Ankara, Stadt der zwei starken Männer 1/2

Atatürk in Ankara


2. Juli 2017
Türkei
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An diesem Morgen wachen wir nur sehr langsam auf. Es ist das Gefühl von müder Wonne, das uns nicht aus dem Bett steigen lässt. Die vergangenen Tage waren anstrengend, die letzte Nacht im Zelt alles andere als erholsam. Nun liegen wir unter weichen, dicken Daunendecken, die uns sacht auf die Federkernmatratze unter uns drücken. Ich recke mich, ziehe meine Wirbel auseinander, fühle mich gut dabei. Ein neuer Tag beginnt.

Blumig-bitterer Kaffeeduft wabert in unsichtbaren Schwaden durch den Flur, zieht uns mit unwiderstehlicher Kraft in die Küche. Dort finden wir Buğu, eine zierliche junge Frau mit braunen Haaren und einem leicht verlegenen Lächeln. Buğu und ihr Ehemann Serdar sind unsere Gastgeber hier in Ankara. Gemeinsam decken wir den Frühstückstisch. Das Aroma des frisch aufgebrühten Kaffees zieht in meine Nase und ich fühle mich zuhause. In der Küche schneidet Buğu Brot, Gurken und Tomaten, zu ihren Füßen spielt ihr vierjähriger Sohn Tuna. Tuna? Wir können ein überraschtes Schmunzeln nicht unterdrücken. Der Name bedeutet im Türkischen „prachtvoll“ oder eben auch Thunfisch. Beides hängt irgendwie zusammen. Bei einem Gewicht von bis zu 700 kg ist das Meerestier nicht weniger prachtvoll als der Name unseres Mini-Gastgebers.

Trotz aller namensgebenden Lorbeeren ist Tuna ein kleiner, schüchterner Junge. Ein bisschen zu blass, ein bisschen zu schmal. Noch ist wenig Prächtiges an ihm, doch dem kleinen Mann gehört die Zukunft. Buğu und Serdar sind liebevolle Eltern. Besonders Buğu umsorgt Tuna rund um die Uhr hingebungsvoll. Auch zu uns ist sie ausgesprochen fürsorglich. Dass wir ihre Gäste sein dürfen, macht sie so fröhlich wie uns, denn Buğu hat eine innige Beziehung zu Deutschland. Es ist noch nicht lange her, da studierte sie in Berlin. Berlin! Unsere Stadt – das weckt auch bei uns Gefühle der Zusammengehörigkeit und so sind wir gerne bei ihr zu Gast. Gemeinsam sitzen wir im sechsten Stock eines Wohnhauses am Frühstückstisch, essen Simits und krosses Weißbrot, Käse, Eier, Tomaten, Gurken. Kaffee trinken wir aus einer bunt zusammengestellten Tassenkollektion. Das grüne Ampelmännchen marschiert auf der einen, die türkische Flagge weht auf der anderen. Buğus Hände umschließen eine mit einem Foto bedruckte Tasse. Darauf sind Schülerinnen zu sehen, die vor einer Tafel posieren, auf der in bunten Buchstaben „Viele Dank Frau Lehrerin“ zu lesen ist. Es ist ein Geschenk, das Buğu, von Beruf engagierte Deutschlehrerin, vor wenigen Tagen von ihrer Klasse zum Öğretmenler Günü, dem türkischen Lehrertag am 24. November, erhielt. In der Türkei ist der Lehrertag etwas Besonderes, ein Tag an dem die Schüler sich bei ihren Lehrern für die Unterstützung und Vermittlung von Wissen und Kompetenzen bedanken (sollen). Normalerweise überreichen sie Blumensträuße oder Dankeskarten. Doch für Buğu gibt es außerdem Schokolade und die Kaffeetasse mit dem Foto ihrer Klasse. Buğu ist beliebt und stolz hält sie ihr Geschenk in den Händen. Auch ihr ist der Grammatikfehler nicht verborgen geblieben, der Teufel steckt halt im Detail. Sie schmunzelt. Ja, demnächst wird der Unterrichtsstoff angepasst.

Straßenszene, Ankara, Türkei

Straßenszene in Ankara

Nach dem Frühstück zeigt uns Tuna das Repertoire seiner Spielsachen und mit dem Kleinen sind wir abwechselnd Fußballer, Flugzeugpiloten oder Rennfahrer. Tuna ist ein zurückhaltendes Kind, kein ungestümer Draufgänger, eher ein abwartender Beobachter. Die große Stärke des Vierjährigen liegt im Betrachten seiner Umwelt. Früher, so erzählt uns Buğu, war ihm der Kontakt zu anderen, unbekannten Menschen unangenehm. In der Gegenwart von Fremden war Tuna ängstlich, zog sich häufig zurück. Doch mittlerweile akzeptiert er die Tatsache, dass er mit seinen vier Jahren noch einige fremde Gesichter kennenlernen wird und mustert nun jeden „Neuankömmling“ mit großer Aufmerksamkeit.

Auf uns wirkt der kleine Mann trotz seines kränklichen Äußeren recht zufrieden, wenn auch ein wenig zu schüchtern. Dazu tragen wohl auch Buğus Mutterinstinkte bei. Sie ist ständig besorgt um ihren Sohn. Beim geringsten Husten vermutet sie bereits eine ernsthafte Krankheit. Schon Kleinigkeiten machen sie panisch. Erst wenn Tuna das schüchterne Lächeln lächelt, das er von seiner Mutter geerbt hat, beruhigt sich auch Buğu wieder und kehrt mit einem tiefen Seufzer zur Normalität zurück.

Draußen in den Straßen Ankaras herrscht winterliche Kälte. Der Asphalt ist nass vom geschmolzenen Schnee, der Himmel klar, die Häuser grau, die Menschen eingepackt in dicke Jacken und warme Schuhe. Ankara ist funktional. Wohnbezirke, Geschäftsviertel, Banken, Bürotürme, Einkaufszentren, ausländische Botschaften, Restaurants, Cafés, alles hat einen Nutzen. Fünf Millionen Einwohner zählt die Hauptstadt des Landes, jeder 111. von ihnen lernt an einer der zehn Universitäten. 45.000 Studenten erwecken die Stadt zum Leben, diktieren ihr einen jugendlichen Rhythmus und ein gebildetes Flair. Dabei ist Ankara nicht gerade mit Schönheit gesegnet. Ihre Sehenswürdigkeiten sind pathetisch, sind national. Hübsch sind sie nicht. Die Fassaden der Stadt zieren Reklametafeln, Klimaanlagen, Schaufensterfronten.

Ankara, Türkei

Fassade in Ankara

Ein Vergleich mit anderen türkischen Großstädten, vor allem mit Istanbul, der großen Metropole am Bosporus, verbietet sich. Ankara liefert keinen Stoff für phantastische Legenden aus vergangenen Jahrhunderten. Die Stadt ist geschichtlich völlig unverbraucht.

Das heißt natürlich nicht, dass hier nie etwas los war. Wie so viele Städte der Türkei, lag auch Ankara auf den wichtigen Nord-Süd- und Ost-West-Handelsrouten. Alexander der Große war hier, die Römer, die Byzantiner, die Perser, die Araber und schließlich im 11. Jahrhundert die Seldschuken, ein türkischer Volksstamm, mit dem sich die heutigen Türken in einer direkten Ahnenlinie verbunden sehen. Doch dann versinkt die Stadt in staubiger Bedeutungslosigkeit. Allein die Angoraziegen, die hier im 13. Jahrhundert kultiviert werden, sorgen dafür, dass Ankara, oder Angora, wie es damals heißt, nicht komplett aus dem Gedächtnis der Zeit verschwindet.

Jahrhunderte vergehen und vielleicht wäre Ankara nie wieder über den Hirtenstatus hinaus gekommen, wenn sie nicht 1920 ganz unerwartet erneut in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt wäre. Es ist die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Ein gigantischer Vielvölkerstaat sieht sich den Konsequenzen einer fehlerhaften Entscheidung ausgesetzt. Gemeinsame Sache mit den Deutschen und Österreich-Ungarn gemacht zu haben, zahlt sich für das stolze Osmanische Reich nicht aus, verwandelt es in einen Scherbenhaufen. Das Sultanat ist nur noch ein Konkursmasse, ein Verlierer des Krieges, der nun von den Siegermächten aufgeteilt wird. Neue Nationen entstehen – Syrien, Irak und Libanon sind nur drei der neuen Namen auf der Landkarte.

Anıt Kabir, Ankara, Türkei

vor dem Mausoleum Atatürks

Legitimiert durch das Friedensabkommen von Sèvres besetzen Frankreich, England und Italien die ihnen zugeteilten Gebiete Anatoliens; Griechenlands Armee freut sich über Izmir. Die türkische Bevölkerung findet den Friedensvertrag dagegen weniger angenehm. Religiös-konservative Kräfte, Nationalisten und Liberale schimpfen, wenn auch aus verschieden Gründen, gleichermaßen auf die neu geschaffene Situation. Es bildet sich Widerstand und die europäischen Besatzer finden sich plötzlich in einem von starrköpfigen Türken geführten Guerillakrieg wieder.

Ein türkischer General nimmt sich dem Widerstand an, koordiniert die lokalen Gruppen und baut eine Führungsebene in Ankara auf. Sein Name ist Mustafa Kemal, der später unter dem Namen Atatürk in die Geschichte eingehen wird. Er gilt als intelligent, modern, patriotisch, fühlt sich den Idealen der Aufklärung nahe und ist natürlich fasziniert von der Französischen Revolution. Er ist es, der Ankara zu seiner Hauptstadt erklärt und so aus dem Mittelmaß der anatolischen Ebene an die Spitze des Landes hievt.

Damals lebten etwa 30.000 Einwohner in der unbedeutenden Stadt. Heute ist Ankara ein Symbol für die Entwicklung der Türkei. Eine kulturelle Stadt mit internationalen Beziehungen, ein Beispiel für die florierende Wirtschaft des Landes. Eine bronzene Reiterstatue Atatürks schmückt ihr Zentrum. Sie befindet sich gegenüber des Museums des Unabhängigkeitskriegs und ist mit dutzenden Tauben garniert. Während der General stolz auf seinem Rappen sitzt, scheißen sie ihm unbekümmert auf den Hut.

Reiterdenkmal Atatürks, Ankara, Türkei

Reiterdenkmal Atatürks im Zentrum Ankaras

Das ist aber auch die einzige Respektlosigkeit, die gegenüber dem selbsternannten Vater der Türken erlaubt ist. Atatürk ist ein Held. Die Siegermächte des Ersten Weltkrieges müssen mit ihm neu verhandeln. Das Ergebnis ist der Vertrag von Lausanne und die Gründung der Türkei 1923.

Seitdem ist Ankara der politische und administrative Angelpunkt des Landes. Zentral gelegen wird von hier auch zentralistisch über das Land regiert. Ministerien entstehen, Verwaltungsapparate werden aufgebaut. Bis heute gilt Ankara als Beamtenstadt. Hier wird türkische Geschichtsschreibung zur Schau gestellt. Nicht weit vom Reiterdenkmal befindet sich das Museum für anatolische Zivilisationen. Es zeigt Ausstellungsstücke aus mehreren tausend Jahren von der Stein- bis zur Neuzeit. Atatürk selbst hatte zur Gründung dieses Museums angeregt, wollte er doch einen Ort kreieren, der die ebenfalls von ihm aufgegriffene Türkische Geschichtsthese manifestierte. Ihr zufolge war Kleinasien seit jeher und ununterbrochen von türkischstämmigen Einwanderern bewohnt. Damit werden alle frühen Hochkulturen der Region, seien es die Hethiter oder Sumerer zu Turkvölkern erklärt. Ein wissenschaftlich kaum bestätigtes Geschichtsverständnis, das dem türkischen Volk eine lange, ehrwürdige Kulturgeschichte garantieren und zugleich als Grundlage für territoriale Ansprüche vor allem gegenüber Griechen und Armeniern dienen sollte.

Vor den Toren des Museums regnet es. Seit Tagen ist Ankara in schweres, ungemütliches Grau gehüllt. Die Fußgängerwege sind leergefegt, Autos und Busse ziehen Sprühwolken hinter sich her. Pfützen spiegeln unsere Schritte. Platsch, platsch spritzt das Wasser zu den Seiten davon.

Wir befinden uns in einem kleinen Lokal und vertrödeln Zeit. Junge Menschen sitzen an den Nebentischen, machen es uns gleich. Ein stummer Kellner bringt Lahmacun und geschäumten Ayran an unseren Tisch. Vor dem Fenster läuft ein Mann in feinem Zwirn durch die Gassen. Über seinem Kopf spannt sich ein großer, schwarzer Regenschirm, an seiner rechten Hand baumelt eine Aktentasche. Eilig zieht er vorbei. Er gehört zu den ganz wenigen Menschen, die in diesen Tagen unterwegs sind. Dann klingelt das Telefon, es ist Serdar, Buğus Ehemann, der uns von einer Überraschungsparty zum Geburtstag seiner Frau erzählt. Freunde kommen zusammen und auch wir sind herzlich eingeladen, sollen rechtzeitig zuhause sein.

Ayran, Ankara, Türkei

geschäumter Ayran, irgendwo in Ankara

Bereits früh am Abend treffen die Gäste ein. Girlanden und Luftballons fliegen durch die Wohnung, eine mächtige Schokoladentorte befindet sich auf dem Esstisch, Lehrerkollegen und Freunde sitzen auf den weichen Polstern im Wohnzimmer. Auf niedrigen IKEA-Beistelltischen stehen Weingläser und Knabberschälchen. Als wir Buğu zurückerwarten, löschen wir das Licht. Ab jetzt wird nur noch geflüstert, jedes Geräusch vor der Tür, jeder Knall im Treppenhaus versetzt uns in heitere Anspannung. Dann nähern sich Schritte, ein Schlüssel dreht sich im Schloss, die Tür öffnet sich, das Licht geht an: „Sürpriz!“ – „Überraschung!“

In der Tür ist Buğu beinahe vom Schlag getroffen, es dauert einen Augenblick, bis sie freudestrahlend realisiert, was gerade passiert. Tuna an ihrer Hand schaut genauso überrascht wie seine Mutter, doch schon bald ist der Schock überwunden und die ersten Spielpartner sind auserkoren. Serdar verteilt Wein und Kuchen, Buğu sitzt in der Mitte ihrer Gäste und öffnet Geschenke. Es folgen Geschichten über diesen und jenen, Gerüchte, Klatsch, wahrhaftige Neuigkeiten, alles garniert mit viel Gelächter. Es ist eine lustige Runde, die sich noch immer so benimmt, als wäre sie gerade erst aus der Uni entlassen. Doch anders als bei ausgelassenen Kommilitonen gibt es für uns ein Limit. Bis kurz vor Mitternacht bleiben wir zusammen, dann verabschieden sich die Freunde – morgen ist ein neuer Arbeitstag.

Als die letzten Gäste gegangen sind, sitzen wir noch ein wenig mit Serdar und Buğu zusammen. Serdar öffnet eine Flasche Tequila, schenkt uns allen ein. Şerefe!

Couchsurfing, Ankara

Geburtstagsparty für unsere Gastgeberin

Serdar, Berufssoldat in der türkischen Armee, ist ein freundlicher, geradliniger Mensch. Aber wir kommen nicht darum herum, ihm die Jahre beim Militär anzumerken. Wir wollen etwas mehr über die türkische Geschichte wissen, über die Anfangsjahre und die Probleme und Herausforderungen jener Zeit, die sich bis heute im Land manifestieren. Serdar gibt uns Antworten: Auf Mustafa Kemal Atatürk ist er stolz wie jeder andere im Militärstab. Atatürk, der General, war einer von ihnen. Bis heute fühlt sich das Militär verantwortlich Atatürks Vermächtnis zu bewahren. Es sieht sich berufen seine Ideen und Ideologie sowie die türkische Demokratie vor Angriffen und Unterwanderung zu schützen. Notfalls auch mit Gewalt. In der nicht einmal 100-jährigen Geschichte, putschte das Militär bereits zweimal erfolgreich gegen gewählte Regierungen, die ihrer Auffassung nach die Gedanken Atatürks verrieten und somit der Regierungsaufgabe unwürdig waren.

Serdar erzählt uns von Atatürk, dessen Bild auch hier im Wohnzimmer prominent an der Wand hängt. Der Personenkult um den Staatsgründer ist riesig. Sein Konterfei hängt in allen öffentlichen Einrichtungen, Büros und Schulgebäuden. Unzählige Geschäfte, Restaurants und Cafés schmücken ihre Räume mit dem Gesicht des Helden. Atatürks Antlitz prangt auf Flaggen, T-Shirts, Tellern, Handtaschen und Rucksäcken, Postern und Postkarten. Es gibt eine ganze Souvenirlinie mit seiner Unterschrift. Straßen und Plätze tragen seinen Namen, Statuen und Büsten stehen überall im Land.

Mustafa Kemal, der erste Staatschef der neu gegründeten Republik, gibt sich schon an seinem ersten Tag im Amt als nationalistischer und radikaler Modernisierer. Er bricht mit allen Traditionen des Osmanischen Reiches und setzt stattdessen auf westliche Werte. Atatürks Reformen greifen in sämtliche Bereiche des Alltags und rollen wie eine Dampfwalze über das Land. Vor ihnen gibt es kein Entkommen. Militärisch geschult gebietet Mustafa Kemal autoritär, sein Führungsstil ist patriarchalisch. Eine seiner ersten Vorschriften ist der verbindliche Gebrauch eines Familiennamens, der im Osmanischen Reich praktisch keine Verwendung fand. Das ist nicht uneigennützig, denn selbst nimmt er den Nachnamen Atatürk, „Vater der Türken“, an, den er außerdem per Gesetz für sich vorbehaltlos reservieren lässt. Atatürk: Es kann nur einen geben.

Reiterstatue Atatürk, Ankara, Türkei

Atatürk als Reiterstatue

Aus den Resten des Osmanischen Reiches formt Atatürk einen modernen republikanischen Staat in dem religiöse Machtbefugnisse stark beschnitten sind. Ein radikaler Prozess, ohne langwieriges Hin und Her. Das Kalifat ist mit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches bereits abgeschafft. Im muslimisch geprägten Land lässt Atatürk darüber hinaus nicht nur religiöse Orden und Parteien verbieten. Atatürk setzt ein Kopftuchverbot an Schulen, Universitäten, Behörden und in Gerichtsälen durch, untersagt Polygamie und schafft eine staatliche Religionsbehörde, die nun für den Unterhalt der Imame und Moscheen verantwortlich ist. Alle Mühen laufen auf eine Säkularisierung der Gesellschaft hinaus. Der traditionellen und weithin praktizierten Lebensweise seiner Landsleute setzt er bedingungslosen Fortschrittsglauben und einen unermüdlichen Modernisierungswahn entgegen.

Atatürk schafft das arabische Schriftsystem ab, das im Osmanischen Reich über Jahrhunderte benutzt wurde und führt das lateinische Alphabet und den gregorianischen Kalender ein. Er ersetzt die Scharia mit einem bürgerlichen Recht, stellt Frauen und Männer gesetzlich gleich, vereinheitlicht das Schulwesen. Auf seinem Modernisierungskreuzzug ist Atatürk gewissenhaft, betrachtet jedes Detail. So verbietet er den Fes, eine traditionelle und beliebte Kopfbedeckung, die ebenfalls aus der Zeit des Osmanischen Reiches stammt. Auf den Kopf eines türkischen Mannes gehört nun ein westlicher Hut. Mit dieser Idee verabschiedet Atatürk 1925 das Hutgesetz, das das Tragen sämtlicher orientalischer Kopfbedeckungen verbietet. Zuwiderhandlungen ziehen drastische Strafen von bis zu sechsmonatiger Haft mit sich. Überhaupt gilt der westliche Kleidungsstil nun als maßgebend. Atatürk selbst kleidet sich gerne nach britischem Vorbild.

In der Republik gibt es Neuerungen auf allen Ebenen. Der Laizismus, die Trennung von Religion und Staat, wird eingeführt, Klassenstände sollen zum Interesse des Volkes überwunden werden, partielle staatliche Lenkung der Wirtschaft soll die Defizite der türkischen Infrastruktur aufheben. Reformen und der Fortschrittsgedanke sind als Ideologie ebenso in der Verfassung verankert, wie ein durchgreifender Nationalismus, der sich gegen einen Vielvölkerstaat und ein religiöses Staatskonzept ausspricht. Der Islam ist nicht länger identitätsstiftend. Als Grundlage des neuen türkischen Nationalismus gelten eine gemeinsame Sprache, das Türkische, und eine gemeinsame Vergangenheit, für die auch gerne die Geschichte des Landes verbogen wird. Atatürk schert sich nicht um Rassen und Religion. Sie dienen nicht seinen Vorstellungen der Zusammengehörigkeit. Atatürks Regierungsstil kennt nur zwei Attribute: „türkisch“ und „nicht türkisch“. Es ist ein Affront gegen alle Minderheiten, die auf dem Staatsgebiet leben. Kurden, Armenier, Griechen – sie alle werden herausgefordert ihre eigene Identität zugunsten einer türkischen Gemeinschaft, einer türkischen Nation aufzugeben. Bis heute sprechen an türkischen Schulen die Schüler einen Morgenappell, der mit den Worten Atatürks endet: „Wie glücklich derjenige, der sagt ,Ich bin Türke‘!“. Atatürks Ideologie einer geeinten und modernen türkischen Nation, der Kemalismus, steht vom ersten Schuljahr an auf dem Lehrplan.

Anıt Kabir, Ankara, Türkei

Löwenstatuen führen entlang der Prachtstraße zum Mausoleum Atatürks

Von Serdar erfahren wir das alles nur in geschönten Auszügen. Für ihn und die meisten seiner Landsleute ist Atatürk der vielleicht größte Staatsmann des 20. Jahrhunderts. Die Masse verehrt ihn abgöttisch, ist ihm dankbar für die Republik und den Modernisierungsprozess, der einen monarchischen Bauernstaat in wenigen Jahren mit schwungvollen Sozialreformen beseelte. Atatürk ist damals wie heute ein „Süperstar“ – ein unfehlbarer, ewiger Held. Ohne ihn und seine Vision wäre die heutige Türkei nicht denkbar. Seine Person ist schon zu Lebzeiten ein Mythos, der bis heute ungebrochen ist. Für die ethnischen Minderheiten im Land, für die Griechen, Armenier und vor allem die Kurden, aber auch für gläubige Muslime ist die Gründung der Türkischen Republik dagegen ein Trauma.

Atatürk ist in wenigen Jahren nach der Staatsgründung zum Alleinherrscher aufgestiegen. Politische Feinde, aber auch kritische Stimmen aus den eigenen Reihen lässt er skrupellos verfolgen und hinrichten. Minderheiten werden unterdrückt, Journalisten inhaftiert. Atatürk scheut sich nicht vor rabiaten Mitteln. Der Staatsmann bleibt General. „Ich bin die Türkei“ lässt er verlauten und macht damit seine Sicht der Dinge klar. Kritik am Staatsoberhaupt wird mit Gefängnis bestraft, Atatürk zu beleidigen ist bis in die Gegenwart per Gesetz verboten. In der Präambel der türkischen Verfassung wird er als „unsterbliche[r] Führer und einzigartige[r] Held“ gepriesen.

Atatürks autoritärer Eifer bringt ihn ganz nach oben, doch dort an der Spitze ist es einsam. Alkohol kommt ins Spiel. 1938 stirbt Atatürk an einer Leberzirrhose. Begraben ist er über der Stadt in einem Mausoleum auf dem Hügel Rasattepe, der bereits im 12. Jahrhundert v. Chr. als künstlicher Grabhügel angelegt wurde. Hierhin verschlägt es uns an einem der folgenden Tage. Die Anlage ist gewaltig. Bereits am Fuß des Hügels, noch weit weg vom eigentlichen Monument, müssen wir eine gründliche Sicherheitsprüfung über uns ergehen lassen. Metalldetektoren piepen, Lampen leuchten erst rot, dann grün. Wir dürfen gehen und folgen der Straße, die sich um den bewaldeten Hügel nach oben windet.

Schon als wir das Gelände des Anıt Kabir, so der Name des Grabmonuments, betreten, herrscht eine ehrfurchtsvolle Stimmung. Eine Schulklasse kommt uns unnatürlich ruhig entgegen. Kein wildes Gebrabbel, kein Geschrei, kein Gelächter, stattdessen Flüstertöne und gesenkte Blicke.

Eine knapp 300 Meter lange Promenade, die Löwenstraße, führt bis zum Monument. 24 steinerne Löwen flankieren sie und repräsentieren zugleich die Stärke Atatürks und der türkischen Nation. Auf den feuchten Steinplatten spazieren wir auf einen gigantischen, weißen Fahnenmast zu, die türkische Flagge hängt schlaff an ihm herunter. Es ist windstill und deshalb noch etwas ruhiger, noch etwas ehrfürchtiger. Es scheint, als hätte selbst das Universum den Atem angehalten. Am Ende der Löwenstraße angekommen öffnet sich ein weiter, von Arkaden gerahmter Hof. Majestätisch und kühl liegt er da, verdeutlicht den Besuchern die eigene Bedeutungslosigkeit. Auf der linken Seite erheben sich Stufen zum Grabmal Atatürks. Massive Säulen führen um das rechteckige Gebäude, geben ihm das stilistische Aussehen eines antiken Tempels. Das Mausoleum ist ein fensterloser Koloss – mächtig und unzerstörbar. Auf halber Treppe prangt ein Zitat Atatürks: „Die Souveränität gehört uneingeschränkt und unbedingt dem Volk“. Vor dem Eingang des Gebäudes stehen zwei junge Soldaten in grauen Mänteln mit vergoldeten Knöpfen Spalier. Sie gehören zum Wachtrupp, der hier täglich zur Ehrung Atatürk stolz und wichtig aufmarschiert.

Anıt Kabir, Ankara, Türkei

Prachtstraße zum Mausoleum

Anıt Kabir, Ankara, Türkei

Atatürks Mausoleum, Anıt Kabir

Anıt Kabir, Ankara, Türkei

Wachpersonal am Mausoleum

Das Innere des Gebäudes selbst ist nichts weiter als ein riesiger, kalter und gerade deshalb beeindruckender Raum. Absätze klicken auf Marmorplatten. Samtene Kordeln führen uns und die andere Besucher im Uhrzeigersinn durch die leere Halle. An der Rückwand, erhöht auf einem Podest und vor einem vergitterten Fenster, das beinahe die gesamte Höhe des Gebäudes einnimmt, befindet sich der 40 Tonnen schwere, aus rotem Marmor gearbeitete Kenotaph Atatürks. Spätestens hier ist die Ehrerbietung gegenüber dem Gründer der Türkei deutlich greifbar. Männer und Frauen wagen kaum zu sprechen, Kindern werden noch vor der Tür die Benimmregeln erklärt, „Schhh“ ist ein immer wiederkehrendes Geräusch. Jährlich kommen mehr als drei Millionen überwiegend einheimische Besucher hierher. Für sie ist das Grabmal eine Pilgerstätte, ein in Stein gemeißeltes nationales Symbol. Auch für Diplomaten und Politiker aus dem In- und Ausland ist das Anıt Kabir ein zentraler Ort für Staatsakte.

Atatürks Einfluss auf die Politik des Landes ist selbst in der Gegenwart ungebrochen. Lange nach seinem Tod ist er noch immer der wichtigste türkische Politiker. Kein Gesetz wird erlassen, das nicht mit der Ideologie des Staatsgründers konform geht. Atatürk ist Vorbild für alle politischen Entscheidungen im Land. Auch sein Regierungsstil prägt bis heute das politische Verständnis in der Türkei. Noch immer ist das Profil eines türkischen Spitzenpolitikers das des Einzelkämpfers, des starken Mannes, der im Alleingang entscheidet.

Anıt Kabir, Ankara, Türkei

im Inneren des Mausoleums

Anıt Kabir, Ankara, Türkei

Atatürks Kenotaph

Anıt Kabir, Ankara, Türkei

weiter Innenhof des Anıt Kabir

 

Ankara, Stadt der zwei starken Männer
Teil 1: Atatürk in Ankara
Teil 2: Erdoğan und eine neue Vision für das Land am Bosporus

 


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