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Belgrad, Serbien

Zwischen Postsozialismus und osmanischen Leckereien


26. September 2014
Serbien
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Mit strengem Blick mustert uns der Beamte. Seine Augen wandern über unsere Köpfe hinaus, bis dorthin, wo die großen Rucksäcke enden. Ein müdes Gähnen, dann rumst der Stempel zwei Mal auf die dicken Seiten der Reisepässe. Wir betreten soeben Serbien.

Kalter Wind weht uns entgegen. Wir sind in Osteuropa. Es herrscht nicht gerade Hochbetrieb am Grenzübergang und auch für uns interessiert sich zunächst niemand. Als wir jedoch versuchen direkt an der Grenze eine Mitfahrgelegenheit zu finden, signalisiert uns ein Beamter mit scharfem Pfiff, dass er dies für keine tolle Idee hält. Stattdessen schickt er uns zur nächsten Tankstelle – einen Kilometer entlang der Schnellstraße. Wurden wir in Ungarn von der Autobahnpolizei noch barsch darauf aufmerksam gemacht, dass wir als Fußgänger nichts auf einer Schnellstraße verloren hätten, so ist es in Serbien die Autorität selbst, die uns dazu ermutigt den Seitenstreifen zu benutzen.

An der Tankstelle angekommen warten wir nicht lange, als bereits der erste PKW ganz unerwartet und mitten auf der Schnellstraße neben uns bremst. Der Fahrer – Mitte 20, Glatze, Sonnenbrille – ist ganz euphorisch. Er will uns unbedingt mitnehmen, ohne überhaupt genau zu wissen, wohin wir wollen. Wir steigen ein, ohne zu ahnen, dass die Fahrt nach gerade mal fünf Minuten auch schon wieder beendet ist. Der serbische Pitbull, so stellt sich unser Fahrer selbst vor, verlässt lachend und gut gelaunt die Schnellstraße. Wir bleiben auf der Abfahrt zurück.

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der serbische Pitbull

Wilde Wiesen umgeben uns, die vom asphaltierten Grau der Straße durchschnitten werden. Der Wind weht noch immer unablässig, doch mittlerweile steht die Sonne schon recht weit über dem Horizont. Die Temperatur nähert sich langsam einer halbwegs erträglichen Untergrenze.

Es dauert nicht lange und ein Kleinbus hält mitten auf der Autobahn. Alex, so hoch wie ein Baum und mit Händen so groß wie Schaufelblätter, sitzt hinter dem Steuer. Ein wahrer Riese. Und wie ich noch darüber nachdenke, was man mit so einem hünenhaften Körper anstellen kann, bekomme ich auch schon die Antwort frei Haus geliefert. Der Gigant neben mir ist Fußballtorwart. Einst stand er für Partizan Belgrad und Vojvodina Novi Sad in der ersten serbischen Liga zwischen den Pfosten. Doch diese Zeiten sind vorbei, die Karriere beendet. Heute befördert Alex hauptberuflich Personen und ist regelmäßig zwischen Wien und Belgrad unterwegs.

Die letzten Kilometer bis nach Belgrad werden für uns alle schwer. Jeder kämpft gegen die eigene Müdigkeit. Vor allem Alex muss kämpfen. Knapp 1.200 Kilometer hat er in den letzten 20 Stunden zurückgelegt. Belgrad – Wien – Belgrad. Ohne Schlaf.

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Alex – früher Fußballprofi, heute Chauffeur

Belgrad ist keine klassische Schönheit. Wir treiben im Stadtverkehr durch Neu-Belgrad am linken Ufer der Save. Wolkenkratzer ragen in den Himmel. Betonwände mit kleinen Balkonen. Grau und schmutzig. Nicht mal auf den zweiten Blick wirkt Belgrad irgendwie anziehend. Zumindest nicht, wenn man ästhetische Werte zur Grundlage nimmt. Hier kümmert sich niemand um die Instandhaltung der Dinge. Hier wird nichts ausgebessert, restauriert oder übergepinselt, nur um anderen zu gefallen.

Belgrad ist eine benutzte Stadt. Westeuropäische Sterilität sucht man hier vergebens. Zwischen all dem herunterbröckelnden Putz, den getrockneten Regenwasserspuren an den Wänden und den rostigen Gittertoren prangen immer wieder bunte Graffitis. Sie geben der Stadt ein Gesicht, sind die Schminke vor der rauen Wirklichkeit.

Während in der Europäischen Union die Konformität vorangetrieben wird, bleibt Serbien noch immer sympathisch eigensinnig. Kleines Beispiel gefällig? Hier wird noch überall geraucht. Die Tavernas, Belgrads traditionelle Bars und Restaurants, sind noch nicht dem europäischen Gesetzeseifer ausgesetzt. Die Kombo aus Zigarette und Bier ist noch absolut üblich. Männer sitzen vereinzelt an Tischen mit rot-weiß karierten Decken. Sie sprechen wenig, ziehen aber umso häufiger an den Glimmstängeln zwischen ihren vom Nikotin vergilbten Fingern. Vor ihnen auf dem Tisch liegt die angebrochene Packung. Ersatzpackung inklusive.

Zwei junge Frauen spazieren herein. Neonorange leuchten ihre künstlichen Fingernägel, die mehr schlecht als recht auf dem natürlichen Nagel festgeklebt sind. Sie bestellen Wein und entzünden sogleich ihre Super Slim.

Am Nachbartisch sitzt eine Gruppe trinkfreudiger Serben über Bier und Rakija. Auch hier löst sich Tabak in Rauch auf. In kurzer Zeit versinkt das gesamte Restaurant in einem blauen Dunstschleier. Am späten Abend kratzt es im Hals und brennt in den Augen.

Draußen zieht ein kühler Wind durch die Gassen. Auf der Kneza Mihaila, der Einkaufsstraße im Zentrum Belgrads, flanieren Touristen und Einheimische gleichermaßen an den internationalen Restaurants und hippen Cafés vorbei. Plötzlich ist die Stadt ganz sauber, hübsch und ordentlich. Doch nur eine Querstraße weiter verfällt dieses Abziehbild westeuropäischer Innenstädte wieder in all seine Einzelteile zusammen.

Dann ist Belgrad wieder ganz es selbst. Zigarettenkippen liegen auf der Straße, leere Weinflaschen lehnen an Abfalleimern, klapprige Straßenbahnen fahren quietschend an uns vorbei. Beim Bäcker an der Ecke lassen wir uns feine Baklava und Burek schmecken, das die Serben gerne als lokale Delikatesse und nationale Speise anbieten. Dabei verheimlichen sie jedoch, dass das große Osmanische Reich in der Vergangenheit einmal bis hierher reichte und noch immer Spuren in der serbischen Kultur, vor allem aber in der serbischen Küche hinterlassen hat. Wir sind mittlerweile Istanbul näher als Brüssel.

Nicht weit entfernt erhebt sich die Festung Kalemegdan über dem Zufluss der Save in die Donau. Die dicken Mauern des weitläufigen Geländes sind beliebte Ausflugsziele für Sonnenanbeter und all diejenigen, die einen Blick über die Stadt werfen möchten. Neu-Belgrad mit seinen Bank- und Wohngebäuden liegt genau gegenüber. Über allem thront die Sieger-Statue, die Statue des Pobednik. Einst mitten in der Stadt aufgestellt, war der spärlich bekleidete Körper aus Stein ein paar Belgradern dann wohl doch ein Dorn im Auge. Die Statue musste weichen und befindet sich seitdem an prominenter Stelle innerhalb der Festungsmauern.

Doch sie ist nicht der einzige dauerhafte Gast der Anlage. Einige Panzerfahrzeuge und schwere Geschütze – zusammengetragen aus den Kriegen des letzten Jahrhunderts – dürfen ebenfalls bestaunt werden.

Obwohl Belgrad mit 1,4 Millionen Einwohnern die mit Abstand größte Stadt des Landes ist, hat sie sich einen entspannten Charakter bewahrt. Es geht gemütlich zu. In dieser langsamen Unbeschwertheit der letzten warmen Sommertage spazieren wir entlang der Donau. An ihrem Ufer liegen dutzende Hausboote – Cafés, Restaurants, Bars, Clubs. Die Ausgehmeile der Stadt schaukelt in gemächlicher Wellenbewegung vor sich hin.

Wir schlendern den Fluss hinauf bis nach Zemun (oder auch Semlin). Heute Stadtteil Belgrads, war der Zemun in den dunklen Zeiten des Mittelalters die südliche Grenze des Königreichs Ungarn und später Grenzstation zwischen Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich. Stets im Schatten des einflussreicheren Belgrads, wurde Zemun nie Opfer der Zerstörung und so schmücken den alten Stadtkern noch immer schmale Gassen und hübsch anzusehende Häuschen. Wie hässlich die Beton- und Plattenbauten Belgrads mittlerweile um Zemun herum wuchern, lässt sich besonders eindrucksvoll von der Aussichtsplattform des Millennium-Turms beobachten. Errichtet zur Tausendjahrfeier Ungarns 1896 bietet er seit jeher einen großartigen Blick über Zemun und die ruhig dahinfließende Donau.

Zurück im Zentrum Belgrads kommen wir am Dom des Heiligen Sava vorbei. Der imposante Bau gilt als die größte orthodoxe Kirche Südosteuropas. Seit beinahe 100 Jahren wird bereits an dem Gebäude gewerkelt. Zunächst nur theoretisch – nach einigem Hin und Her auch praktisch. Heute befindet sich die Inneneinrichtung noch immer im Rohbau. Wer schon immer mal wissen wollte, wie eine Kirche aussieht, wenn sie weder fertig dekoriert noch eingerichtet ist, dem sei dieser Dom sehr als Herz gelegt.

Die Abende verbringen wir mit unserem Gastgeber Mirko, der uns jedes Mal eine andere Taverna vorstellt. Zum serbischen Bier gibt es überall auch serbische Küche – Fleisch in verschiedenen Varianten. Eine Band spielt melancholische Folklore und je mehr Alkohol durch die Adern der trinkenden Gäste zirkuliert, desto rührseliger wird die Stimmung. Irgendwann grölt der halbe Saal die traurigen Lieder der Musiker mit. Hinter einem dichten Schleier aus Zigarettenqualm prostet man sich gegenseitig zu.

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Taverna in Belgrad

Zu kühlem Lav und mit vor Qualm geröteten Augen lassen wir uns Serbien in all seinen Besonderheiten erklären. Eigentlich ist es gar nicht so schwer, das Land zu verstehen, lässt uns Mirko mit einem Augenzwinkern wissen, denn: Serben haben immer Recht – zumindest glauben sie das von sich selbst.

Dann wird er aber doch ein bisschen ernster und spricht von der Zerrissenheit eines Landes, dass nicht weiß, ob es eher zur Europäischen Union oder doch lieber in Richtung des Kremls tendieren soll, über Politiker, die sich kaufen lassen, über die historisch stets guten Beziehungen zu Russland und die NATO-Bomber von 1999. Wir sprechen über den Kosovo genauso wie über die Krim und stellen auffallende Ähnlichkeiten fest. Wie war das noch mit dem Völkerrecht?

Zurück zuhause lässt es sich Mirko dann nicht nehmen uns in seine Rakija-Sammlung einzuführen. Noch immer schwirrt uns die Folklore im Kopf herum und so verbringen wir unsere letzten Stunden in der serbischen Hauptstadt und schütten unaufhörlich Hochprozentiges in uns hinein. Živeli Beograd! Prost Belgrad! Auf dein Wohl.

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mit unserem Gastgeber Mirko


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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