Die Felsenburg von Uçhisar und die unterirdische Stadt in Derinkuyu – Kappadokien 1/3

Leben im Untergrund


23. November 2014
Türkei
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Unser Weg von Konya nach Kappadokien führt entlang der berühmten Seidenstraße mitten durch die zentralanatolische Hochebene. Wir sind wieder in Bewegung und erfahren schnell ein weiteres Mal die türkische Gastfreundschaft. Noch während wir in Konya entlang der Schnellstraße einen Platz zum Trampen suchen, hält ein PKW und bringt uns einige Kilometer aus der Stadt heraus. Das Glück ist uns wohl gesonnen. Mohammad, der Fahrer, ist so um uns bemüht, dass er am Stadtrand eigenhändig einen LKW anhält und dessen Fahrer überredet uns mitzunehmen. Doch erst nachdem er auch mehrere Autos im Gegenverkehr stoppt und sich versichert, dass auf der Strecke nach Osten keine Polizeikontrollen stattfinden, entlässt er uns in die Obhut unseres neuen Reisegefährten Mehdi.

Zusammen juckeln wir langsam über die Ebene. Flaches, steiniges Land in den unterschiedlichsten Brauntönen zieht an uns vorbei. Dahinter gibt es keinen Horizont. Ein grauer Dunstschleier schneidet die Hochebene nach nur wenigen Kilometern ab. Unwirklich und etwas beängstigend – Wer jemals in Silent Hill von Zombies gejagt wurde, weiß wovon ich spreche. Ab und an zeichnet sich der Umriss eines Hauses in dem Dunst ab, wird deutlich und verschwindet im Rückspiegel wieder in der grauen Masse.

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mit Mohammad in Konya

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mit Mehdi in Sultanhanı

In Sultanhanı verabschieden wir uns von Mehdi und steigen nur kurze Zeit in das nächste Auto. Zwei Männer, Neffe und Onkel, sammeln uns diesmal vom Straßenrand auf und bringen uns bis nach Aksaray. Aus den Boxen im Inneren des Wagens schallt Folklore – orientalische Flöten- und Saitenklänge von Mey und Saz. Die Fenster sind mit kleinen Plüschvorhängen geschmückt und es dauert nicht lange, bis uns aus einer Thermoskanne Çay angeboten wird.

Doch schon bald müssen wir uns wieder aus der türkischen Gemütlichkeit verabschieden und stehen stattdessen in Aksaray eine gefühlte Ewigkeit an der Straße. Es herrscht zwar recht viel Verkehr, aber niemand hält und so marschieren wir die lange Asphaltstraße hinein in die Stadt. Doch auch hier ist unsere Chance auf eine Mitfahrt gering. Kaum ein Autofahrer würdigt uns eines Blickes. Als wir bereits frustriert auf die ganze Welt schimpfen, hält plötzlich ein schneeweißer Mercedes. Drinnen sitzen zwei Typen im Jackett.

Die beiden Männer sind auf dem Weg nach Ankara und eigentlich schon spät dran. Doch das hindert sie nicht uns ein paar wenige Kilometer bis hinaus aus der Stadt zu bringen. Wir sind dankbar für ihre Hilfe, auch wenn wir uns bald darauf schon wieder verabschieden.

An der Kreuzung nach Nevşehir verlassen wir das Auto, stillen Hunger und Durst in einem kleinen Kiosk und warten erneut am Straßenrand. Als sich die Sonne unaufhörlich dem Horizont nähert, werden wir ungeduldig – Bis zu unserem Ziel Göreme sind es noch 90 Kilometer.

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von Sultanhanı nach Aksaray

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von Aksaray an die Kreuzung nach Nevşehir

Unsere Rettung hat einen Namen: Fatima. Mit ihrem Mann ist sie auf dem Weg nach Nevşehir und wir dürfen mitfahren. Als Fatima erfährt aus welchem Land wir kommen, ist sie ganz außer sich vor Freude. Bis zu ihrem 17. Lebensjahr, so erzählt sie, lebte sie in Frankfurt, um anschließend in die Heimat ihrer Eltern zurückzukehren. Mehr als 20 Jahre liegt der Umzug mittlerweile zurück und umso glücklicher ist Fatima, ihre lange ungenutzten Deutschkenntnisse mit uns aufzufrischen. Als wir uns in Nevşehir Lebe wohl sagen, erhalten wir zwei Bananen als Abschiedsgeschenk, die uns von irgendwoher aus dem Kofferraum gereicht werden. Typisch türkisch – Die Gastfreundschaft in diesem Land scheint beinahe grenzenlos zu sein. Immer wieder erhalten wir während des Trampens kleine Geschenke von unseren Fahrern, die oftmals händeringend aus irgendeiner Ecke vorhergezaubert werden. Wassermelonen, Nüsse, Softdrinks, Granatäpfel, Orangen, Schokoladenriegel. Es kommt nicht selten vor, dass wir mit schwererem Gepäck aussteigen, als wir eingestiegen sind.

Auf den letzten Kilometern von Nevşehir nach Göreme ist es bereits Nacht. Wir schaukeln auf den abgenutzten Sitzen eines klapprigen, rostenden PKWs durch Kappadokien. Beleuchtete Tuffsteinhöhlen in skurrilen Felsformationen zeichnen sich vor uns aus der Dunkelheit ab. Es sind die ehemaligen Wohnhöhlen im Dorf Uçhisar, die nun, restauriert und herausgeputzt, als luxuriöse Hotels genutzt werden.

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mit Fatima bis nach Nevşehir

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die letzten Kilometer bis nach Göreme

Über ihnen ragt die 60 Meter hohe Felsenfestung von Uçhisar empor. Sie ist die höchste Erhebung in der kappadokischen Ebene um Göreme. Von hier aus blickt man bis weit hinein in die skurril geformte Tuffsteinlandschaft – nach Göreme und nach Spargelhausen im Love Valley. Sogar der schneebedeckte Erciyes, der Vulkan dessen ausgestoßene Asche vor 20 Millionen Jahren für die Entstehung Kappadokiens sorgte, ist in der Ferne zu sehen.

In der löchrigen Felsenfestung von Uçhisar, so heißt es, leben zur Zeit der Byzantiner, im 12. Jahrhundert, bis zu 1.000 Personen. Die Bauern von einst finden im Tuff Schutz vor feindlichen Übergriffen und dem extremen Wetter. Isoliert vor Hitze und Kälte herrschen im Inneren des Berges ganzjährig milde Temperaturen um 18°C. Sie ermöglichen ein angenehmes Leben in den gemeißelten Höhlen. Heute thront die Burg wie ein Schweizer Käse über dem Plateau, auf dem sich Kappadokiens surreale Landschaften befinden. Das Dorf ist mittlerweile jedoch aus dem Berg herausgezogen und hat sich an seinen Hängen niedergelassen. Ein paar Höhlen werden jedoch noch immer von Einheimischen bewohnt, die sich auch den Untergrund zunutze machen.

Langsam schlendern wir durch die Gassen von Uçhisar, steigen Meter um Meter den Hang hinauf, als plötzlich aus einem Loch auf Bodenhöhe eine lange Nase hervor ragt. Nur wenig später kommt der Kopf eines Esels zum Vorschein. Lustig wackeln die Ohren, während Nase und Maul zu unseren Füßen nach etwas Heu auf der Straße suchen. Wir schauen verwundert zu und wagen dann einen Blick am Esel vorbei durch das Loch. Vor uns befindet sich eine unterirdische Stallung im Tuff.

Es ist nicht die einzige in Uçhisar. Der Boden ist vielfach durchlöchert. Nicht nur hier, sondern überall in der Region. Kappadokiens Siedlungsgeschichte liegt der beispiellose Einsatz von Hammer und Meißel zugrunde. So entstehen neben der Felsenburg und den Stallungen auch tief hinabführende Untergrundstädte. Bis zu zehn Stockwerke reichen sie hinunter ins Erdinnere und bieten Platz für tausende Menschen. Küchen, Lager und Schlafräume – nichts fehlt unter Tage. Sogar Ställe für die Tiere, Leichenhallen und Schulen sind vorhanden. Weinpressen und Klosterkomplexe sorgen in den Höhlen für ein angenehmes Leben. Lüftungsschächte führen bis in die entlegensten Winkel. Sie reichen bis hinab zum Grundwasser und dienen zugleich der Trinkwasserversorgung.

In Derinkuyu, etwa 30 Kilometer südlich von Uçhisar, befindet sich die bekannteste der touristisch zugänglichen unterirdischen Städte der Region. Man sagt ihr nach, dass sie 600 verschiedene Eingänge habe. Ihre schmalen Gänge reichen bis tief hinein in die Erde. Ein Labyrinth aus Korridoren, Treppen, Nischen, großen und kleinen Räumen. Etwa 10.000 Menschen sollen hier einst gelebt haben – vielleicht ein paar mehr, vielleicht ein paar weniger. Genaue Angaben gibt es nicht. Kreuz und quer verlaufen die Gänge, steigen mal an oder fallen in engen Treppenläufen in ein tiefer liegendes Stockwerk ab.

Aufrecht stehen ist Luxus unter Tage. Die Decken sind zu niedrig, die Gänge zu schmal, um sich bequem fortzubewegen. Die Städte im kappadokischen Untergrund sind keine bewohnbare Dauerlösung. Sie gelten der damaligen Bevölkerung als Zufluchtsort vor einfallenden Horden. Rechtzeitig alarmiert verschwindet sie mit Sack und Pack vom Erdboden, um es sich darunter einigermaßen gemütlich zu machen. Mit entsprechendem Vorrat konnten es die Bewohner bis zu drei Monaten unter der Erde aushalten.

Zeit genug, um die Angriffe fremder Invasoren unbemerkt auszusitzen. Und sollten doch ein paar Verfolger auf das Versteck aufmerksam geworden sein, so versperren riesige Rollsteintüren als unüberwindliche Hindernisse die Eingänge in die unterirdische Stadt.

Heute sind die unterirdischen Städte unbewohnt. Es gibt weder Verfolger noch Verfolgte und so bleiben die Rollsteintüren geöffnet. Uns wird der Eintritt gewährt. Ein paar Lampen erhellen die Dunkelheit unter Tage, tauchen die Gänge in ein gelbes Licht. Es dauert nicht lange und wir sind im Durcheinander der Gänge verloren. Doch was zunächst etwas beängstigend wirkt, wird schnell zu einem großen Spaß. Wir starten eine Entdeckungstour durch die Anlage, zwängen uns gebückt durch lange Tunnel, laufen Stufen hinauf und wieder hinab bis wir plötzlich 50 Meter unter der Erdoberfläche in einer großen Halle stehen. Hier im (minus) siebten Stock befinden wir uns in der ehemaligen Kirche. Trotz der Tiefe ist es weder stickig noch heiß. Das alte Lüftungssystem funktioniert noch immer einwandfrei.

Wir streunen weiter durch die unterirdische Stadt, immer mit einem Lächeln im Gesicht. Es ist aufregend all die staubigen Korridore und Nischen zu erkunden. Wir tauchen in dunkle Gänge, zwängen uns durch schmale Öffnungen, die wir manchmal nur in der Hocke durchqueren können. Für einen kurzen Moment fühle ich mich wie ein Nachfahre des unerschrockenen Höhlenforschers Indiana Jones – finde in meinem Stammbaum aber keine Anhaltspunkte für etwaige Verwandtschaftsbeziehungen.

Irgendwann erlangen wir tatsächlich so etwas wie einen Überblick über die Anlage. Dort die Schlafräume, hier die Küche, über uns die Ställe und Lagerräume, weiter hinten die Versammlungsräume. Dieses unterirdische System aus Gängen, Treppen und Räumen fasziniert uns. So simpel und doch so eindrucksvoll. Allein durch kratzen, meißeln und schlagen entstanden bewohnbare Höhlensysteme, die in diesem Ausmaß ihres Gleichen suchen. Negativbauten der ersten Güte. Wir sind mitten im Tuff und staunen.

 

Kappadokien in drei Teilen

Teil 1: Leben im Untergrund

Teil 2: Neues aus Spargelhausen

Teil 3: Mit dem Heißluftballon über Kappadokien


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