Helden des Alltags und der Dreck der Stadt

Geschichten aus Teheran Teil 1


12. Juni 2016
Iran
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Issac und Abdullah vergnügen sich mit ihren Fahrrädern in den Straßen Teherans. Die beiden Brüder, Söhne der reichen Kaufmannsfamilie Omidvar, sind Kinder einer neuen Lebensverordnung im Iran. Das Miteinander und der Alltag sind neuerdings reformiert, weg vom archaischen Religionsfanatismus hin zum säkularen Staat mit westlichen Werten. Der Nachbar Türkei gilt als großes Vorbild. Neidisch blicken die Nachbarskinder auf die Fahrräder der Jungen – eine Rarität in den Gassen ihres Viertels, damals in den 1930er Jahren.

Hidschab und Tschador sind verboten, europäische Kleidung dagegen voll angesagt. Der neue König Reza Pahlavi, Begründer der Pahlavi-Dynastie und seit 1925 Staatsoberhaupt der konstitutionellen Monarchie im Iran, ist ein Reformer durch und durch. Unter seiner Herrschaft entstehen moderne Prachtbauten wie das Museum der Modernen Künste und Teherans Wahrzeichen der Freiheitsturm. Doch Reza Pahlavi, der nun den iranischen Königstitel Schah trägt, muss mit Ressentiments kämpfen. Vor allem die ländliche Bevölkerung – und davon gibt es im Iran jede Menge – tut sich schwer mit den Veränderungen. Nach dem Verbot traditioneller Kleidung wagen es viele Frauen nicht mehr, das Haus zu verlassen. Sie schämen sich ihr Haar in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Teheran, Iran

der Freiheitsturm, burj-e azadi (برج آزادی), ist Teherans Wahrzeichen

Teheran, Iran

Mit solchen Problemen haben Issac und Abdullah jedoch nichts zu tun. Sie sind Nutznießer der Reformen; die coolen Kids in der Nachbarschaft. Sie wachsen in einer Familie auf, die sich liebend gern an den neuen Richtlinien orientiert. Issac und Abdullah lernen die Welt kennen. Zunächst mit ihren Fahrrädern, später auf etwas abenteuerlichere Weise.

Im Jahr 1954 sitzen die Brüder aus Teheran auf zwei Motorrädern und brausen nach Osten. Afghanistan, Pakistan, Indien, Thailand, Malaysia und Indonesien heißen die Stationen. Dann geht es weiter über Australien und Japan bis in die Arktis. Von dort reisen Issac und Abdullah südwärts, durchqueren den gesamten amerikanischen Kontinent der Länge nach, bis sie die Antarktis erreichen.

Sieben Jahre nach ihrem Aufbruch sind sie wieder zuhause, nur um wenig später mit einem Citroën Lieferwagen erneut aufzubrechen. Diesmal geht es für drei Jahre einmal um den afrikanischen Kontinent. Issac und Abdullah sind nun berühmt. Sie tragen fortan den inoffiziellen Titel der ersten iranischen Weltentdecker, schreiben Artikel für internationale Zeitungen und Magazine, veröffentlichen Bücher, Ton- und Videoaufnahmen.

Im Grünen Palast auf dem weitläufigen Gelände der ehemaligen Sommerresidenz der Pahlavis, häufen sich die Souvenirs und Mitbringsel dieser außergewöhnlichen Reisen. Im Norden Teherans liegt der Sa`d Abad Museumskomplex, eine über 100 Hektar große Parkanlage, in der sich neben dem Grünen Palast mehrere herrschaftliche Gebäude befinden. Der Schick des königlichen Lebens ist hier in verschiedenen Ausstellungen zu bewundern, doch die interessanteste Sammlung beherbergt ohne Zweifel das Museum der Gebrüder Omidvar. Schrumpfköpfe und Elfenbein neben Fotografien und Nutzgegenständen des täglichen Lebens unbekannter Völker, Waffen aus dem afrikanischen Dschungel und allerlei Klimbim eines gewaltigen Abenteuers.

Auch eines der beiden Motorräder mit denen Issac und Abdullah ihre Weltreise wagten, befindet sich in der Ausstellung. Auf dem Schutzblech steht, in Handschrift geschrieben, das wohl wichtigste Souvenir: Die Erkenntnis „all different, all relative“.

Teheran, Iran

Grüner Palast im Sa`d Abad Museumskomplex

Auch uns kommt diese Erfahrung vertraut vor. Gerade im Iran, einem Land, das uns medial als grundverschieden zu unserem Kulturkreis präsentiert wird, erleben wir immer häufiger erstaunliche Ähnlichkeiten.

Auf dem Weg von der Küste des Kaspischen Meeres nach Teheran befinden wir uns am Straßenrand in Tschalus. Hinter uns wogen die Wellen des größten Sees der Welt, vor uns erhebt sich das mächtige Elbrusgebirge. Gerade sind wir mit einem jungen Frisör aus der liberalen Provinzstadt Rasht bis hierher nach Tschalus getrampt. Nun hält ein Paar, beide in ihren beginnenden Zwanzigern. Unser gemeinsames Ziel ist die Hauptstadt des Landes und so steigen wir ein, ziehen schmale Kurven in den engen Bergstraßen, steigen mit jeder Serpentine höher ins Gebirge.

trampen im Iran

unsere Mitfahrgelegenheit von Rasht nach Tschalus

Er rast mit röhrendem Auspuff, post lässig am Steuer, lässt den Coolen raushängen – sie ist ständig mit ihren Haaren und ihrer Schminke beschäftigt. Gerade für junge Frauen scheint in dem von Verhüllungsgeboten geprägten Land, das jegliche Zurschaustellung körperlicher Reize tabuisiert, die Gesichtsbemalung existenziell zu sein. Obwohl männliche Iraner sich häufig über die übertriebenen Verzierungen lustig machen, wird die Make-Up-Schicht immer dicker, die Mode im Gesicht immer extravaganter. Der neueste Trend ist es, sich das letzte Drittel der Augenbraue, den Teil der sich nach dem Schwung wieder nach unten neigt, abzurasieren. Manchmal werden die Augenbrauen dann weiter nach oben verlaufend neu gemalt und geben den Gesichtern das grimmige Aussehen einer finsteren Comicfigur.

Hinten auf der Rückbank, dort wo aus den Boxen lautstarke Popmusik dröhnt, amüsieren wir uns über unsere Mitfahrgelegenheit. Bei ihnen geht es nur ums Sehen und Gesehen werden – so wie überall auf der Welt.

Und dennoch ist es anders: Unsere beiden Begleiter führen eine illegale, da voreheliche Beziehung. Zur Geheimhaltung ihrer Liebe genötigt, sind sie stets darum bedacht, sich nicht von Bekannten oder schlimmer noch, der eigenen Familie erwischen zu lassen. Darum verbrachten die beiden Teheraner die letzten Tage irgendwo in der Provinz am Kaspischen Meer. Doch auch hier gibt es Schwierigkeiten.

Will man als Paar im Iran nämlich ein gemeinsames Hotelzimmer mieten, muss man zunächst nachweisen, miteinander verheiratet zu sein. Dies geschieht entweder durch eine amtliche Bescheinigung der Ehe oder durch das zeigen des iranischen Ausweises. Im Dokument ist jeweils der Name des Ehepartners vermerkt. Kann man die Ehe nicht beweisen, gibt es kein Hotelzimmer – es sei denn, der Rezeptionist nimmt seine Sorgfaltspflicht nicht so genau oder lässt sich mit dem einen oder anderen Geldschein doch noch von der Ehe überzeugen. Am Kaspischen Meer gibt es da offenbar weniger Bedenken als anderswo.

Unsere Mitfahrgelegenheit ist ein Vorzeigebeispiel junger Teheraner. Sie sind gebildet und attraktiv, aber auch eitel und versessen auf Statussymbole. Momentan sind Nasenoperationen besonders prestigeträchtig und so tragen die beiden vor uns ihre neu modellierten Riechorgane gerne zur Schau. Beide besitzen lustiger Weise nun dieselbe Nase.

So unglaublich es klingt, aber selbst Nasenpflaster oder noch besser ein frischer Verband, werden von Frauen und Männern gleichermaßen stolz zur Schau getragen. Selbst Polizisten und Soldaten sind mit diesem „Schmuckstück“ versehen. Eine hübsche Nase kann entzücken, aber scheinbar reicht der Verband schon aus, um zu zeigen, dass man es geschafft hat. Selbst vor unechten Verbänden, solchen, denen gar keine Operation voraus ging, wird nicht zurückgeschreckt.

trampen im Iran

jung, attraktiv und mit identischen Nasen: unser Mitfahrgelegenheit nach Teheran

Gemeinsam erreichen wir Teheran in der Dunkelheit und schlagartig ändert sich die Atmosphäre im Auto. Waren unsere Begleiter eben noch locker und fröhlich, so ist es vor allem die junge Frau, die nun sehr ernst wird. Das Kopftuch hat sie schon länger um ihre Haare geschlungen, die sie zunächst noch unverhohlen offen trug. Jetzt will sie so schnell wie möglich zurück in ihr Wohnheim. Obwohl ihr Freund den restlichen Abend noch gerne mit ihr verbringen möchte, lehnt sie jedes seiner Angebote ab. Zu groß ist die Gefahr entdeckt zu werden. In einer Seitenstraße nahe ihres Wohnheims huscht sie aus dem Auto und verschwindet, ohne sich noch einmal umzudrehen, hinter der nächsten Ecke.

Der Verkehr in Teheran ist katastrophal. Die Straßen sind vollgestopft und nur mühsam kommen wir voran. Schneller und effektiver ist in diesem Moment das Metronetz und so verlassen wir das Auto, steigen in eine U-Bahn und fahren zu unserem Couchsurfing-Gastgeber. In einer schlecht beleuchteten Sackgasse öffnet uns Ahad die Tür. Unter dunklem, lockigem Haar mustert uns ein klarer Blick freundlich, ein Lächeln, gerahmt von wildem Bartwuchs, begleitet uns, als wir eintreten.

Ahad weist uns an: „Stellt eure Rucksäcke dort ab.“ – „Eurer Schlafplatz ist hier.“ – „Wenn ihr etwas braucht, dann nehmt es euch, ich werde euch nicht bedienen.“ Dass Ahads Worte keine leeren Hülsen sind, nehmen wir erst auf den zweiten Blick war. Der gesunde junge Mann endet oberhalb der Hüfte. Darunter geht der Körper als Invalide weiter. Gestützt auf zwei Krücken, bewegt sich Ahad nur mühsam durch seine Zweizimmerwohnung. Während das rechte Bein in der Bewegung noch ordnungsgemäß an seinem Platz verweilt, scheint das linke Bein nur noch sporadisch den vorgesehenen Dienst zu erweisen. Mit jedem Schritt klappt es ungelenk nach außen weg. Es sieht so aus, als würde Ahad einen Seitwärtsschritt machen wollen, nur um sich im letzten Moment doch für einen Schritt nach vorne zu entscheiden.

Jeder Schritt wirkt mühsam, beschwerlich, schmerzhaft; und das ist er auch. Die dazugehörige Geschichte ist tragisch – daraus macht Ahad keinen Hehl. Sein eingeschränkter Bewegungsapparat ist die Konsequenz eines Scheiterns im Scheitern. Es ist ein Scheitern, weil Ahad eines Tages auf dem Dach eines siebenstöckigen Hauses steht – und es ist ein Scheitern im Scheitern, weil er wenig später, als er auf dem Boden aufschlägt nicht tot, dafür aber sein Rückenmark fast vollständig durchtrennt ist. Seitdem trägt Ahad eine Windel und uriniert durch einen Katheter.

Teheran, Iran

Straßenbild in Teheran mit dem Elbrusgebirge im Hintergrund

Doch der Aufprall nimmt Ahad nicht nur die Bewegungsfreiheit und Kontinenz, er nimmt ihm auch den Todeswunsch. Heute gehört Ahad zu den aktivsten Couchsurfern in Teheran. In seinem Wohnzimmer sitzend reist er durch die Welt, die er in seinem Kopf durch die Augen seiner Gäste sieht. Auch unsere Geschichte zieht in Ahads Universum ein.

Mit neuem Lebensmut entdeckt Ahad auch immer neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Aktuell ist er begeisterter Brauer. Nachdem ihm ein polnischer Couchsurfer eine Rezeptur für die heimische Bierproduktion überließ, ist Ahad hauptsächlich damit beschäftigt seine Bestände aufrecht zu erhalten. Dass das kein leichtes Unterfangen ist, beweist Ahads eigener Durst und die vielen Gelegenheiten mit immer neuen Freunden zu trinken. Auch wir halten schnell ein Glas Selbstgebrautes in der Hand.

Dass Alkohol im Iran verboten ist, interessiert Ahad dabei recht wenig. Er lebt am Staat vorbei, so wie dieser an ihm vorbei lebt. Beide beachten sich nicht im Geringsten. Für Ahad – für Menschen mit Behinderungen – gibt es einfach keine Programme, um sich in den Alltag einbringen zu können. Staatliche Unterstützung wie Renten und Förderungen bleiben aus. Es gibt keine offiziellen Zuwendungen, lässt uns unser Gastgeber wissen. Ahad verdankt seinen Unterhalt allein seiner Familie – bis ans Ende seiner Tage.

Zusammen mit Leonie, einer jungen Frau mit kehlig-kratzigem, mich stets erheiterndem Schweizer Akzent, die ebenfalls bei Ahad zu Gast ist, erkunden wir Teheran. Die Hauptstadt des Landes ist weder besonders hübsch, noch besonders alt. Dafür bietet sie die schmutzigste Luft im Land. Mehr als einmal ließ die Regierung bereits einen zusätzlichen Feiertag in Teheran ausrufen, um der Luftverschmutzung mit Fahrverboten für Autos entgegenzuwirken. Außerdem werden an diesen Feiertagen Geschäfte und öffentliche Einrichtungen, wie Schulen und Ämter, geschlossen, um den Verkehr noch weiter zu reduzieren, dessen giftige Abgase für etwa 80 Prozent der Luftverschmutzung verantwortlich sind.

Teheran, Iran

Blick über die Dächer Teherans

Geholfen hat es wenig. Immer wieder klagen die Bewohner der Stadt über brennende Augen und gereizte Schleimhäute. Teheran gehört zu den weltweit am stärksten belasteten Städten und liegt mit seinen Smog-Werten nur geringfügig hinter Peking.

In unserem Besitz befinden sich deshalb auch ein paar Einweg-Mundschutze, wie man sie vom Zahnarzt oder aus dem Krankenhaus kennt. Nicht, dass wir uns besonders gut auf Teheran vorbereitet hätten. Im Gegenteil! Viel mehr haben unsere Pläne die Stadt zu besuchen bei einigen unserer bisherigen Gastgeber im Iran schwere Sorgen um unsere Gesundheit ausgelöst. Wenn wir schon in diesen Moloch mit der verseuchten Luft müssten, so hörten wir mehrfach, dann doch bitte nicht ohne Mundschutz, der uns anschließend mit strengem Blick zugesteckt wurde.

Doch wie soll man eine Stadt kennenlernen, wenn man ihren Dreck nicht atmen kann? Also fordern wir unsere Körper, unsere Lungen heraus. Es ist Januar, ein Monat gesegnet mit der schlimmsten Luft im ganzen Jahr.

Tatsächlich blicken wir immer wieder in Gesichter, die sich hinter faltigen, weißen Mundschutzen verstecken. Jedes gesprochene Wort dringt nur noch gedämpft in den Äther. Man muss schon genau zuhören, um so einen maskierten Hauptstädter zu verstehen. Unser Weg führt uns vorbei an grauen Häuserfronten, rechteckigen Ungetümen, von deren Funktionalität nicht die geringste Verzierung ablenkt. Breite sechsspurige Straßen teilen die Betonödnis. Weiße und silberne PKWs rollen im Schritttempo an uns vorbei, husten rußige Abgaswolken auf die Straßen und bleiben nur wenig später in einem Verkehr stecken, der sich wie ein undurchdringlicher Knäuel über die Stadt legt.

Neben den Straßen bröckelt alter Putz von grauen Wänden. Durch in die Jahre gekommene Fensterrahmen, von denen bereits seit langer Zeit die Farbe abblättert, ziehen Wind und Kälte in die Wohnungen Teherans. Über den Gehwegen hängen Klimaanlagen an den Fassaden mehrstöckiger Häuser. Bunte Reklametafeln, deren Botschaften wir nicht lesen können, prangen hoch über dem Asphalt und darüber, noch näher am verschmutzten Himmel, kreisen Baukräne mit ihren steifen Armen über den Dächern. Ihnen liegt die Stadt zu Füßen, die sich bis ans Elbrusgebirge schmiegt.

Teheran, Iran

in den Straßen von Teheran

Teheran, Iran

Passanten hetzen durch die Gegend. Sie gehören zu den etwa 15 Millionen, die in Teherans Einzugsgebiet leben und die Häuserschluchten tagtäglich ins Chaos stürzen. Dem Gedränge auf den Straßen entgehen wir in Teheran unterirdisch. Das Metronetz ist weit gespannt und funktioniert zuverlässig. Dass die stickig-schmutzige Luft der Straße nicht herab steigt ist ein angenehmer Nebeneffekt.

Ebenso wie in den Bussen des Nahverkehrs herrscht auch in der U-Bahn Geschlechtertrennung. Unter der Erde ist sie jedoch nicht ganz so streng wie ein paar Meter weiter oben. Zwar kennzeichnet ein gelbes Schild mit den Worten „Women Only“ ausgeschriebene Bereiche und Wagons. Doch gelten diese Hinweise ausschließlich für männliche Reisende. Anders als im oberirdischen Nahverkehr, wo Geschlechter hartnäckig voneinander getrennt werden, können Frauen in der U-Bahn ihren Platz frei wählen. Viele entscheiden sich dennoch für den geschlechtergetrennten Bereich.

Jedwede haptische Begrenzung fehlt, doch die imaginäre Linie wirkt ausgesprochen stark. Niemand wagt sie zu überschreiten. An den Plattformen in den U-Bahnschächten drängeln sich mit uns dutzende Männer und versuchen noch irgendwie in einen völlig überfüllten Wagon der U-Bahn zu gelangen. Nur wenige Zentimeter entfernt steigt eine Frau im schwarzen Tschador alleine in ein leeres Abteil. Selbst in dringenden Notfällen wagt es ein Mann nicht, den abgetrennten Frauenbereich zu betreten. Sogar der männliche Sicherheitsdienst bleibt vor dieser körperlosen Schranke zurück. „Women Only“ ist ein Schutzgebiet vor Testosteron.

Teheran, Iran

Testosterongedränge in der Metro

Teheran, Iran

Women only – spezielle Bereiche für Frauen in der Metro

Teheran, Iran

Frauenwagon

An der Metrostation Panzdeh-e Khordad kommen wir zurück an die Erdoberfläche und betreten Teherans Basarviertel. Seit beinahe 1.000 Jahren wird hier bereits mit Waren gehandelt, doch die Backsteinkonstruktion, die heute das Markttreiben überdacht, besteht erst seit etwa 200 Jahren. Architektonisch ist Teherans Markt kein Augenschmaus, dafür treibt eine chaotisch wabernde Menschenmasse in seinen mehr als zehn Kilometer langen Gängen; die hier Waren begutachtet, feilscht und kauft. Dort entsteht ein gutes Geschäft, hier wird jemand über den Tisch gezogen. Händler und Marktbesucher stehen sich im Wettstreit um die Waren gegenüber, die am Ende doch stets den Besitzer wechseln.

Bereits vor dem Eingang zum Basar herrscht ein wildes Durcheinander. In die Außenmauern des Marktgebäudes drücken sich dutzende Geschäfte und Essensstände. In großen Säcken und Kisten lagern getrocknete Beeren, Datteln, Limetten, Feigen und Aprikosen. Darüber erheben sich riesige Pistazienpyramiden in verschiedenen Qualitätsstufen. Lavashak – papierdünn gepresste Fruchtmusrollen, vornehmlich aus Sauerkirschen oder Pflaumen – liegt zum Verkauf bereit. Frisch gepresste Orangen- und Karottensäfte werden neben Gewürzen, Kleidung und Plastikfirlefanz angeboten. Mobile Händler, diejenigen, die sich keinen Stand im Markt leisten können, verkaufen allerlei Gebrauchsgegenstände. Auf großen Rollen tragen Männer unzählige Meter bunte Plastikfolie, die als Unterlage für das gemeinsame Essen auf dem Boden genutzt wird. Sie sind die Wellenbrecher in der Menge, die sich nun in den Markt ergießt.

Teheran, Iran

vor Teherans Marktgebäude

Teheran, Iran

dutzende Stände verkaufen Pistazien und getrocknete Früchte

Teheran, Iran

Hinter dem Eingangstor zum Basar verteilt sich die Masse in die verschiedenen Gassen. Jede bietet ein bestimmtes Handwerk oder spezielle Waren an. Unter hohen Kuppeln klopfen Kupferschmiede Metall, da befinden sich Goldhändler, Schuhmacher, Schneider, Messerschleifer, Sattler, Tabakverkäufer, Gewürz- und Teppichhändler. Es gibt nichts, was es hier nicht zu kaufen gibt. Selbst Etiketten großer Modemarken können irgendwo in den hinteren Gassen erworben werden, um sie dann in das eigene T-Shirt zu nähen und damit herum zu posen.

Der Markt ist so groß, dass er einer eigenen kleinen Stadt gleicht. In ihm gibt es Gasthäuser, Banken, eine Feuerwehr und mehrere Moscheen. In den Gängen voller Waren und Menschen verlieren wir immer mehr die Orientierung. Doch gerade das ziellose Streifen, das Wandern durch die Menge, ist es, was den Besuch des Marktes so wertvoll macht. Dutzende Händler heißen uns willkommen, laden uns ein, ihr Geschäft zu betreten oder ihre Auslage zu begutachten. Manche prosten uns einfach nur mit einem Teeglas zu und lächeln dabei milde.

Teheran, Iran

dichtes Gedränge in Teherans Marktgebäude

Wie bereits auf dem beeindruckenden Markt in Täbris, fasziniert uns auch hier in Teheran die Teppichabteilung. Riesige, kiloschwere Läufer türmen sich in den Vorhallen der Teppichgeschäfte übereinander oder liegen ausgebreitet auf dem Boden, wo sie von fachkundigen Augen geprüft werden. Hinter penibel geputzten Fensterscheiben werden die schönsten Ausstellungsstücke potenziellen Kunden präsentiert. Natürlich darf dabei eine Tasse Tee nicht fehlen.

Dutzende Verkäufer bewerben hunderte Teppiche. Auf ihnen verbinden sich Blüten, Blätter und Ranken, die Hauptmotive in der muslimischen Handwerkstradition, zu wunderbaren Formen. Natürlich finden wir auch hier in Teheran die Teppichbilder mit ihren detaillierten Landschaftsdarstellungen, fantastischen Stadtbildern und Stillleben.

Perserteppiche gehören zu den wertvolltesten Teppichen der Welt. Ihre Herstellung ist extrem aufwendig. Mitunter braucht es mehrere Millionen Knoten für einen einzigen Teppich. Jedes Ausstellungsstück ist eine Investition. Vermutlich steht der Warenwert der Teppichhändler dem der Juweliere, die sich in einem anderen Teil des Marktes befinden, in nichts nach – wahrscheinlich übertrifft er ihn sogar.

Teheran, Iran

Teppichhändler auf dem Markt

Teheran, Iran Teheran, Iran

Teheran, Iran

Perserteppich mit verarbeiteter Seide

Teherans Basar ist der größte Markt im Land und zugleich der Kopf des landesweiten Handels. Etwa ein Drittel aller Waren, die im Iran durch den Einzelhandel verkauft werden, stehen mit dem Markt in der Hauptstadt in direktem Zusammenhang. Dementsprechend begehrt und teuer sind die Läden in den Gassen des Marktes. Es ist noch nicht lange her, da wechselte ein kleines, etwa 20 m² großes Geschäft an einer der wichtigsten Passagen für die unglaubliche Summe von einer Million US-Dollar den Besitzer. Der neue Eigentümer versprach sich im ersten Jahr einen Umsatz von zwei Millionen US-Dollar – mit dem Verkauf von Unterwäsche, wohlgemerkt.

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Marktgasse

Die hier auf dem Markt festgelegten Preise gelten als Standard für den Rest des Landes. Teherans Markttreiber, die Bazaris, teilen eine enorme ökonomische Kraft untereinander. Doch der Einfluss der Bazaris geht weit darüber hinaus. Im Iran ist der Besuch des Marktes immer noch ein bedeutender Teil des Alltags. Hier trifft man sich, hier tauscht man sich aus. In den Gassen und Passagen geht es deshalb nicht nur um Teppiche und Gewürze, sondern auch um Politik und Macht. Für die Regierung ist es stets von Bedeutung, die Bazaris auf ihrer Seite zu wissen. Traditionell konservativ stützen die Bazaris auch heute das politische System. Wenig liberal erscheint auch die Kundschaft: Beinahe jede Frau verhüllt sich hier in ihren Tschador. So viele schwarze Gewänder haben wir an keinem anderen Ort in Teheran gesehen.

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zurück im Gedränge vor dem Markt

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Teheran in zwei Teilen

Teil 1: Geschichten aus Teheran – Helden des Alltags und der Dreck der Stadt

Teil 2: Geschichten aus Teheran – Royaler Prunk und imperialistischer Putsch


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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