Annapurna Umrundung
Trekking im Himalaya Nepals – zwischen Subtropen und eisiger Kälte

Die Annapurna Umrundung von Besi Shahar nach Manang


13. Oktober 2015
Nepal
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Tag 1 • Start: Besi Shahar (800 m NN) • Ziel: Bahundanda (1.270 m NN) • Distanz: ̴ 17 km • Aufstieg: 470 m • Gehzeit: 5 h

Augenaufschlag – Schimmel bedeckt die feuchten Wände und die unverputzte Decke. In einem heruntergekommenen Hotelzimmer in Besi Shahar beginnt unsere Umrundung des Annapurnamassivs. Ein Niesen drängt sich auf, bahnt sich lautstark den Weg ins Freie. Verfluchter Schimmel; doch meine Mundwinkel zeichnen ein Lächeln. Heute geht es endlich wieder in die Berge.

Die Annapurna Umrundung im Himalayagebirge Nepals gehört zu den schönsten und abwechslungsreichsten Fernwanderstrecken der Welt. Sie erstreckt sich über rund 300 km und umfasst alle Klimazonen von den heiß-feuchten Subtropen bis hinein in die eisige alpine Kälte. Der höchste Punkt führt uns auf den Thorung Pass auf 5.416 Metern Höhe. Für die Umrundung des Massivs planen wir 15 Tage ein.

In Besi Shahar treffen wir unseren Guide Raj Kumar und unseren Träger Bijayarai beim Frühstück. Beide kommen gerade aus Kathmandu und so wird aus schnödem Haferbrei und Schwarztee schnell eine Kennenlernrunde, in der wir den sympathisch lächelnden Bijayarai im Handumdrehen ins Herz schließen. Mit Raj Kumar haben wir allerdings ein etwas schwereres Los. Seine Erklärungen in unvollständigen Sätzen über den bevorstehenden Trek verstehen wir kaum, sein Auftreten wirkt latent verstört, während er spricht kann er seine heftigen Schweißausbrüche nicht unterdrücken; doch uns beunruhigt heute nichts. Wir sind zu aufgeregt endlich durchs nepalesische Himalayagebirge zu wandern, als dass wir uns um irgendetwas anderes kümmern könnten.

Es ist 7.30 Uhr als wir endlich das kleine Städtchen Besi Shahar verlassen. Mit leichten Schritten und einem fröhlichen „Namaste“ auf den Lippen, mit dem wir an diesem sonnigen Morgen einfach jeden Menschen begrüßen, schlendern wir über die staubige Piste.

Annapurna Umrundung

Die ersten Schritte auf der Annapurna Umrundung

Die vielen Dörfer entlang der Wanderroute sind mittlerweile über weite Strecken mit einer Straße verbunden, die das Leben der Bergbevölkerung um ein Vielfaches vereinfacht, dem Trek an sich aber ein bisschen den abenteuerlichen Charakter gekostet hat. Statt schmaler Pfade durch dichten Wald wandern wir auf einer breiten Piste. Reifenspuren zeichnen tiefe Reliefs in den Untergrund. Wer hier mit dem Auto unterwegs ist, braucht allerdings noch immer viel Bodenfreiheit unter der Karosse und einen Allradantrieb: zu tief sind die mit Regenwasser vollgelaufenen Schlaglöcher, zu holprig die Fahrt auf der mit Gesteinsbrocken übersäten Spur. Jeeps und Busse sammeln Wanderer entlang des Weges auf, um sie weiter hinauf in die Berge zu bringen. Doch ganz ehrlich: Wer will schon die wunderschöne Landschaft hinter einer verschmierten, schmutzigen Glasscheibe betrachten, wenn der Blick auch ungetrübt über die weiten Reisterrassen, feuchten Wälder und entfernten Berggipfel gleiten kann? Wer will die stickige Luft im überfüllten Bus ertragen, wenn man gleichzeitig Moose und Blüten riechen und einen leichten, sommerlichen Wind auf der Haut spüren kann? Wir jedenfalls nicht! Außerdem ist es auch immer noch möglich die neu gebaute Straße durch Alternativrouten und Fußwege in großen Teilen zu umgehen.

Hinter Besi Shahar betrachten wir das dörfliche Leben der Region. Schulkinder schlendern in ihren schlichten Uniformen über die Straße. Die Zahnbürste steckt einigen noch immer im Mund und hin und wieder landet ein Zahnpasta-Speichel-Gemisch klatschend auf dem Boden. Münder und Gesichter werden an Brunnen entlang der Straße gesäubert. Hier wäscht sich ein junger Mann die Haare, dort rasiert sich ein älterer Herr und betrachtet seine geschorenen Wangen in einem zerbrochenen Spiegel. Das Leben findet draußen statt.

Zwei Stunden folgen wir dem Straßenverlauf, immer entgegen der Fließrichtung des Marsyangdi, der das Annapurnamassiv im Osten umspült. Dann erreichen wir Bhulbule auf 840 Höhenmetern gelegen. Mittlerweile ist es zehn Uhr und die Sonne brennt so heiß, wie man es niemals im Königreich der höchsten Berge erwarten würde. Weit vor uns ragen die mächtigen Gipfel des Himal Chuli (7.893 m) und Nagdi Chuli (7.871 m) in den Himmel. Beide kratzen bereits an der 8.000 Meter Marke, die weltweit nur von 14 Bergen überschritten wird.

In Bhulbule erwarten uns die ersten Hotels und Lodges der Annapurna Umrundung. In leuchtendem Rosa, Lila oder auch Babyblau machen sie schon von Weitem auf sich aufmerksam. Die Infrastruktur auf der Wanderung rund um das beeindruckende Bergmassiv ist herausragend; der Trek nicht umsonst als Tea House Trek bekannt. In beinahe jedem Dorf befinden sich Unterkünfte und Restaurants, die den Wanderern allen notwendigen Komfort bieten – warmes Essen, ein weiches Bett und eine zumindest lauwarme Dusche. Selbst ein Wi-Fi-Signal gehört bis tief hinein ins Gebirge zum Standard der meisten Hotels.

Hinter Bhulbule überqueren wir den Marsyangdi hinüber auf das östliche Ufer und schreiten weiter durch einen dunklen, langgezogenen Tunnel. Bauarbeiter mit gelben und grünen Schutzhelmen kommen uns entgegen. Die Chinesen bauen hier ein Wasserkraftwerk und so stolpern wir über eine Baustelle, Stacheldrahtzaun und jede Menge Schutt: ein unästhetischer Ausrutscher im vielschichtigen Grün der Bäume, Farne und Gräser am Wegrand. Doch schon kurze Zeit später erobern Reisfelder die Landschaft zurück und beruhigen unsere Augen in wenigen Augenblicken. Schon in den ersten Stunden auf der Annapurna Umrundung sind wir vom stressfreien Leben der Landbevölkerung angetan. Jeder hier hat Zeit für einen Plausch, für ein Lächeln, für ein freundliches Nicken.

Nach etwas mehr als drei Stunden erreichen wir kurz vor elf Uhr den kleinen Ort Nagdi (900 m NN), wo wir uns im Garten eines einfachen Restaurants mit Dal Bhat – Linsen und Reis – stärken. Eigentlich ist es für unser Empfinden noch zu früh für ein deftiges Mittagessen, doch die Uhren laufen in Nepal etwas anders. Ein richtiger Nepali frühstückt früh und wenig und hält den Magen solange leer, dass er spätestens um Punkt elf Uhr voller Freude Dal Bhat in sich hineinschaufeln kann.

Dal Bhat ist das Grundnahrungsmittel des Landes. Eigentlich isst man hier nichts anderes. Zweimal täglich türmen sich Reisberge in großen Metalltellern, die, mit etwas Linsen und einem Gemüsecurry vermengt, mit der rechten Hand in hungrige Münder befördert werden. Auch Bijayarai und Raj Kumar langen kräftig zu; Nachschlag inklusive.

Dann geht es weiter. Die Reisfelder hangeln sich nun an immer steileren Berghängen entlang. In schmalen Terrassen ziehen sie Meter um Meter hinauf. In der Mittagshitze, die wir nun ertragen, verlassen wir endlich die Straße. Zwischen den Feldern folgen wir einem ausgetretenen Fußweg bis nach Lampata. Ein paar Bhattis, einfache, spartanisch eingerichtete Restaurants, säumen den Weg. Hühner picken zwischen den kleinen Bauernhäuschen nach Körnern auf dem Boden.

Der Pfad führt weiter durch das Dorf, windet sich in leichten Kurven entlang der Felder und Hütten, die zumeist aus einfachen Brettern zusammengenagelt und mit Wellblech gedeckt sind. Auch massivere Bauten aus grauem, unbearbeitetem Stein säumen den Wegrand. Hinter den Feldern steigt der Pfad recht steil einen Hügel hinauf, auf dessen Rücken sich der idyllische Ort Bahundanda (1.270 m NN) befindet.

Zwei Straßen und ein Dutzend Häuser unter verrosteten Wellblechdächern liegen um den winzigen Dorfplatz, auf dem ein einziger Baum Schatten spendet. Eine Handvoll Geschäfte sorgt für die Bedürfnisse ausgelaugter Wanderer und biete kalte Getränke und Schokoriegel zu reichlich überzogenen Preisen an. Ein paar Jugendliche spielen im Halbschatten Carrom – Fingerbillard – und schnippen gekonnt eine Plastikscheibe nach der anderen in die Seitenlöcher des Spielfeldes. Der Rest des Dorfes döst in der frühen Nachmittagssonne vor sich hin und auch unser Tag findet hier ein geruhsames Ende. Unter den Zweigen eines Guavenbaumes verbringen wir die verbleibenden Stunden bis zum Sonnenuntergang vor unserer Unterkunft, spielen Karten und schauen hinaus auf die umliegenden Berge, das Dickicht des Waldes und die stufenartigen Reisterrassen der einheimischen Bauern. Dann gibt es erneut Dal Bhat und nur wenig später liegen wir in unseren Schlafsäcken. Es gibt sonst nichts mehr zu tun.

Tag 2 • Start: Bahundanda (1.270 m NN) • Ziel: Chyamche (1.385 m NN) • Distanz: ̴ 12 km • Aufstieg: 620 m • Abstieg: 190 m • Gehzeit: 4:20 h

Mit einer Handvoll Wanderer aus Frankreich, Spanien und Indien und ihren jeweiligen Guides und Trägern sitzen wir um sieben Uhr morgens am Frühstückstisch. Es ist eine kleine Gruppe, mit der wir uns umgeben. Der Komfort und die Schönheit der Annapurna Umrundung ziehen jährlich tausende Wanderer in ihren Bann. Leuchtende Rucksäcke und neonfarbene Funktionskleidung mischen sich in das facettenreiche Grün der Landschaft. Doch in dieser Saison ist alles anders. Nach dem verheerenden Erdbeben, das Nepal im April diesen Jahres erschüttert und das Land schlagartig in die internationalen Medien katapultiert, bleiben die üblichen Touristenströme aus. Dabei ist die Region rund um das Annapurnamassiv gar nicht vom Erdbeben betroffen, dessen Epizentrum weiter östlich in der Provinz Gorkha lag. Nichtsdestotrotz: Die Touristenzahlen brechen auch hier auf dem weltweit beliebten Wanderweg um 75% ein. Die wenigen Trekker auf den Pfaden sind ein Segen für uns, aber ein herber Schlag für die vom Tourismus abhängige Region.

Wir verlassen Bahundanda auf der entgegengesetzten Seite des Hügelrückens, den wir gestern erklommen haben. Steinig und steil führt der Pfad hinab. Um uns herum zieren Reisfelder die Hänge. In hellem Grün heben sie sich vom dichten, dunkelgrünen Dickicht des feucht-tropischen Waldes in ihrem Rücken ab. Dann schlendern wir weiter durch das Gehölz. Dank unseres Trägers genießen wir jeden einzelnen Schritt. Die Last unseres Rucksackes haben wir gegen unbekümmertes Spazieren getauscht. Statt mit gesenktem Kopf über den Waldboden zu schnaufen, wandert unser Blick zwischen den Baumkronen hin und her oder schweift entlang des Flusses bis weit hinein ins Tal. Wir laufen noch immer entlang des östlichen Ufers des Marsyangdi: Kontinuierlich geht es mal leicht bergauf und mal leicht bergab. Mehrere Wasserfälle durchschneiden den dichten Wald entlang der Hänge und ergießen sich weiß schäumend in die Tiefe.

Ab und an blitzt das Blau des Regenschutzes unseres Rucksackes vor uns auf – Bijayarai weist uns den Weg. Von unserem Guide Raj Kumar ist stattdessen keine Spur. Er steckt irgendwo hinter uns im Wald, ist meistens mit seinem Handy oder seiner Fotokamera beschäftigt und entzieht sich so gut es geht jeder Verantwortung uns gegenüber. Wenn wir ihn doch einmal zu fassen bekommen und nach diesem oder jenem Gipfel fragen, der in der Ferne gen Himmel ragt oder die Entfernung bis zum nächsten Ort wissen wollen, bekommen wir nur dahin genuschelte Wortfetzen als vage Antwort, deren Sinn wir uns meist selbst erschließen müssen. Auf Nachfragen reagiert Raj Kumar mit stoischem Geradeausstarren und Ignoranz. Wir genießen die Wanderung am ehesten in der Abwesenheit unseres sogenannten Guides.

Nach zwei Stunden erreichen wir Ghermu (1.140 m NN). Lose Steine sind zu Mauern übereinander getürmt, befrieden Felder, Gärten und Höfe. Aus einer Tür im ersten Stock lugt das neugierige Gesicht eines kleinen Jungen hervor. Berge getrockneter Maiskolben lagern unter großen Planen. Ein beeindruckender Wasserfall rauscht am gegenüberliegenden Ufer des Flusses in die Tiefe. Hinter Ghermu fällt der Pfad ab, bis er vor einer langen Hängebrücke über den Marsyangdi endet. Schulkinder kommen uns lachend entgegen. Sie schaukeln voller Freude über die nicht gerade stabil wirkende Brücke. Hin und her schwingen die metallenen Glieder der Konstruktion; was so manchem Wanderer doch ein eher mulmiges Gefühl beim Überqueren des Flusses einjagt.

Am anderen Ufer, lediglich 15 Minuten von Ghermu entfernt, befindet sich Syange. Entlang eines engen, gepflasterten Weges drücken sich ein paar Häuser, aus unbehauenen Steinen zusammengesetzt, aneinander. Hotels und Restaurants locken mit Softdrinks und Schokoriegeln.

In Syange müssen wir uns wieder mit der staubigen Piste auseinandersetzen. Gerade rechtzeitig mit der beginnenden Hitze des Tages verlassen wir den Wald. Geröll und ausgefahrene Schlaglöcher erschweren unser Vorwärtskommen. Die kontinuierliche Steigung tut ihr übriges zu diesem wenig erquickenden Abschnitt des Weges. Das Tal verengt sich nun zu einer tiefen Schlucht, an dessen Steilwand wir immer höher steigen. Gegen 11 Uhr erreichen wir Jagat (1.330 m NN). Es ist die erste tibetische Siedlung auf unserem Weg in die Berge. Waren die  bisherigen Gemeinden auf dem Trek noch stark hinduistisch geprägt, so nähern wir uns nun Schritt für Schritt dem Buddhismus. Tatsächlich ist das Dorf traditionell mit der tibetischen Hochebene verbunden. „Jagat“ bedeutet nichts anderes als Zollstation. Der Ort liegt auf der historischen Salzstraße, auf der über Jahrhunderte hinweg Salz aus Tibet nach Nepal und Nordindien im Tausch gegen Gerste und Gewürze transportiert wurde. Hier essen wir zu Mittag; natürlich Dal Bhat.

Zwei Stunden sitzen wir auf einer kleinen Terrasse in der Sonne. Die Franzosen vom Frühstück zu unserer Linken. Es dauert, bis wir uns aufraffen können, das letzte Wegstück des Tages bis nach Chyamche in Angriff zu nehmen. Wir folgen dem Straßenverlauf, an dessen Rändern vereinzelt wilde Marihuanapflanzen und Bananenstauden aus dem Buschwerk herausgucken. Nach einer Dreiviertelstunde dröhnt Wasserrauschen an unser Ohr. Nur wenige Meter von uns entfernt, auf der anderen Seite des Flusses, bahnt sich ein prächtiger Wasserfall den Weg hinunter zum Fluss. Ein Regenbogen schwebt auf halber Höhe vor ihm, dessen Farbenpracht vom aufgewirbelten Wasser immer wieder faszinierend zerrissen wird.

Nur zehn Minuten später befinden wir uns in Chyamche (1.410 m NN). Gegen 14.30 Uhr endet unser zweiter Tag der Annapurna Umrundung. Wir beziehen ein einfaches Zimmer – zwei Betten, ein Beistelltisch und viel zu dünne Wände; die übliche Ausstattung entlang des Treks. Der Rest des Tages ist unserer eigenen Fantasie überlassen. Wir spielen iranische Kartenspiele und warten auf Dal Bhat.

Tag 3 • Start: Chyamche (1.410 m NN) • Ziel: Dharapani (1.960 m NN) • Distanz: ̴ 11 km • Aufstieg: 550 m • Gehzeit: 5:30 h

Langsam wird es zur Routine. Der Wecker klingelt eine Viertelstunde nach sechs Uhr, den Reißverschluss meines Schlafsackes bekomme ich aus Motivationsgründen aber erst knapp 20 Minuten später auf. Dementsprechend fehlt mir die Zeit, um nicht mit zerzausten Haaren und unterdrücktem Gähnen am Frühstückstisch zu sitzen. Auch der Haferbrei und die Tasse Schwarztee, die ich mit müden Augen vor mir betrachte, gehören bereits fest zu meiner ersten Stunde des Tages – Trekkers Breakfast at its best.

Das Französische Pärchen vom Vortag hat mittlerweile für Steven Platz gemacht. Der Brite mit Wohnsitz in Berlin lebt doch tatsächlich in unserer alten Nachbarschaft und dennoch mussten wir um die halbe Welt reisen, um uns zu begegnen. Steven tut uns gut. Ein bisschen Small Talk über die alte Heimat angereichert mit lokalem Name-dropping: Hermannstraße, Ringbahn, Ostkreuz. Wenige Worte reichen und ich denke lächelnd an mein Berlin zurück.

Als der Haferbrei leer, der Schwarztee ausgetrunken und die Erinnerung an Berlin ausreichend aufgefrischt ist, machen wir uns wieder auf den Weg. Von Chyamche folgen wir dem Pfad hinunter zum Fluss. Bambus überragt den Weg und biegt sich wie ein schützendes Dach über unsere Köpfe. Über eine Hängebrücke kehren wir erneut auf das östliche Ufer des Marsyangdi zurück, von wo der Pfad langsam weiter in die Höhe steigt. Es dauert nicht lange und wir lassen Sträucher, Gebüsch und saftiges Grün hinter uns. Die Landschaft verändert sich; nun dominieren ein steiniger Weg und kaum bewachsener Fels die Umgebung. Der Blick hinunter in die Schlucht und auf den Fluss ist frei.

Nach dem Aufstieg öffnet sich das Tal zu einer weiten, sandigen Ebene – dem Grund eines Sees, der das Tal einst überspülte. Wir sind bereits seit zweieinhalb Stunden unterwegs, als wir den kleinen Ort Tal (1.700 m NN) am Rand der Ebene erreichen. Tal unterscheidet sich wenig von anderen Dörfern entlang des Weges. Ein paar Hotels, Lodges und Restaurants mit simpler Einrichtung und Dal Bhat auf der Speisekarte. Zweistöckige Häuser aus Naturstein und Holz in deren Gärten Hühner nach Essbarem scharren. Hier und da lehnt jemand an einer Mauer, Kaugummiblasen platzen in gelangweilten Gesichter.

Wir überqueren die Ebene und sind diesmal tatsächlich in Begleitung unseres Guides Raj Kumar. Nicht, dass er nützliche Informationen für uns hätte, die unsere Wanderung mit zusätzlichem Wissen auflockern könnten – aber immerhin laufen wir im selben Tempo. Als wir die Ebene hinter uns lassen und wieder durch sattes Grün der Gräser, Farne und Büsche schlendern, gelangen wir an eine Weggabelung. Selbstbewusst zieht Raj Kumar nach rechts. Das rote X am Wegrand, das eben diese Abbiegung markiert, interessiert ihn wenig. Bergauf geht es, an einem Wasserfall vorbei, und immer höher hinauf, bis wir nach etwas mehr als einer halben Stunde vor einem Erdrutsch stehen bleiben. Irritiert blickt unser Guide auf den verschütteten Weg und schlägt kleinlaut den Rückzug vor.

Als wir endlich wieder auf dem richtigen Pfad sind, dauert es nicht lange, bis wir erneut über eine Hängebrücke den Marsyangdi überqueren und auf seinem westlichen Ufer der Schotterpiste folgen, deren Zustand von Tag zu Tag schlimmer zu werden scheint. Jeder Jeep wirbelt eine riesige Staubwolke auf, die uns und unsere Umgebung in einen sandig-braunen Schleier hüllt. Gemächlich, aber stetig steigen wir bergauf bis wir gegen 12.30 Uhr die ersten Restaurants von Khotro erreichen. Hier treffen wir auch Steven, den Briten vom Frühstück, wieder und da Bijayarai bereits mächtig der Magen knurrt, machen wir Mittagspause. Zur Kürbis-Kartoffel-Bohnen-Suppe, einer Spezialität der Region, lassen wir uns lokales Bier schmecken. Der gärig-süße Saft erinnert allerdings bestenfalls an eine Vorstufe von Cidre als an irgendein anderes Getränk. Anderthalb Stunden verbringen wir in dem kleinen Restaurant am Weg und schauen den Hühnern zu, die immer wieder völlig ungeniert durch das Lokal stolzieren.

Von Khotro ist es nicht mehr weit bis nach Dharapani (1.960 m NN), wo wir zum ersten Mal unsere Besuchserlaubnis des Annapurna Conservation Area Projects vorzeigen müssen. Die Organisation kümmert sich um den Umweltschutz und die Aufklärung und Bildung der einheimischen Bevölkerung. Doch Nepals aufgeblähter Verwaltungsapparat und die unzumutbare Bürokratie lassen wenig von den guten Vorsätzen entlang des Treks erkennen. Müll wird noch immer gedankenlos öffentlich entsorgt oder verbrannt, Wälder durch Abholzung bedroht und auch die Straße, die nun bis weit ins Annapurnamassiv reicht, trägt ihren Teil zur Verbreitung der Umweltverschmutzung bei.

Für uns endet der Tag in Dharapani. In einem kleinen Hotel am Ortseingang quartieren wir uns ein. Diesmal entscheiden wir uns gegen Dal Bhat und wählen aus den anderen Optionen, die standardmäßig überall angeboten werden: gebratener Reis/Kartoffeln/Pasta mit Gemüse und/oder Ei.

Annapurna Umrundung

Träger in Dharapani

Tag 4 • Start: Dharapani (1.960 m NN) • Ziel: Chame (2.710 m NN) • Distanz: ̴ 16 km • Aufstieg: 750 m • Gehzeit: 5:10 h

Hinter Dharapani teilt sich der Weg. Hier treffen die beiden Fernwanderwege rund um das Annapurnamassiv und das benachbarte Manaslumassiv aufeinander. Anders als die bekannte, komfortable und häufig besuchte Annapurna Umrundung ist die Umrundung des Manaslumassives, des achthöhsten Berges der Welt, noch immer eine angenehme Herausforderung für diejenigen, die den Massen entlang des Annapurna Treks entfliehen wollen.

Wir folgen der Straße von Dharapani jedoch weiter nach Bagarchhap (2.160 m NN). Fichten, Tannen und Pinien wachsen hier neben Eicheln und Ahorn. Wir haben die Subtropen wortwörtlich unter uns zurückgelassen. Bagarchhap, etwa 40 km Luftlinie von der nepalesisch-tibetischen Grenze entfernt, ist die erste Siedlung mit typisch tibetischer Architektur entlang des Treks. Niedrige Häuser mit Flachdächern auf denen Feuerholzscheite gestapelt werden, zieren den Ort. Chilischoten trocknen in der Sonne. Die Diki Gompa, ein buddhistisches Kloster, thront oberhalb des Dorfes.

Von hier biegt der Weg nach Westen und gibt gelegentliche Blicke auf die Gipfel des Lamjung Himal (6.986 m) und Annapurna II (7.937 m) frei. Eine halbe Stunde später verlassen wir endlich wieder die Straße und kehren zurück auf den Wanderweg. Durch den dichten Wald, dessen schattige Kühle uns vor der beginnenden Hitze des Tages bewahrt, steigen wir immer weiter bergauf. Mittlerweile spüren wir die ungebrochene Beliebtheit der Annapurna Umrundung. Große und kleine Reisegruppe folgen uns auf dem Weg. Die Stille des Waldes wird durch ständiges Klacken unzähliger Wanderstöcke durchbrochen. Doch auch viele Individualreisende sind unterwegs. Immer mehr neonfarbene Funktionskleidung bricht aus der harmonischen Vielfalt des natürlichen Grüns hervor.

Zusammen steigen wir Stufe um Stufe durch den Wald. Zementierte Treppen vereinfachen den Weg und trotzdem schnaufen nicht wenige unserer Mitstreiter mit schweißüberzogenen Gesichtern vor sich hin. Zu ihnen gehört auch unser Guide Raj Kumar, dessen nach außen gewölbtes Sixpack dem jungen Mann offensichtlich zu schaffen macht. Immer wieder müssen wir auf unseren Begleiter warten, dessen schlechte Kondition für seine Berufung eher ungewöhnlich erscheint. Irgendwann enden die Stufen und wir folgen einem Pfad, der uns noch immer Schritt für Schritt in die Höhe führt. Der weiche Waldboden dämpft unsere Schritte, das Klacken der Wanderstöcke verstummt in der Ferne und für einen Augenblick ist es allein mein Herzschlag, der die Stille durchbricht.

Anderthalbstunden spazieren wir durch den Wald, bis wir über eine Hängebrücke und entlang einer Waldwiese, die uns eine atemberaubende Aussicht auf entfernte Gipfel liefert, Timang (2.630 m NN) erreichen. Der Weg führt nun relativ gerade hoch über dem Tal weiter nach Westen. Am Ortsrand von Timang sammeln wir ein paar herunter gefallene Walnüsse vom Boden und lassen uns deren Inneres nach langem Kampf mit der harten Schale schmecken. Apfelbäume säumen die Straße zu beiden Seiten. In einem kleinen Laden am Wegrand decken wir uns mit ein paar Früchten ein. Die Werbetafeln, auf denen die Äpfel mit den Attributen Bio und Organic angepriesen werden, lassen uns schmunzeln. Es ist ein kleiner Trick, mit dem westliche Trekker zum Kauf animiert werden. Im Grunde genommen ist alles in Nepal Bio und Organic. Dem Land fehlen schlicht die finanziellen Mittel für den Einsatz von Chemikalien beim Obst- und Gemüseanbau. Nichtsdestotrotz: Die Äpfel schmecken hervorragend.

Nach einer weiteren Dreiviertelstunde erreichen wir gegen 13.40 Uhr unser Tagesziel Chame (2.710 m NN). Am Nachmittag erkunden wir den Ort, der sich schon bald als Paradies für erschöpfte Wanderer offenbart. Hier gibt es alles, was auf der Annapurna Umrundung irgendwie nützlich erscheinen mag: von Safarihüten über Sonnencremes bis hin zu Daunenjacken, Wanderstöcken, Kniebandagen, Schmerzmitteln und Wasserreinigungstabletten. Selbst englischsprachige Bücher für die langen Nachmittage und Abende sind hier erhältlich. Trotz der allgemein guten Infrastruktur: auf dem Annapurna Trek ist Chame eine Metropole.

Wir pflücken zwei Äpfel von den Zweigen eines Baumes, der auf dem Grundstück der örtlichen Polizei wachsend bis hinüber auf die Straße reicht. Überall flattern buddhistische Gebetsfahnen im Wind. Lange Reihen von Gebetsmühlen ziehen sich durch den Ort; ein kleiner Bach treibt eine Gebetsmühle rastlos an, die ihr aufgemaltes Mantra pausenlos in die Berge schickt. Über allem wacht ein kleines tibetisches Kloster. Wir sind nun mitten drin im „tibetischen“ Himalaya; mitten drin in den Enklaven der Exiltibeter, die ihre Kultur und Traditionen entfernt der Heimat ihrer Väter und Großväter aufrechterhalten.

Tag 5 • Start: Chame (2.710 m NN) • Ziel: Pisang (3.240 m NN) • Distanz: ̴ 14 km • Aufstieg: 600 m • Abstieg: 70 m • Gehzeit: 4:30 h

Aus der Tür unseres Zimmers blicken wir im Morgengrauen auf den vom ersten Licht des Tages rosa gefärbten Lamjung Himal. Eine beeindruckende Kulisse, die wir auch während des Frühstücks weiter genießen können. Mit einiger Verspätung machen wir uns auf den Weg. Es ist wie jeden Tag: Bijayarai buckelt unseren Rucksack, wir ziehen den Reißverschluss unserer Jacken bis unter das Kinn und dann; dann warten wir. Raj Kumar nötigt uns Geduld ab. Entweder ist sein Frühstück noch nicht beendet oder es gibt noch ein ungelöstes Sudoku auf seinem Handy oder er hat Schwierigkeiten, sich die Schuhe zu binden. Irgendetwas lässt uns immer weit nach Plan aufbrechen – und es hat stets mit Raj Kumar zu tun.

Doch endlich verlassen wir Chame durch eines der typischen Ein- und Ausgangstore. In tibetischer Tradition begrenzen diese sogenannten Kanis die Ortschaften der Region. In ihrem Inneren prangen farbenfrohe buddhistische Darstellungen und Gebetsmühlen zu beiden Seiten sollen den Reisenden und Heimkehrenden das Wohlwollen der Götter sichern.

Wir folgen der Straße weiter durch den Nadelwald in Richtung Westen. Stetig wandern wir eine leichte Steigung hinauf, bis wir nach zwei Stunden eine riesige Apfelbaumplantage erreichen. Ein hoher Bretterzaun schützt Bäume und Früchte vor unliebsamen Gästen. Zu beiden Seiten der Straße stehen hunderte Apfelbäume mit großen, leuchtenden, saftigen Früchten. Doch kein Loch im Zaun ist groß genug. Stattdessen erreichen wir ein geräumiges Holzhaus mit freundlicher Terrasse. Hinter einem Tresen türmen sich vollgepackte Apfelkisten bis unter die Decke. Träger, Guides und Wanderer lassen sich gleichermaßen die leckeren Früchte schmecken. Auch wir legen eine Pause ein und essen die womöglich größten und saftigsten Äpfel unseres Lebens.

Gut gestärkt steigen wir immer weiter bergauf. Tief unter uns fließt der Marsyangdi in einer engen Schlucht, während wir in schwindelerregender Höhe auf einem Pfad entlang schlendern, der irgendwann einmal aus dem nackten Fels gesprengt wurde.

Doch bald befinden wir uns wieder in dichtem Wald. Wir folgen der Straße, bis sich vor uns der Blick auf die dramatisch in die Höhe ragende Felswand Paungda Danda öffnet. Offenbar von einem riesigen Gletscher in längst vergangener Zeit geformt, erhebt sich die geschwungene Felswand 1.500 Meter über das Tal. Sie ist so gewaltig, dass sich Sagen und Legenden der einheimischen Bevölkerung um sie ranken. So heißt es, dass die Geister der Verstorbenen über diese überdimensionale Rampe Einzug in den Himmel erhalten.

Wir überqueren den Marsyangdi auf das nun südliche Ufer. Durch einen Pinienwald steigen wir den steilen Pfad hinauf, vorbei an einer Teehütte und begegnen bald darauf wieder der Straße, der wir bis Dhukur Pokhari (3.200 m NN) folgen. Es ist 11.30 Uhr und die innere Uhr Bijayarais schlägt Alarm – Es ist Mittagszeit; Zeit für Dal Bhat.

Von Dhukur Pokhari ist es nur noch eine Stunde bis nach Pisang. Der Weg ist relativ eben und so erreichen wir Pisang (3.240 m NN) gegen 13.40 Uhr mit leichten Schritten. Der Ort bietet jedoch wenig Ästhetik. Ein paar Hotels und Restaurants, Gebetsmühlen, Elemente des tibetischen Buddhismus. Wesentlich charismatischer ist jedoch die Siedlung Upper Pisang (3.310 m NN) auf der anderen Flussseite, die wir über eine Hängebrücke und einen 20-minütigen steilen Aufstieg erreichen. Links und rechts entlang des Hanges reihen sich Felder und Weiden aneinander, auf denen massige Rinder mit dichtem, langem Fell und bedrohlich nach außen gebogenen Hörnen grasen. Es sind die ersten Yaks, denen wir hier in Nepal begegnen. Doch ihr einschüchterndes Äußeres kann nur kurzzeitig über ihr gemütliches Wesen hinwegtäuschen: Yaks; das sind kauende Riesen, die sich regelmäßig die Zungenspitze ins linke oder rechte Nasenloch schieben.

Upper Pisang ist eine der schönsten Siedlungen entlang der Annapurna Umrundung. Graue Häuser aus unbehauenen Steinen drücken sich eng aneinander. Schmale Wege führen durch das kleine Dorf, vollbehangene Äste unzähliger Apfelbäume ragen aus den Gärten hinaus auf die Wege. Kühe, Kälber, Hühner und Hunde liegen faul in den Ecken. Ein älterer Herr, in dunklem Braun gekleidet, schlendert gemütlich an ihnen vorbei. Dabei ruhen seine Hände auf dem Rücken, so wie sie nur auf den Rücken älterer Herren ruhen können. Das Leben in Upper Pisang ist genauso gemächlich wie der Gang des Alten; und genauso schwer. Nichts scheint die atmosphärische Ruhe über dem Ort zu stören und dennoch wird uns schnell klar, wie beschwerlich der Alltag hier sein muss. Wasser wird in großen Kanistern den steilen Hang vom Fluss hinaufgeschleppt, Feuerholz muss geschlagen und die Felder mühsam bestellt werden. Dennoch bietet sich immer die Gelegenheit für einen Plausch mit dem Nachbarn vor einer fantastischen Bergkulisse mit den Gipfeln des Annapurna II (7.937 m), Annapurna IV (7.525 m) und Lamjung Himal (6.986 m).

In Pisang merken wir nun, nach Tagen der Hitze, die Kälte des Gebirges. Sobald die wärmende Sonne von Wolken verdeckt wird, beginnen wir zu frieren. In Sekunden fällt die Temperatur um mehrere Grad. Gegen Abend ist es besonders kalt. Wenn die Dämmerung hereinbricht, bleibt uns oft nur noch die Flucht in unsere Schlafsäcke.

Waren wir in den ersten Tagen noch vom subtropischen Klima verschwitzt, sind wir nun Geisel unserer zitternden Körper. Der feuchte, ausladende Wald wurde durch Pinien abgelöst, die Straßenhunde haben dichteres Fell.

 

Tag 6 • Start: Pisang (3.240 m NN) • Ziel: Manang (3.540 m NN) • Distanz: ̴ 20 km • Aufstieg: 610 m • Abstieg: 310 m • Gehzeit: 6:20 h

Die Situation zwischen uns und unserem nutzlosen Guide eskaliert. Obwohl es einen Alternativpfad zur Straße gibt, der als einer der schönsten und landschaftlich beeindruckendsten Streckenabschnitte der gesamten Annapurna Umrundung gilt, weigert sich Raj Kumar diesen Weg zu gehen. Stattdessen erfindet er abstruse Ausreden: Der Pfad sei seit einigen Jahren bereits gesperrt meint er; später behauptet er, wir würden auf dem Streckenabschnitt sicher an Höhenkrankheit erkranken. Schließlich spielt er seinen größten Trumpf, die ihm eigene Arroganz: Er sei unser Guide und wir müssen ihm folgen, wohin er auch geht. Keine weiteren Diskussionen!

Wir setzen unseren Willen dennoch durch und erklimmen erneut den Hügel nach Upper Pisang, von wo der Alternativpfad weiter Richtung Westen führt. Schon aus der Ferne sehen wir andere Trekker den vermeintlich gesperrten Weg entlangwandern. Alle wirken fit; von Höhenkrankheit keine Spur. Wir wechseln böse Blicke mit unserem Guide, dem wir mittlerweile jegliche Qualifikation für seinen Beruf absprechen.

Der Pfad führt hinter Upper Pisang hoch über dem Tal entlang. Bereits nach wenigen Minuten überqueren wir eine Brücke und stehen am Fuß eines weiteren Hügels. In steilen Zickzack-Kurven steigen wir schwer atmend hinauf. Wäre es nicht so stark bewölkt, hätten wir vermutliche eine fantastische Aussicht auf die Gipfel des Annapurna II und Annapurna III, die wir nur ab und an zwischen dicken Wolken hervorgucken sehen. Für den Aufstieg bis zum Dorf Ghyaru (3.670 m NN) auf der Spitze des Hügels benötigen wir eine gute Stunde.

Doch die Strapazen lohnen sich. Als wir oben ankommen, reißt die Wolkendecke etwas auf und die schneebedeckten Gipfel der umliegenden Bergen treten hervor. Vor Ghyarus kleinem tibetischen Kloster machen wir eine Pause und genießen die Aussicht. Um uns herum wehen Gebetsfahnen im Wind. Nicht nur die herrliche Aussicht macht Ghyaru zu etwas Besonderem; es ist vor allem die einfache, traditionelle Architektur, die, ähnlich wie in Upper Pisang, eine ungemein angenehme und friedliche Atmosphäre schafft. In Ghyaru schlägt das Herz schneller. Wir verlieben uns sofort in den kleinen Ort. Doch der kalte Wind, der uns hier um die Ohren pfeift, treibt uns weiter. Etwa eine halbe Stunde später passieren wir die Ruine einer alten Festung, die spektakulär auf einem Hang hoch über dem Tal thront.

Dann senkt sich der Pfad etwas und gegen 12 Uhr erreichen wir Ngawal (3.660 m NN), wo wir uns ein ausgezeichnetes Dal Bhat schmecken lassen. Die Wolken haben sich mittlerweile verzogen und in der Ferne glitzern die schneebedeckten Gipfel des Annapurna III (7.555 m) und Gangapurna (7.454 m).

Mit Raj Kumar wechseln wir noch immer kein Wort; stattdessen sitzt dieser schmollend so weit entfernt von uns, wie nur möglich. Uns ist es Recht – manchmal ist weniger einfach mehr.

Von Ngawal folgen wir dem Pfad, der nun wieder hinab ins Tal in Richtung Manang führt, bis wir bei Mungji (3.500 m NN) wieder auf die Straße treffen. Gebetsmühlen säumen den Weg, von denen wir nicht eine einzige unberührt lassen. Wir sind im buddhistischen Herzen des nepalesischen Himalayas. Nicht nur Gebetsmühlen und Gebetsfahnen sind unsere ständig wiederkehrenden Begleiter. Wir spazieren auch immer wieder an Chorten, tibetischen Spitzbauten, die Reliquien und religiöse Kostbarkeiten enthalten sollen, und sogenannten Mani-Mauern vorbei. Besonders die Mani-Mauern haben es uns angetan. Auf den ersten Blick erscheinen sie wie wild durcheinandergeworfene Steinhaufen, doch aus der Nähe betrachtet erkennen wir schnell, dass jeder Stein mit feinen Reliefs überzogen ist: Schriftzeichen in Sanskrit, die vor allem die Laute Om Mani Padme Hum wiedergeben. Es ist das Mantra des Mitgefühls und, wohl seit dem fünften Jahrhundert in Gebrauch, eines der ältesten Mantras im tibetischen Buddhismus.

Kurz vor Manang (3.540 m NN) müssen wir noch einen kleinen Aufstieg bezwingen, dann haben wir es endlich geschafft. Manang ist ein Sammelbecken für Wanderer. Der größte Ort auf der östlichen Seite des Annapurna Massivs dient verantwortungsbewussten Wanderern als Basis zur Akklimatisierung, bevor sie den Aufstieg zum Thorung Pass (5.416 m NN) wagen. Mindestens zwei Nächte, besser jedoch drei Nächte sollten sich die Wanderer hier Zeit nehmen, wird von offizieller Seite empfohlen. Nichts leichter als das: Rund um Manang laden zahlreiche Wanderwege zur Erkundung der Umgebung ein. Aber auch wer einfach mal ein paar Tage die Füße hochlegen will, braucht sich in Manang nicht zu langweilen. Ausgezeichnete Restaurants freuen sich über jeden Gast und wer das eine oder andere an Kleidung vergessen hat, findet in den vielen Geschäften des Ortes alles, was man zwischen Wollsocken und Fleecemützen noch so an den eigenen Körper ziehen kann. Drei kleine Kinos zeigen in mehreren Aufführungen täglich die beliebtesten Filme der Abenteurer-Zielgruppe. Von „Sieben Jahre in Tibet“ über „Into the Wild“ und „Into thin Air“ bis zu „Himalaya“ (Originaltitel: Caravan) ist alles dabei.

Für uns reicht es leider nicht zu einem Kinobesuch, denn unser Aufenthalt in Manang bleibt kurz. Wir verschieben unsere Akklimatisierung um ein paar Höhenmeter und verlassen Manang nach bereits einer Nacht.

In Manag endet der erste Teil unserer 15-tägigen Annapurna Umrundung. In den nächsten Tagen gelangen wir endlich in alpine Kälte und überqueren den Thorung Pass auf 5.416 Metern Höhe. Im letzten Abschnitt des Treks folgen wir der westlichen Flanke des Massives wieder von eisiger Kälte bis zurück in die feucht-heißen Subtropen.

 

Die Teile zwei und drei unserer dreiteiligen Annapurna Umrundung:

Über den Thorung Pass

Bis nach Poon Hill und Naya Pul

 

Wir bedanken uns bei TAAN für die Unterstützung des Treks. Alle dargestellten Meinungen sind unsere eigenen.


Und jetzt du! Schreib uns deine Geschichte.

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  • 4. Dezember 2015

    Sehr schöne Bilder!!!

    Schade dass ihr mit eurem Guide so Pech hattet. 🙁 Hört man ja immer wieder, dass es da schwarze Schafe gibt. Aber es scheint als hättet ihr trotzdem riesen Spaß gehabt.
    Hoffentlich kommt irgendwann noch mehr zum Iran und der Türkei.

    Vg und sichere Reise
    Olli


    • nuestra america
      4. Dezember 2015

      Hi Olli,
      jaja, dass mit dem „Guide“ ist so eine Geschichte für sich. In den folgenden Annapurnatexten wirst du noch mehr über Raj Kumar erfahren. 😉

      Wir kümmern uns auch um die Türkei, den Iran und Pakistan, versprochen.


  • 6. Dezember 2015

    Erstklassiger Reisebericht, auch sprachlich wirklich anschaulich – zusammen mit den tollen Fotos bekommt man richtig Lust, den Rucksack zu packen 🙂


    • 8. Dezember 2015

      Vielen Dank für das Lob. Wir freuen uns, dass wir mit unserem Beitrag etwas Reiselust entfachen können.