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Erste Schritte

Per Anhalter von Hamburg nach Prag

Der Frühstückstisch ist an diesem letzten Morgen reich gedeckt. Mamas frisch gebackenes Brot und der Duft von schwarzem Tee locken uns aus dem Bett. Es gibt den guten iranischen Honig, Schafskäse, frischen Koriander, eine große Schale schwarze Oliven, eingelegt in würzigem Olivenöl und einer Menge Knoblauch, dazu Tomaten und Paprika.

Wer kann es uns da verübeln, dass dieses Frühstück viel länger dauert, als vorgesehen?

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Hitchhiking2India – es geht los

Erst kurz vor 12 Uhr sitzen wir im Bus, der uns aus dem dörflichen Hamburger Umland, mit seinen alten Reetdächern und grünen Wiesen, bis zum Horner Kreisel im Stadtteil Eilbek bringt. Hier, so sagt uns unsere digitale Informationsquelle Hitchwiki, sei die Wahrscheinlichkeit am größten, eine Mitfahrt nach Berlin zu bekommen.

Eine Ampel und der dichte Verkehr zwingen die vorbeifahrenden Autos ganz langsam an den Trampern vorbeizufahren. Und wir sind nicht alleine. Vor uns warten bereits zwei junge Männer, die ihre Schilder, beschriftet mit Rostock und Berlin, den Autos entgegenhalten. Da wir in guter Manier an dritter Stelle warten, bis unsere Mitstreiter eine Mitfahrt gefunden haben, erlauben wir uns den Spaß und beschriften unser Schild zunächst mit dem letzten Ziel unserer Reise: Indien. Wir belustigen damit nicht nur uns, sondern beinahe sämtliche Autos, die an diesem Samstagmittag Hamburg verlassen. Lautes Gelächter will uns verdeutlichen, dass man davon ausgeht, wir machten Witze.

trampen am Horner Kreisel, Hamburg

trampen am Horner Kreisel, Hamburg

Geschlagene zwei Stunden dauert es, bis für uns, schließlich an erster Stelle der Warteschlange angelangt, ein schwarzer Audi hält. Firmenwagen.

Der Fahrer, ein Mann mit blonden Haaren, erzählt uns in einem singenden, beiläufigen Ton von seiner Arbeit. Das Unternehmen, für das er arbeitet, kauft billig Altbauhäuser auf, saniert diese und vermietet diese dann zu einem mehrfach erhöhten Mietpreis weiter. In meinem müden Kopf schrillen sofort die Alarmglocken. GENTRIFIKATION. Sitzen wir hier tatsächlich im Auto des Feindes? Ist dieser eigentlich sympathische Mensch, der sich so freute uns durch einen Platz in seinem Firmenwagen und einer gratis Mitfahrt nach Berlin helfen zu können, mit dafür verantwortlich, dass wir uns in Berlin dumm und dämlich zahlten, um ein kleines Rattenloch eine Zeitlang unser Eigen nennen zu dürfen?

Doch auch der Feind leidet, sehnt sich insgeheim nach Veränderung. Er beklagt den Erfolgsdruck in Deutschland, spricht mit einem müden Lächeln von den Tagelöhnern, denen er mal in Osteuropa begegnet ist. Er sieht das Positive in deren Leben, die Unbefangenheit, mit denen sie am Abend den restlichen Lohn des Tages mit Gleichgesinnten in geselliger Runde vertrinken, in den Tag hinein leben – ganz ohne Stress und ohne Druck. Auch er möchte nicht sein ganzes Leben so fristen, wie er es momentan tut. Möchte irgendwann einfach mal raus. Möge der mit glitzernden Steinchen besetze mächtige Goldring an seiner rechten Hand noch so schwer wiegen.

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unsere erste Mitfahrgelegenheit auf dem Weg nach Indien

Erst gegen 18 Uhr kommen wir in Berlin Tegel an. Die Zeit rennt uns davon, möchten wir doch heute eigentlich noch in Dresden ankommen. Der öffentliche Nahverkehr in Berlin gibt uns den Rest. „Wegen Polizeieinsatz kommt es zu unregelmäßigen Abfahrtszeiten der S-Bahn“. Wie oft haben wir dies schon miterlebt, doch ausgerechnet heute haben wir es ausnahmsweise mal ein bisschen eilig.

Erst um 19.45 Uhr stehen wir irgendwo bei Altglienicke an der Zufahrt zur Autobahn. Viel zu spät. Unsere Hoffnung, dass jemand in der ersten Viertelstunde hält, verflüchtigt sich nach genau 16 Minuten. Es dämmert nun bereits und die Wahrscheinlichkeit, dass uns noch jemand mitnimmt, ist erschreckend gering. Doch nach knapp 45 Minuten hält tatsächlich ein Wagen vor uns. Die Polizei. Hier dürfe niemand anhalten, darum sollten wir hier auch lieber gar nicht stehen, wird uns väterlich ratschlagend mitgeteilt. Außerdem werde in der Dunkelheit sowieso niemand anhalten. Wir geben dem Beamten beim letzten Punkt Recht und verkrümeln uns. Der erste Tag unserer Reise endet dort, wo er eigentlich beginnen sollte: in Berlin. Eigentlich dürften wir das niemanden erzählen. Wir sind hungrig und beschließen unserem alten Kiez einen Besuch abzustatten. Es ist Samstagabend und wir lassen uns von der ausgelassenen Stimmung am Ostkreuz, wie so oft in der Vergangenheit, mitziehen. Auf dem Weg zu unserer großen Gorgonzolapizza machen wir an dem einen oder anderen Späti für ein Wegbier Halt. Ähnlich verhält es sich auf dem Rückweg. Etwas angetüdelt bauen wir um kurz vor Mitternacht, auf einer kleinen Anhöhe direkt an der Autobahn nach Dresden, in Altglienicke, unser Zelt auf.

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Altglienicke am Abend

Etwas schlaftrunken bauen wir am nächsten Morgen unser Zelt ab. Ich freue mich, weiß ich doch, dass unsere Handgriffe, die jetzt noch ein wenig unbeholfen wirken, sehr bald schon blinde Routine sein werden. So oft werden wir die Schlafsäcke eingepackt, die Luft aus den Isomatten gepresst, das Zelt zusammengerollt haben. Unsere Reise hat gerade erst begonnen.

Hitchwiki hatte wieder einmal Recht. Kaum 5 Minuten stehen wir an der Stelle, an der uns gestern Abend die Polizei noch weggescheucht hatte, und ein Auto mit drei Männern hält an. Der Fahrer erzählt uns lachend, dass er in jungen Jahren mit seiner Freundin von Ostberlin bis nach Bulgarien getrampt sei. Die erste Nacht hätten sie irgendwo hinter der tschechischen Grenze verbracht. Und seitdem nehme er selbst jeden Tramper mit.

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erste Nacht im Zelt

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zelten an der Autobahn

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Mitfahrgelegenheit nach Dresden

Wir werden fast bis vor die Haustür von Matthias und Elli in Dresden gebracht – alte Jugendfreunde und unsere Gastgeber für den heutigen Tag. Der Tag fliegt an uns vorbei. Wir bestaunen die hübsche Altstadt, direkt an der Elbe gelegen, die neuerrichtete Frauenkirche und versacken schließlich in einer der vielen Bars der Neustadt, die hier und da ein bisschen hippes Berlin vermuten lässt.

Beim nächtlichen Döner werden wir mit Raki abgefüllt und sogar Zeugen eines handfesten Eheskandals. Eine großbusige, verlotterte Frau stürmt dabei plötzlich zur Tür rein, beschimpft ihren Mann, der uns gerade zu einem weiterem Raki einladen möchte, lauthals als „indischen Bastard“ und malträtiert ihn mit Tritten und Schlägen. Er habe sie nur geheiratet, um in Deutschland bleiben zu können, berichtet sie uns wütend. Der türkische Cousin des Ladenbesitzers versucht von der Theke aus mit seinen beschränkten Deutschkenntnissen zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Zuhause führt uns Matthias stolz die weihnachtlichen Helene Fischer Shows von 2012 und 2013 vor. Im Hintergrund hängt der Helene-Schrein an der Wand. Dazu gibt es zum Glück noch mehr Bier.

Die bierfreudigere Hälfte von uns ist nach der kurzen Nacht so verkatert, dass sie gar nicht aus dem Bett kommt. Wir frühstücken sehr spät und machen uns noch sehr viel später auf den Weg an die Straße in Richtung Prag. Hitchwiki schickt uns mit Tram und Bus an die Dresdner Stadtgrenze. Laut Ortsschild befinden wir uns nun in Altkaiz in der sächsischen Schweiz – tiefstes Ostdeutschland.

Es schüttet wie aus Eimern, wir suchen Schutz in dem kleinen Bushaltestellenhäuschen direkt an der Autobahnauffahrt nach Prag. Doch niemand erbarmt sich, uns mitzunehmen. Nach geraumer Wartezeit hält ein hilfsbereiter Mann. Er fährt nicht nach Prag, kann uns aber an einer Raststätte auf der Autobahn rauslassen, da seien unsere Chancen besser, sagt er uns. Wir willigen ein und finden uns wenige Minuten später auf einem gottverlassenen Rastplatz wieder, auf dem neben einer Toilette, drei Sitzbänken und zwei schlafenden LKW-Fahrern absolut nichts auszumachen ist.

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Auf dem Weg nach Prag

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einsame Raststätte an der Autobahn

Hier herrscht kein Verkehr, kein Betrieb, kein gar nichts. Wir sind absolut verloren. Stundenlang passiert nichts. Wir haben nicht einmal etwas zu essen bei uns. Verzweiflung macht sich breit. Und Hunger. Wie so oft geht die wahre Gefahr beim Trampen von netten Menschen aus, die absolut keine Ahnung haben.

Es ist mittlerweile bereits dunkel. Wir stürzen uns auf die einzigen beiden Autos, die sich während der ganzen Zeit hierher verirren. Doch beide sind vollgepackt. Der dritte Fahrer ist skeptisch. Der junge Student fährt nach Pirna unweit der tschechischen Grenze. Er kann uns an einer Tankstelle rauslassen, doch diese befindet sich etliche Kilometer von der Autobahn nach Prag entfernt. Wir sind uns der Probleme durchaus bewusst, die sich am nächsten Morgen ergeben werden, doch treibt uns der Hunger nach Pirna. Nach dem langersehnten Tankstellen-Snack bauen wir unser Zelt auf einer kleinen von Bäumen umringten Wiese mitten in der Stadt auf. Ein großartiger Tag, an dem wir es keine 50km aus Dresden weg geschafft haben. Aber das Käsebrötchen an der Tankstelle war Bombe.

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kleiner Umweg über Pirna

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unser Zeltplatz irgendwo in Pirna

Der nächste Tag ist wie vorhergesehen mühselig. Trotzdem sind die Leute in Pirna zuvorkommend und hilfsbereit. Ständig bekommen wir auf lustigem Sächsisch gute Tipps zu hören. Wir gehen mal dorthin, weil jetzt viele Leute zum Tanken in die Tschechische Republik fahren, mal dorthin, weil da mehr Verkehr ist. Wir wandern beschwingt in und um Pirna herum, bis uns gegen 10 Uhr ein rüstiger Rentner bis nach Petrovice, einer grausigen Grenzstadt in der Tschechischen Republik, bringt. Der ältere Herr geht hier nicht nur regelmäßig tanken und essen, hier hat er seinen Zahnarzt und erledigt auch seine Einkäufe.

Die Autobahnauffahrt in Petrovice ist, entsprechend der Größe der Stadt, jedoch sehr wenig befahren. Alle 15 Minuten fährt mal ein Auto vorbei.

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Mitfahrgelegenheit von Pirna nach Petrovice

Geschlagene 1,5 Stunden müssen wir hier warten, bis uns ein redseliger Tscheche bis nach Ustí fährt. 15 Minuten dauert die kurze Fahrt, auf der uns ununterbrochen ein nervtötendes PLING PLING PLING begleitet. Der Fahrer ist nicht angeschnallt, ignoriert aber mit stoischer Ruhe die Warnsignale seines Autos. Offensichtlich haben wir Deutschland verlassen. In Ustí verabschieden wir uns fröhlich und sitzen knapp 10 Minuten später schon bei Christina im Auto. Die junge Tschechin kommt gerade aus Berlin und ist seit dem Morgengrauen unterwegs, um pünktlich um 14 Uhr auf der Arbeit zu sein. Auch wir kommen gegen Mittag in Prag an. Unsere Couchsurfing-Gastgeber kommen erst am späten Nachmittag von der Arbeit nach Hause und für uns gilt es nun einige Stunden mit dem Gepäck auszuharren.

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Autobahnauffahrt bei Petrovice

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ein redseliger Tscheche bringt uns nach Ústí

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mit Christina gehts weiter nach Prag

Wie von Christina empfohlen fahren wir mit der U-Bahn in den Stadtteil Zizkov, dem Prager Kreuzberg, wie sie uns erzählt. Wir gönnen uns asiatische Nudeln und billiges tschechisches Bier und landen schließlich auf dem Platz des Friedens (Náměstí Míru) vor der Kirche St. Ludmila. Hier ist Prag so entspannt, wie es wohl kaum ein Tourist zu sehen bekommt. Um den Platz herum blühen prächtige Blumen in allen Farben, die alten Häuser sind zwar nicht so toll saniert wie in der Altstadt, dafür aber umso charmanter. Die Prager sitzen hier in aller Ruhe auf den vielen Bänken, genießen die Sonne und machen das, was hier wohl alle zu machen scheinen: Menschen beobachten.

Ein altes Klavier steht irgendwo neben den vielen Sitzbänken. Ständig entschließen sich Menschen, die den Platz überqueren, ein kleines Stück zu spielen. Ja eigentlich stehen sie dafür manchmal sogar Schlange, kommen extra hierher, um ihr Talent zum Besten zu geben. Wir genießen die Musik, die die Atmosphäre noch wohliger werden lässt. Einige heruntergekommene Männer, die ihre 2-Liter-Bier-Flasche kaum aus der Hand legen können, spielen nebenan an einem Tisch Schach. Ab und an, wenn das Klavier mal nicht belegt ist, kommen zwei von ihnen rüber und spielen ein Stück auf dem Klavier. Und sie spielen ausgesprochen gut. Der eine singt dazu – lallend und unverständlich – doch irgendwie passt alles zusammen. Der Blues und seine rauchige Stimme.

Unsere Gastgeber, Oksana und ihr Mann Jirka, wohnen in einer kleinen Wohnung im Stadtteil Karlín. Unsere Couch ist ein Schlafsofa in der Wohnküche. Nach Käsekuchen, Kaffee und vielen guten Tipps für die Stadt machen wir uns am nächsten Morgen auch schon auf ins Getümmel. Die Prager Altstadt ist genauso wunderhübsch, wie touristisch überlaufen. In den engen Gassen, die mittelalterliche Träume wahr werden lassen könnten, quetschen sich riesige geführte Touristengruppen, typische Biertouristen, verliebte Pärchen sowie lauter Nepper und Schlepper gleichzeitig hindurch. Zwischen all dem Bier, Gulasch und Absinth ist kaum noch ein Durchkommen.

Auf dem Weg zur berühmtem Karlsbrücke wird der Negativ-Höhepunkt erreicht. Es ist proppenvoll. Mitten im Getümmel steht schwankend ein betrunkener Tscheche, so verrät es mir ein Blick in seine trüben Augen, bekleidet mit Adiletten und einer Jogginghose. Sein kugelrunder, enormer Bierbauch ragt aus seinem grünen T-Shirt. Um den Hals trägt er eine große, lebendige Schlange, auf dem Kopf einen albernen Schlangenbeschwörer-Turban. Und es finden sich tatsächlich Touristen, die Geld für ein Foto mit der Schlange um ihren Hals bezahlen. Ich weiß nicht, um wen ich besorgter sein sollte. Um die Schlange, den betrunkenen Schlangenbeschwörer oder um die geistige Gesundheit der zahlenden Touristen.

Wir schlendern lieber am ruhigeren Moldau-Ufer entlang und meiden am nächsten Tag die touristische Altstadt völlig. Wir bevorzugen den Stadtteil Zizkov, der uns am ersten Tag schon verzaubert hat. Wir spazieren über den Markt, durch die Gassen, blicken in die vielen kleinen Cafés und Läden. Lassen Prag einfach Prag sein und nehmen die Gelassenheit der Bewohner an.

Den Abend verbringen wir mit Oksana und Jirka, frittieren Käse und stampfen dazu Kartoffeln – ein typisch tschechisches Gericht. Außerdem lernen wir die tschechische Kinderserie Pat & Mat kennen und auch ein bisschen lieben, denn irgendwie erinnern uns Pat und Mat ein wenig an uns selbst.

Morgen geht es schon Richtung Bratislava in der Slowakei.

 


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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