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Trekking im Himalaya Nepals – zwischen Subtropen und eisiger Kälte

Die Annapurna Umrundung: Über den Thorung Pass


16. Oktober 2015
Nepal
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Die Annapurna Umrundung im Himalayagebirge Nepals gehört zu den schönsten und abwechslungsreichsten Fernwanderstrecken der Welt. Sie erstreckt sich über rund 300 km und umfasst alle Klimazonen von den heiß-feuchten Subtropen bis hinein in die eisige alpine Kälte. In den ersten sechs Tagen unserer Umrundung haben wir die üppige Vegetation, die Reisterrassen, buddhistischen Dörfer und kühlen Wälder entlang der Ostseite des Annapurnamassivs von Besi Shahar bis nach Manang erkundet. Nun erklimmen wir den höchsten Punkt der Umrundung und überqueren den Thorung Pass auf 5.416 Metern Höhe. Für die Umrundung des Massivs planen wir 15 Tage ein.

Tag 7 • Start: Manang (3.540 m NN) • Ziel: Yak Kharka (4.020 m NN) • Distanz: ̴ 9 km • Aufstieg: 480 m • Gehzeit: 3:15 h

Ob unsere Idee in Manang auf die Akklimatisierung zu pfeifen wirklich nachahmenswert ist, lassen wir mal dahingestellt. Wir fühlen uns jedoch gut, spüren keine Anzeichen irgendeines Unwohlseins – mal abgesehen vom Anblick der mit Stroh ausgestopften Yak-Köpfe, die an der einen oder anderen Hauswand in Manang hängen.

Bevor wir den Ort jedoch endgültig verlassen, besuchen wir den nahen Gangapurna-Gletscher. Von den eisigen Höhen des Berges Gangapurna leckt er bis weit hinab ins Tal und endet schließlich vor einem spiegelglatten Gletschersee. Kein Windhauch kräuselt die Oberfläche des Wassers und in seinem Spiegel sinkt der mächtige Berg samt Gletscher immer weiter in die Tiefe.

Hinter Manang endet endlich die Straße, die wir jedoch meistens auf einem Streckennetz aus Wanderwegen umgehen konnten. Nun beginnt ein mehr als 2.000 Meter hoher Aufstieg bis zum Thorung Pass, der nur noch zu Fuß oder mit Hilfe von Pferden zurückgelegt werden kann.

Bereits nach wenigen Metern beginnt der Aufstieg. Der Wald, durch den wir in den letzten Tagen streiften, bleibt zurück und macht Platz für trockenes Gebüsch. Sanddornsträucher säumen weite Bereiche entlang des Pfades. Die Vegetation drückt sich an den Boden, als ob sie vor der Höhe und mit ihr vor der Kälte fliehen wolle. Auch das letzte Grün weicht und macht den Weg frei für allerlei Brauntöne. Nach etwa einer Stunde befinden wir uns bereits auf knapp 4.000 Metern und haben freie Sicht auf die Gipfel der umliegenden Berge: von den nahen Annapurna III und Gangapurna bis zu den weiter entfernten Annapurna II und Annapurna IV; massige Berge im ohnehin beeindruckenden Gebirge. Nun laufen wir nicht mehr entgegen des Marsyangdis, sondern gegen die Fließrichtung des Jarsang.

Wir folgen dem Weg vorbei an Gebetsmühlen und kleinen Teestuben, bis wir kurz vor 12 Uhr Yak Kharka (4.020 m NN) erreichen. Hier bleiben wir den Rest des Tages und hoffen so, unseren Körpern ausreichend Zeit zur Akklimatisierung zu gestatten. Über unseren Köpfen knattert ein Rettungshubschrauber durch die Luft. Es ist weder der erste noch der letzte, den wir während der Annapurna Umrundung sehen. Viel zu häufig führen Leichtsinn und Übermotivation der Trekker zu solchen Einsätzen. Immer wieder ignorieren Wanderer die Anzeichen der Höhenkrankheit und gefährden damit ihr Leben.

In Yak Kharka ist der Himmel bewölkt. Eine graue Masse schwebt über unseren Köpfen, lässt keine Sonnenstrahlen hindurch. Es beginnt zu regnen. Zitternd liegen wir in unseren Schlafsäcken; eine Daunendecke soll für ein bisschen Extrawärme sorgen. Doch es bringt nichts. Auf 4.000 Metern ist es einfach zu kalt.

Am Abend sitzen wir um einen kleinen Metallofen im Restaurant unseres Hotels. Angenehme Wärme löst unsere vereisten Glieder und wir lassen uns mal wieder Dal Bhat schmecken.

Tag 8 • Start: Yak Kharka (4.020 m NN) • Ziel: Thorung Phedi (4.540 m NN) • Distanz: ̴ 6 km • Aufstieg: 520 m • Gehzeit: 2.5 h

Wir überstehen die Kälte der Nacht und werden für unser Ausharren belohnt. In den frühen Morgenstunden haben wir von unserem Zimmerfenster einen fantastischen Blick auf die Gipfel des Annapurna II (7.937 m), Annapurna IV (7.525 m), Annapurna III (7.555 m) und Gangapurna (7.454 m). Ihre Gletscher und schneebedeckten Kuppen leuchten rosa im ersten Licht des Tages.

Wir verlassen Yak Kharka und folgen dem Wanderweg immer weiter in die Höhe. Unserem Akklimatisierungsplan folgend, steht heute nur eine kurze Etappe bis nach Thorung Phedi auf dem Programm.

Bereits nach wenigen Minuten erreichen wir Upper Yak Kharka – 3 Häuser, die offenbar nicht dauerhaft bewohnt sind. Ein bisschen geisterhaft wirken die verlassenen Anwesen in der kargen Höhenlandschaft. In den Braun- und Beigetönen der Umgebung ist niemand zu sehen. Nach etwa einer Stunde erreichen wir Letdar (4.230 m NN). In der kleinen Siedlung finden wir die übliche Infrastruktur. Eine Handvoll Hotels und Restaurants sorgen für das Wohl der Trekker. Auch in Letdar, so heißt es nach offiziellen Angaben, solle man mindestens einen Tag zur Akklimatisierung einplanen. Doch der Ort ist so uncharmant, dass sich wirklich niemand überwinden kann hier zu bleiben.

Auch wir setzen den Weg fort, der nun gerade durch die Berge hindurch führt, überqueren den Jarsang-Fluss über eine Holzbrücke auf das westliche Ufer und erklimmen in steilen Zickzack-Kurven einen weiteren Hügel. Auf dessen Spitze erwarten uns eine einsame Teestube und der vorausgeeilte Bijayarai, der uns freudestrahlend einen Erdbeerlutscher in die Hände drückt. Wir strahlen zurück und genießen den weiten Blick auf die umliegenden Berge.

Von der Teestube ist es nicht mehr weit bis nach Thorung Phedi (4.540 m NN). Der Pfad führt in leichtem bergauf und bergab über ein langgezogenes Erdrutschgebiet und schon gegen 10:20 Uhr erreichen wir unser Ziel.

Die Sonne scheint und auf dem großen, windgeschützten Innenhof unseres Hotels ist es beinahe warm. Hier, mitten in den sauerstoffarmen Höhen des Himalayagebirges, gibt es tatsächlich noch eine Bäckerei und frische Zimtschnecken, die wir uns nicht entgehen lassen. Wir spielen Karten, trinken heißenTee, essen Dal Bhat, bis auch hier am frühen Nachmittag Wolken aufziehen. Auf viereinhalbtausend Metern über dem Meeresspiegel wird es ohne wärmende Sonnenstrahlen schlagartig bitterkalt und so ziehen wir uns schnell in unser Zimmer zurück.

Von unserem Zimmerfenster aus beobachten wir die ersten Schneeflocken, wie sie langsam auf den Boden fallen. Noch immer erreichen Wanderer das Hotel. Schnee rieselt von ihren Kapuzen. Den meisten sind die Strapazen des Aufstiegs deutlich ins Gesicht geschrieben.

Am Abend sitzen wir zum ersten Mal während des Annapurna Treks in einem vollbesetzten Restaurant. Die zwei Hotels in Thorung Phedi (oder alternativ das Hotel im High Camp auf 4.850 m NN) sind der letzte Stopp vor der Überquerung des Thorung Passes. Es ist das Nadelöhr für alle, die über den Pass wollen und wir bekommen einen Eindruck, wie es auf der Annapurna Umrundung in einer normalen, nicht von Erdbeben überschatteten Saison, zugeht.

Eine Reisegruppe Österreicher zieht allein durch ihre Größe die Aufmerksamkeit auf sich. Ständig wuselt es um sie herum. Kellner bringen dieses und jenes, die deutschsprachigen Guides versuchen das Gruppenchaos zu organisieren. Es gelingt nur bedingt. Allgemeine Hektik erfasst die Gruppe und ihre Begleiter, die sich auch auf die Restaurantmitarbeiter auswirkt. Letztere haben kaum noch ein Ohr für andere Gäste und in ihrem Eifer vergessen sie gleich mehrere Bestellungen rechtzeitig an die Wartenden zu verteilen. Unglücklicher Weise gehören auch wir dazu und verschlingen unser eiskaltes Abendessen etwas mürrisch. Ein paar Spanier und Südamerika entdecken eine Gitarre in einer Ecke des Raumes und bald erklingen Guantanamera und Hasta Siempre, Comandante durch das Restaurant.

In Thorung Phedi gibt es kein Wi-Fi-Signal und wo es in den meisten Restaurants entlang der Annapurna Umrundung eher leise zugeht, weil jeder mit seinem eigenen Smartphone beschäftigt ist, schallt hier ein undurchdringliches Stimmengewirr durch den Raum. Im Zeitalter der sozialen Medien kommen wir doch tatsächlich in die Versuchung richtige Gespräche mit Unbekannten zu führen.

Tag 9 • Start: Thorung Phedi (4.540 m NN) • Ziel: Ranipauwa (3.710 m NN) • Distanz: ̴ 16 km • Aufstieg: 876 m • Abstieg: 1706 m • Gehzeit: 6.20 h

Es ist stockdunkel. Lediglich das schwache Licht meines Handydisplays leuchtet im Raum. Verschlafen reibe ich meine Augen. Es ist drei Uhr; der heutige Tag beginnt um einiges zu früh. Ich fummele die Taschenlampe aus meinem Rucksack. Vor dem Fenster fallen noch immer weiße Flocken – draußen ist der Boden weich und nass. Der Blick aufs Thermometer verrät: ein halber Grad über Null. Der heiße Frühstückstee wird kalt bevor wir ihn austrinken können.

Gegen vier Uhr brechen wir auf. Ein langer Aufstieg liegt vor uns. Beinahe 1.000 m steigen wir in die Höhe. Im steilen Zickzack schleppen wir uns hinauf. Es ist bitterkalt, die Luft dünn, und lediglich im Schein unserer Taschenlampe können wir ein wenig von der Umgebung erahnen. Ein paar Pferdetreiber kommen uns mit ihren Lasttieren auf dem steinigen Weg entgegen. Ein kurzes „Namaste“, dann sind sie vorbei. Zurück bleibt nur mein schwerer Atem im Dunkeln.

Eine Stunde schleppen wir uns über Geröll durch die Dunkelheit, bevor wir das High Camp in einer Höhe von 4.850 Metern erreichen. Noch immer wehen uns Schneeflocken ins Gesicht, bleiben an unserer Kleidung kleben. Kälte kriecht durch jede einzelne Kleidungsschicht. Vom High Camp steigt der Pfad immer weiter bergauf, schlängelt sich mal entlang der Berghänge oder über eine weitläufige Moräne. Wir stecken mitten in einer Wolke; ein grauer Schleier aus dem wir uns nicht befreien können.

Zumindest benötigen wir nun keine Taschenlampen mehr. Die Schneedecke reflektiert das erste Tageslicht, lässt die Umgebung unwirklich schummern. Ein paar Wanderer, zu schwach für den anstrengenden Aufstieg, überholen uns auf Pferden. Vor uns tauchen die Silhouetten anderer Wanderer auf, die, auf ihre Trekkingstöcker gestützt, behutsam durch den Wolkenbrei stapfen.

Nach drei anstrengenden Stunden in denen uns nicht nur der steile Aufstieg, sondern auch Wind und Kälte zugesetzt haben, erreichen wir den Thorung Pass (5.416 m NN) genau im richtigen Moment. Gerade reißt die Wolkendecke um uns herum für einen kurzen Augenblick auf und gibt den Blick hinaus auf die atemberaubende Berglandschaft frei. Als einer der höchsten Trekking-Pässe der Welt bietet der Thorung Pass eine berauschende Kulisse; selbst wenn, wie bei unserem Aufstieg, die Aussicht mit vielen Wolken verhangen ist. Um ein niedriges Steinmonument, auf welchem wir die Höhe des Passes nachlesen können, flattern zerrissene Gebetsfahnen in der eisigen Bergluft. Es sind vereiste Farbtupfer im Wind: Ein paar grüne, gelbe, rote und blaue Flecken vor einem weiß-grauen Hintergrund aus Schnee und Wolkenschleiern.

Gerade feiern die Wanderer, die kurz vor uns mit dem Pferd den Pass erreichten, lautstark ihre eigene Leistung. Dann verschwinden sie in einer kleinen Teehütte (Ja, tatsächlich eine Teehütte auf 5.416 Metern!) und erholen sich in der dunklen Kammer von den Strapazen des Aufstiegs. Auch wir folgen ihnen, denn draußen ist es beißend kalt. Doch auch in der Hütte halten wir uns nicht lange auf und als die österreichische Reisegruppe vom Vorabend eintrifft, machen wir uns wieder aus dem Staub. Draußen treffen wir auf unseren Guide Raj Kumar, der es auch endlich bis hinauf auf den Pass geschafft hat. Schwer atmend und schweißüberzogen steht er vor uns. Er entschuldigt seine Verspätung mit einer Magenverstimmung. Dass er nicht fit genug für den Trek ist, kommt ihm natürlich nicht in den Sinn. Gemeinsam fliehen wir hinab in ein milderes Klima, versuchen schnellen Schrittes unsere Körper aufzuwärmen.

Der Pfad hinab entpuppt sich als schwieriger als erwartet. Festgetretener Schnee macht aus dem Abstieg eine rutschige Angelegenheit. Loses Geröll tut sein Übriges und fordert unsere Konzentration heraus. Ein falscher Schritt und wir schlittern den steinigen Abhang hinab – eine Vorstellung, die wir uns gerne ersparen wollen.

Ab und an reißt die Wolkendecke auf und gibt den Blick auf die nahen Berge und Gletscher frei. Majestätisch ragen sie in die Höhe; wer weiß seit wie langer Zeit? Dem dreistündigen Aufstieg folgt ein ebenso langer Abstieg. Dicke Gletscher hängen schwer an den Hängen. Die weiße Last ragt bedrohlich über die felsigen Klippen, jeden Moment zum Absturz bereit. Wir passieren zwei Hütten aus blauem Wellblech, die den Trägern als Unterschlupf bei schlechtem Wetter dienen.

Mittlerweile ist die Wolkendecke etwas ausgedünnt. Sonnenstrahlen erwärmen unsere Körper, lassen den Schnee entlang des Pfades schmelzen. Kleine Rinnsale tröpfeln hinab ins Tal. Darüber erheben sich Riesen aus Fels und Eis.

Am Ende des steilen Abstiegs erreichen wir Chabarbu gegen halb elf. Eine Handvoll Restaurants wartet auf hungrige, erschöpfte Wanderer. Hinter ihnen führt der Pfad in einem angenehmen Gefälle hinab bis nach Muktinath. Wiesen und Weiden ragen zu beiden Seiten des Weges in das sich nun öffnende Jhongtal. Yaks und Ziegen rupfen gemütlich kauend am kargen Wuchs. Im Regenschatten des Annapurnamassivs gelegen ist die Landschaft sehr trocken. Braun- und Beigetöne dominieren unterhalb der weißen Gletschermassen der Berge. Lediglich in und um den Tempelkomplex Muktinath (3.800 m NN), die wichtigste Pilgerstätte für Hindus und Buddhisten in Nepals Himalayaregion, und das nahegelegene Dorf Ranipauwa, das wir nach einer weiteren Stunde Fußmarsch erreichen, leuchten die grünen Kronen einiger Bäume aus der Ödnis hervor.

In Ranipauwa legen wir die Füße hoch und feiern uns selbst mit hausgemachten Gnocchi, sprudelndem Bier und heißem Apfelkuchen. In sechseinhalb Stunden haben wir den Thorung Pass bezwungen. Jetzt wollen wir im Luxus schwelgen; was nach tagelangem Dal Bhat vor allem gutes, abwechslungsreiches Essen bedeutet.

Verglichen mit Chame oder Manang fehlt Ranipauwa die Ausstrahlung, auch wenn der Ort die gleichen Möglichkeiten bietet. Geschäftige Marktfrauen verkaufen Yakwolle, Schals, Mützen und Socken an leichtgläubige Touristen zu überteuerten Preisen. Die breite, von Schlaglöchern und Pfützen überzogene Piste, die mitten durch den Ort führt, ist in ihrer Hässlichkeit kaum zu überbieten. Kein Vergleich zu den vielen schmalen Pfaden der letzten Tage. Ranipauwa ist ein Durchgangsort; seine Infrastruktur bietet ein angenehmes Ziel nach einer langen Wanderung, doch in Erinnerung bleibt das Dorf nicht.

Hier endet der zweite Teil unserer Annapurna Umrundung. Von Besi Shahar kommend, haben wir in einer Gehzeit von 43 Stunden die Ostseite des Annapurna Massivs hinter uns gebracht und dabei 4.616 Höhenmeter zwischen subtropischen Wäldern und beeindruckenden Berggipfeln in alpiner Kälte überwunden. Im dritten Teil des Treks folgen wir nun der westlichen Flanke des Massives von eisiger Kälte bis zurück in die feucht-heißen Subtropen.

 

Teil eins und drei unserer dreiteiligen Annapurna Umrundung:

Von Besi Shahar nach Manang

Bis nach Poon Hill und Naya Pul

 

Wir bedanken uns bei TAAN für die Unterstützung des Treks. Alle dargestellten Meinungen sind unsere eigenen.


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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