nach über zwei Stunden des Wartens in sein Auto einlädt. Ein ruhiger, besonnener und recht sympathischer Geselle, mit dem wir uns auf den Weg nach Brünn machen. 200 Kilometer Richtung Südosten. Marek ist Architekt mit einer Leidenschaft für Kirchen und sakrale Gebäude und besitzt eine durchaus witzige Herangehensweise an seine Projekte. Nebenbei schlägt sein Herz für Abenteuer. Nachdem wir ihm von unserer Idee per Anhalter nach Indien zu fahren erzählen, berichtet er uns von seiner Rucksackreise durch Frankreich und von Zikmund und Hanzelka, zwei tschechischen Abenteurern, die Ende der 1940er und zu Beginn der 1950er Jahre durch Afrika und Südamerika reisten.

So fahren wir schwatzend durchs Land, bis wir Brünn erreichen und uns an einer Tankstelle auf der Schnellstraße Richtung Bratislava verabschieden. Mittlerweile ist es jedoch zu spät, um noch ernsthafte Versuche zu unternehmen, die uns bis in die Slowakei bringen könnten. Wir suchen uns eine Wiese und werden hinter einem riesigen Fachhandelgeschäft für Elektronik fündig. Drei Bäume bieten zumindest gegen flüchtige Blicke einen kleinen Schutz.

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Marek bringt uns von Prag nach Brünn

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Tankstelle in Brünn an der Schnellstraße nach Bratislava

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unser Schlafplatz

Es dauert nicht lange und wieder prasselt der Regen auf uns herab. Auch am nächsten Morgen bleiben wir vom Niederschlag nicht verschont. In aller Eile bauen wir das Zelt ab, packen unsere Sachen zusammen und sind trotzdem ziemlich nass, als wir erneut die Tankstelle an der Schnellstraße in Richtung Bratislava erreichen.

Der Regen ist nun nicht mehr dauerhaft, bricht aber immer wieder aus der dichten Wolkendecke über uns hervor. Unser Schild mit der Aufschrift „Bratislava“ wellt sich vor Feuchtigkeit und wieder warten wir gut zwei Stunden ohne Erfolg. Es ist Pavol, der uns mit qualmender Zigarette aus einem der vielen Regenschauer an diesem Vormittag rettet. Gemeinsam fahren wir bis nach Bratislava. Zwar haben wir kleinere Sprachschwierigkeiten, aber wer in einem verrauchten Skoda in voller Lautstärke Edith Piaf hört, der ist uns auch ohne viele Worte sympathisch.

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unterwegs nach Bratislava

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Pavol bringt uns in die slowakische Hauptstadt

Gegen Mittag erreichen wir Bratislava und da es tatsächlich einmal nicht regnet, beschließen wir die Altstadt zu erkunden. Doch statt slowakischer Herrlichkeit begegnen wir etwas ganz anderem. Riesige österreichische Reisegruppen schieben sich durch den Stadtkern. Schulklassen, Familien, Rentner. Es sind so viele Österreicher (und augenscheinlich ausschließlich Österreicher), dass die Masse aus menschlichen Körpern immer wieder ins Stocken gerät. Die Gassen der Altstadt sind zu schmal. Überall kommt es zum Stau. In Bratislava ist ein derartiger Zulauf offensichtlich nicht vorgesehen.

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Österreicher in Bratislava

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Nur etwa 70 Kilometer sind es, die Bratislava von Wien trennen und so kommen jedes Wochenende die Horden aus dem Nachbarland herüber und nehmen Teile der Stadt vollkommen für sich ein. Zum Glück müssen wir diese Okkupation nicht viel länger ertragen, denn es beginnt erneut zu regnen und wir verkriechen uns in unser Zelt auf dem Campingplatz am Stadtrand.

Es regnet den Rest des Tages, die ganze Nacht und auch am nächsten Morgen prasselt es noch immer auf unser Zelt herab. Unaufhörlich, so scheint es. Das Wetter legt sich aufs Gemüt. Wir werden mürrisch. In unseren Köpfen ist es so grau, wie oben am Himmel.

Doch dann, ohne Vorwarnung, reißt die Wolkendecke auf und zum ersten Mal seit Tagen leuchtet uns ein strahlendes Blau entgegen.

Mit einem Mal ist aller Frust verschwunden, denn nicht nur das Wetter zeigt sich versöhnlich, auch die Altstadt Bratislavas präsentiert sich sehr viel sympathischer als tags zuvor. Es ist Montag, die Massen österreichischer Wochenendbesucher sind verschwunden und plötzlich nehmen wir die alten Gemäuer, schmalen Gässchen und gepflasterten Plätze viel freier und unbefangener wahr. Erst heute lernen wir das Kleinod Bratislava wirklich schätzen.

Von der Burg, über der Altstadt gelegen, blicken wir bis weit in die Stadt hinein. An den mittelalterlichen Stadtkern schmiegen sich wenig grazil die Bauprojekte vergangener Jahrzehnte. Platte, wohin man schaut und mittdendrin die Donau. An ihrem Ufer treffen sich Bewohner und Gäste der Stadt. Sie lümmeln in Einkaufszentren, spazieren über die Uferpromenade und wer es sich leisten kann, genießt den Blick auf den schnell dahintreibenden Fluss aus einem der vielen Restaurants, Bars und Cafés in Ufernähe. Hier sitzt die Schickeria Bratislavas, schlürft Cocktails und macht es sich in luxuriös anmutenden Schaukelstühlen bequem. Wer über ein geringeres Budget verfügt, der entspannt sich fünf Meter näher am Ufer auf einem wunderbar gepflegten Rasen oder auf den mit Wi-Fi bestückten Parkbänken, lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen und beobachtet die Promenade, die sich regelmäßig zum Laufsteg der Stadt verwandelt.

Wer den Blick in Richtung Stadt wagt, der sieht hier und da noch ein paar massive Bauten aus der Zeit des Kommunismus. Groß, grob und klobig stehen sie in der Gegend herum und vermitteln immer noch die einstige Stärke und Macht einer gescheiterten Gesellschaftsidee. Hier, zwischen der Altstadt und der Uferpromenade entlang der Donau, wird kein Englisch mehr gesprochen. Dafür bekommt man einen halben Liter Bier bereits für etwas mehr als einen Euro. Touristen suchen wir vergeblich.

Wir verlassen Bratislava mit dem guten Gefühl dem Regen widerstanden zu haben. Wir fühlen uns wie Sieger, klicken ein bisschen auf Hitchwiki herum und stehen schon bald an einer Tankstelle an der Schnellstraße, die um die Stadt herum führt.

Wir sind optimistisch und selbstsicher, die 200 Kilometer bis nach Budapest in kurzer Zeit hinter uns zu bringen. So investieren wir an der Tankstelle zuerst einmal unsere letzten Euro in zwei Tassen Kaffee, bevor wir tatsächlich mit einem Schild am Straßenrand stehen.

Wir gehen es gemütlich an und daran gehen wir beinahe zu Grunde. An unserer Tankstelle kommt kein einziger Ungar vorbei. Die Slowaken, die hier tanken, sind alle auf dem Weg nach Bratislava und die paar Österreicher, denen wir hier begegnen, wollen eben nach Österreich und sonst nirgendwo hin. Wir warten – vergeblich. Am Nachmittag treffen ein paar LKW-Fahrer auf dem Rastplatz hinter der Tankstelle ein. Unsere Zuversicht steigt, doch keiner von ihnen verlässt den Rastplatz wieder. Feierabend nach acht Stunden Fahrt.

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Bratislava – Budapest

Wir stehen bereits seit geschlagenen sieben Stunden an der Tankstelle, als zwei junge Polen, ebenfalls Tramper, gegen 20 Uhr eintreffen. Sie sind genauso fassungslos wie wir, über die aussichtslose Situation. Es ist das erste Mal, dass uns Hitchwiki keinen besonders hilfreichen Tipp gibt.

Zusammen bauen wir irgendwann unsere Zelte auf und beschließen gegen vier Uhr morgens wieder aufzustehen. Nach einer kurzen Nacht packen vier verschlafene Personen im Schein einer Laterne ihre Sachen zusammen und nur wenig später sind zwei von ihnen auch schon wieder verschwunden. Die beiden Polen werden tatsächlich vom einzigen LKW-Fahrer mitgenommen, der zu dieser frühen Stunde nach Ungarn fährt. Wir bleiben mit langen Gesichtern zurück und warten darauf, dass weitere Trucker aus dem Schlaf erwachen. Doch wir müssen uns weiter in Geduld üben. Entweder fährt niemand nach Ungarn oder es gibt keinen Platz für zwei Personen.

Wir erleben den Sonnenaufgang und den Berufsverkehr nach Bratislava. Doch unserem Ziel kommen wir nicht näher. Gegen neun Uhr kochen wir uns Instantnudeln und müssen anschließend weitere vier Stunden und unzählige Absagen von Autofahrern warten, bevor wir endlich einen Schritt in die richtige Richtung machen.

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Instantnudel als Mutmacher

Nach 24 Stunden an der Tankstelle rettet uns ein junger Slowake. Er bringt uns zwar weg von der Schnellstraße, dafür verlassen wir mit ihm endlich den Dunstkreis Bratislavas und gelangen nach Rovinka. Der kleine Ort liegt auf der Landstraße Richtung Ungarn und da viele Fahrer die Maut für die Schnellstraße sparen wollen, kommen sie auf ihrem Weg eben hier vorbei. Keine schlechten Voraussetzungen fürs Trampen, doch obwohl in Rovinka reger Verkehr herrscht, bekommen wir keine weitere Mitfahrgelegenheit. Die Slowakei, so wird uns bewusst, ist ein Albtraum für Anhalter.

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von der Tankstelle gerettet

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in Rovinka

Mehr als zwei Stunden stehen wir in Rovinka. Ununterbrochen fahren Autos an uns vorbei, doch nichts passiert. Erst als wir uns endlich dazu entschließen zu Fuß aus dem Ort heraus zu laufen, bietet uns der Fahrer eines Baustellenfahrzeugs seine Hilfe an.

Zusammen machen wir uns auf den Weg. Doch nur 30 Kilometer weiter müssen wir auch schon wieder aussteigen. Diesmal stehen wir mitten im Nichts. Eine Kreuzung und viele Felder – das war‘s. Schon beim Aussteigen ist uns klar, dass hier niemand halten wird; doch haben wir auch keine Alternative. So halten wir tapfer den an uns vorbeirasenden Fahrzeugen unser Schild mit der Aufschrift „Hungary“ entgegen, warten und hoffen. Doch entweder werden wir gar nicht beachtet, missmutig angeschaut oder ganz öffentlich beleidigt. Wir fühlen uns wie Aussätzige. Würde jeder, der uns den Mittelfinger zeigt, stattdessen seine Beifahrertür für uns öffnen, wären wir schon lange in Budapest.

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eine Mitfahrgelegenheit in die Abgeschiedenheit der Slowakei

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warten an der Kreuzung nach Gabčíkovo

Erst als wir gerade unser Zelt aufbauen wollen, bremst tatsächlich ein junger Mann. Er ist Ungar und gemeinsam fahren wir bis zur slowakisch-ungarischen Grenze in Komárno. Von hier werde es einfacher sein, eine Mitfahrt zu bekommen, verspricht unser Retter in der Not. Und tatsächlich treffen wir, obwohl es bereits dämmert, schon nach wenigen Minuten zwei Mädchen, die zwar nicht nach Budapest wollen, aber uns zumindest ein Stück in die Richtung mitnehmen.

Wir können es kaum fassen, wie schnell es auf einmal wieder funktioniert. Es kommt sogar noch besser. Die Mädchen, beide sehr aufgedreht und zumindest teilweise verrückt, beschließen kurzerhand uns bis nach Budapest zu bringen. Mehr als 70 Kilometer weiter, als sie eigentlich wollten. Nach zwei Tagen trampen erreichen wir kurz vor 22 Uhr Budapest. Wir sind erschöpft und glücklich zugleich – endlich am Ziel.

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endlich die letzten Minuten in der Slowakei

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per Anhalter in Ungarn

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mit freundlicher Unterstützung endlich in Budapest


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  • 23. September 2014

    Go Morten, al infinito y más allá!!


    • nuestra américa
      23. September 2014

      siempre pa’lante!


  • 23. September 2014

    Durchhalten! 🙂 Gute Fahrt weiterhin euch beiden.


    • nuestra america
      24. September 2014

      Danke Aylin.
      So ein bisschen warten wirft uns nicht aus der Bahn. 😉 Das stehen wir durch.
      Liebe Grüße.


  • 23. September 2014

    Mein Lieblingsspruch: Aufgeber gewinnen nie und Gewinner geben nie auf 🙂