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Zwischen urbaner Ruinenkultur und Habsburger Herrlichkeit

Budapest und das Partyvolk


22. September 2014
Ungarn
4 Kommentare

Ich muss lachen. Natürlich musste es so kommen. Natürlich.

Nachts um 22 Uhr stehen wir im Dunkeln vor einer schwarzen, schweren Tür in Budapest. Hier irgendwo in diesem Haus soll unser Gastgeber István wohnen.

Zwei volle Tage lang haben wir in der Hoffnung auf eine Mitfahrgelegenheit an der Straße verbracht, haben die Nacht in unserem Zelt an der Tankstelle gelegen, haben kaum eine Handvoll Stunden geschlafen. Um vier Uhr morgens sind wir aufgestanden. In Dunkelheit und eisiger Kälte haben wir sämtliche LKW-Fahrer-Häuschen besucht. Ohne Erfolg. Es dauerte eine Ewigkeit bis die Sonne aufging, bis sie Kälte und Dunkelheit vertrieb. Später haben wir uns etliche Stunden in der prallen Sonne am Straßenrand die Beine in die hungrigen Bäuche gestanden, haben stundenlang vorbeirasende Autos verzweifelt angelächelt. Nun sind wir endlich in Budapest. Ich will nur noch duschen, essen, schlafen und hoffen, dass mir mein Körper die letzten beiden Tage verzeihen möge.

Ungarns Nationalgetränk: Pálinka

István wohnt in einer 3-Mann-Studenten-WG. Während der letzten Fahrt, die uns überraschender Weise bis direkt an unser Ziel führt, vermischen sich Erschöpfung und Euphorie. Wir witzeln. Was ist, wenn wir direkt in Budapest feiern gehen würden? Es ist Mittwochabend. Istváns Mitbewohner öffnen uns die Tür. Zwei blasse, schüchterne Jungs um die 20, die sich schnell wieder in ihre Zimmer zurückziehen – zum Lernen. Ich betrachte gerade kopfschüttelnd mein zerstörtes Spiegelbild, meine geröteten, müden Augen, als eine SMS von István eintrudelt. Er kommt in ein paar Minuten nach Hause, hat noch zwei andere Couchsurfer im Schlepptau und möchte mit uns auf ein paar Bier in die Kneipe gehen.

Wir schauen in unsere von Müdigkeit gezeichneten Gesichter und fangen zeitgleich an verzweifelt zu lachen. Keine 10 Minuten später stehen wir bereits an der Theke einer Bar im Bezirk VII – Budapests berüchtigter Ausgehmeile – und trinken Pálinka mit Kirschgeschmack. Ungarns berühmter Obstschnaps hat über 50% Alkohol und soll unsere müden Geister wecken.

István ist ein liebenswerter, aufgedrehter kleiner Kerl, spricht mit den dicken Vokalen und ungebändigtem Enthusiasmus eines US-Amerikaners und redet wie ein Wasserfall. Begleitet wird er von zwei jungen polnischen Mädchen. Couchsurfern, denen er keine Schlafmöglichkeit, dafür aber eine wilde Partynacht versprach. Heute ist ihr letzter Abend und sie wollen ordentlich die Sau rauslassen.

Ruinenbars: Vom Untergrund zum Establishment

Die Pálinka haben unsere Lebensenergien wieder geweckt. Irgendwo lümmelten wohl doch noch versteckte Kraftreserven. Wir landen im Szimpla, der wohl bekanntesten Ruinen-Bar in Budapest. Hier, in der löchrigen Außenhülle einer ehemaligen Ofenfabrik, wurde einst illegal zu Partys geladen. Illegal und geheim ist hier heute gar nichts mehr. Der Lonely Planet kürte das Szimpla zur drittbesten Kneipe der Welt. Der Höhepunkt der hippen Schäbigkeit wird hier nun jeden Abend zelebriert. Das Szimpla ist genauso riesig wie beeindruckend, genauso heruntergekommen wie perfekt, genauso seltsam wie anziehend. Unzählige Räume, verwinkelte Etagen, wackelige Wendeltreppen, riesige Sofas, Wasserpfeifen, Schrott und Kunst, Rost und Nippes – alles vereint sich zu einem ungewohnten, aber stimmigen Ganzen.

Lärmende, betrunkene Touristen bestimmen das Bild. István ist der einzige Ungar weit und breit. Es gibt Bier und Wein und noch mehr Wein und Bier. Unsere kleine Gruppe hat sich ungeplant vergrößert. Türken, Deutsche, Holländer und Amerikaner sitzen quatschend an unserem großen Tisch, als wir gemeinsam beschließen weiter zu ziehen.

Draußen wanken uns zwei völlig betrunkene Australier entgegen. Er lallt irgendetwas, kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Sie ist völlig am Ende. Die Haare zerzaust, die Schminke verlaufen, das Kleid halb geöffnet, kann sie ohne Hilfe keinen Fuß mehr vor den anderen setzen. Ihr massiger Körper wird kaum noch von ihrem Kleid in Schach gehalten. Offenbar sind die beiden dringend auf der Suche nach etwas zu essen. István zeigt auf einen günstigen Laden, der die Straße weiter runter Pizzastücke verkauft. Doch der Australier ist ausdrücklich auf der Suche nach einem romantischen Restaurant. Wir entfernen uns lachend und etwas beschämt. Kurze Zeit später sehen wir die Australierin ihre schwabbeligen Arme in die Luft reißen. Freudig schreit sie „PIZZAAA“ in die dunkle Nacht hinaus.

Wir landen im Instant. Einer weiteren Ruinen-Bar, diesmal mit einer riesigen Tanzfläche, über der eine weiße Eule hängt und verstörende Kaninchenfiguren in einem Netz gefangen sind. Unten tanzt eine schwitzende Masse Touristen zu Partymusik – gerne auf der Suche nach einem romantischen Stelldichein. Auch das Instant ist groß und verwinkelt. Hinter jeder Ecke findet man einen weiteren Tanzbereich, andere Räume, Kicker-Tische, knutschende Pärchen, noch eine Theke, kotzende Männer.

Hitchhiking2India

das Instant

Anders als István müssen wir uns am nächsten Morgen zum Glück nicht zur Uni quälen, sondern schälen uns gegen Mittag entspannt aus unseren Schlafsäcken auf der Couch im Wohnzimmer.

Wunderschönes Buda, herrliches Pest

Wir lassen es langsam angehen, schlendern durch Pest, den Teil der Stadt, der sich durch die Donau von ihrem Bruder Buda trennt. István wohnt nur wenige Hundert Meter vom riesigen Parlamentsgebäude Budapests entfernt. Mit seinen unzähligen Türmchen erinnert es ein wenig an den Palace of Westminster in London. Die Stadt ist entspannt. Die unzähligen Touristenströme, die ich befürchtete, bleiben aus. Der Bezirk VII wirkt tagsüber wie ausgewechselt. Die Partytouristen liegen noch in ihren Hostelbetten. Der Besucherandrang der übrigen Touristen verläuft sich in den breiten Boulevards von Pest und entlang des schönen Donauufers, das gesäumt ist von den Prachtbauten der Habsburger Dynastie. Neun Brücken führen insgesamt über die breite Donau, die in der Spätsommer-Sonne glitzert wie englischer Tee mit ein bisschen zu viel Milch.

Imposant und mächtig führt uns die Kettenbrücke über den Fluss nach Buda. Buda unterscheidet sich stark von der flachen, geschäftigen Pest-Seite. Statt breiter Alleen bestimmen hier enge mittelalterliche Gassen das Stadtbild, es ist hügelig und grün, kleine Häuschen, statt großer Prachtbauten. In den schmalen Straßen verläuft sich der Besucherandrang nicht mehr ganz so leicht wie in Pest. Es wird eng zwischen Matthiaskirche, Fischerbastei und Burgviertel.

Bis zum Bezirk VIII, so erzählt uns István abends bei einem weiteren Bier, sind die Partytouristen noch nicht vorgedrungen. Früher galt der Bezirk bei den Bewohnern Budapests als verpönt. Der hohe Ausländeranteil in dem früheren Industrieviertel und die vermeintlich hohe Kriminalitätsrate schreckten ab. Später entwickelte sich dann genau hier eine Szene, die sich gerne als unkonventionell bezeichnet. Heute findet man in dem alten Pester Stadtteil zahlreiche ehemalige Paläste und Museen, versteckt zwischen unsanierten Häusern aus der Jahrhundertwende, umfunktionierten Lagerhallen und einer lebhaften Kneipen- und Kulturszene fernab von Touristenkotze und Partyvolk aus dem Billigflieger.

Den dritten Abend möchten wir eigentlich mal ohne Feierei, Wein und Bier überstehen, doch das ist in Budapest nur schwer möglich. István ruft uns an. Zwei weitere Couchsurfer aus Deutschland sind heute bei ihm in der Wohnung angekommen. Da er heute keine Zeit hat, könnten wir ihnen doch ein paar Ruinen-Bars im berüchtigten Bezirk VII zeigen. Mit Lena und Laurin trinken wir ein paar Bier auf dem Elisabeth-Platz. Trotz Alkohol-Verbots in der Öffentlichkeit, um das sich in Budapest aber sowieso niemand schert, ist das hier der offizielle Vorglüh-Platz für junge Ungarn. Am künstlich angelegten Wasserbecken, auf Wiesen und Bänken tummelt sich hier an einem Samstagabend gefühlt die halbe Stadt. Wir gönnen uns eine Wasserpfeife zu kühlem Weißwein im Szimpla. Der Granatapfel-Duft umgibt uns lieblich und schwer. Dann ziehen wir weiter. Weitere Ruinen-Bars warten heute Nacht auf uns. Das Kuplung, eine ehemalige Autowerkstatt und das Racskert, ein ehemaliger umzäunter Autoabstellplatz, laden ein zu Bier und Wein.

Die heilenden Quellen von Budapest

Wir brauchen dringend Entspannung. Von den unzähligen Thermalbädern in Budapest, entscheiden wir uns für das Széchenyi-Heilbad. Das wunderschöne, über 130 Jahre alte Bad ist eines der größten Thermalbäder Europas. Den ganzen Tag verbringen wir zwischen Sauna und Dampfbad, verschieden temperierten Becken und wohltuenden Wassermassagesäulen für Rücken, Nacken und Füße. Traumhaft.

Hitchhiking2India

Széchenyi-Heilbad

Zuhause angekommen, steht unsere WG schon in den Startlöchern. An unserem letzten Abend kommen wir natürlich nicht um eine Menge Wein und Bier, einigen Cuba Libres und einem Bad in der schwitzenden Menge im Instant herum.

Getting Lost – verirrt in Ungarn

Wie es abzusehen war, stehen wir am nächsten Tag nicht wie geplant früh morgens, sondern eher in den frühen Nachmittagsstunden an einer Schnellstraße in Budapest mit Ziel Serbien. Genau dort sitzt auch schon Lubo, ein weiterer Tramper, der von Budapest nach Sofia in Bulgarien möchte. Was er uns erzählt, macht uns unruhig. Er warte bereits seit über fünf Stunden hier, ohne Erfolg. Als er heute Morgen hier ankam, traf er auf ein deutsches Pärchen, das nach ganzen zwei Tagen erfolglosen Wartens dann doch lieber den Bus genommen hat. Wir befürchten Schlimmes, gar eine Odyssee wie in der Slowakei. Doch wir haben Glück. Nach etwas mehr als einer Stunde hält ein Auto für Lubo. Er kann den Fahrer überreden auch uns beide an eine Tankstelle etwa 30 Minuten weiter südöstlich zu bringen. Dort versucht Lubo sein Glück auf dem Seitenstreifen der Autobahn. Für uns hält trotz mäßigen Verkehrs nach etwa 1,5 Stunden ein Ungar, der uns in Höchstgeschwindigkeit an eine Autobahn-Tankstelle kurz vor Szeged, an der ungarisch-serbischen Grenze bringt. Gegen 18 Uhr erreichen wir die Tankstelle. Hier halten alle paar Minuten hilfsbereite Rumänen für uns, von Serben fehlt jedoch jede Spur. Mit der Dämmerung kommen die Mücken. Wir sind zufrieden mit unserem Tagesziel und bauen unser Zelt auf.

Am nächsten Morgen entdecken wir zwei weitere Tramper aus Spanien und Estland an der Tankstelle. Auch sie wollen nach Serbien. Doch die Situation scheint hoffnungslos. Unter den vielen Autos befinden sich nur Ungarn und Rumänen. Niemand, der an dieser Tankstelle hält, fährt nach Serbien. Nach fast fünf Stunden Warten sind wir restlos bedient und entschließen uns zu mehr Risiko. Von einem Kleinbus voller Bulgaren lassen wir uns die paar Kilometer bis zum Autobahnkreuz Rumänien-Serbien fahren. Wir stehen jetzt quasi mitten auf der Autobahn, hinter der Leitplanke, und sind uns durchaus bewusst, dass das weder besonders sinnvoll noch besonders lebensbejahend ist. Natürlich hält niemand. Nach knapp zwei Stunden werden wir nicht gerade zaghaft von der ungarischen Autobahnpolizei weggescheucht. Unmissverständlich werden wir, mit Argusaugen beobachtet, die Betontreppe an einer nahegelegenen Autobahnbrücke hochgeschickt. Orientierungslos betrachten wir die endlose Landstraße und gehen auf Geratewohl nach rechts, bis wir total zermürbt an einem kleinen Kreisverkehr ankommen.

Noch 5 Kilometer bis nach Szeged. Uns ist mittlerweile alles egal. Wir sterben vor Hunger. Kurzerhand setzen wir uns an den Straßenrand, holen unseren Gaskocher raus und machen uns Nudeln. Die vorbeifahrenden Autos sehen uns an, als seien wir zwei Penner mit großen Rucksäcken. Genauso fühlen wir uns auch. Doch das Glück kehrt zu uns zurück. Mit einigermaßen gestilltem Hunger warten wir keine fünf Minuten, bis uns ein junges Mädchen bis nach Szeged fährt. Dort fragen wir uns zur Autobahnauffahrt durch. Mittlerweile ist es nach 17 Uhr. Doch relativ schnell hält ein freundlicher Ungar, der uns, so sagt er, an eine Tankstelle auf der Autobahn bringen möchte. Wir steigen ein. Kurz bevor er Richtung Budapest abbiegen muss, fällt ihm allerdings auf, dass es auf diesem Streckenabschnitt gar keine Tankstelle gibt.

Trotz zaghaften Protests unsererseits hält er auf der Autobahn auf dem Seitenstreifen und lässt uns raus. Völlig perplex stehen wie wieder mitten auf der Autobahn. Der Seitenstreifen scheint noch schmaler, die Autos rasen hier noch schneller. Hinter die Leitplanke fällt die Böschung steil bergab. Wir stürzen mit unseren Rucksäcken hinunter und landen inmitten von Büschen, Sträuchern, Dornen und Matsch. Wir können es nicht fassen. Eine ganze Zeit lang schlagen wir uns durch die dornigen Sträucher im Graben, sind schnell völlig verkratzt und können selbst nicht glauben, was wir hier gerade tun.

Bei der ersten Möglichkeit steigen wir mühsam über einen Zaun, der die Böschung von einem breiten Weg parallel zur Autobahn trennt. Es dämmert bereits. An irgendeiner unscheinbaren Straße angekommen, wissen wir nicht mal, in welche Richtung wir den Daumen recken sollen. Doch in der Not hält das erste Auto. Wir werden bis nach Szeged gefahren. Mittlerweile zum dritten Mal. Es ist fast 21 Uhr und wir sind immer noch da, wo wir gestern Nachmittag angekommen sind. In Szeged.

Auf einer Wiese in der Stadt bauen wir unser Zelt auf. Dieser Tag soll nur noch vorbei gehen. Doch auch dies entpuppt sich als Fehler. Um fünf Uhr morgens weckt uns lautes Stimmengewirr. Der kleine Trampelpfad neben unserem Zelt, so stellt sich heraus, ist Abkürzung und Hauptverkehrsader aller Bewohner Szegeds zugleich, die frühmorgens zu Fuß zur Arbeit gehen. An zwei Bushaltestellen, keine 100 Meter vom Zelt entfernt, wartet die restliche Stadt in großen Mengen auf ihren Bus. Als ich umständlich aus dem Zelt in die Kälte des beginnenden Tages steige, starren mich plötzlich über 50 Augenpaare befremdlich an. Schnell bauen wir, unter vielen neugierigen Blicken, unser Zelt ab und machen, dass wir wegkommen.

Wir fragen uns durch bis zur Landstraße Richtung Serbien. Wir haben genug von der Autobahn und wollen nun nach Röszke, direkt an der serbischen Grenze. Doch gerade als wir zu Fuß zum Stadtrand losstapfen wollen, hält ein Transporter. Bis zum Kreisverkehr nach Röszke werden wir mitgenommen. Auch da warten wir nur knappe 10 Minuten. Endlich haben wit etwas Glück. Nachdem wir beinahe 1,5 Tage in und um Szeged herumgeirrt sind, verlassen wir endlich diese Stadt. Der junge Mann, der für uns hält, nimmt sogar einen Umweg in Kauf und fährt uns bis direkt an den Grenzübergang.

Hallo Serbien.

 


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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  • 3. Januar 2015

    Hallo Rochssare, Hallo Morten,

    Euer Artikel über Budapest und Co. ist wirklich absolut gut! 🙂 Wir freuen uns, wenn Ihr unsere Heimatstadt so toll gefunden habt. Die Bilder sind übrigens ebenso klasse. Vielleicht kommt Ihr ja mal wieder nach Budapest. Dann auf jeden Fall einmal das Musikfestival besuchen.

    Lieben Gruss
    Agnes


    • nuestra america
      6. Januar 2015

      Vielen Dank, liebe Agnes, wir freuen uns, wenn wir euch mit unserem Text eine Freude machen konnten. Wir wollen auf jeden Fall einmal wieder nach Budapest. Sziget steht schon seit Jahren auf unserer europäischen to-do-Liste.