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Fethiye und Ölüdeniz

Die britische Mittelmeerküste


20. Oktober 2014
Türkei
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Türkisfarbenes Wasser, ein strahlend blauer Himmel, die leuchtende Sonne über dem Horizont, das Rauschen des Meeres im Ohr. Kein besonders originelles Bild eines Urlaubsparadieses, aber wer fragt schon nach, ob das Paradies originell ist?

Wir befinden uns in der Marina von Fethiye im Südwesten der Türkei. Dicke weiße Yachten schaukeln an den Anlegern hin und her. Das Sicherheitspersonal beäugt uns argwöhnisch. Eine Mitarbeiterin des angeschlossenen Luxushotels fragt auf der Promenade skeptisch nach unserer Zimmernummer. Aus dem zweiten Stock wirft ein Glatzkopf Brothälften ins Hafenbecken und obwohl die Fische darin schon lange aufgehört haben an der aufgeweichten Masse zu knabbern, findet er noch immer Gefallen daran.

Um uns regiert Überfluss. Hier fühlen wir uns genau richtig, schließlich sind wir gerade einen großen Teil der Strecke von Denizli nach Fethiye in einem schnellen Porsche vorangeschritten. Der backenbärtige Fahrer, in einem früheren Leben wahrscheinlich Pirat, macht uns noch während wir in seinen Sportwagen einsteigen darauf aufmerksam, dass er Geschäftsmann sei. So bittet er uns die Straße im Auge zu behalten, während er wichtige, nicht aufzuschiebende E-Mail-Korrespondenzen erledigt. Gemeinsam jagen wir über die Landstraße. Wir schauen auf den Asphalt, Ismael, unser Fahrer, scrollt in seiner Facebook-Timeline. Weiter erzählt er uns von seinem großen Unternehmen und den etwa 50 Meter langen Yachten, die er in alle Welt verkaufen würde. Auf seiner Visitenkarte stellt sich dann allerdings heraus, dass er im Wurstgeschäft tätig ist. Der türkische Uli Hoeneß also. Mit seinen letzten Worten lädt uns der fleischverkaufende Piraten-Unternehmer noch in sein Home-Office nach Antalya ein, falls wir dort einmal aufschlagen sollten und verschwindet in Windeseile in der Landschaft. Verdutzt stehen wir am Straßenrand. Was für eine verrückte Fahrt.

Doch wir sind froh eingestiegen zu sein. Vor einigen Stunden benötigten wir von Denizli in einem klapprigen Truck noch etwa anderthalb Stunden für 40 Kilometer. Das alarmierende Pfeifen des verdunstenden Kühlwassers begleitete uns jede einzelne Minute der Fahrt. Dann Ismael von Münchhausen und nun? – Es ist ein Audi, in den wir bald darauf einsteigen. Zwei Männer auf dem Weg nach Fethiye. Angenehmes Auto, angenehme Fahrer. Das hatten wir heute noch gar nicht.

In Fethiye verlassen wir die Marina und schlendern entlang der Uferpromenade. In den Restaurants mit Meerblick sitzen ein paar Herren in Polohemden und frisch frisierte Damen. Unter ihren Marquisen strahlen sie so stark, wie die Sonne über uns. Man kann kaum hinsehen ohne geblendet zu werden. Zu viel weiße Haut – schon beinahe Neon.

In den drei schattigen Gassen der Altstadt herrscht das gleiche Bild. Souvenirgeschäfte und Restaurants. Dazu ein paar geschäftstüchtige Türken und wieder viel strahlend weiße Haut. Wir schnappen ein paar Wortfetzen auf und werden das Gefühl nicht los, allein unter hunderten Briten zu sein. Selbst auf dem Weg zu den lykischen Felsengräbern oberhalb des Ortes begegnen uns mehr strahlend rote als dunkle Haarschöpfe.

Da wir uns mit dem Besitzer eines Campingplatzes in Fethiye, der uns für einen scharfkantigen, steinigen, harten und mit Scherben übersäten Stellplatz tatsächlich zehn Euro pro Nacht abknüpfen will, nicht einigen können, verlassen wir Fethiye bereits nach kurzer Zeit wieder.

In der Hoffnung, dass alles besser wird, fahren wir nach Ölüdeniz, 14 Kilometer von Fethiye entfernt. Doch als wir den Ort erreichen, können wir nicht anders als mit offenen Mündern aus den abgedunkelten Fenstern zu starren. Fethiye war nur ein Vorposten – ein Hinweis auf das Folgende.

Ölüdeniz strahlt. Überall blitzt uns weiße Haut entgegen, die nicht selten auch bereits knall rot leuchtet. Jetzt, in den Abendstunden, wenn die Sonne ihre Kraft einbüßt, sind es die Briten, die dem Ort scheinbar Licht geben. Obwohl hier schon seit einiger Zeit die Nebensaison herrscht, sind Ölüdeniz und seine Stadtteile Hisarönü und Ovacik noch immer gut besucht. Hier reiht sich ein Restaurant an das nächste, eine Bar an die andere. Unterbrochen wird diese Anordnung nur gelegentlich von einem Geschäft für Strandutensilien, Flip-Flops, Gummireifen, Bikinis.

Hier gibt es überall English Breakfast, Full English Breakfast oder auch Best English Breakfast in Town. Ein alternativer Ladenbesitzer bietet völlig überraschend auch Scottish Breakfast an. Aus allen Richtungen dröhnt uns gruseliger Elektro-Pop entgegen. Die Geräuschkulisse durchbrechen lediglich die emotionalen Ausraster der britischen Fußballkommentatoren während der täglichen Übertragungen der Premiere League.

Wir fahren bis ans Ufer des Mittelmeeres. Von hier ist es gar nicht mehr weit bis zur griechischen Insel Rhodos. In anderthalb Stunden setzt die Fähre von Fethiye auf das benachbarte Eiland über. Bei klarem Wetter kann man die Insel sogar vom Strand von Ölüdeniz aus sehen. Mittlerweile ist es spät geworden. Am westlichen Ortsrand finden wir ein Platz für unser Zelt, mit Blick auf die blaue Bucht, mit Liegestühlen und Sonnenschirmen, mit einem jungen Hund, der uns für die nächsten Tage zu beschäftigen weiß und mehr als einmal unsere Socken entführt.

Der Name Ölüdeniz (übersetzt bedeutet er Totes Meer) leitet sich von der geografisch besonderen Lage des Ortes ab. An einer weiten Bucht gelegen, die nur über eine schmale Engstelle mit dem Mittelmeer verbunden ist, liegt Ölüdeniz geschützt vor den Launen der See. Selbst bei heftigen Stürmen und tobenden Wellen bleibt der Wasserspiegel in der Bucht unbeweglich still.

Doch da sich mit dem Tod nicht gut werben lässt, preisen die Touristiker Ölüdeniz mit einer anderen Eigenschaft der Bucht an. Das Wasser hier ist so klar und tiefblau, dass man Ölüdeniz eigentlich nur als Ort an der Blauen Lagune kennt. Nicht zu Unrecht gehört die Lagune wohl zu den beliebtesten Fotomotiven an der türkischen Südwestküste.

Doch das perfekte Foto ist nicht ganz ohne Aufwand zu bekommen. Es verlangt einen Paraglidingflug vom nahegelegenen Berg Babadağ. Ein kurzer Adrenalinstoß nach dem Abheben und dann ein langes, entspanntes Runterkommen. Jeden Morgen betrachten wir die vielen Paraglider am Himmel über Ölüdeniz. Ab und an dringt ein euphorischer Schrei bis zu uns herab. Dann wenden und drehen sich die Piloten, ziehen weite Kreisen und Schrauben in der Luft. Einmal kommt der Notfallschirm zum Einsatz und ein kleines Schlauchboot eilt hinaus aufs Meer zur Rettung.

Wir ziehen uns vom Trubel in Ölüdeniz zurück und besuchen Kayaköy. Ein kleines Dorf in den Bergen zwischen Fethiye und Ölüdeniz. Hühner laufen über die Straße, Olivenbäume spenden geringen Schatten. Plötzlich sind wir wieder in der Türkei. Die Sonne ist das einzige, was uns hier anstrahlt.

Einst von Griechen bewohnt, wurde Kayaköy im Zuge des Umsiedlungsbeschlusses von Lausanne 1923 verlassen. Heute sind die alten Gemäuer nichts weiter als eine Geisterstadt. Zig verfallene Häuser stehen hier am Berghang. Von Erdbeben beschädigt und dem Zahn der Zeit angegriffen, ist Kayaköy ein Abenteuerspielplatz. Enge Gassen, spitze Steine, abgenutzte Mauern. Wir erkunden das ganze Dorf und versuchen uns vorstellen, wie es hier einmal ausgesehen haben muss. Damals als Esel über die steinigen Wege trotteten und man sich mit Ouzo zuprostete.

Zurück in Ölüdeniz wollen wir es dann aber doch noch einmal wissen. Wir werfen uns mitten hinein in das Szenario der britischen Mittelmeerküste und nehmen an einem Bootsausflug teil. Schon beim Betreten des doppelstöckigen Schiffes wird uns deutlich vor Augen geführt, was uns für den Rest des Tages erwartet. Der Boden des offenen Oberdecks ist bis auf den letzten Zentimeter mit weichen Gummimatratzen ausgelegt. Ein paar übergewichtige Buddhas mit viel zu wenig Kleidung und dem bereits beschriebenen Haut-Shining tummeln sich darauf – nicht zufrieden bevor das viele Weiß zu einem anständigen Rot verbrannt ist.

Wir legen ab und schaukeln sanft an der Küste entlang. Erst links entlang, dann zurück. Das Schiff hält an ein paar kleinen Buchten, wer möchte kann sich vom Oberdeck acht bis zehn Meter tief in die Fluten stürzen oder sich auf einem aufgeblasenen Gummiring hinter einem Motorboot herziehen lassen. Dann gibt es Mittagessen. Die massigen, mittlerweile verschwitzten Körper drängen sich an die Tische im Unterdeck. Es wird schnell geschaufelt, denn Zeit im Unterdeck ist verlorene Zeit auf dem Oberdeck.

Am Nachmittag gibt es ein Animationsprogramm, das hauptsächlich aus Macarena-Tänzen besteht und auf seinem Höhepunkt die wenigen jungen Bikinischönheiten an Bord in die Mitte der gaffenden Alten treibt. Dazu gesellt sich ganz unvermittelt eine faltige Dame im knappen Höschen, die wohl eine falsche Abbiegung auf dem Weg zur Full-Moon-Party auf Ko Phangan genommen hat. Ihr zappelnder Körper kann erst mit dem Abschalten der Musik beruhigt werden.

Ein paar Verstörte blicken fremdbeschämt hinaus aufs Meer, doch schon bald kehrt die Routine auf das Deck zurück – Sonnenbaden.

Ereignislos neigt sich die Fahrt dem Ende. Liegenachbarn vergewissern sich gegenseitig wie schön der Ausflug war und wir eilen schnellstmöglich von Bord. Am Abend sitzen wir wieder am Strand, abseits der Bars mit Satelliten-TV und grölenden Chelseafans. Die Sonne versinkt am Horizont. Es ist höchste Zeit für ein kühles Efes.

Ölüdeniz, Türkei

Paraglider im Sonnenuntergang

Ölüdeniz, Türkei


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